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​Aleida Assmann
Heimat – alt und neu

Neue Heimat
Quelle: Wikimedia Commons; Foto: Immanuel Giel; CC BY-SA 3.0

Die Frage nach der Heimat hat etwas mit der individuellen Entwicklung und der gefühlsmäßigen Grundierung der eigenen Identität zu tun. Es gibt Orte, zu denen man eine emotionale Bindung behält, weil dort Grunderfahrungen des Lebens gemacht wurden, die für die eigene Entwicklung bedeutsam, unverlierbar und prägend bleiben.

Von ​Aleida Assmann

An solchen Orten ist das Bewusstsein vom eigenen Werden mit der Erfahrung der Welt untrennbar verschränkt. Ich habe zum Beispiel viele Jahre meines Lebens in ein- und demselben Stadtteil gewohnt und konnte miterleben, wie Bewohner aus- und einzogen, starben und geboren wurden. Das eigene Leben war Teil dieses raum-zeitlichen Umschlagplatzes. Heimat ist ein solcher Platz, wo man viele Häuser und ihre Bewohner kennt, die einen zum Teil noch als Kind kannten und wo man später selbst die Erwachsenen als Kinder vor sich sieht und Geschichten über ihre verstorbenen Eltern erzählen kann. Heimat ist so ein räumlich klar begrenztes transgenerationelles Gedächtnis, wo sich an jeder Ecke überraschend eine Erinnerung zu Wort melden kann. Denn Heimat ist ein Resonanzphänomen. Sie ist der klar definierte Raum, in dem die Wünschelrute unwillkürlicher Erinnerungen ausschlägt. Oder noch kürzer: Heimat ist „der Ort, wo die Erinnerung sich auskennt“. [1] 

Heimat als Gegenbegriff zu Modernisierung

„Heimat“ ist aber nicht nur ein Ort. Es ist auch ein Wort, das wie ein Schwamm viele kulturelle Traditionen und Schwingungen in sich aufgesogen hat. In diesem Sinne ist Heimat auch das Kunstprodukt von Romantikern, die im 19. Jahrhundert Lieder gesungen, Bilder gemalt und Geschichten erzählt haben. Damit haben sie eine kulturelle Grundschicht gelegt, von der Fragmente immer wieder mit aufgerührt werden können wie der Kaffeesatz in einer Tasse. Einiges von dem Kaffeesatz ist nicht mehr anschlussfähig. Dazu gehört das Phantasma von einem ethnischen Volksgeist, die Angst vor dem Fremden oder die Vorstellung einer unberührten und unveränderlichen Natur. Im 19. Jahrhundert wurde „Heimat“ als Kampfbegriff gegen die Modernisierung und Industrialisierung eingesetzt. Der entfesselten Entwicklungsdynamik von Innovation und Fortschritt musste etwas Festes und Zuverlässiges entgegengesetzt werden. In dieser Konfrontation erhielt der Begriff seine Bedeutung von Abschottung und reaktionärer Idylle. Lange Zeit war deshalb, was mit diesem Wort zusammengesetzt war, wie zum Beispiel Heimatliteratur, Heimatkunst, Heimatfilm oder Heimatverein, „schon gerichtet“, wie Burkhard Spinnen einmal schrieb.

Der Heimatbegriff ist ein wichtiges Scharnier zwischen dem Einzelnen und der Gruppe.


Das Wort galt einige Zeit als abgenutzt und unbrauchbar, aber so schnell wird man es nicht los. Es wurde wiederentdeckt und erwies sich dabei als kostbar und unersetzlich. Dafür musste es aber ausgeleert, neu aufgefüllt und neu besetzt werden. Dieser produktive Suchprozess ist gerade in vollem Gange. Denn es ist auch deutlich geworden, dass man auf die Komponenten Emotionalität, Zugehörigkeit und Identität im Heimat-Begriff nicht so einfach verzichten kann. Er drückt Liebe und Bindung gegenüber übergeordneten Instanzen aus, die die einen im Vaterland, die anderen in der Kultur und wieder andere in Natur und Umwelt finden. Der Heimatbegriff ist ein wichtiges Scharnier zwischen dem Einzelnen und der Gruppe. Im politischen Diskurs spricht man gern von „Kitt“, allerdings ist dieser Kitt nicht unbedingt grau, sondern inzwischen ziemlich bunt. Wie bunt dieser Kitt sein darf, ist zur Zeit ein aktuelles Thema. Denn zur Neufassung des Begriffs gehört auch, dass Heimat nicht mehr vorranging für Sehnsucht nach etwas Verlorenem, sondern immer öfter auch für Solidarität steht.

Heimat, Reflexion und Krise

Wo langfristige, selbstverständliche Sesshaftigkeit herrscht und soziale, politische und kulturelle Kontinuitäten nie schmerzhaft unterbrochen wurden, braucht man das Wort Heimat eigentlich nicht, denn was man hat, muss man nicht zum Thema machen. Heimat ist deshalb ein Reflexions-Begriff, der Vergleich, Differenz und Distanz voraussetzt. Es ist ein Fingerzeig auf etwas, das unselbstverständlich geworden, entzogen oder verloren ist, und erst in dieser Dialektik von Verlust und Sehnsucht zur Sprache und zu Bewusstsein kommt. Die Konjunktur des Begriffs zeigt, dass die konkrete Verortung in Raum und Zeit, die wir Heimat nennen, heute immer wichtiger geworden ist, nicht nur, weil sich die Welt rapide verändert, sondern auch, weil die Bewohner der Welt viel stärker in Bewegung geraten sind.

Die neue Aktualität des Heimatbegriffs hängt inzwischen mit einem immer gröber werdenden Bedrohungsdiskurs zusammen. Globalisierung und Migration, so heißt es, führen automatisch zur totalen Entgrenzung und zum Identitätsverlust. Das löst eine diffuse Angst und ein Verlustgefühl aus, wogegen dann ein emphatischer Heimat- und Volks-Begriff aufgebaut und aufgerüstet wird. Dieser Heimatbegriff ist fremdenfeindlich ausgerichtet. Der Fremde kann nur noch als direkte Bedrohung gesehen werden, ganz im Sinne von Carl Schmitts Freund-Feind-Polarisierung, in der der Fremde eo ipso die eigene Existenz in Frage stellt. Auf diese Weise entsteht eine soziale Vertrauenskrise, die ein friedliches Mit- und Nebeneinander, sowie eine Anerkennung von Anderssein untergräbt.
 
Eine ganz neue Qualität bekommt der Begriff Heimat deshalb in Krisenzeiten. Die Härte der Krise haben bisher vor allem die zu spüren bekommen, die ihre Heimat durch Flucht, Vertreibung und Migration verloren haben. Heute aber sind es die Sesshaften, die ihre Heimat durch Zuwanderer bedroht sehen. Tatsächlich kann man die Heimat auch verlieren, ohne sich zu bewegen. Das geschieht zum Beispiel auch, wenn das eigene Land – man denke an den Übergang von der DDR zur BRD – sich plötzlich durch einen politischen Systemwechsel bis zur Unkenntlichkeit verändert.

Heimat, das ist nicht nur Landschaft und Architektur, sondern auch vieles, das man über die Grenzen mitnehmen kann wie Sprache, Geschichten, Gedichte, Gebete, Rezepte, Bilder oder Musik.


Viele jüdische Emigranten, die verfolgt wurden und noch ins Ausland fliehen konnten, haben ihre kulturelle Heimat mitgenommen und weitergepflegt. Der Begriff nahm dabei gegensätzliche Konnotationen an. Für die Migranten bedeutete Heimat Nostalgie und gelebte Utopie, für die Nationalisten, die sie vertrieben hatten, bedeutete Heimat ethnische Homogenisierung durch Bevölkerungsaustausch, Vertreibung, Flucht und Ermordung. In ihren Ländern wurde ein Heimatgefühl aufgebaut, bei dem die früheren Schichten der Geschichte nicht mehr vorkamen und die einstige Vielfalt unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen tief vergessen wurde. Einige Nachgeborene stoßen jedoch durch diese Bleidecke des Vergessens durch und bringen etwas vom Reichtum der früheren Heimat ins Bewusstsein der Bewohner zurück. Denn auch das gehört zur Heimat: Spurensuche, Interesse an den bedeutenden Werken der Kultur, die hier geschaffen wurden, und die Verortung in einer längeren Geschichte. 

Neue Heimat  

Das war der Name einer Baugenossenschaft, die im ausgebombten Nachkriegsdeutschland den Wiederaufbau organisierte, als es galt, zusätzlich 14 Millionen Geflüchteten und Vertriebenen ein Dach über dem Kopf zu bieten. Nach 1989 entstand in den neuen Bundesländern noch einmal eine „neue Heimat“, diesmal durch Sanierung, Abriss und die Rekonstruktion historischer Prachtbauten, was viele der dort Lebenden auch als Verlust ihrer Heimat verbuchten. Seit 2015 ist nach Ankunft einer Million Geflüchteter im Westen wie im Osten wieder der Umbau der Heimat angesagt, diesmal durch Integration von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kulturen in die deutsche Gesellschaft. Tiefgreifende Veränderungen in Richtung einer pluralen Gesellschaft sind ja längst im Gange, deshalb kommt es nun darauf an, diesen Übergang gemeinsam und konstruktiv zu gestalten. Die neue Heimat wird von ihren Bewohner definiert. Sie schaffen diesen Raum des Zusammenlebens gemeinsam, indem sie in der räumlichen Nachbarschaft füreinander einstehen, sich anerkennen, sich gegenseitig ihrer Orientierungen vergewissern und neue Formen des Zusammenlebens erproben. Heimat, das ist nicht nur Landschaft und Architektur, sondern auch vieles, das man über die Grenzen mitnehmen kann wie Sprache, Geschichten, Gedichte, Gebete, Rezepte, Bilder oder Musik. Wie und was davon in der neuen Heimat Platz finden kann, entscheidet sich vor Ort. So oder so ist Heimat immer im Umbau.

[1] Jan Brachmann, In welcher Heimat wollen wir leben? Eine Würdigung des Komponisten und Naturschutzpioniers Ernst Rudorff, FAZ 13. 10. 2018, Nr. 238, Seite 12.  
 
Eine erste und längere Version dieses Beitrags ist in Politik & Kultur 1-2/2019 erschienen.
 

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