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Jacek Dehnel empfiehlt
Ceci n'est pas une nouvelle de Kehlmann

Ceci n'est pas une pipe – Mural
Ceci n'est pas une pipe – Mural | Quelle: flickr.com; Foto (Zuschnitt): bixentro; CC BY 2.0

Das Thema des letzten Beitrags von Jacek Dehnel in dieser Reihe ist „Bildnis eines Dichters“ von Wolfgang Hildesheimer – die Geschichte eines Kritikers, der einen Dichter erfindet, um ihn zur Zielscheibe für seine vernichtenden Rezensionen zu machen.

Der Text, den Sie vor sich sehen, sollte eigentlich von etwas und jemand ganz anderem handeln. Als ich das Angebot bekam, diese zehn Rezensionen zu schreiben, wusste ich, dass auf jeden Fall eine davon Schalanskys Atlas der abgelegenen Inseln und eine andere Kehlmanns Vermessung der Welt besprechen würde – anders könnte es nicht sein.

Außer dem unzweifelhaften Wert von Kehlmanns exzellent geschriebenem, tiefgründigem Roman über den Streit zwischen zwei Wissenschaftlern des 19. Jahrhunderts – Gauss und Humboldt – interessiert mich nämlich ein Phänomen, das ich die „Inkongruenz der Popularität“ nennen möchte. Denn wie kann es geschehen, dass der von Kritikern gepriesene und auch bei den Lesern überaus beliebte Kehlmann, der in Deutschland über zwei Millionen Exemplare verkauft und weltweit um die sechs Millionen, der auf Platz 2 der internationalen Beststellerlisten landet – dass dieser Autor, wenn er in Polen bei einem großen Verlag erscheint, sang- und klanglos untergeht? 

Die Lesergesellschaften (oder, je nach Belieben, Lesernationen) sind für manche Autoren unempfänglich, für andere dagegen fast zu empfänglich. Wer erinnert sich nicht an die geradezu wahnwitzige Popularität eines William Wharton? Wahnwitzig in Polen, wohlgemerkt – in Amerika wurde sein spätes Romandebüt Birdy zwar ausgezeichnet und verfilmt, im Anschluss aber dümpelte die schriftstellerische Karriere des Verfassers vor sich hin. Im Polen der Neunzigerjahre war Wharton ein literarischer Megastar: Er reiste zu unzähligen Lesungen an, und die Hälfte seiner Bücher erschien ausschließlich hierzulande, während es zu einer englischsprachigen Ausgabe schlicht nicht kam. Ein ähnliches Phänomen ist die polnische Popularität des amerikanischen Schriftstellers Jonathan Carroll, wohingegen der polnische Schriftsteller Janusz L. Wiśniewski sich womöglich in Russland der größeren Beliebtheit erfreut – die dortigen Verlage müssen Sicherheitsleute beschäftigen, um ihm bei Lesungen die weiblichen Fans vom Leib zu halten.       

Doch wie es das Schicksal wollte, konnte ich Kehlmanns Roman in meinem Deutsche-Literatur-Regal nicht finden: So häufig und beharrlich hatte ich den Roman gelobt, so wärmstens hatte ich ihn meinen Bekannten ans Herz gelegt, so hatte ich mich gewundert, dass er in Polen keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken konnte, so lange hatte ich ihn an vertrauenswürdige Leser verliehen und wieder von ihnen zurückbekommen, dass ihn sich schließlich einer von ihnen unter den Nagel gerissen haben muss. 

Ich verfasste also die anderen Rezensionen und schob Kehlmann weiter und weiter vor mir her, immer mit dem Gedanken, mir bald ein neues Exemplar zuzulegen (meine kindliche Gutgläubigkeit habe ich inzwischen so weit hinter mir gelassen, dass ich nicht davon ausging, das alte Exemplar noch zurückzubekommen) – und während dieser Zeit kletterte der Preis des Romans beim Onlineantiquariat in schwindelerregende Höhen. Offenbar hatte sich sein Ruhm endlich unter den polnischen Lesern herumgesprochen, und da es aufgrund der anfänglichen Erfolglosigkeit keine weiteren Auflagen gegeben hatte, überstieg die Nachfrage haushoch das Angebot. Ich hätte also für Kehlmann in eine Bibliothek gehen müssen. Und indem ich die Kehlmann-Rezension immer weiter vertagte, gelangte ich unversehens an den Punkt, an dem nur noch der letzte Text vor mir lag.

Da wurde mir klar, dass ich ihn über ein anderes Buch würde schreiben müssen.
 
           
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„Labirynt fałszerstw. Antologia krótkiej prozy niemieckojęzycznej XX wieku“, Norbert Honsza, Edward Białek (hrsg.) „Labirynt fałszerstw. Antologia krótkiej prozy niemieckojęzycznej XX wieku“, Norbert Honsza, Edward Białek (hrsg.) | © Oficyna Wydawnicza Profi Das Cover der Anthologie Labirynt fałszerstw [Das Labyrinth der Fälschungen] ist scheußlich: Den Einband ziert – auch wenn von Zierde kaum die Rede sein kann – eine kitschige Zeichnung mit einer Seiltänzerin (in einem kurzen Fähnchen, natürlich in Rot, ebenso rot sind ihre Lippen, in der Hand hält sie einen gelben Schirm, das ockerfarbene Gekritzel am unteren Bildrand soll vermutlich den Sand der Arena darstellen und das hellblaue Gekritzel im Hintergrund das Publikum). Darunter steht der Name einer jener Firmen, die Anfang der Neunzigerjahre auf dem polnischen Buchmarkt wie Pilze aus dem Boden schossen und ebenso schnell wieder von dort verschwanden, als sich herausstellte, dass das Buchgeschäft in einer Nichtlesergesellschaft ein wenig lukratives Business ist: Verlagshaus „Profi“. Der Profit jedenfalls muss nicht sehr zufriedenstellend gewesen sein.
 
Aber wen es zwischen den Buchdeckeln nicht alles gibt! Robert Walser, Franz Kafka, Gottfried Benn, Thomas Bernhard, Günther Grass, Max Frisch, Heinrich Böll, Robert Musil, Bertold Brecht, und zum Dessert ein absolut entzückendes Stück von Fritz von Herzmanovsky-Orlando. Dazu noch einmal so viele Autoren und Autorinnen, die ich nicht kenne, nie gelesen habe – aber was schreibe ich da, als ich den Band vor etwa zwanzig Jahren erstand, entweder im „Billigen Buch“ im Einkaufszentrum Hala Koszyki oder in Herrn Krzyś’ Antiquariat in Warschau-Żoliborz, kannte ich ja noch viel weniger Autoren. Wie man sich angesichts des hässlichen Einbands denken kann, musste ich für das Labirynt fałszerstw nicht tief in die Tasche greifen; ich kaufte es mir, wie man sich eine Festivalzeitschrift kauft: ein kurzes Durchblättern, bei dem der Blick an diesen oder jenen Zeilen hängenblieb, die später zu meinem Wegweiser werden sollten und mich zur Entdeckung weiterer Schriftsteller führten. 
 
Trotzdem erinnere ich mich nach all den Jahren nur an einen winzigen Text, der kaum mehr als drei Seiten einnimmt. Wegen ihm hatte mich die unansehnliche Anthologie bei der Inventur meiner privaten Bibliothek nicht verlassen müssen, und wegen ihm holte ich nun eine Leiter, griff in die zweite Buchreihe und förderte das weiße Bändchen mit der scheußlichen Seiltänzerin zutage.

Ich weiß, wie gesagt, nicht mehr genau, wo ich mein Exemplar erwarb, aber ich erinnere mich an den alten Mantel, den ich dabei trug, und an den grauen November- oder Dezembertag in meinem vielleicht ersten Warschauer Herbst – und an Wolfgang Hildesheimers Bildnis eines Dichters. Das Labirynt fałszerstw erwies sich in diesem Fall nicht als Wegweiser: In Polen ist ein einziger Roman dieses Autors erschienen – Tynset, im Internet erhältlich ab 1,49 Złoty –, dennoch habe ich nie zugegriffen (bis zum jetzigen Moment, in dem ich, nach nochmaliger Lektüre der winzigen Erzählung, auf „Jetzt kaufen“ klicke und die Überweisung mache).
 

Für mich ist [das] Pflichtlektüre für alle angehenden Schriftsteller und Schriftstellerinnen.

Bildnis eines Dichters ist die hintersinnige, von Humor nur so sprühende Minibiografie eines bissigen Avantgardekritikers namens Alphons Schwerdt. Als dieser mit den passatistischen Dichtern der Jahrhundertwende so überaus gut fertiggeworden ist, dass er ihnen mit seinen brillianten kritischen Skizzen den Mund gestopft hat, sieht er sich gezwungen, den selbsterdachten klassischen Dichter Sylvan Hardemuth zur Zielscheibe für seine vernichtenden Rezensionen zu machen. Obwohl als Parodie eines Dichters erdacht, erwirbt Hardemuth sich mit der Zeit die Gunst der Leser, „die Besprechung, obgleich geistreicher denn je, stieß auf kühle Ablehnung: man stellte fest, dass sie dialektisch zwar meisterhaft, als Analyse jedoch ungerecht und kleinlich sei“. Der Avantgardist Schwerdt lässt somit aus Hardemuths Feder immer groteskere Werke fließen, um ihn daraufhin in den Boden stampfen zu können; er ersinnt eine ganze Persönlichkeit (das geht bis zum Erwerb eines Bauerngutes „mit Äckern, Stallungen, Vieh und allem Zubehör“), um mit der Hand seines Alter Ego „kleine Aufsätze für Wochenzeitschriften“ zu fabrizieren, „in welchen er die stille Einfachheit des Landlebens pries“. Doch es geht weiter bergauf, Hardemuth bekommt den Nobelpreis – weswegen der besiegte Schwerdt irgendwann selbst an die geschickt errichtete Fassade glaubt und zu Hardemuth wird: „Die zahlreichen Besucher empfing er in einem hohen Lehnsessel sitzend, eine Toga um die Schultern und ein Plaid über den Knien“. Von seinen „Jüngern und Jüngerinnen“ lässt er sich mit „Meister“ anreden.

Hildesheimer vollzieht in dieser kurzen Erzählung eine der brilliantesten Analysen der geheimnisvollen, versteckten Verbindung zwischen Klassik und Avantgarde, zwischen Wiederholung und Innovation in der Kunst. Für mich ist sie Pflichtlektüre für alle angehenden Schriftsteller und Schriftstellerinnen. Und wenn man bedenkt, dass sie nur eine von insgesamt 26 „Lieblosen Legenden“ ist, die Hildesheimer für Zeitungen schrieb und später in Buchform veröffentlichte – wie viele (für mich unzugängliche) Wunderdinge müssen sie erst bergen!

Bleibt mir nur die Hoffnung, dass irgendwann ein beharrlicher Übersetzer einen Verlag dazu bringt, doch noch sämtliche 26 Erzählungen auf Polnisch herauszugeben – ungeachtet dessen, dass der „Bedarf an zeitgenössischer deutscher Literatur“ in Polen arg überbewertet zu sein scheint und dass die Leser und Leserinnen hierzulande entschieden zu selten über ihren Landes- und Sprachrand schauen. 
 
Wolfgang Hildesheimer, Bildnis eines Dichters, in: Lieblose Legenden, 30. Auflage 2019, überarbeitete und erweiterte Ausgabe des 1952 erschienenen Bandes, © Suhrkamp, Frankfurt am Main 1962, obige Zitate S. 37-38.
Polnische Ausgabe: Portret poety, übersetzt von Feliks Przybylak, in: Labirynt fałszerstw. Antologia krótkiej prozy niemieckojęzycznej XX wieku [Das Labyrinth der Fälschungen. Eine Anthologie deutschsprachiger Kurzprosa des 20. Jahrunderts], Oficyna Wydawnicza „Profi“, Warszawa 1994.
 

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