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MIN t im Gespräch
Ich lasse mich nicht unterkriegen – trotz allem!

MIN t
MIN t | Foto (Zuschnitt): Andreas Labes

Die Neo-Soul-Sängerin, Komponistin und Produzentin MIN t im Gespräch mit Joanna Strzałko über die Musik während des „Lockdowns“.

Hältst du durch?

Ja, obwohl mir das Virus für einen Moment ziemlich nahe gekommen ist. Ich hatte vor, Ende Februar zu meiner Schwester zu fliegen, die in Mailand lebt. Aber als ich gesehen habe, wie um mich herum die Infektionswelle angestiegen ist, bin ich in Panik geraten und von der Reise zurückgetreten. Kurz darauf ist meine Schwester krank geworden. Sie bekam Fieber und Husten. Zum Glück hat sie es geschafft, Corona zu besiegen, aber sie kommt jetzt schon den zweiten Monat nicht aus dem Haus. In Italien ist es sehr schlimm.

Und wie sieht es in Berlin aus, wo du lebst?

Die Stadt hat gewisse Beschränkungen eingeführt, die aber nicht so empfindlich sind. Eine Einschränkung der Freiheit spüre ich vor allem auf der Straße oder im Park, wo ich mich vorher problemlos mit Freunden treffen konnte. Jetzt gibt es für Ansammlungen von mehr als zwei Personen ein Bußgeld. Wenn wir uns mit einer größeren Gruppe außer Haus verabreden, müssen wir zwei Meter Abstand einhalten. Dabei fühle ich mich schon komisch.

Was fehlt dir am meisten?

Mir fehlen die Konzerte, die Bühne, der Kontakt mit dem Publikum. Diese Spannung, wenn ich auf Tournee gehe und nicht weiß, was passiert; dieser Stress, der dadurch entsteht, dass ich nicht weiß, wie ich ankomme, oder auch die „Power“, die mir ein positives Feedback meiner Zuhörer gibt. Ja, das alles fehlt mir sehr.

Wegen der geschlossenen Grenzen kann ich meine Eltern nicht besuchen und meine Hunde nicht sehen, die in Breslau geblieben sind. Das tut mir leid.
 

Der Videoclip Start Dancing von MIN t, Premiere: 6. Mai 2020

Woher nimmst du Kraft und die Hoffnung, um das alles zu überstehen?

Aus der Liebe zur Musik! Sie lässt mich durchhalten. Ich komponiere und höre tagelang Musik. Ich arbeite viel an einer neuen Platte, die bald erscheinen soll und suche ständig nach neuen musikalischen Inspirationen. Genau, heute zum Beispiel habe ich ganz andächtig Lafawndah und Victoria Monét gelauscht. Kann ich nur empfehlen!

Ich denke, dass ich den „Lockdown” auch deshalb gut ertrage, weil ich weiß, dass meine Familie gesund ist und ich großartige Menschen um mich habe. Ich miete eine Wohnung mit einigen Freunden, auf die ich mich verlassen kann, mein Freund ist bei mir, und ich bin in Kontakt mit einer Gruppe interessanter, kreativer Polen, die sich alle hier wiedergefunden haben. Nein, das sind nicht nur Musiker. Da sind Biologen, Architekten, Grafiker und Informatiker dabei. Wenn ich allein in Berlin wäre, wäre das für mich sehr schwer.

Aber ich muss zugeben, dass ich in dieser ganzen Entschleunigung auch gewisse Vorteile sehe. Bisher war ich ständig auf Tournee, immer in Eile und auf Vollgas. Das erste Mal seit langem habe ich jetzt das Gefühl, dass etwas Zeit zum Atmen ist und ich mich endlich erholen kann.

Du erholst dich, indem du arbeitest (lacht). Heute (am 6. Mai) haben deine Single und dein Videoclip Premiere.

Ja, das stimmt! Ich gebe nicht auf, trotz allem (lacht)! Mein neustes Werk und der Videoclip Start dancing, die die Platte ankündigen, die in diesem Jahr herauskommt, ist heute auf YouTube und Spotify erschienen. Mir war wichtig, dass die Premiere im Mai stattfindet. Denn dann, wenn es warm wird, gehen die Berliner eigentlich aus, tanzen. Das ist in der jetzigen Situation unmöglich. Also will ich ihnen mit meiner Musik wenigstens ein Ersatzvergnügen bieten.

Die Musik zu Start dancing habe ich selbst komponiert, den Text hat aber meine Schwester Patrycja Kubicz geschrieben, zu der ich eine enge geistige Verbundenheit verspüre – wir fühlen, denken und handeln ähnlich. Deshalb arbeiten wir auch gerne zusammen.

Wichtig ist, dass das meine erste Single sein wird, die in Deutschland von einem deutschen Verleih vertrieben wird, der auch einen Sitz in New York hat. Das Marketing wird daher in einem größeren, internationalen Maßstab angelegt sein, was mich sehr freut und mir Hoffnung für die Entwicklung meiner Solokarriere macht.

Ja, die Zeit der Pandemie ist eine kreative Zeit, und die Kunst spielt dabei heute eine wichtige, unersetzliche Rolle. Künstler fühlen sich außerordentlich gebraucht, denn sie sehen, dass ihre Arbeit einen guten Einfluss auf die Menschen hat. Man muss nur in die sozialen Medien schauen, wieviel da los ist! Obwohl ich selbst nicht allzu aktiv im Netz bin, habe ich doch gern an einer Live-Übertragung im Rahmen des Festivals Sofar Sounds Wrocław teilgenommen, um mit anderen zusammen zu sein.
MIN t MIN t | Foto: Vicoria Kaempfe Die meiste Zeit verbringst du jetzt zu Hause?

Nein. Morgens setze ich mich aufs Fahrrad und fahre zehn Kilometer zum Musikstudio, das ich mit noch zwei anderen Leuten miete. Ich mag diesen Frühsport. Ich versuche auch, mir selbst einen gewissen Rhythmus aufzuerlegen, weil ich gemerkt habe, dass die Tage durch diese Isolation so ineinander fließen. Im Studio verbringe ich einige Stunden täglich.

Kannst du von der Musik leben?

Hmm, die Kreativen leben in der Regel nicht im Überfluss. Und das Freelancerdasein im teuren Berlin ist kostspielig. Ich muss schließlich eine Wohnung und einen Arbeitsplatz anmieten, und dadurch habe ich große Ausgaben.

Interessant ist, scheint mir, dass Künstler es in Deutschland schwerer haben, sich zu unterhalten, als in Polen. Hier gibt es eine viel größere Konkurrenz und die Sätze für Konzerte sind niedriger. Meine polnischen Freunde, die oft auf Tournee gehen, können davon leben, wenn auch bescheiden.

Das heißt, du spürst das Messer an der Kehle?

Zum Glück arbeite ich halbtags von zu Hause aus für eine Audiobrandingfirma aus München. Ich bin dort als Assistentin bei Musikproduktionen beschäftigt und arbeite an Reklamemusik für internationale Marken. Ich bearbeite für sie Jingles, Remixe und Sound-Datenbanken. Das ist eine inspirierende und kreative Arbeit, und sie gibt mir dazu noch ein Gefühl von Sicherheit, denn so bin ich versichert und habe ein festes Einkommen.

Aber gleich als die Pandemie ausbrach, habe ich mich um den Berliner Zuschuss für Freelancer beworben und habe vom deutschen Staat eine Unterstützung in Höhe von dreitausend Euro bekommen. Ich habe vorgerechnet, dass ich diese Summe durch abgesagte Konzerte verloren habe und ich soviel brauche, um einige Monate – so hoffe ich – zu überleben. Das war witzig, denn als ich das Onlineformular ausgefüllt habe, ist das ganze System zusammengebrochen, und ich wusste nicht, ob mein Antrag durchgekommen war. Aber schon am folgenden Tag hatte ich das Geld auf dem Konto. Deshalb fühle ich mich sehr erleichtert, dass ich in dieser Zeit in Berlin bin.

Interessant ist, scheint mir, dass Künstler es in Deutschland schwerer haben, sich zu unterhalten, als in Polen.

Wo solltest du in diesem Jahr Konzerte geben?

Hauptsächlich in Polen, in Warschau, Łódź, Krakau und Breslau. Ich hatte eine Tournee mit dem Schlagzeuger Gniewomir Tomczyk geplant, mit dem ich ein Musikprojekt realisiere. Außerdem sollte es Auftritte auf Festivals in Hamburg und Kulmbach geben. Alles flachgefallen.

Erzähl, wie du den Mut gefunden hast, um vor vier Jahren, als du gerade 21 warst, deine Sachen zu Packen und dich nach Berlin aufzumachen?

Ich hatte einen Plan und wollte um jeden Preis das machen, was ich liebe (lacht). Nach dem Abschluss der Musikschule in Breslau habe ich davon geträumt, mich in Berlin im British and Irish Modern Music Institute (BIMM) weiterzuentwickeln. In Polen hielt mich nichts, und meine Eltern haben mich sehr unterstützt. So ist das passiert. Heute bin ich schon Absolventin des BIMM.

Ich überlege, ob ich starke Frauen als Rollenmodelle in der Familie hatte…? Meine Oma war Krankenschwester, meine Mutter Hausfrau. Beide haben im Kommunismus gelebt, und es war damals nicht leicht, sich von all diesen Fallstricken und Frauenstereotypen loszureißen. Es gab auch nicht solche Möglichkeiten wie heute. Nach heutigem Verständnis waren sie keine erfolgreichen Frauen. Obwohl es ganz sicher ein Erfolg ist, so tolle Nachkommen großgezogen zu haben (lacht). Vielleicht bin ich gerade dank ihnen selbstsicher, empfindsam, hartnäckig und imstande, die mir gebotenen Chancen zu ergreifen.

Hat Berlin dich verändert?

Musikalisch hat es mir ganz sicher viel gegeben. Ich habe neue Musikstile und –gattungen kennengelernt, auch Subkulturen, und ich habe gesehen, wie Künstler hier leben und funktionieren. Auch mein Blickwinkel hat sich verändert. Ich dachte früher, ich sei offen und liberal, obwohl in der Breslauer Musikschule eine katholische Atmosphäre herrschte und die Lehrer nicht nur gläubig, sondern auch sehr konservativ waren. Ich habe gegen dieses Klima aufbegehrt, aber ich war doch nolens volens davon durchtränkt. Und nach der Ankunft in Berlin sind mir die Augen aufgegangen! Ich verstand, was Toleranz bedeutet, und wie wichtig Freiheit und das Zulassen von Andersartigkeit sind. Das hat mir nur gut getan und mich für andere Menschen geöffnet. Aus dieser Perspektive tut es mir leid, wenn ich sehe, wie Frauenrechte in Polen beschränkt werden, und dann noch in diesem Moment!

Wirst du in Berlin bleiben oder willst du noch weiter?

Oh, ich träume von New York! Aber ich müsste erst meine Karriere in Deutschland auf den Weg bringen, um mich nicht zu verzetteln. Das ist mein wichtigstes Ziel! Ich sollte mich auch nach einer interessanten, auf der Welt bekannten Produktionsfirma umsehen, für die ich Platten komponieren und herausgeben könnte. Ich will nicht nur eine polnische oder deutsche Künstlerin sein. Ich brauche das europäische Niveau! Und erst, wenn ich damit Erfolg habe, gehe ich weiter. Zum Glück habe ich schon gute Manager. Alles, was ich jetzt noch brauche, ist Geduld.

Und hast du sie?

Nein, aber es klappt immer besser damit (lacht).
 
MIN t (Martyna Kubicz) – Komponistin, Produzentin, Sängerin. Absolventin der Musikschule in Breslau und des British and Irish Modern Music Institute in Berlin, wo sie zurzeit auch lebt. Ihr Debütalbum Assemblage LP war unter den besten polnischen Platten des Jahres 2017. Der Stil von MIN t vereint experimentellen Neo-Soul mit Klängen, die von R&B, Hip-Hop und elektronischer Klubmusik inspiriert sind. Auf der Bühne tritt MIN t solo oder im Duett mit dem Schlagzeuger Gniewomir Tomczyk auf, der mit der Band xxanaxx verbunden ist.
 

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