BIBLIOTHEKEN IN POLEN Von der Leihbücherei bis zum zweiten Zuhause - über die Entwicklung von Bibliotheken

Bibliothek in einem alten Bahnhofsgebäude in Rumia, Projekt: Sikora Wnętrza
Bibliothek in einem alten Bahnhofsgebäude in Rumia, Projekt: Sikora Wnętrza | Foto mit freundlicher Genehmigung von Sikora Wnętrza

Es gibt in Polen fast 10 000 Bibliotheken. Die größte Gruppe unter ihnen stellen die öffentlichen Bibliotheken dar (2015 waren es 8 050), die übrigen setzen sich aus wissenschaftlichen Bibliotheken, pädagogischen Bibliotheken, Fachbibliotheken etc. zusammen. Außerdem besitzen fast sämtliche polnischen Schulen eigene Schulbibliotheken.

Der Staat fördert Institutionen, die Bücher herausgeben oder zugänglich machen: Verlage, Buchhandlungen, vor allem jedoch Bibliotheken. Es existieren zahlreiche Programme zur Förderung von Bibliotheken, die in erster Linie von der polnischen Nationalbibliothek (Biblioteka Narodowa) und dem polnischen Buchinstitut (Instytut Książki) umgesetzt werden. Für die neueste Auflage des nationalen Programms zur Leseförderung, die von 2016 bis 2020 dauern soll, hat der polnische Ministerrat Mittel in Höhe von 435 Mill. Złoty (ca. 104 Mill. Euro) bewilligt. Der Betrag soll in erster Linie dazu verwendet werden, öffentliche Bibliotheken und Schulbibliotheken mit Neuerscheinungen auszustatten, Kindern und Jugendlichen das Interesse und die Freude am Lesen zu vermitteln und die Infrastruktur der polnischen Bibliotheken auszubauen.

Das polnische Buchinstitut vergibt Mittel im Rahmen des Programms „Bibliotheken-Infrastruktur“ des Ministeriums für Kultur und nationales Erbe, mit dessen Hilfe seit 2011 über 350 Bibliotheken in polnischen Gemeinden und Kleinstädten neu entstanden oder modernisiert wurden. Für dieses Projekt wurden Mittel in Höhe von 300 Mill. Złoty (ca. 72 Mill. Euro) bewilligt.

Dank solcher Initiativen bieten heute immer mehr polnische Bibliotheken einen bequemen und nutzerorientierten Zugang zur Kultur. Sie sind nicht mehr nur Orte, in denen man Bücher ausleihen kann, sondern bieten ein breites kulturelles Angebot für alle: sowohl für regelmäßige Nutzer als auch für gelegentliche Besucher, sowohl für jene, die nach einem Ort der Ruhe und Konzentration suchen, als auch für jene, die dort Zeit mit ihrer Familie verbringen wollen. Die Bibliotheken orientieren sich an den Bedürfnissen ihrer Nutzer: Sie nutzen digitale Technologien und haben sich dank einer modernen Ausstattung in Institutionen mit multimedialem Charakter verwandelt (das Förderprogramm „Kraszewski. Computer für Bibliotheken“). Sie verfügen über Kinosäle, Theaterräume oder Musikstudios, sie organisieren Lesungen, Konzerte und Aufführungen, aber auch Robotik-Seminare und sogar kostenlose Rechtsberatungen.

Bei all diesen Veränderungen sollte jedoch darauf geachtet werden, dass die Proportionen gewahrt bleiben und die Bibliotheken in erster Linie ihrer ursprünglichen Funktion als „Büchertempel“ gerecht werden. Diesem Zweck dienen u. a. die 2007 ins Leben gerufenen Buchdiskussionsklubs. Diese Initiative ist eines der wichtigsten Leseförderungsprojekte des Buchinstituts und auch hinsichtlich der Teilnehmerzahlen das landesweit größte seiner Art. Derzeit existieren in Polen über 1 500 Buchdiskussionsklubs, von denen sich etwa 30 Prozent an Kinder und Jugendliche richten.
Manche Bibliotheken nutzen ungewöhnliche Räumlichkeiten, wie zum Beispiel die Bibliothek in Rumia, die aus dem Umbau eines ehemaligen Bahnhofsgebäudes entstand – daher auch ihr Name „Stacja Kultura“ („Kulturbahnhof“). Auch die Stadt Breslau folgt diesem Beispiel und eröffnet derzeit eine Bibliothek in einem alten Bahnhofsgebäude.

Bibliotheken verändern das Gesicht kleinerer Städte und Gemeinden, indem sie besondere architektonische Akzente setzen, wie zum Beispiel die Gemeindebibliotheken im niederschlesischen Czarny Bór und im kleinpolnischen Szynwałd. Diese neuen Gebäude entstehen aus der Überzeugung, dass Bibliotheken sich heutzutage nicht mehr nur über ihre Bestände definieren – es sind attraktive Objekte mit außergewöhnlichen Innenräumen, die als Kulturzentren, Orte der kreativen Entspannung, der Freizeitgestaltung und der Begegnung dienen. All dies spricht für die Wandlungsfähigkeit der polnischen Bibliotheken und ihre konsequente Ausrichtung an den Bedürfnissen ihrer Nutzer.

Auch die Bibliotheken in den polnischen Großstädten verändern sich. In Warschau brechen die Universitätsbibliothek mit ihrem wunderschönen Dachgarten oder auch die Stadtbibliothek an der Ul. Koszykowa sämtliche Besucherrekorde, in Danzig hat sich die Bibliothek Manhattan ausgezeichnet in das gleichnamige Einkaufszentrum eingefügt, in Sopot entstand die Multimedia-Galerie Sopoteka, in der man gemütlich im Strandkorb arbeiten kann, die Stadtbibliothek Oppeln und die Universitätsbibliothek in Kattowitz bestechen durch ihre außergewöhnliche Architektur, und die kürzlich erweiterte Raczyński-Bibliothek in Posen beeindruckt durch ihre geräumigen Innenräume.
Es macht also heutzutage durchaus Sinn, Bibliotheken als ein zweites Zuhause zu betrachten.