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Marcel Reich-Ranickis polnische Jahre
Das Wort war machtlos

Warschauer Ghetto
Warschauer Ghetto | Foto: Pixabay

Marcel Reich-Ranickis (MRR) Beziehungen zu Polen waren nicht sehr sensibel. Als Neunjähriger musste er 1929, nachdem sein Vater seinen Job verloren hatte, seine Heimatstadt Włocławek verlassen. Er lebte bei Verwandten in Berlin. Im Alter von 18 Jahren wurde Reich zusammen mit einer Gruppe polnischer und staatenloser Juden von den NS-Behörden nach Polen deportiert. Angelika Kuźniak bringt uns einen Auszug aus seiner Biographie der Zeit in Polen näher.

Warschau im Jahr 1938.
Vor dem Bahnhof schreit ein Zeitungsverkäufer: „Wenn Du keinen räudigen Juden willst, wähle Liste [Nummer]“. In Warschau tragt Marcel immer den „Völkischen Beobachter“ unter dem Arm, die Zeitung der Nationalsozialistischen Partei. Er zieht es vor, dass die Polen ihn für einen Deutschen halten und nicht für einen Juden. Das Wort „Jude“, Ende September 1939 und später geschrien, bedeutete Denunziation und Demütigung, mit der Zeit dann Gefahr und schließlich Tod.

Im Herbst 1940 wurden die Tore des Warschauer Gettos geschlossen. Die Familie Reich wurde aus Berlin dorthin deportiert. Marcel arbeitete als Übersetzer im Judenrat. Jahre später sagte er, dass er Dokumentenkopien dem Ringelblumarchiv übergeben habe. Er schrieb auch über Musik für die „Gazeta Żydowska“, die Jüdische Zeitung, zunächst – nach den Inititialen eines Freundes aus seiner Berliner Schule – unter dem Pseudonym „wh“, später als Wiktor Hart. Er besuchte Konzerte und nahm Tosia Langnas mit. Sie waren im Getto Nachbarn, und sie lernten sich an dem Tag kennen, als ihr Vater sich erhängte. Tosia rezitierte Marcel polnische Poesie, er trug ihr Verse von Goethe und Heine vor.

Am 22. Juli 1942 enthüllten die Deutschen ihre Pläne für die jüdische Bevölkerung des Gettos.

MRR: „Ich fand mich in Czerniakóws Büro ein. Er stellte mich dem Chef der Liquidierungsmannschaft vor, Sturmbannführer Höfle. Er wollte, dass ich die Sitzung protokolliere. Ich ließ mir zwei Schreibmaschinen aus meinem Büro bringen, weil sich die Bänder oft verhedderten. „Am heutigen Tag beginnt die Umsiedlung der Juden aus Warschau”, diktierte er. Ich erinnere mich an die Geräusche der Schreibmaschine, der Fotoapparate und an den Klang der Strauss-Walzer, der durch das Fenster drang – mit ihnen vertrieben sich die in ihren Wagen wartenden SS-Leute die Zeit. Die Umsiedler dürfen 15 Kilo Gepäck mitnehmen... der jüdische Ordnungsdienst… sollte die Umsiedlungsaktion durchführen… 6.000 Juden zum Umschlagplatz bringen. Von dort aus fuhren die Züge nach Treblinka. An diesem Tag heirateten Tosia und ich. Wir glaubten, dass wir so eine größere Überlebenschance hätten. Als meine Ehefrau konnte sie von „Umsiedlungsaktionen” ausgenommen werden. Meine Eltern und Tosias Mutter sind in Treblinka umgekommen. Mein Bruder wurde im Lager in Poniatowa ermordet. Meine Schwester hat nur überlebt, weil sie Deutschland schon vor dem Krieg verlassen hat und nach England emigriert ist.“

Am 21. Januar 1943, während der zweiten „Umsiedlungsaktion“, wurden die Reichs zum Zug nach Treblinka beordert, konnten aber fliehen. Sie versteckten sich zunächst im Getto, ab dem 3. Februar dann auf der „arischen Seite“. Tosia arbeitete als Dienstmädchen. Im Juni kam Marcel zunächst ins Haus von Bolesław Gawin. Bolek hatte die Volksliste unterschrieben, half aber Juden. Reich fuhr, als Eisenbahner verkleidet und mit rußgeschwärztem Gesicht, mit seinem Bruder in der Straßenbahn nach Gocław, wo Bolek wohnte. Tosia schloss sich ihm bald an.

MRR: „Nachts drehten wir Zigaretten, die Bolek auf dem Schwarzmarkt verkaufte. Wenn er trank, sagte er feierlich: ‚Hitler, der mächtigste Mann in Europa, hat beschlossen, dass diese beiden sterben sollen. Aber ich, ein bescheidener Setzer aus Warschau, habe beschlossen, dass sie leben sollen. Wir werden sehen, wer gewinnt‘.“
 
Im September 1944 klopften die Russen an Boleks Tür. Sie suchten keine Juden, sondern Deutsche. Die Reichs kamen aus ihrem Versteck. Sie fuhren nach Lublin und meldeten sich zur Polnischen Armee. Im Oktober wurden sie als Gefreite mobilisiert. Tosia kam in eine graphische Werkstatt, Marcel in die Kanzlei und nach zwei Wochen in eine Zensur-Einheit des Militärs. Im Januar 1945 wurde er in die Zensur-Abteilung des Ministeriums für öffentliche Sicherheit in Kattowitz versetzt.

In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts kursierte in Frankfurter Vertriebenenkreisen ein Flugblatt, dass er während seiner Arbeit in Schlesien an deutschen Zivilisten Rache für den Holocaust genommen habe. Reich entgegnete, dass dies Unsinn sei.

Aus Kattowitz kehrte er nach einigen Wochen zurück. Er stieg schnell zum Leiter der Abteilung für Auslandszensur im Ministerium für öffentliche Sicherheit auf. Er wohnte mit Tosia in Warschau und trat in die Polnische Arbeiterpartei ein.

„Ich glaubte, dass die Partei, der Kommunismus, uns vor dem Antisemitismus schützen würde und imstande sei, einen Staat zu schaffen, in dem Minderheiten ihre Rechte hätten. Außerdem“, sagte Reich-Ranicki, „ist das Kommunistische Manifest märchenhafte Literatur. ‚Das Proletariat hat nichts zu verlieren außer seinen Ketten.‘ Besser kann man es nicht sagen. Ich hatte Sehnsucht nach Berlin, und um es wiederzusehen, schloß ich einen Pakt mit dem Teufel, mit dem polnischen Sicherheitsdienst.

Die Verpflichtung zur Zusammenarbeit unterschrieb er im Oktober 1944. In Berlin fand er sich zwei Jahre später wieder, als Beamter der polnischen Militärmission. Die Abteilung für Rückforderungen und Entschädigungen sollte feststellen, wohin polnische Fabrikanlagen und Kulturgüter abtransportiert worden waren.

Das Pseudonym Albin dachte er sich aus, als er für den Nachrichtendienst rekrutiert wurde, schon nach seiner Rückkehr nach Berlin. Interne Beurteilungen, die von Mitarbeitern des Ministeriums für öffentliche Sicherheit angefertigt wurden, beschreiben Reich als „Volkspolen ergeben, politisch zuverlässig, bewährt“. Sie loben seinen Scharfsinn, seine Intelligenz und seine Leidenschaft für die Arbeit. Er wurde zum Hauptmann befördert.

„Als ich im Februar 1948 als Konsul nach London geschickt wurde, empfahl man mir, meinen Namen in etwas Polnischeres zu ändern. Ich wählte Ranicki“, schrieb er. Dort wurde sein Sohn geboren.

Im Konsulat arbeitete damals Krzysztof Starzyński, ein Doppelagent und Vetter des letzten Stadtpräsidenten von Warschau. Er betonte Ranickis Eifer bei der Agententätigkeit. Er behauptete, Marcel habe über die Aktion Stanisław Tatar und Marian Utnik Bescheid gewusst, die 1949 nach London erst nach London und dann verhaftet und verurteilt wurden – Tatar zu lebenslänglich, Utnik zu 15 Jahren.

MRR: „Ich weiß nichts über diese Aktionen. Damit war der Militärattaché an der Polnischen Militärmission in London befasst. Ich erhielt z.B. Informationen über politische Stimmungen unter der polnischen Emigration in England von einem guten Dutzend Personen. Die habe ich nach Warschau geschickt. Ich hatte keinen Kontakt zur polnischen Emigrationsregierung. Ich kannte keinen Politiker.“

Aus dem Konsulat wurde er nach zwei Jahren entlassen. In Warschau wurde er für zwei Wochen verhaftet.

„In der Zelle las ich Das siebte Kreuz von Anna Seghers. Im Getto war das Wort machtlos angesichts dessen, was wir erlebten. Musik klang lauter. In einem Hinterhof gab es ein Geigenkonzert von Beethoven, in einem anderen ein Klarinettenkonzert von Mozart oder eine Harfe nach Ravel. Erst in der Zelle verstand ich, dass mir die Literatur am nächsten stand und es an der Zeit war, zu ihr zurückzukehren.“

Er begann, Buchbesprechungen zu schreiben. Helena Zatorska nannte ihn „das schlagende Herz der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei“ in der Verlagsbewegung. Er schrieb über Brandys, Jastrun und Hłasko, am liebsten aber über Deutsche. Im März 1950 wurde er aus der Partei ausgeschlossen.

„Einer der Gründe war meine angebliche ‘ideologische Entfremdung’“, sagte er. „Mir wurde für über ein Jahr verboten, etwas in der Presse zu veröffentlichen. Ich wurde im Verlag des Verteidigungsministeriums angenommen. Ich schrieb interne Rezensionen oder über Treffen mit deutschen Schriftstellern. Da wusste ich schon, dass ich nicht länger im kommunistischen Polen leben wollte. Am 20. Juli 1958 haben wir es verlassen. Für immer.“

DIESER BEITRAG ENTSTAND ANLÄSSLICH DES 100. GEBURTSTAGS VON MARCEL REICH-RANICKI.

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