Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Die Zukunft von Arbeitenden
Ein neuer Blick auf die Arbeit

Arbeit der Zukunft
Die Zukunft der Arbeit | Quelle: pixabay.com; Foto (Zuschnitt): Pilar Palmer

Wegen der Pandemie und bei einfachen Internetzugängen verlor die stationäre Arbeit an Wert. Die 40-Stunden-Woche geht nicht mehr mit Effizienz und Effektivität einher. Ob die Reduzierung der Wochenarbeitszeit die Produktivität von Mitarbeitern beeinträchtigt und über den breiteren Einsatz der Prozessautomatisierung entscheidet, fragt sich Christoph Bartmann.

Von Christoph Bartmann

Dass die Berufsarbeit die Oberhand gewonnen hat über das private Leben, ist kein ganz neuer Befund. In Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft von 1882 gibt es dazu eine Notiz, die noch immer Gültigkeit besitzt, und vielleicht mehr denn je. „Die Arbeit“, heißt es da, „bekommt immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite: Der Hang zur Freude nennt sich bereits ‚Bedürfniss der Erholung‘ und fängt an, sich vor sich selber zu schämen. ‚Man ist es seiner Gesundheit schuldig‘ – so redet man, wenn man auf einer Landpartie ertappt wird. Ja, es könnte bald so weit kommen, dass man einem Hange zur vita contemplativa (das heißt zum Spazierengehen mit Gedanken und Freunden) nicht ohne Selbstverachtung und schlechtes Gewissen nachgäbe.“

1882 war das eine neue Erfahrung. Die kollektive Berufsarbeit, ob in der Fabrik oder im Büro, hatte im industriellen Zeitalter die alte, feudalistische Welt der Landwirtschaft und der Manufakturen verdrängt. In Nietzsches Bemerkung sonnt sich der neue Arbeitsmensch geradezu in seiner Bedeutsamkeit: er arbeitet viel und hart, freut sich an der eigenen Leistung, nutzt Urlaub und Freizeit zur Reproduktion der Arbeitskraft, findet entschuldigende Formeln für ein bisschen Müßiggang und empfindet bei Nichtstun schnell ein schlechtes Gewissen. Nicht nur Nietzsche geißelte damals den aufkommenden Kultus der Arbeit und des Konsums. Paul Lafargue etwa, der Schwiegersohn von Karl Marx, stellte schon 1880 dem Recht auf Arbeit ein „Recht auf Faulheit“ entgegen.

Historisch folgenreicher war allerdings der Fleiß. Das 20. Jahrhundert, mit seinen Weltkriegen und totalitären Ideologien ebenso wie dem Triumph des Kapitalismus, stand ganz im Zeichen des Fleißes und der Arbeit. Immer gab es freilich, damals wie heute, „Aussteiger“, die dem Prinzip Erwerbsarbeit freiwillig den Rücken kehrten.

Und wie sieht es im 21. Jahrhundert aus? Einerseits könnte man meinen, der Siegeszug des Arbeitsprinzips sei ungebremst. Gibt es nicht immer noch viele „Workaholics“, oft Manager, die ihren Selbstwert auf einem Leistungsextremismus aufbauen – der meistens dann noch durch Extremsport ergänzt wird? Ein Teil der arbeitenden Bevölkerung lebt immer noch mit Nietzsches schlechtem Gewissen; oft sind es die Gutverdienenden, gut Ausgebildeten, die Kreativen, Gründer und Selbstständigen. Andererseits aber sind ganz andere Signale zu vernehmen, und das nicht erst seit Covid-19. Diese Signale kommen oft von jüngeren Leuten, die offenbar keine Lust auf ein Leben „im Hamsterrad“ haben. Aktuell diskutiert werden etwa die Viertagewoche und das bedingungslose Grundeinkommen. Arbeitgeber müssen sich immer neue Annehmlichkeiten ausdenken, um Nachwuchs zu rekrutieren. Die Künstliche Intelligenz ist auf dem Sprung, viele Jobs überflüssig zu machen – aber welche? Man spricht jetzt viel von „New Work“ und meint damit Arbeitsverhältnisse, die sich fast schon so ungezwungen anfühlen wie die Freizeit. Was bleibt übrig von der Arbeit, die wir kannten? Was ist mit schlecht bezahlter oder unbezahlter Arbeit, etwa im Pflegebereich? Brauchen wir eine Neuformulierung des Arbeitsbegriffs? Selten wurde jedenfalls die Diskussion über Arbeit leidenschaftlicher und kontroverser geführt als in diesem Moment. Das Goethe-Institut widmet deshalb dem Thema Arbeit in diesem Herbst einen Programmzyklus, in dem wir mit unseren Gästen und Partnern ein Licht auf die Arbeitswelten von heute und morgen werfen. Wir sind gespannt auf die Ergebnisse und freuen uns über Ihr Interesse.
 

Top