Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Was ist los mit... der katholischen Kirche in Deutschland?
Zeit für eine zweite Reformation?

Martin Luther
Martin Luther | Foto: Pixabay

Katholische Laienorganisationen im Land der Reformation fordern u.a. die Reform des Zölibats, die Frauenordination oder gemeinsame Kommunion für katholische und evangelische Christen. Sollen die Offenheit und liberale Denkweise deutscher Geistlicher die Kirchenmitgliederzahl halten, überlegt sich Christoph Bartmann.

„Rom fürchtet eine zweite Reformation in Deutschland“ – das lesen wir nicht etwa in der deutschen Presse, sondern in der polnischen, genauer in „Rzeczpospolita“. Warum und wovor fürchtet sich Rom? Ein großer Teil der deutschen katholischen Kirche, schreibt die Zeitung, habe sich gegen das vom Vatikan verhängte Verbot der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ausgesprochen. Aber hat Rom nicht noch mehr Gründe, sich zu fürchten? Am Heftigsten wird die katholische Kirche in Deutschland zurzeit durch Fälle von sexuellem Missbrauch (und deren ungenügende Aufarbeitung) erschüttert. Im Erzbistum Köln etwa, wo Kardinal Woelki ein Gutachten in Auftrag gegeben hatte, es dann aber nicht veröffentlichen wollte, hat sich die Zahl der Kirchenaustritte zuletzt drastisch erhöht. Noch sind etwas mehr als 20 Millionen Deutsche Mitglieder der katholischen Kirche (und zahlen damit, wie auch die Protestanten, 9 Prozent der Einkommensteuer als zusätzliche Kirchensteuer). Aber der Mitgliederschwund bei beiden Kirchen wird sich fortsetzen und sie damit vor ernsthafte, auch finanzielle, Probleme stellen.

Um hier etwas Persönliches einzufügen: ich bin katholisch. Nicht nur katholisch getauft, sondern aufgewachsen in einer Familie, die sich selbst als „gut katholisch“ bezeichnete, was nicht dasselbe ist wie „streng katholisch“ (diese wichtige Unterscheidung verdanke ich Kurt Flaschs Buch „Warum ich kein Christ bin“ aus dem Jahre 2013). Wir waren katholisch, ohne fromm zu sein. Das Katholisch-Sein war, damals bei uns im Rheinland, Teil einer liberalen, aber traditionsverbundenen und nicht ständig in Zweifel gezogenen Lebensart. Ich war also katholisch und bin es vielleicht noch immer – ohne mich deshalb „gläubig“ zu nennen oder gar „Christ“. Wie kann das sein? Es kommt wohl von dem erwähnten freigeistigen Kulturkatholizismus, der in meiner Jugend noch eine Rolle gespielt hat und für wen ich heute immer weniger Vor- und Leitbilder erkennen kann. Auch mir ist das Katholisch-Sein irgendwann zum Problem geworden. Das liegt zum einen bestimmt am Zustand der Kirche – schon lange trägt sie, ob konservativ oder progressiv, zu den wichtigen gesellschaftlichen Debatten nichts Entscheidendes bei. Die Kirche als Institution ist aber nur das Eine: an ihr kann man bekanntlich seit 2000 Jahren viel aussetzen. Schwerer wiegt aber mein fehlendes Verständnis für den Glauben selbst. „Glauben“, wie soll das gehen, an welche Religion auch immer? Was mich an der katholischen Kirche stört, ist weniger ihr aktueller Zustand als ihr Fundament selbst. Vielleicht scheue ich deshalb den Kirchenaustritt: ich möchte nicht den Eindruck erwecken, ich träte wegen der aktuellen Missbrauchsdiskussion aus der Kirche aus. Wenn ich austrete, dann aus anderen Gründen (nach denen mich wohl niemand fragen wird). Vielleicht trete ich aber auch gar nicht aus.
 
Der Vatikan fürchtet also eine zweite Reformation in Deutschland. Der Papst tut sich ohnehin schwer mit seinen Glaubensbrüdern hierzulande. Nicht erst dieser Papst übrigens: schon die Vorgänger von Franziskus fanden die deutschen Katholiken zu liberal und den Klerus nicht entschlossen genug, den „wahren Glauben“ vor dem Zeitgeist zu retten. Im Weltbild des argentinischen Papstes kommt ein neues Motiv hinzu: wahrscheinlich ist ihm die katholische Kirche in Deutschland zu reich. Wäre sie, bei allen ihren sonstigen Fehlern, wenigstens arm, dann dürfte sie sich der päpstlichen Sympathie sicher sein. Man fragt sich allerdings, wie es die Kirche dem Papst recht machen könnte, ohne dabei ihre letzten Gläubigen zu vergraulen. Soll sie etwa das Verbot der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare gutheißen? Es gibt kein isoliertes Problem der katholischen Kirche in Deutschland, das nicht auch ein römisches Problem und ein Problem dieses Papstes ist.
 
Anderswo im katholischen Deutschland freut man sich bereits auf die zweite Reformation. Die progressive, kirchenkritische Bewegung „Maria 2.0“ (mariazweipunktnull.de) hat, in Anlehnung an Luther, einen „Thesenanschlag 2.0“ für die katholische Kirche von morgen formuliert. Sie fordert darin „gleiche Würde – gleiche Rechte“, „respektvollen Umgang und Transparenz“, eine Abkehr vom Pflichtzölibat und vor allem eine Kirche, die „relevant“ wäre, für „Menschen, Gesellschaft und Umwelt“. Groß ist diese Bewegung nicht. Sie besteht aus den letzten Aufrechten, die der Kirche trotz ihrer großen Fehler und Schwächen noch immer in kritischer Treue verbunden sind. Ihr Einfluss, wie der aller katholischen Laien, erreicht kaum die Ebene der klerikalen Würdenträger. Aber trotzdem, so eine reformierte Kirche wünscht man sich, sogar als jemand, der dem Glauben wenig abgewinnen kann. Für eine solche Kirche würde man, würde ich, auch weiter in der Kirche bleiben, für eine solche Kirche wäre meine Kirchensteuer sinnvoll eingesetzt. Dass der Vatikan sich vor dem bisschen Reformation in Deutschland fürchtet, sollte uns jedenfalls ein Grund zur Zuversicht sein.

Top