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Was ist los mit... Querdenken?
Ist das noch eine Tugend?

Anti-Corona-Protest in München
Anti-Corona-Protest in München | Foto: Pixabay

Das Tragen von Masken lehnen sie ab und nennen sich selbst „Querdenker“. Die Gefahr von Covid-19 halten sie für drastisch überbewertet und wollen sich nicht impfen lassen. Großes Misstrauen äußern sie auch gegen die Medien und gegen die Regierung. Dieses Bild ergab eine empirische Studie zu den „Querdenkern“, deren Ergebnisse Christoph Bartmann kurz und bündig bespricht. 

Zu den vielen Opfern der Corona-Pandemie muss man wohl auch das Wort „Querdenker“ rechnen. Galt „Querdenken“ nicht bis vor kurzem noch als Tugend? Stand das Wort nicht für unkonventionelles, „laterales“ Denken „outside the box“, also für Eigenschaften, die von Managementtheoretikern und Unternehmensberatern angepriesen wurden, Strategien, die träge Firmen flott machten sollten, indem sie ihnen eine Dosis positiven Wahnsinn verschrieben? Querdenken, das sollte heißen: entfesselte Kreativität, die ohne falsche Beeinflussung durch die Meinungen des „Mainstreams“ unmittelbar dem eigenen Urteilsvermögen entsprang.
 
Man muss dieses Lob des Querdenkens nie für bare Münze gehalten haben, um nun den Eindruck zu gewinnen, dass mit der coronapolitik-kritischen „Querdenken“-Bewegung in Deutschland der Nonkonformismus ein kritisches Stadium der Realitätsverweigerung erreicht hat. Was sind das für Leute, die schon seit Monaten gegen die Bundesregierung und „für das Grundgesetz“ auf die Straße gehen, das sie durch die Corona-Einschränkungen für verletzt halten? Wer der Bewegung querdenken-711.de (die Zahlen stehen für die Telefonvorwahl von Stuttgart) unterstellt, sie mache mit rechtsradikalen „Reichsbürgern“ gemeinsame Sache macht oder wer sie auch nur als „Corona-Leugner“ bezeichnet, muss mit Aufforderungen zur Richtigstellung rechnen. Die Querdenker haben insofern Recht, als sie weder pauschal die Corona-Pandemie leugnen noch pauschal dem rechten Lager (was immer das genau heißt) angehören. Jedenfalls haben die Querdenker eine genauere Betrachtung verdient. Sind sie nicht auch „Zivilgesellschaft“? Handelt es sich nicht vielleicht auch um „Aktivisten“, die aus gutem Grund auf die Straße gehen, um sich Gehör zu verschaffen – eine oppositionelle Praxis, die wir bei anderen Gelegenheiten von Minsk über Hongkong bis Warschau weitaus positiver bewerten? Und wie verhält es sich etwa mit „Fridays for Future“, deren Protagonistinnen von der Bundeskanzlerin persönlich zum Besuch empfangen wurden? Auch wenn wir den Klimawandel für ein größeres Problem halten als den Lockdown, müssen wir einräumen: Zivilgesellschaft sind wir alle, und das schließt leider sogar die Trump-Sympathisanten ein, die kürzlich auf seine Anregung hin das Kapitol erstürmten.
 
Was nun die Querdenker-Bewegung und ihre „politische Soziologie“ betrifft, gibt es seit Kurzem eine interessante Studie der Soziologen Oliver Nachtwey und Nadine Frei von der Universität Basel. Befragt wurden, auf Demonstrationen und online, über 1000 Personen aus der Querdenker-Szene. Das wohl meist diskutierte Ergebnis war dieses: die Befragten hatten bei der letzten deutschen Bundestagswahl (2017) keinesfalls überwiegend rechts gewählt: 23 Prozent wählten nach eigenen Angaben die Grünen, 18 Prozent die Linke, dagegen nur 15 Prozent die AfD und 10 Prozent die CDU – 21 Prozent hatten für Kleinparteien gestimmt. Gefragt, wen sie beim nächsten Mal wählen würden, war das Ergebnis ein dramatisch anderes: 61 Prozent wollen nun Kleinparteien („Die Basis“, „Wir 2020“ und andere) wählen, 27 Prozent die AfD, nur noch 5 Prozent die Linke und gar nur 1 Prozent die Grünen; CDU/CSU und SPD kamen fast gar nicht mehr vor. Die Kernaussagen der Befragten verraten Ansichten, die sich nicht durchweg als „rechts“ qualifizieren lassen: „Die Corona-Proteste werden in den Medien gezielt abgewertet und verzerrt“, fanden 85 Prozent. „Im Umgang mit dem Corona-Virus geben die falschen Experten den Ton an“, meinten 63 Prozent. „Die Corona-Problematik wird von der Regierung dramatisiert und übertrieben“, sagten 76 Prozent. „Die Regierung schürt im Umgang mit dem Corona-Virus unnötig Angst“, war sogar die Meinung von 86 Prozent. Immerhin 42 Prozent sind der Auffassung, dass „Banken und Konzerne die großen Profiteure der Corona-Krise“ sein werden. Eine Mehrheit der Befragten zeigt sich unzufrieden mit den Rettungsmaßnahmen der Regierung für wirtschaftliche betroffene Menschen und sieht sich auch deshalb in ihrer Existenz bedroht. Was soll man von diesem Votum halten: „Die Maskenpflicht ist Kindesmissbrauch“ sagen 71 Prozent. Unschwer sieht man an solchen Zahlen: die Querdenker-Bewegung ist sehr heterogen. Man findet hier Esoteriker, Impf- und Pharmaziegegner ebenso wie Kapitalismuskritiker, besorgte Freiberufler oder Bürger, die, aus welchem Grund auch immer, dem Staat per se misstrauen. Dass sie ihre politische Heimat vor wenigen Jahren noch überwiegend bei den etablierten Parteien fanden, verwundert mehr als die Ankündigung, ihnen beim nächsten Mal den Rücken zu kehren. Die politische Soziologe des Corona-Protests führt eine Mentalität vor Augen, die sich gegen staatliche und mediale „Bevormundung“ zur Wehr setzt, die gegen die „Wahrheit“ von Politik und Experten das eigene Gefühl in Stellung bringt und sich von „spirituellem und ganzheitlichen Denken“ eine Wendung zum Besseren erhofft. Bald schon wird man sehen, in welchen politischen Häfen diese diffusen Ängste einen neuen Ankerplatz finden werden.

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