Future Perfect Ein Modellhaus

Dom pokazowy
Dom pokazowy | © Cohabitat

35 m² Wohnfläche, ein Ständerwerk aus Holz, ein Fußboden aus Hanfbeton, Strohballen in den Wänden und zertifizierte Öko-Holzwolle im Dach. So sieht das ökologische Modellhaus aus, das im Sommer dieses Jahres mit Hilfe von freiwilligen Helfern im Glatzer Kessel erbaut wurde. Man kann es mieten, oder sich von ihm für eigene Projekte inspirieren lassen – die Baupläne werden unter der Lizenz „Creative Commons“ verfügbar sein.
 

Weronika Siwiec, Architektin und Absolventin des Studiengangs Industriedesign der Akademie der Bildenden Künste in Warschau träumte lange davon, etwas Handfestes zu machen. Sie wollte nicht mehr nur andauernd Architekturvisualisierungen erstellen, sondern endlich etwas mit den eigenen Händen erschaffen. Und dadurch andere zum Mitmachen bewegen.

MIT GEMEINSAMEN KRÄFTEN

Weronika Siwiec hatte sich schon lange für ökologische Architektur interessiert und als Mitglied der Stiftung Cohabitat die polnische Ausgabe einer Publikation zum Thema Strohballenbauweise entworfen. Als sie sich die wenigen in Polen errichteten Strohballenhäuser näher ansah, kam sie zu dem Schluss, dass ihre organische Konstruktionsweise nicht mit einer zeitgenössischen Architektur einherging. Also beschloss sie, ihre Bauträume in die Tat umzusetzen: in ein zum Teil durch Crowdfunding finanziertes Graswurzelprojekt. Eine Mitstreiterin im Geiste fand sie in der Architektin Anna Zawadzka, die gleichfalls von der klassischen Architektur enttäuscht war. Anna und ihre Mitarbeiter Mech Build und Jan Dowgiałło erkannten das Potenzial der Idee eines ökologisch gebauten Hauses mit einer ansprechenden, minimalistischen Architektur. „Wir wollten ein Gebäude mit einer modernen Form erschaffen“, erklärt Anna. „Uns gefiel der Gedanke, es allen zu zeigen, dass das überhaupt möglich ist. Dass man in einem Haus leben kann, das nicht aus Hohlblocksteinen besteht.“

 
  •  © Cohabitat
  •  © Cohabitat
  •  © Cohabitat
  •  © Cohabitat
  •  © Cohabitat
  • Initiatoren des Projekts © Cohabitat
    Initiatoren des Projekts
Weronika sammelte 20 000 Złoty von Internetnutzern, Architekten, Mitgliedern des Polnischen Verbands für Ökologisches Bauen sowie von der Familie und von Freunden – und noch einmal doppelt so viel von Sponsoren. Anschließend machte sie sich auf die Suche nach einer geeigneten Location, einem Ort, der mit der natürlichen Schönheit des Strohballenhauses harmonieren und genügend Platz für ein Zeltlager bieten würde. Schließlich sollte das Strohballenhaus von Beginn an mit vereinten Kräften entstehen: nicht nur von engagierten Experten für ökologisches Bauen vom Biohabitat Opole, sondern auch von Workshopteilnehmern, die bereit waren, für die Vermittlung von Fachkenntnissen zum Thema ökologisches Bauen selbst einen Beitrag zu leisten. Nach einigen Unwägbarkeiten entstand das Haus schließlich im Dorf Potoczek, mitten in der malerischen Landschaft des Glatzer Kessels. „Den ganzen Juni und Juli über haben wir die Teilnehmer für die einwöchigen Workshops ausgewählt: Menschen, die bereit waren, sich ein wenig die Hände schmutzig zu machen und viel zu lernen“, erklärt Weronika mit einem schelmischen Lächeln. „Unsere Profis vom Biohabitat haben bereits so viel Erfahrung, dass sie, wenn sie zu dritt auf der Baustelle gewesen wären, z. B. das Verputzen an einem einzigen Tag geschafft hätten“, erzählt sie weiter. Weil sie jedoch gleichzeitig ihre Erfahrungen und ihr Wissen an komplette Laien weitergeben sollten, dauerte es schließlich eine ganze Woche. „Aber es war auch nicht unser Ziel, das Haus so schnell wie möglich hochzuziehen“, erinnert die Initiatorin des Projekts. „Unseren Experten ging es ebenso wie mir vor allem darum, unser Wissen zu teilen.“

DIE RÜCKKEHR ZU TRADITIONELLEN BAUWEISEN

Sechs Wochen lang hatten die aus fünf bis zehn Personen bestehenden Workshopgruppen Gelegenheit, aktiv an der Entstehung des Strohballenhauses mitzuwirken: am Bau des Fundaments mithilfe von Steinen aus einem benachbarten, vor langer Zeit verlassenen Gebäude, an der Errichtung des Ständerwerks aus dem Holz der in dieser Gegend verbreiteten Douglasie und der anschließenden Ausfüllung der Zwischenräume mit gepressten Strohballen – einem Ernteprodukt, das viele bautechnische Vorzüge besitzt: „Strohballen sind leicht erhältlich, äußerst günstig und haben ausgezeichnete Isoliereigenschaften“, erklärt Janek. „Man kann schnell mit ihnen bauen, und wenn das Haus irgendwann einmal verfällt, kehren sie schnell in den natürlichen Kreislauf zurück“, fügt er hinzu. In dem innovativen Modellhaus kamen gleich drei neuartige, ökologisch unbedenkliche Isoliermaterialien zum Einsatz: Stroh, zertifizierte Holzwolle und Hanfschäben – ein Abfallprodukt bei der Hanfverarbeitung, das gemischt mit Kalk und Wasser eine betonartige Substanz ergibt, die schädlingsresistent, feuerfest, leicht, alterungsbeständig und robust ist. Die Wände wurden mit Lehmputz beschichtet, der durch seine Luft- und Feuchtigkeitsdurchlässigkeit ein ideales Wohnklima gewährleistet und zudem hypoallergene Eigenschaften besitzt. All diese Methoden sind etwas „Neues“ für die heutige Architektur, die längst den Kontakt mit der Natur verloren hat. Man sollte nicht vergessen, dass die Menschheit ihre Behausungen seit jeher aus all dem baute, was ihr gerade zur Verfügung stand: aus Holz, Sand, Lehm und Stroh.
 
Nicht immer sind ökologische Lösungen günstiger als das Bauen mit Ziegel, Hohlblock und Styropor. Den Erbauern des Naturhauses im Glatzer Kessel ging es jedoch vor allem um Nachhaltigkeit und das gemeinsame Miteinander. Und auch darum, Alternativen aufzuzeigen: In fast jedem Workshop gab es einen Teilnehmer, der selbst ein vergleichbares Projekt plante. „In gewisser Weise ist es uns gelungen, zum traditionellen Bauen zurückzukehren. Wie auf dem Land, wo man Häuser gemeinsam mit den Nachbarn errichtete, wovon die ganze Gemeinschaft profitierte“, freut sich Weronika. „Wohl kaum jemand wäre der Einladung gefolgt, etwas gemeinsam mit Zement und Styropor zu bauen. Es ist gerade das Maßhalten, das die Menschen anzieht und sie zusammenbringt.“
 
Ab dem Herbst kann man das Naturhaus in Potoczek mieten und sich selbst davon überzeugen, wie es sich in einem funktional ausgestatteten Naturhaus mit 35 Quadratmetern und einer atemberaubenden Aussicht auf die nebelverhangenen Berggipfel so lebt. Und all jene, denen diese Idee gefällt, werden vielleicht schon bald von den Bauplänen und den Erfahrungen von Weronika, Anna und Jan profitieren können.