Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Freiheit und Kultur
Gemeinsamer Raum

Wolność i kultura
© Goethe-Institut Polen

Sind Einschränkungen der kulturellen Freiheit im Namen des Gemeinwohls zumutbar? Warum soll der Steuerzahler eine Kunst finanzieren, die ihm gegenüber kritisch eingestellt ist? Mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigten sich die Teilnehmer der abschließenden Veranstaltung unserer Diskussionsreihe zum Thema Freiheit im Goethe-Institut Krakau, Magdalena Sroka und Jens Hillje.

Freiheit oder Sicherheit?

Jacek Żakowski: Die Beziehung zwischen Kultur und Freiheit stellt uns vor eine dramatische Entscheidung. Wir messen der Kultur eine große Bedeutung bei, doch gleichzeitig ist sie ein potenzielles Instrument der gesellschaftlichen Kontrolle. Sie ist der Klebstoff, der uns als Gesellschaft zusammenhält, es stellt sich jedoch die Frage: Wer rührt diesen Klebstoff zusammen? Die autoritären Regime, die zunehmend an Stärke gewinnen, sagen: „Wir, die Machthaber, entscheiden darüber, was uns miteinander verbinden soll!“.

Seit wann ist diese Tendenz zur Einschränkung der kulturellen Freiheit zu beobachten?

Jens Hillje: Spätestens seit 1979, dem Jahr der Wahl Margaret Thatchers zur britischen Premierministerin und der Islamischen Revolution im Iran. Diese Entwicklung hängt auch mit dem Aufstieg des Neoliberalismus zusammen. Die Globalisierung der Wirtschaft geht Hand in Hand mit einer schärferen Kontrolle der Kultur. Besonders gut gelingt dies Viktor Orbán in Ungarn und Recep Tayyip Erdoğan in der Türkei: Beide liberalisieren die Wirtschaft und versuchen gleichzeitig, mithilfe der Kultur ein bestimmtes nationales Selbstbild zu schaffen. Die Gesellschaften verlangen nach einer Entschädigung für die soziale Verunsicherung, und die Kultur soll ihnen ein Gefühl von Verankerung und Sicherheit geben. Der Stolz, ein Deutscher oder ein Pole zu sein, gibt einem ein gewisses Selbstwertgefühl, unabhängig vom materiellen Status.

Magdalena Sroka: Die Menschen haben gerne das Gefühl, dass sie innerhalb einer Gesellschaft alle einander ähnlich sind, dass sie ein gemeinsames Wertesystem haben. Solche gemeinsamen Räume werden nicht nur durch die Kultur, sondern zum Beispiel auch durch die Verfassung hergestellt. Die Verfassung ist ein wunderbares Beispiel für den Versuch, eine gemeinsame Sprache zu finden, auch wenn diese Sprache unzulänglich ist und nicht alle umfasst, zum Beispiel indem sie die Freiheit bezüglich der Religion und des Geschlechts garantiert, nicht jedoch hinsichtlich der sexuellen Identität. Ich denke, dass wir zwischen Kultur und Kunst unterscheiden müssen: Kultur ist jener „Klebstoff“, der zur Herstellung von Gesellschaft dient, während die Kunst objektiv, unabhängig von ihrer Bewertung existiert. Vielleicht ist also die Kunst und nicht die Kultur der eigentliche Raum der Freiheit.

Kultur? Für mein Geld?

Jacek Żakowski: Viele Menschen üben Kritik an der staatlichen Kulturförderung. Sie sagen: „Wir zahlen Steuern für das Gemeinwohl, doch die Künstler verwenden diese Gelder, um uns zu beleidigen. Warum sollen wir sie dafür bezahlen, dass sie uns kritisieren?“ Gerade die kritische Kunst, die die vorgefundene Wirklichkeit hinterfragt, sieht sich oft diesem Vorwurf ausgesetzt.

Jens Hillje: Aber es wird doch niemand beleidigt! Vielleicht werden manche Menschen in ihrem Empfinden verletzt, aber darauf beruht doch die Freiheit der Kunst. Freiheit bedeutet, dass du verletzt werden und andere verletzen kannst. Selbstverständlich kann man Sicherheit höher schätzen als Freiheit. Aber wenn du erwachsen sein und bewusst am kulturellen Leben teilhaben willst, musst du in Kauf nehmen, dass andere dich möglicherweise verletzen. Der Angriff der Rechten auf die künstlerische Freiheit resultiert häufig aus einem falschen Verständnis von Demokratie als Diktatur der Mehrheit. Eine Demokratie sollte jedoch jedes Mitglied der Gesellschaft repräsentieren, auch – und vielleicht vor allem – die Minderheiten. In einer wirklichen Demokratie sollte jeder, wirklich jeder einen Zugang zur Kunst haben und damit auch zur Diskussion darüber, was künstlerisch und symbolisch ist. Das einzige Theater, das nicht finanziert werden sollte, ist ein leeres Theater.

Wir müssen auch eine Kunst finanzieren, mit der wir nicht einverstanden sind, weil sich darin ein wichtiges Prinzip verwirklicht: Ich finanziere die Freiheit der anderen, um meine eigene Freiheit zu bewahren. Eben dies ist die Grundlage des Gesellschaftsvertrags, das Fundament der Demokratie.

Jens Hillje



Magdalena Sroka: Kunst und Wissenschaft gelten allgemein als die höchsten Formen menschlicher Betätigung, sowohl in intellektueller als auch in ethischer Hinsicht. Deshalb herrscht in demokratischen Gesellschaften der Konsens, dass sie aus öffentlichen Mitteln finanziert werden sollten, weil es in diesen Bereichen ohne Geld nicht möglich ist, etwas Neues zu schaffen. Das Theater und der Film sind besonders kostenintensive Bereiche, deshalb benötigen die in diesen Bereichen tätigen Künstler mehr öffentliche Zuschüsse als andere. Die Kunst ist der sicherste Bereich des gesellschaftlichen Dialogs: Selbst wenn jemand auf der Bühne ermordet wird, dann geschieht dies nur symbolisch. Das Beobachten, das Erleben dieser Emotionen, hält uns davon ab, im wirklichen Leben Böses zu tun. Auf diese Weise wird die Bühne zu einem symbolischen Raum der öffentlichen Diskussion. Die Kunst hat die Kraft, Menschen zu beeinflussen – manchmal genügt schon eine einzige Aufführung, ein einziger Film, um ihr Leben für immer zu verändern. Allein das ist schon ein ausreichendes Argument für die Förderung von Kunst und Kultur.

Wie kann man die Freiheit der Kultur verteidigen?

Jacek Żakowski: Man hat den Eindruck, dass die heutigen Gesellschaften ihre Freiheit vor allem dazu verwenden, die Freiheit der Kunst einzuschränken. Sind wir dieser Entwicklung hilflos ausgeliefert?

Magdalena Sroka: Das Problem ist weitreichender. Wir leben in einer Zeit der Informationsrevolution, und Revolutionen haben in der Geschichte bisher immer zu Krisen geführt, leider in den meisten Fällen zu militärischen Krisen. Der allgemeine Zugang zu Informationen und unser Unvermögen, diese Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, hat heutzutage ganze Gesellschaften dazu gebracht, an ihrer Rationalität zu zweifeln. Das System hat an vielen Stellen Risse bekommen, nicht nur im Bereich der Kultur. Die Frage ist, wie wir mit dieser Informationskrise in Zukunft umgehen …

Jens Hillje: Wir dachten, wir hätten den Kampf gegen die Feinde der Freiheit und der Demokratie bereits gewonnen. In Deutschland sind wir im Augenblick schockiert darüber, dass die antidemokratischen Kräfte erneut in den Bundestag einziehen. Das ideologische Angebot der Nationalisten ist in der Tat attraktiv und rational – jedenfalls aus der Sicht jener, die von diesem Angebot Gebrauch machen. Aber es ist nicht so, dass wir den Kampf bereits verloren hätten: Auch die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 war nicht unvermeidlich. Damals waren die demokratischen Kräfte zu schwach und zu zerstritten. Wir sollten die richtigen Lehren aus der Geschichte ziehen.

Wovor haben die Künstler heutzutage Angst?

Auch die Zuhörer brachten sich lebhaft in die Diskussion mit ein. Zum Beispiel wurde die Frage gestellt, was derzeit die größten Einschränkungen der kulturellen und künstlerischen Freiheit seien.

Jacek Żakowski: Die Situation von Künstlern ist heute völlig anders als vor dem Krieg. Damals gab es eine behördliche Zensur und nur eine geringe Förderung der Kultur durch den Staat. Heutzutage kann man sich nur schwer vorstellen, wie ein Theater ohne öffentliche Zuschüsse funktionieren soll – im Warschau der Vorkriegszeit wurde zum Beispiel das Theater „Ateneum“ von Gewerkschaften finanziert. Welche Gewerkschaft würde heutzutage ein Theater finanzieren? Die wirtschaftliche Zensur ist derzeit ein größeres Problem als die politische Zensur.
 

Es gibt keinen Zensor mehr, der bestimmte Abschnitte aus einem Zeitungsartikel streicht. Aber heute würde dieser Artikel aus wirtschaftlichen Gründen möglicherweise gar nicht erst geschrieben werden.

Jacek Żakowski



Magdalena Sroka: Auch der Konsumismus ist sicherlich ein Feind der Kunst. Die Angst, du könntest möglicherweise kein Geld für deinen nächsten Film oder deine nächste Ausstellung erhalten, spielt, selbst wenn sie unbegründet ist, eine große Rolle. Der Moment, in dem ein Künstler sein Werk aus wirtschaftlichen Gründen selbst zensiert, markiert das Ende der Kunst. Es ist der Moment, in dem wir die Unwahrheit auf die Bühne bringen und uns vom Publikum abwenden.
 

Magdalena Sroka

Kulturmanagerin, von 2015 bis 2017 Leiterin des Polnischen Filminstituts

Jens Hillje

Dramaturg, Ko-Intendant des Maxim Gorki Theaters in Berlin

Top