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Moderne Gesellschaft
Freiheit

Ein gemaltes Schild in den Farben der ukrainischen Flagge mit den Wörtern "Frieden" und "Freiheit" hängt an einem Gartenzaun im Stadtteil Schwabing.
Frieden und Freiheit | Foto (Detail): Katrin Requadt © picture alliance/dpa

Die Grenze meiner Freiheit ist die Freiheit des Anderen – was bedeutet das gerade heute für unsere moderne, komplexe Gesellschaft? Armin Nassehi über den Begriff der Freiheit in einer Welt, die von immer weiteren Krisen geschüttelt wird.

Von Armin Nassehi

Unter dem Eindruck des Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine ist es nicht leicht, über die Freiheit zu schreiben – aber vielleicht ist es gerade in diesem Kontext besonders nötig. Die vielleicht beeindruckendste politische Bestimmung von Freiheit stammt von dem Liberalen John Stuart Mill. Das sogenannte Mill-Limit lautet, „dass der einzige Grund, aus dem die Menschheit, einzeln oder vereint, sich in die Handlungsfreiheit eines ihrer Mitglieder einzumischen befugt ist: sich selbst zu schützen. Dass der einzige Zweck, um dessentwillen man Zwang gegen den Willen eines Mitglieds einer zivilisierten Gesellschaft rechtmäßig ausüben darf: die Schädigung anderer zu verhüten.“ Dieses berühmte Diktum aus Mills Schrift On Liberty aus dem Jahre 1859 bringt die intellektuelle Herausforderung der Freiheitsidee auf den Punkt: dass die Freiheit des einzelnen Menschen auf die Freiheit der anderen trifft. Das mag sich abstrakt anhören, aber Freiheit ist eben nicht einfach Willkür, nicht einfach Beziehungslosigkeit, sondern eine soziale Form und Erwartung. Wenn die Grenzen meiner Freiheit die Freiheit des anderen ist, dann geht Freiheit eben nicht in willkürlichem Individualismus auf.

Die Idee der Freiheit ist Ausdruck einer Gesellschaft, in der nicht alles, was geschieht, von vorneherein festgelegt ist: Zwar sind Lebensverläufe immer noch stark von Herkunft, Schichtzugehörigkeit, ökonomischer Potenz, Zugang zu Ressourcen und Bildung, vom Geschlecht oder von gesellschaftlichen Vorurteilen oder Anerkennungsverhältnissen abhängig. Aber die moderne Gesellschaft kennt zumindest unter einigermaßen pluralistischen politischen Bedingungen keine eineindeutige Festlegung von Lebensverläufen und -chancen. Und auch politische, ökonomische, rechtliche, künstlerische, mediale, wissenschaftliche Formen sind in einer komplexen modernen Gesellschaft davon abhängig, dass Freiheitsgrade möglich sind. Anders kann man nicht demokratisch streiten, wissenschaftlich forschen, Recht sprechen, künstlerisch kreativ sein, nicht einmal ökonomisch handeln. Je komplexer eine Gesellschaft ist, desto größere Lücken für Freiheitsgrade lässt die Gesellschaft.

Die Moderne dagegen ist darauf angewiesen, auf vollständige Kontrolle zu verzichten

Nun könnte man gegen diese Beschreibung einwenden, sie sei allzu idealistisch, ja gerade zu beschönigend formuliert und habe kein Auge für die permanente Dementierung von Freiheitsgraden und von Möglichkeiten freier Entfaltung. Aber das würde dieser Beschreibung widersprechen. Umgekehrt gilt, dass man gerade dort, wo die Freiheit eingeschränkt wird – politisch, rechtlich, kulturell, im Alltag –, besonders viel Energie aufwenden muss. Unfreie politische Verhältnisse müssen durchgesetzt werden. Die diktatorische Kontrolle einer Gesellschaft, die autoritäre Durchsetzung von Machtansprüchen, die Unterbindung vielfältiger und pluraler Lebensformen, die Unterdrückung von Minderheiten, die Kontrolle freier Kommunikation, die gewaltsame Eindämmung von Kritik – all das braucht in komplexen Gesellschaften viel Energie. Eine moderne komplexe Gesellschaft lässt sich nicht ohne die Anwendung von Gewalt zentralistisch feststellen. Dass autoritäre Regime zumeist an die Grenze der Kontrollierbarkeit der eigenen Gesellschaft stoßen, ist ein Hinweis darauf, dass sich die Unterbestimmtheit des Gesellschaftlichen als ziemlich stabil erweist. Man kann Radiosender verbieten, Menschen einsperren, Wissenschaftler*innen die Mittel entziehen, Künstler*innen gängeln und noch viel mehr.

Aber das ist womöglich falsch formuliert: Man muss all das tun, weil sich nur so die Freiheitsgrade einer komplexen Gesellschaft eindämmen lassen – und dieser Energieverbrauch ist ein Hinweis darauf, wie stark die Bedingung der Freiheit und ihre Wahrscheinlichkeit in einer Gesellschaftsstruktur angelegt ist, die auf Totalkontrolle all seiner Prozesse verzichten muss. Das konnten frühere Gesellschaften, die nichts so scheuten wie unkalkulierbare Entwicklungen – die Moderne dagegen ist unvermeidbar darauf angewiesen, auf vollständige Kontrolle zu verzichten.

Daraus lässt sich geradezu dialektisch schließen: Autoritarismus, Populismus, Antipluralismus – all das kommt überall auf der Welt vor, die Moderne ist davon geradezu geprägt, seit dem 19. Jahrhundert in immer wieder entstehenden Wellen. Anders gewendet ist dies aber auch ein Hinweis darauf, wie stark die Gesellschaft von nicht-kontrollierbaren Kräften geprägt ist. Das ist die gesellschaftliche Bedingung für Freiheitsgrade – und ihre Unterdrückung. Die außenpolitische militärische Aggression Russlands gegen die souveräne Ukraine hat vor allem den innenpolitischen Sinn exakt dieser Unterdrückung im Innern. Aber es mehren sich die Anzeigen, dass diese Strategie womöglich das Gegenteil erreicht – um einen hohen Preis freilich.

Freiheit ist nicht einfach nur ein Wert

Manche neigen dazu, Freiheit im Sinne westlicher Werte für eine europäisches oder westliches Konzept zu halten. Wahr daran ist nur, dass viele der Konzepte der Freiheit in Europa entstanden sind – zumindest diejenigen, die hier diskutiert werden. Aber am Protest gegen autoritäre Regime weltweit, vor allem aber der hohe Energieverbrauch zur Kontrolle gesellschaftlicher Dynamik und kulturelle Pluralisierung zeigt, dass keine Kultur und keine Region der Welt die Erfahrung mit der Nicht-Kontrollierbarkeit der Gesellschaft als ganzer und den Freiheitsgraden von Entscheidungen vermeiden kann. Man denke an Demokratisierungsprozesse auf der ganzen Welt – und die entsprechenden Rückschläge. Es kann schon kein europäisches oder westliches Konzept sein, wenn man an die totalitären Katastrophen des 20. Jahrhunderts denkt, aber auch an gegenwärtige Rückschläge in den Vereinigten Staaten, wo ein offenkundiger Nicht-Demokrat regieren konnte, oder auch an osteuropäische Mitglieder der Europäischen Union bis zu Russland, dessen Führung sein Heil gegen innere Pluralisierung und Kontrollverlust geradezu klassisch in außenpolitischem Hazard zu kompensieren trachtet. Man muss hoffen, dass es die innere Nicht-Kontrollierbarkeit der Gesellschaft ist, die solche Regime beseitigen kann. Der Keim, in Alternativen zu denken und sich nicht gleichschalten zu lassen, lässt sich nicht vollständig unterdrücken – schon weil gesprochen werden muss und Sprache als ausgezeichnete Möglichkeit die Nein-Stellungnahme kennt.

Freiheit ist nicht einfach ein Wert – und den Begriff mit Timbre und großer Verve zu betonen, hilft nicht weiter. Optimistischer kann machen, dass die Komplexität der modernen Weltgesellschaft den Keim des vollständigen Kontrollverlustes in sich hat. Es ist auch der Keim dessen, was man Freiheit nennt, der sich freilich nicht notwendigerweise entfaltet.

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