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Die Potenz des Büroklatsches
Sparen am Kaffee kann jeden Arbeitgeber viel kosten

Die Potenz des Büroklatsches
Die Potenz des Büroklatsches | Foto: Pexels

Die Persönlichkeit eines jeden von uns ist in bedeutendem Maße die Summe der Menschen, die wir zu unserem Glück auf unserem Weg getroffen haben. Am stärksten formen uns gerade jene zufälligen Interaktionen in Schulen, Universitäten und an Arbeitsplätzen. Diese zwischenmenschlichen Beziehungen können blitzartig zerbrechen, wenn sie nicht mit Kaffee begossen und nicht mit zufälligen Zusammentreffen gekrönt werden, behauptet Marcin Napiórkowski.

Joe hat dreißig Jahre lang in der Verkaufsabteilung einer Großen Amerikanischen Firma gearbeitet. Jeder Tag begann mit einem gemächlichen Rundgang mit Kaffee. Er ging von Schreibtisch zu Schreibtisch, von einem Stockwerk zum anderen, setzte sich, servierte, quatschte an. Es war bekannt, dass Joe kein Titan der Arbeit war. Er hätte wirklich viel getan, um den Moment ein wenig hinauszuzögern, in dem er Excel starten musste, und sei es nur ein bisschen. Mitunter verärgerte er Kolleginnen und Kollegen aus seinem Büro, wenn er ziellos herumschlich und in den unpassendsten Momenten störte, und doch wurde Joe im Allgemeinen von allen gemocht. Wer sollte auch einen Typen nicht mögen, mit dem man reden konnte, der Kaffee und manchmal auch einen Donut dazu ins Büro brachte?

Eines Tages heuerte die Große Amerikanische Firma eine Noch Größere Internationale Korporation an, um ein Audit durchzuführen und das Organisationsmanagementmodell der Firma zu modernisieren. Joe fand sich schnell auf der schwarzen Liste der Auditoren wieder und musste sich nach drei Jahrzehnten plötzlich eine neue Arbeit suchen. Mit ihm verließen das Büro auch die Kaffeemaschine und einige andere entbehrliche Elemente, die das Personal von der Arbeit abhielten.

Ihr wisst schon, was jetzt kommt, nicht wahr? Der Großen Amerikanischen Firma wurde schnell klar, wie wichtig Joe gewesen war. Tag für Tag erwies sich, dass die Verkaufsabteilung keine Ahnung hatte, was in der Marketingabteilung vorging, die von den Human Resources hatten plötzlich ihre geniale Intuition in Personalfragen verloren, und die IT-Jungs tauchten nicht länger auf wundersame Weise gerade dort auf, wo sie gebraucht wurden. Informationen über kaputte Drucker und Patentideen für die schnellere Erledigung bestimmter Angelegenheiten und tausend andere Dinge mussten plötzlich über die offiziellen Kanäle laufen. Die Mailboxen füllten sich ebenso wie die Terminkalender, und zwar mit Meetings, die immer länger dauerten und immer langweiliger wurden.

Dem Management und den Aktionären der Großen Amerikanischen Firma ist schmerzlich bewusst geworden, dass das Sparen am Kaffee ein Sparen am falschen Ende ist. Die Kaffeemaschine, der Kaffeebecher und selbst die gelegentlichen Donuts waren kein Luxus, sondern unverzichtbare Arbeitsmittel, unverzichtbar für die Arbeit, die Coffee Joe dreißig Jahre lang verrichtet und dabei Wissen aller Art in der ganzen Firma verbreitet hat. Wissen darüber, wie etwas zu tun ist, Wissen darüber, warum etwas wichtig ist, aber auch die wesentlich schwieriger zu greifende Wissensform, welche die richtigen Vorgehensweisen und Wertesysteme betraf oder sogar – so würden es die Anthropologen beschreiben – die „Art und Weise des Körpereinsatzes“, wie sie für die jeweilige Institution typisch ist. Coffee Joe war, obschon formal als Kaufmann eingestellt, tatsächlich die Seele der Großen Amerikanischen Firma. Dank ihm haben nicht nur bestimmte Individuen Wissen erworben, sondern auch die Organisation insgesamt. Indem sie am Kaffee sparte und Joe feuerte, verlor die Firma ihre Seele.

Bestimmt kennt auch ihr einen Coffee Joe, auch wenn ihr es nicht wisst. Und gerade darin liegt die ganze Schwierigkeit: Seine Arbeit bleibt solange unsichtbar, wie der Kaffee und Joe ihre Arbeit fehlerlos verrichten. Für mich hat Joe einige sehr konkrete Gesichter: die Gesichter von Menschen, die ich auf verschiedenen Etappen meines Lebens getroffen habe, in Klassenräumen, Vortragssälen, Büros und an diversen anderen merkwürdigen Orten, über die sich vielleicht bei einer anderen Gelegenheit berichten lässt. Auf den ersten Blick unterschied sie viel voneinander: ihr Alter, ihr Temperament und selbst ihr Geschlecht, weil die meisten der mir bekannten Coffee Joes eigentlich Coffee Joans sind. Erst kürzlich ist mir klar geworden, dass sie alle verschiedene Verkörperungen einer mythologischen Gestalt sind. Über Coffee Joe als soziale Institution habe ich aus Lehrbüchern über Wissensmanagement in Organisationen erfahren. Denn Geschichten wie die oben erzählte kann man heute fast in jedem Buch zu diesem Thema finden, und das sind nicht nur gut klingende Anekdoten, sondern – leider – die Ergebnisse authentischer Entscheidungen, die konkrete Organisationen getroffen haben.

Joes traurige Geschichte erscheint mir heute aktuell wie nie zuvor. Sie erinnert uns in einer schwierigen Zeit nicht nur daran, wie wichtig Kaffee ist. Sie bringt uns auch zu Bewusstsein, was wir in unseren Firmen, Universitäten und vor allem in unseren Schulen verlieren können, wenn die Pandemie uns für längere Zeit in die Unfreiheit der häuslichen Isolation drängt.
 
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Der kleine Adam geht in die erste Klasse. Er freut sich sehr darauf, und wir mit ihm. Seine Begeisterung und Neugier sind ansteckend. Aber wir haben auch eine Menge Ängste. Mit wem kommt er in die Klasse? Wie wird seine Lehrerin sein? Und vor allem: Wird sein Abenteuer Schule vielleicht nach einer Woche oder einem Monat mit einer Quarantäne und weiteren Monaten des Eingeschlossenseins enden? Wird der kleine Adam sich an dem Gedränge an der Garderobe freuen können, an den Zusammenstößen in der Pause, am Schwatzen, am Umgesetztwerden, am Gemeinschaftsraum und an der Schulkantine?

Ich denke mir, dass ähnliche Emotionen gerade die diesjährigen Maturanden durchleben, die Mitte Oktober mit einer zweiwöchigen Verspätung ihr Abenteuer in meiner Abteilung beginnen. Während ich diesen Text zu Ende schreibe, ist gerade die endgültige Entscheidung gefallen. Die Lehrveranstaltungen werden online stattfinden. Die frischgebackenen Studenten werden ihre Freunde und Dozenten als Nachnamen, Mailadressen und sprechende Köpfe in den Fenstern von Kommunikationsprogrammen kennenlernen. Sie werden keinen Smalltalk auf den Gängen halten, keine spontanen Bemerkungen zu gerade gelesenen Büchern austauschen und einander nicht in Cafés begegnen.

Dieses Problem betrifft natürlich nicht nur die Bildung, mag es auch auf die einen oder andere Art immer mit Wissen und Lernen verbunden sein. Mit analogen Herausforderungen wird jeder zu kämpfen haben, der in diesem Unglücksjahr eine Arbeit in einem neuen Team anfängt, das online oder hybrid arbeitet. Und auch diejenigen, die ihre Karriere am alten, ihnen wohlbekannten Arbeitsplatz fortsetzen, werden bald erfahren, wie blitzartig zwischenmenschliche Bande verdorren können, wenn sie nicht mit Kaffee gegossen und nicht mit zufälligen Zusammentreffen gedüngt werden.

Denn die Persönlichkeit eines jeden von uns ist in bedeutendem Maße die Summe der Menschen, die wir zu unserem Glück auf unserem Weg getroffen haben. Am stärksten formen uns gerade jene zufälligen Interaktionen, jenes Zusammentreffen von Teilchen, das sich in großen Laboratorien wie Schulen, Universitäten und Arbeitsplätzen ereignet.

In jeder Institution findet ein unablässiger Wissenstransfer statt. Dabei fließt das Wissen nicht ausschließlich von oben nach unten, von Lehrern, Dozenten oder Vorgesetzten zu Schülern und Mitarbeitern, sondern es breitet sich wie ein Netz in viele Richtungen aus. Der Transfer erfolgt nicht in einer geordneten Form, wie sie in Lehrbüchern festgehalten und in offiziellen Heften und Prozeduren niedergeschrieben ist, sondern durch spontane und chaotische Durchdringung, die übrigens oft für die Institutionen selbst wie auch für deren Führungspersonal nicht wahrnehmbar ist. Dabei sind gerade diese unsichtbaren Formen der Wissenszirkulation der wahre Blutkreislauf der Institutionen. Sie sind es, die deren Identität formen.

Deshalb ist gerade der Kaffee das Blut einer jeden Firma, so wie das Öl (leider) weiterhin das Blut der modernen, industriellen Wirtschaft ist. Und dabei geht es hier überhaupt nicht um das Koffein (obwohl auch das ein faszinierendes Problem ist), sondern um die Ströme selbst, die Menschen und nicht Arbeitsplätze zusammenfügen, miteinander verbinden und dabei Ströme schaffen, die über auf dem Papier fixierte Struktur von Hierarchien, Ressorts und Abhängigkeiten hinausgreifen. Soziale Interaktionen und der Wissensaustausch streben dem Kaffee zu wie die amerikanische Armee dem Öl. Wenn wir also verstehen wollen, was uns die pandemische Isolation wegnimmt, dann müssen wir die Figur des Coffee Joe aus dem Schatten holen.
 
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Versuchen wir, die Funktion zu greifen und zu benennen, die Joe in der Welt vor der Pandemie erfüllt hat, seine unsichtbare Arbeit zu sehen und ans Tageslicht zu holen, die aus Tausenden scheinbar zufälliger Zusammentreffen und mikroskopisch kleinen Alltagsinteraktionen besteht.
Stell Dir zunächst vor, dass Du mit jemandem telefonierst. Du kannst sogar ein kleines Experiment durchführen, wobei ich Dich warnen muss, dass es für Deinen Gesprächspartner irritierend sein kann. Höre irgendwann auf, „ja”, „hm”, „klar” und „verstehe” zu sagen. Schweige einfach. Nach einer Weile wird Dein Gesprächspartner seine Ausführungen unterbrechen und „hallo?“ sagen. Antworte dann „ja, ich bin da” oder „ich höre dich”, und schweige weiter. Es wird keine Minute vergehen, bis Dein Gesprächspartner fragt, ob Du immer noch da bist.

All diese „Jas” und „Hms” und andere Signale des Zuhörens beschäftigen Sprachwissenschaftler schon lange. Im klassischen Kommunikationsmodell von Roman Jakobson erfüllen sie die „phatische Funktion“. Ihr Ziel ist es nicht, eine konkrete Information zu übermitteln, sondern den Kontakt und die Verbindung aufrechtzuerhalten, die es überhaupt ermöglichen, Inhalte zu übermitteln. Bei einem Telefongespräch sind diese Mikromitteilungen besonders wichtig, weil wir den Partner nicht sehen, aber die phatische Schicht begleitet jede Kommunikationsform.

Sie setzt sich aus unzähligen verbalen und nonverbalen Strukturen zusammen, die bestätigen, dass wir zusammen da sind, einen gemeinsamen Code und Kommunikationsrahmen vereinbaren und einander eine bestimmte Information übermitteln wollen. Dazu gehören alle Smalltalks, Gespräche übers Wetter, das Einander-in-die-Augen-Schauen, aber auch eine gewisse Dosis Redundanz, also das Sprechen über das, was alle auch so schon wissen, um zu bestätigen, dass man einer bestimmten Gemeinschaft angehört. Dank diesen phatischen Mitteilungen können wir einander davon überzeugen, dass wir dieselbe Sprache sprechen, uns zu ähnlichen Werten bekennen, dass all unsere Konflikte auf einem soliden Fundament des Einvernehmens über gewisse elementare Dinge ausgetragen werden. Hier schweife ich kurz ab: Die gegenwärtige Sprache der polarisierten Politik ist gerade deshalb so merkwürdig und feindselig, weil sie ihrer phatischen Funktion vollständig entkleidet wurde. Politiker und Medien heben ausschließlich das hervor, was uns trennt, ohne Platz für die bloße Koexistenz zu lassen und ohne zu bestätigen, dass es einen breiten Raum von Normen gibt, die alle Konfliktparteien teilen.

Bronisław Malinowski schrieb geradezu von der „phatischen Kommunion“. Unser herausragender Landsmann und Begründer der modernen, in Feldstudien verankerten Anthropologie, hat, als er die insularen Gesellschaften des Pazifiks kennenlernte, den kleinen Interaktionen viel Aufmerksamkeit gewidmet, die mit Gerüchten, dem Austausch von Freundlichkeiten oder dem Smalltalk über Fischfang, Gärten und andere Themen verbunden sind, die im Alltag der Bewohner der Trobriand-Inseln eine Schlüsselstellung einnehmen.. Er hat deutlich gezeigt, dass die phatische Funktion kein ausschließlich sprachliches, sondern ein soziales und kulturelles Problem ist; sie wird überall dort realisiert, wo Interaktionen im Gange sind, denen ein klares, auf den ersten Blick sichtbares Ziel fehlt. Die mühselige Arbeit, die eine Gemeinschaft zusammenfügt, schreibt sich nicht nur in das Wort ein, sondern auch in die Pfade der tagtäglichen Gänge, Aufenthaltsorte und Treffpunkte, in den Netzen zwischenmenschlicher Verbindungen. Schaut man sich die Karten an, die aus diesen einfachen, scheinbar ziellosen Interaktionen entstehen, ist zu bemerken, dass die phatische Funktion eine Infrastruktur der Gesellschaft herstellt, die es erlaubt, andere, „konkretere“ Aufgaben zu erfüllen. Phatische Interaktionen schaffen gleichsam ein Wege- oder Kabelnetz, über das sich dann Informationen verteilen.
 
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Julia Elyachar ist eine der interessantesten gegenwärtigen Forscherinnen zur ökonomischen Anthropologie. Die Harvard-Absolventin und Dozentin an der Princeton University spezialisiert sich darauf, Phänomene und Orte aus der Nähe zu betrachten, die Ökonomen für gewöhnlich aus der Ferne sehen. Elyachar erforscht den tatsächlichen Einfluss von Nichtregierungsorganisationen, Zuwendungsprogrammen und sogenannten „Empowerment“-Aktionen auf das Leben konkreter Menschen, hauptsächlich Frauen. Was wird eigentlich tatsächlich aus den Dollars, die in Tabellen so nett aussehen? Wie gestalten sie den Alltag von Bewohnerinnen „entwickelter” oder „sich entwickelnder“ Gebiete um? Zum Beispiel solcher der gigantischen Metropole Kairo, die viele Jahre lang Forschungsgegenstand der Anthropologin war. „Ich verbinde den Gedanken Malinowskis mit Karl Marx, indem ich das Konzept der ‘phatischen Arbeit’ einführe”, schreibt Elyachar in ihrem Aufsatz „Phatic labor, infrastructure, and the question of empowerment in Cairo”, der vor einigen Jahren im prestigeträchtigen „American Ethnologist” veröffentlicht wurde. „Diese Arbeit schafft Kommunikationskanäle, die nicht nur Sprache, sondern alle Arten von semiotisch definierter Bedeutung und auch ökonomische Werte übertragen können.”

Diese Definition klingt etwas technisch, doch Elyachars Forschungsgegenstand sind sehr gewöhnliche Dinge: die Welt der alltäglichen Begegnungen auf der Straße, des nachbarschaftlichen Austauschs und auch, wie könnte es anders sein, das gemeinsame Kaffeetrinken. Hier kann Coffee Joe auch Muhammed heißen, wie der Eigentümer eines kleinen Cafés, oder wie seine tüchtige, einfallsreiche Frau. Denn die unsichtbare phatische Arbeit verrichten in Ägyptens Hauptstadt hauptsächlich die Frauen. Elyachars Heldinnen sind gewöhnlich Hausfrauen, die den bescheidenen Familienbesitz meisterlich managen, aber auch so ungewöhnliche Gestalten wie die in der Kairoer Halbwelt legendenumwobene Zuhälterin, die das verdiente Geld halboffiziell in Werkstätten investiert, in denen sie anschließend Männer einstellt.

Um ihr Handeln zu verstehen und zu beschreiben, verwendet die Anthropologin oft eine Kategorie, die auch für die Kairoer eine Schlüsselbedeutung hat, und zwar die der Wasta. Das Wort bezeichnet ein Netzwerk von Freundschaften, Bekanntschaften und familiären Verbindungen. Wasta sind Menschen, auf die wir uns verlassen können. Denn die phatische Arbeit (und Liter Kaffee) knüpfen Netze zwischenmenschlicher Verbindungen, die das alltägliche Funktionieren ermöglichen, und in einer Krisensituation werden sie zum einzigen Sicherheitsnetz, das die Heldinnen davor bewahrt, in extremes Elend zu stürzen.

Elyachar argumentiert, dass das grundsätzliche Problem der gegenwärtigen Ökonomie in der Einschränkung dessen liegt, was wir als Arbeit anerkennen. Unter der Oberfläche der offiziellen Statistiken, Hilfsprogramme und veralteten Managementtheorien erstreckt sich ein gewaltiges Gebiet, das wir überhaupt nicht als Arbeit ansehen. Den Ökonomen entgehen weiterhin Tausende kleiner Pflichten, die sich in der alltäglichen Betriebsamkeit auflösen.
 
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Der modernen Managementtheorie ist die Schlüsselbedeutung der phatischen Arbeit gewissermaßen zu Bewusstsein gekommen, mag sich dies auch nur in den Fallstudien zu Coffee Joe andeuten, die sich in allen Standardlehrwerken auf diesem Gebiet verstreut finden. Gleichzeitig kann man sich des Eindrucks nur schwer erwehren, dass die Epidemie unser Leben nicht so sehr „auf den Kopf gestellt hat”, wie die sprechenden Köpfe im Fernsehen bis zur Ermüdung wiederholen, sondern vielmehr gewisse Prozesse vertieft und offengelegt hat, die schon seit langem im Gange waren.

Das Streben nach Quantifizierung und einer immer größeren Arbeitseffizienz, der Kult der Produktivität, das Setzen auf Rivalität („gesunde Konkurrenz”), und vor allem die „Prekarisierung“ oder geradezu „Uberisierung“ der Arbeit, also der Austausch stabiler Beschäftigungsbedingungen gegen „elastischere“, die sich an einen „sich ändernden Markt“ anpassen. Es ist kaum zu übersehen, dass ein wichtiges Element in all diesen Prozessen eben die Eliminierung der Coffee Joes ist, also die Entfernung der für unproduktiv erachteten phatischen Arbeit.

Diese Veränderungen sind auch in dem Raum gut zu sehen, in dem wir arbeiten. Zwar wuchern schon seit vielen Jahren in Bürogebäuden die Cafés, Gärten, Schaukeln und Hängematten, und die offizielle Doktrin in diesem Bereich lautet seit Beginn des Jahrhunderts: „War das Büro einst ein Ort, an dem Arbeit verrichtet wurde, so ist es im heutigen Informationszeitalter der Ort, an dem Ideen ausgetauscht und Probleme gelöst werden. Deshalb sollte der Büroraum so geplant sein, dass er die Mitarbeiter zu ständiger Kontaktaufnahme und zum Gedankenaustausch ermutigt.“ Und doch führen die oben beschriebenen Prozesse in Verbindung mit dem blitzartigen Anstieg der auf Distanz arbeitenden Mitarbeiter die Organisationen in die entgegengesetzte Richtung.

Die Arbeit von zu Hause aus sei angenehm, heißt es. Wir brauchen heute keine festen Schreibtische mehr, heißt es, von eigenen Arbeitszimmern ganz zu schweigen. Aber wie gewährleistet man, während man ein globales Team aus ständig den Platz wechselnden Mitarbeitern schafft, diesen die gehörige Wissenszirkulation? Wie garantiert man ihnen ein Gemeinschaftsgefühl, und wie verhindert man Isolation und Vereinsamungserfahrung?

Die Pandemie hat uns nicht plötzlich in eine völlig fremde Welt geworfen. Die zwangsweise Einschließung zu Hause hat nur beschleunigt, was ohnehin in Riesenschritten auf uns zukam. Deshalb müssen wir uns unabhängig davon, ob früher oder später ein Impfstoff gegen COVID-19 kommt, der Schlüsselfrage stellen, wer der Coffee Joe des kommenden neuen Zeitalters sein wird?
 
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Ich denke, um auf diese Frage zu antworten, müssen wir bis in die Schule oder wenigstens bis an die Universität zurückgehen. Die Studenten, die heute ihre Bildungsabenteuer beginnen, werden die Pioniere dieses neuen Zeitalters sein. Der kleine Adam, der gerade in die erste Klasse geht, und seine Generation werden bereits die Eingeborenen dieser Ära sein. Die phatische Arbeit findet unablässig in Garderoben und auf den Gängen statt, im Gemeinschaftsraum, in der Mensa und auch, manchmal zum Schrecken der Lehrer, manchmal mit deren Billigung, in den Klassen. Neben dem offenen Lernprogramm, das über Schulbücher vermittelt und in Schulheften notiert wird, hat die Schule noch ein verborgenes Programm, von dem ein beträchtlicher Teil eben durch phatische Arbeit realisiert wird. In ihren „unwesentlichen” Interaktionen lernen Schüler und Studenten eine tiefere Sprache als Polnisch oder Englisch: die Sprache der Alltagsinteraktionen, der Herstellung von Gruppenhierarchien, von Netzen der Kooperation und des Vertrauens, des Wissensaustauschs, der Wissensmitteilung und -speicherung sowie des Wissensausbaus. Nicht alles, was sie lernen, ist schön. Auf dieser Etappe internalisieren die Schüler Klassen-, Gender- und Rassenstereotype; sie lernen Dominanz oder Fügsamkeit.

Hätte ich die Schule umzugestalten, würde ich eben dieser unsichtbaren phatischen Arbeit erheblich mehr Aufmerksamkeit widmen. Was ist zu tun, damit unsere Kinder sie aufmerksamer, empfindsamer und bewusster verrichten? Damit sie imstande sind, zwischenmenschliche Beziehungen zu knüpfen und zu pflegen, voneinander zu lernen und dauerhafte soziale Netze zu schaffen? Damit sie die Coffee Joes und Joans in ihrer Klasse schätzen lernen, selbst wenn sie noch keinen Kaffee trinken? Damit sie ein Bewusstsein für die Fallstricke entwickeln, die mit Diskriminierung und Trennlinien verbunden sind?

Viele Spezialisten betonen die Bedeutung unmittelbarer Interaktionen, die nichts ersetzen wird: der gemeinsamen Streiche, Fußballspiele und Spielplätze. Aber sollten wir angesichts der allmählichen Umgestaltung der Regionalitäten, der Vergrößerung der Mobilität und der Schaffung neuer, globaler Verbindungen schon auf der Schuletappe nicht parallel darüber nachdenken, wie wir den virtuellen Raum nutzen, um klug phatische Arbeit zu führen?

Ich weiß, dass das eine etwas unerwartete Pointe eines Textes ist, der vom gemeinsamen Kaffeetrinken, von Bewohnern der Trobriand-Inseln und tüchtigen Kairoerinnen erzählt, aber ich bin zutiefst überzeugt, dass die obsessive Flucht vor dem Virtuellen ins Reale die Lage nur verschlimmert, weil sie uns blind macht für die neuen Möglichkeiten, die uns der virtuelle Kaffee geben könnte.

Vielleicht ist das eine der Lektionen, die wir aus der Pandemie lernen können? Die Zwangsisolation ist nicht nur eine Chance, uns bewusst zu werden, wie wichtig das Reale war, sondern auch eine Gelegenheit, um das digitale Zusammensein schätzen und besser nutzen zu lernen; um in unseren virtuellen Arbeits- und Wissenschaftsumfeldern auch möglichst viel Platz für das herauszuwirtschaften, was sich offensichtlichen Produktivitätsregimen entzieht. Wenn man koffeinfreien Kaffee trinken kann, kann man auch digitalen trinken. Die Organisationen der Zukunft müssen sich auch den virtuellen Coffee Joes öffnen!
 
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Und noch etwas. Wenn Euch dieser Text gefallen hat, erweist mir einen kleinen Dienst. Grüßt Coffee Joe von mir. Ihr wisst bestimmt, von wem die Rede ist. Wenn Ihr schon in den normalen Arbeits- oder Bildungsmodus zurückgekehrt seid, spendiert ihm einen Cantuccio oder eine Napoleonka. Wenn ihr noch auf Distanz arbeitet, dann schreibt ihm oder ruft ihn an. Denkt daran, dass er es wirklich schwer hat. Schließlich war der Kaffee sein ganzes Leben. Und das größte Geheimnis des Kaffees besteht darin, dass er nie wirklich gut schmeckt, wenn er in Einsamkeit getrunken wird.
 

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