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Freiheit und Medien
Ersetzen Algorithmen den traditionellen Journalismus?

Debatte Freiheit und Medien
© Goethe-Institut Polen

Kann es einen freien Journalismus geben? Wird er lediglich durch repressive politische Systeme eingeschränkt? Inwieweit sind wir in der Lage, aus dem medialen Rauschen zuverlässige, gesicherte Informationen herauszufiltern? Wie können wir gegen das Phänomen der Fake News vorgehen? Im Verlauf der Diskussion im Goethe-Institut Krakau wurden viele Fragen zu den technologischen, mentalen und politischen Aspekten von Medien gestellt.

Von Iwona Haberny

In seiner Einleitung zur Diskussion erklärte Jacek Żakowski, eine freie Medienlandschaft sei die Grundlage jeder demokratischen Ordnung. Gleichzeitig erinnerte er jedoch an Samuel Huntington, der bereits vor einem halben Jahrhundert davor gewarnt hatte, dass der technologische Fortschritt – der dazu geführt hat, dass praktisch jeder seine Meinung in den Medien äußern kann – ihre Glaubwürdigkeit und damit auch die demokratische Ordnung untergräbt.
 

Es gibt keine Demokratie ohne eine funktionierende Medienlandschaft.

Jacek Żakowski

 
  • Jacek Żakowski © Goethe-Institut Polen
    Jacek Żakowski
  • Leonard Novy © Goethe-Institut Polen
    Leonard Novy
  • Seweryn Blumsztajn © Goethe-Institut Polen
    Seweryn Blumsztajn
  • Debatte Freiheit und Medien © Goethe-Institut Polen
    Debatte Freiheit und Medien
  • Debatte Freiheit und Medien © Goethe-Institut Polen
    Debatte Freiheit und Medien
Leonard Novy, Leiter des Berliner Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik, erklärte, es habe in Deutschland in den letzten Jahren eine große Kampagne gegen die „verlogenen Medien“ und gegen „Fake News“ gegeben. Gleichzeitig stellte er jedoch fest, dass es nie zuvor einen so leichten Zugang zu Informationen aus allerbesten Quellen gab: Dank des technologischen Fortschritts finden wir heute problemlos im Internet Analysen und Berichte von Journalisten aus angesehenen Redaktionen in der ganzen Welt. Aber wollen die Menschen diese Informationen auch tatsächlich nutzen? Leonard Novy schätzt, dass der durchschnittliche Europäer nicht bereit ist, für den Zugang zu zuverlässigen Informationen mehr als zehn Euro im Jahr zu bezahlen. Vor allem, weil von überall her eine Flut von kostenlosen Informationen auf ihn einströmt. Novy wies auch darauf hin, dass die derzeit bedeutendsten Informationsquellen Google und die sozialen Medien seien. Diese Mediengiganten seien eine große Redaktion, die durch das Filtern von Informationen einen enormen Einfluss auf das Denken der Menschen ausübt, während ihre Funktionsmechanismen – kontinuierlich veränderte Algorithmen – sich jeglicher Kontrolle entziehen. Lassen sich diese Algorithmen eventuell doch kontrollieren? Und wer soll diese Kontrolle ausüben?
 

Die Erschütterung der Medien ist das Resultat einer ideologischen Erschütterung der Welt. Wir müssen unsere Welt neu ordnen und uns auf ihre fundamentalen Werte zurückbesinnen: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Seweryn Blumsztajn



Seweryn Blumsztajn protestierte gegen die Schaffung von Mechanismen zur Kontrolle der Medien. Auch wenn er selbst einräumte, dass dieselbe Technologie, die es uns erlaubt, die „New York Times“ zu lesen, es Politikern gestattet, Einfluss auf die Wahlen in anderen Ländern zu nehmen. Er erklärte, dass die Menschen seit jeher in den Zeitungen vor allem nach einer Bestätigung ihres eigenen Weltbilds gesucht haben. Ein Leser von „Le Monde“ habe eine andere Mentalität als ein Leser von „Le Figaro“. Heute jedoch sei die Spaltung der Gesellschaft durch die Medien so groß wie nie zuvor. Sie präsentieren unterschiedliche politische und weltanschauliche Optionen, sprechen so unterschiedlichen Sprachen und interpretieren dieselben Fakten auf so unterschiedliche Weise, dass jeglicher Dialog zwischen Menschen, die in solch unterschiedlichen „Medienwelten“ leben, unmöglich sei und die Wahrheit relativ werde. Die einzige Hoffnung darauf, dass diese fragmentierte Welt“ eines Tages wieder zusammenfindet, sieht Blumsztajn in der Schaffung glaubwürdiger, von der Gesellschaft getragener und kontrollierter öffentlicher Medien, die auf den Grundwerten unserer Kultur basieren: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Er wies auch auf die Notwendigkeit des Medienunterrichts an Schulen hin, der den Schülern einen bewussten Umgang mit Medien vermittelt und sie für Manipulationen sensibilisiert.

Jacek Żakowski gab zu bedenken, dass die Medien heutzutage in eine ganz andere Richtung steuern, die eher weniger mit Werten zu tun hat. Auf der einen Seite erleben wir eine zunehmende Usurpation der öffentlichen Medien durch die Politik, auf der anderen Seite eine Verdrängung des seriösen Journalismus durch Laien und Sensationssucher. Die Hierarchien seien verschwommen, und Sensationsmeldungen aus der Regenbogenpresse und den sozialen Medien würden genauso gerne – und vielleicht sogar noch lieber – gelesen und zitiert wie Nachrichten aus seriösen Quellen.
 
Goethe-Institut Polen

Es hilft uns nicht weiter, den Zustand des Journalismus im 20. Jahrhundert zu beklagen. Wir müssen den Journalismus neu erfinden und dabei die technologischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts ausschöpfen.

Leonard Novy

Leonard Novy äußerte sich in diesem Zusammenhang optimistischer. Seiner Ansicht nach befindet sich der Journalismus zurzeit in einer Phase des Übergangs, die mit der Erfindung des Buchdrucks vergleichbar ist. Die Zeit, in der einige wenige Redakteure großer Zeitungen und Chefs von Presseagenturen darüber entschieden, welche Informationen die Menschen in welcher Form erreichten, sei vorbei. Man müsse darüber nachzudenken, wie man die neuen technologischen Möglichkeiten sinnvoll für die journalistische Arbeit nutzen kann. Wahrscheinlich erfordere dies ein neues Konzept von Journalismus, der mehr auf den Dialog und die Nähe zu den Menschen ausgerichtet ist und stärker auf die Beziehung zwischen Journalisten und Lesern setzt. Denn, wie Jacek Żakowski zum Abschluss der Diskussion sagte: Die Journalisten dürfen die Leser nicht hintergehen, ebenso wenig wie die Leser die Journalisten.

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