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Corona-Pandemie
Eine Globalisierung der Solidarität

Die Zeit der Krise kann zur Stunde Europas werden.
Die Zeit der Krise kann zur Stunde Europas werden. | Foto (Detail): © Adobe

Der Umgang mit der Pandemie fordert uns einiges ab. Die Frage ist allerdings: Wie offen sind wir, daraus zu lernen – und welche Lehren werden wir ziehen? Weshalb gerade die EU-Länder jetzt zu einem Europa der Solidarität werden sollten.

Von Holger Zaborowski

Was lehrt uns die Corona-Pandemie? Lehrt sie uns überhaupt etwas, oder ist es noch viel zu früh, danach zu fragen? Auch wenn die Nachrichten über erfolgversprechende Impfstoffe Anlass zu einer gewissen Hoffnung geben, ist das Ende der Pandemie noch lange nicht absehbar. Jede Woche, jeder Tag bringt neue Erkenntnisse. Wir können nicht absehen, wie hoch die Zahl der Infizierten, Erkrankten und Todesopfer sein wird, und unter welchen Spätfolgen die Betroffenen leiden werden. Auch haben wir noch keine Ahnung von den langfristigen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Folgen der Pandemie. Wir sprechen bereits heute von einer post-pandemischen Zeit. Doch was charakterisiert diese Zeit im Gegensatz zur Zeit davor? 

Ungerechtigkeiten treten deutlicher hervor

Während manche mit Hoffnung von der Zeit nach der Pandemie sprechen, erschüttert andere die Furcht vor dem, was kommen könnte. Sicher scheint nur, dass vieles anders sein wird. Aber wie sehr anders? Jeder Deutungsversuch steht jetzt noch unter Vorbehalt. Die Politik fährt auf Sicht – und so auch die Gesellschaft und jeder von uns. Es geht gar nicht anders. 
 
Eine Pandemie betrifft, wie der aus dem Altgriechischen entlehnte Begriff besagt, das „gesamte Volk“. Sie ist in der heutigen globalen Welt ein Menschheitsgeschehen, da rund um den Erdball alle betroffen sind. Dennoch ist sie nicht der große „Gleichmacher“, wie manchmal zu lesen ist. Seuchen waren das nie. Es gab in Seuchenzeiten neben denen, die leiden oder einen qualvollen Tod sterben mussten, immer auch jene, die unbeschadet durch die Krise gekommen sind oder sogar von der Krise profitiert haben. Unterschiede zwischen Menschen, die auf mangelnde Gerechtigkeit zurückgehen und das Leben vieler Menschen verschlechtern, die es verkürzen und schmerzhaft machen, werden in pandemischen Zeiten verschärft. Das ist längst noch nicht alles: Manch problematische Entwicklung, die sich schon zuvor am Horizont abzeichnete, wird im Windschatten der Seuche beschleunigt. Gutes wird nicht mehr fortgesetzt, weil anderswo Hilfe nötiger ist oder die Kräfte fehlen. Nein, das Virus macht uns nicht gleicher. Es lässt umgekehrt die existierenden Ungleichheiten deutlicher hervortreten und verstärkt sie noch. Die Welt zeigt sich im Horizont der Corona-Pandemie noch ungerechter, noch unmenschlicher, als sie schon vorher gewesen ist.

Solidarisch handeln – über Staatsgrenzen hinweg

„Unmenschlich“ – es ist aufschlussreich, über die Bedeutung dieses Wortes nachzudenken. Denn das Unmenschliche ist oft zutiefst menschlich, ist damit doch meist etwas gemeint, das zum Menschen gehört, das normal oder verbreitet ist. Die Vorsilbe „un-“ verweist in diesem Wort nicht auf etwas, das faktisch nicht menschlich wäre oder zum Menschen gehörte.  Die Fähigkeit, aus eigenem Antrieb fliegen zu können, nennen wir schließlich auch nicht „unmenschlich“. Die Vorsilbe verweist vielmehr auf etwas, das es zwar gibt, das aber nicht sein soll. Dieses Wort hat eine ethische Dimension: Menschen sollen sich nicht unmenschlich verhalten, auch wenn dies oft ganz typisch für menschliches Verhalten ist.
 
Aus diesem Grund zeigen die Ungleichheiten und Unmenschlichkeiten, die nun deutlich(er) werden und sich verstärken, vielleicht etwas, das wir aus der Pandemie lernen sollen: dass eine bestimmte Weise menschlichen Zusammenlebens nicht sein soll. Zwar wird es immer Unterschiede zwischen Menschen geben. Doch dürfen diese nicht so groß werden, dass dabei die Einheit der Menschheit zerbricht. Denn wir sind, wie das große Wort der „Menschheitsfamilie“ zeigt, alle miteinander verwandt. Das aber bedeutet auch, dass wir füreinander Verantwortung tragen und solidarisch miteinander umgehen sollten. 
 
Zu Anfang der Pandemie gab es viel Solidarität im Kleinen – in Familien, unter Nachbarn, in Betrieben. Was aber weitestgehend fehlte war eine Solidarität auf internationaler und globaler Ebene. Dadurch hat sich etwa die Krise Europas beträchtlich verstärkt. Das ist seit dem Sommer ein wenig anders. Dass nun seitens der Politik solidarisches Handeln gefordert wird, und zwar auch über den Horizont Europas hinaus, lässt hoffen. Dies allein garantiert aber keine solidarischere Welt. Fordern kann man viel; notwendig sind konkrete Entscheidungen und Taten – nicht nur auf der politischen, sondern auch auf der gesellschaftlichen und individuellen Ebene. Die, die viel haben, müssen bereit sein, von ihrem Reichtum abzugeben. Existenzielle Nöte sollten gemindert werden. Gemeinsam könnte man nach Modellen eines globalen Zusammenlebens suchen, das nicht nur sozialer, sondern auch ökologischer und nachhaltiger ist. Das solidarische Handeln selbst muss angesichts der weltweiten Verbreitung des Corona-Virus ansteckend werden.

Heute einen Anfang machen

Dass das Virus in manchen Ländern eine so verheerende Wirkung entfalten konnte, geht auch auf seit langem fehlende Solidarität und auf eine verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid und den Nöten anderer Menschen zurück. Müssen wir nicht neu über Gerechtigkeit und die Grundlagen unseres Zusammenlebens nachdenken? Gilt es nicht, zumindest dort, wo es in unseren Händen liegt, die negativen Folgen und Nebenfolgen der Pandemie möglichst gerecht zu verteilen? Brauchen wir nicht eine andere weltweite Gesundheitspolitik? Wie in Zukunft die WHO finanziert wird, wie die Impfstoffe verteilt werden, in welchem Maße der COVAX-Initiative – dem weltweiten Zusammenschluss zur Impfstoffentwicklung und -verteilung – Erfolg beschieden ist, wie wir die postpandemische Welt gestalten und die vielfältigen Folgen der Pandemie aufarbeiten, wird zeigen, ob wir auf die Globalisierung der Technik, Wirtschaft und des Verkehrs auch mit einer Globalisierung der Solidarität reagieren. 
 
Wenn wir in Europa die Aufgabe der Solidarität ernst nehmen, kann diese Zeit der Krise zur Stunde Europas werden: Eine Schwäche, aus der Europa gestärkt hervorgeht. Eine Erschütterung, die erneut dazu führt, die Frage nach den Grundlagen unseres Zusammenlebens zu stellen. Eine Verunsicherung, die zu einer vertieften Gewissheit darüber führt, wer wir als Europäerinnen und Europäer sind und sein wollen. Im vergangenen Jahrhundert haben globale Krisen — wie zum Beispiel die beiden Weltkriege — zu einer solchen Vertiefung des Europäischen geführt. Warum sollte dies in der jetzigen Krise anders sein? Denn wenn eines klar ist, dann die Tatsache, dass kein europäischer Nationalstaat alleine die Pandemie und ihre Folgen bewältigen kann. Wenn eines unzweifelhaft ist, dann doch die Erkenntnis, dass gerade die europäischen Länder aufs Engste miteinander vernetzt sind. Und wenn eines deutlich sein dürfte, dann dies, dass ein Europa, das noch nicht einmal der Solidarität nach innen fähig ist, wofür es im Frühjahr traurige Beispiele gab, auch nach außen hin keine Solidarität üben wird. Aber wäre dies dann noch Europa — ein Europa, das weder nach innen noch nach außen das Erbe der Solidarität bewahrt? Europa hat einmal den Horizont des Universalen entdeckt — der gerade weil er universal ist, nicht nur europäisch ist. Dieser Horizont tritt mit Forderungen an uns heran. Solidarität mit anderen, ja, mit allen Menschen — insbesondere mit den leidenden, den kranken, den schwachen Menschen — gehört dazu.
 
Werden wir diese Kraft aufbringen, werden wir Unmenschlichkeiten vermeiden und menschlicher werden? Vielleicht werden wir in wenigen Jahren feststellen, dass wir – einzeln, in unseren Familien und Freundeskreisen, in Vereinen, zivilgesellschaftlichen Gruppen und Religionsgemeinschaften oder in den verschiedenen Staaten und Staatenbünden, als Menschheit – von freundlichen, aber letztlich unverbindlichen Worten abgesehen wenig oder gar nichts aus der Pandemie gelernt haben. Dass wir den Ruf des Sollens angesichts unmenschlicher Zustände überhört haben. Viel spricht dafür, dass dies nicht unwahrscheinlich ist. Wir sehnen uns so sehr nach Normalität, dass wir, sobald in gewissem Rahmen normale Lebensverhältnisse zurückgekehrt sind, die Notlagen der Corona-Pandemie vergessen könnten. Unter Umständen verschärft sich die Unmenschlichkeit unseres Zusammenlebens noch. Doch vielleicht kommt es ganz anders, so anders, dass wir uns dies heute noch gar nicht vorstellen können. Zu hoffen wäre es, und wenn es so kommen soll, müssen wir heute den Anfang machen.

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