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Ein »expressionistischer Film«. Zeitgenössische Kritiken

Filmstill aus „Das Cabinet des Dr. Caligari“
Filmstill aus „Das Cabinet des Dr. Caligari“ | © Deutsche Kinemathek

„Es ist der modernste, aktuellste, gewagteste Film, den die Welt je gesehen hat.“ Rezensionen von „Das Cabinet des Dr. Caligari“ aus den 1920er-Jahren
 

Vom »Filmroman« zum Kinofilm

Von Siegbert S. Prawer

Reimann, Warm und Röhrig waren es also, die der von Mayer und Janowitz erdachten Filmhandlung die weltweit als »expressionistisch« gefeierte oder getadelte Form gaben. Hermann Warm hat später beschrieben, wie es dazu kam: »Beim wiederholten Lesen, Auszüge machen und der dekorationstechnischen Durcharbeitung dieses so anders geformten Drehbuchs begeisterte mich die skur­rile Atmosphäre immer mehr und mehr. Ich erkannte, daß man hier in Formge­bung und Gestaltung der Dekorationen ganz von der sonst üblichen naturalistischen Art abweichen mußte. Die Filmbilder, abgewandt vom Realen, müßten eine phantastische, graphische Formgebung erhalten. Die Bilder müßten visionär, alptraumhaft sein. Keine realen Bauelemente durften erkennbar werden, sondern eine dem Thema angeglichene, skurrile Malerei sollte die Leinwand beherrschen. Wenn aber der Film nicht mit den üblichen realen bzw. naturalistischen Bauele­menten ausgestattet werden würde, mußten Maler das Wort, d.h. den Pinsel führen. Ich verständigte darum meine beiden Malerfreunde Walter Reimann und Walter Röhrig, die schon zu verschiedenen Filmen Hintergründe, Bilder und Gobelins für mich gemalt hatten... Bis in die Nacht hinein lasen und diskutierten wir Maler das Drehbuch, sprachen über meine soeben geschilderte Auffassung von dem Stil, den die Dekorationen dieses Films erhalten sollten. Reimann, der bei seinen Bildern die Technik der expressiven Malerei anwandte, drang mit seiner Auffassung durch, daß dieses Thema eine expressionistische Ausdrucksform für Dekor, Kostüm, Schauspieler und Regie haben müsse. Noch in der gleichen Nacht wurden von uns einige Skizzen angefertigt... Nach Möglichkeit wurden die Dekorationen in chronologischer Reihenfolge im Atelier erstellt, um ein leich­teres Arbeiten für den Regisseur zu schaffen und gleichfalls das Hineinwachsen der Darsteller in ihre Rollen zu erleichtern.« [1]
 

Declafilm

„Das Cabinet des Dr. Caligari”, eine Skizze des Filmplakats „Das Cabinet des Dr. Caligari”, eine Skizze des Filmplakats | © Deutsche Kinemathek Man kann sich zu dem neuen Declafilm stellen wie man will, aber eins steht fest: es ist der modernste, aktuellste, gewagteste Film, den die Welt je gesehen hat. Man wird zugeben müssen, daß der Regisseur Robert Wiene die Trennung zwischen Leben und Kunst vollzogen hat. Was dieser Film darstellt, ist restlos stilisiertes Erleben, ist ein Versuch, vom Film aus zur Wirklichkeit eine Stellung zu nehmen, wie es bisher nur die reine Kunst versucht hat.

Das Manuskript scheint mir nicht übermäßig bedeutend, es ist eine Verbesserung Meyrinkscher Novellen, mit einem  überdeutlichen  Schluß.  Das  Wesentliche  ist, daß die Situationen Regisseur, Schauspieler und Maler Gelegenheit geben, eine Atmosphäre photographisch zu verdichten, die bisher nur in anderen Kunstformen widerzuspiegeln möglich war.

Dieser Film will die expressionistische Malerei im Kinoatelier lebensfähig machen. Mit dem Hute in der Hand konstatiere ich, daß eine Firma Hunderttausende für diesen Versuch hingelegt hat, und ich gratuliere den Herren von der Decla, daß dieser Film ein großer künstlerischer Erfolg ist, daß sie Neuland für die Kinematographie erobert haben.

Robert Wiene ist einer der geschmackvollsten und kultiviertesten Filmleute. Er hat die Sache fest in der Hand und hält den Stil streng durch. Gewiß: es ist nicht alles restlos gelöst. Massenszenen in einer expressionistischen Landschaft - das geht nicht. Gesunde plastische Kinder nehmen sich unter diesem Linien- und Strahlenfeuer der Zeichnungen recht seltsam aus. Aber da, wo wenige Menschen in wohlangepaßten Kostümen spielen, ist eine Stileinheit erreicht, an die kein anderer Film heran kann. Ein paar Worte über die Schauspieler. Krauß gibt in sei­nem Professor Kaligari eine Studie, die von Dostojewski ersonnen sein könnte. Ganz ungeheuerlich wie diese Augen faszinieren, wie ein Hinaufrücken der Brille wirkt. Jeder Naturalismus der Bewegung ist streng vermieden: alles Wirkliche ist aus dieser Figur herausgepumpt zum Besten einer höheren Wirklichkeit, die bedeutsamer und wesentlicher als unsere gelebte Welt ist. Auf absolut gleicher Höhe steht Veidt, der einer Vision Fleisch und Blut gibt, wie man sie im Film nie­mals gesehen hat. Grauen und Schwermut verschwistern sich in ihm, ein Blick dieser toten, leeren und doch strahlenden Augen dringt bis ins Herz. Ich muß bekennen, daß die Meisterschaft dieser Darstellung mich zu einem Enthusiasmus hingerissen hat, dessen man im Film selten fähig ist.

Bemerkt werden muß H. H. v. Twardowski, der einem jungen Manne die melan­cholische Eleganz seiner Gestalt lieh und für manche Gebärde eine schöne und ergreifende jünglinghafte Echtheit hat. Lil Dagover ist anmutvoll, aber blaß, schön, aber unpersönlich, schlank glitt sie durch den Film

Dank zu sagen ist dem Malertrio, das die Dekorationen geschaffen hat. Manches ist überstilisiert, manches ist gewaltsam, aber das Wesentliche ist erreicht, die Stil­einheit ist gewahrt. Wundervoll ist der Rundblick über die Stadt: das ist der Ver­such einer neuen Kunst, die wir begrüßen.

Ich möchte das mit einer Einschränkung sagen. Es wäre schrecklich, wenn jetzt eine Lawine von expressionistischen Filmen über uns herübergerollt käme.

Solche Dinge gelingen nur im einzelnen und sind vereinzelt reizvoll. Der Himmel bewahre uns vor einer Schablone, die ganz gewiß unausbleiblich ist. Immerhin ist diese Befürchtung nicht allzu tragisch zu nehmen, da das Verhalten des Publikums nicht darauf schließen ließ, daß es im allgemeinen eine tiefere geistige Beziehung zu diesem bedeutsamsten Film der letzten Zeit gewonnen hatte.

Man darf der »Decla« zu diesem Erfolg aufrichtig gratulieren. Dieser Erfolg ist aber gleichzeitig auch im Hinblick auf die Fusion »Decla-Bioskop« von Bedeutung, denn man darf von ihm aus auf die Pläne schließen, die die Direktion des Konzerns auf der breiteren Basis realisieren wird.

Erstmals erschienen in: Lichtbild-Bühne, Nr. 9, 28.2.1920

  Copyright (die Aussage von Hermann Warm): Deutsche Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen

Copyright (sonstige Texte): Nicht in allen Fällen konnten die Rechteinhaber ermittelt werden. Wir bitten Autoren und Rechtsnachfolger, sich bei der Stiftung Deutsche Kinemathek zu melden (Salvatorische Klausel).

  [1] Hermann Warm: Der Mann, der Caligari baute. In: Film, velber, Nr. 7, 1965, S. 34-37.

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