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Ziemowit Szczerek
Heimat Frankenstein

Heimat Wetzgau
Quelle: Wikimedia Commons; Foto (Ausschnitt): Kreuzschnabel; Cc-by-sa-3.0

Eine Heimat habe ich, glaube ich, nicht. Wie die meisten Polen bin ich von Ort zu Ort gezogen, von einem Kulturraum zum nächsten.

Von Ziemowit Szczerek

Auch meine Eltern zogen oft um, und meine Großeltern blieben auch nicht immer an demselben Ort. Wenn ich darüber nachdenke, habe ich schon eine Heimat, aber nicht im traditionellen Sinne einer kulturell homogenen Region. Denn darum geht es doch, oder? Um ein Set von kulturellen Merkmalen, das uns vertraut, von Kindheit an bekannt ist, das wir mit der Muttermilch und der Heimaterde aufgesogen haben? Mit diesem Typ Heimat gibt es bei uns ein grundsätzliches Problem.

Meine Heimat ist wie Frankensteins Monster: Sie ist aus unterschiedlichen Teilen, aus nicht zueinanderpassenden Orten zusammengeflickt. Genau wie mein Land, genau wie die meisten Länder in diesem Teil Europas.


Meine Heimat ist wie Frankensteins Monster: Sie ist aus unterschiedlichen Teilen, aus nicht zueinanderpassenden Orten zusammengeflickt. Genau wie mein Land, genau wie die meisten Länder in diesem Teil Europas.
 
Es wäre in der Tat leichter, über den Begriff Heimat zu sprechen, wenn man nicht direkt an der großen europäischen Kriegsautobahn läge, auf der in regelmäßigen Abständen all das entlangrollt, was wir als die eurozentrische Weltgeschichte kennen. Wenn nicht von links, dann von rechts. Wenn nicht Indoeuropäer, Hunnen, Tataren und Russen, dann eben Deutschland, Frankreich und Schweden. Oder natürlich wir selbst. Das Ergebnis ist so oder so dasselbe: Dass jemand, der irgendwo verwurzelt ist, in dieser Gegend die große Ausnahme bildet. Wenn jemand tatsächlich schon „seit Generationen irgendwo lebt“, dann schauen ihn alle an wie ein seltenes Tier: Wie ist denn das so, wenn man von irgendwoher stammt?
 
Genau dasselbe ist es übrigens mit den polnischen Regionen: Masowien, Kleinpolen, Großpolen, Schlesien … Pommern? Das Land – haha – Lebus? Und warum nicht auch die Mark, warum nicht auch Preußen … Livland? Podolien? Lemberg – oder ist das nicht Rotruthenien? Rotruthenien wurde zum Östlichen Kleinpolen und landete plötzlich, wann auch immer, in Niederschlesien. Und das weißrussisch-litauische Vilniuser Gebiet polonisierte sich in der Wäscheschleuder der Geschichte der Ersten Polnischen Republik und wurde anschließend über die ganze Gegend verspritzt: Ihr sowjetisiertes Epizentrum verblieb mehr oder weniger dort, wo es war, wenngleich eher in der Region als in Vilnius selbst, und ihr Inhalt landete in Pommern, das ehemals deutsch, zuvor slawisch, noch weiter zuvor germanisch und noch weiter zuvor weiß der Teufel was war. Und in Großpolen, das zunächst das eigentliche Polen bildete und sich anschließend zu einem paradoxen – weil dem Zentrum am nächsten gelegenen – Randgebiet entwickelte. Allerdings nicht dem polnischen Zentrum, denn das hatte sich zunächst nach Kleinpolen und anschließend in die masowische Provinz verschoben, sondern dem gesamteuropäischen, westlichen Zentrum. Obwohl es aus dessen Perspektive wiederum so provinziell war, dass man es sich gar nicht vorstellen kann.
 
Ich könnte noch lange so weitermachen, vergebt mir.
 
Mehr noch, ich habe mich sogar auf dieses kulturell-historisch-geografische Kuddelmuddel spezialisiert, das für einen Menschen aus einem normalen und stabilen Teil Europas, sagen wir einmal aus Tschechien, Deutschland, Spanien oder Großbritannien, nur schwer zu begreifen ist. Gewiss, aus dem Westen zog man in die Ferne, in den meisten Fällen noch weiter nach Westen, und kolonisierte neue Gebiete: mal irgendwelche Appalachen oder Ozarks, mal irgendein Florida, Paraná, Quebec oder Guyana. Wenn man mal darüber nachdenkt, sind unsere polnischen Regionen diesen Kolonien in gewisser Weise ähnlich: Sie überlagern einander, sie sind alt und gleichzeitig neu, einerseits kulturell unifiziert und andererseits, je nach Provenienz, sehr unterschiedlich.
 
Darüber hinaus sind sie, sicherlich auch aufgrund ihrer Heterogenität, ihrer Instabilität und ihrer Randlage, eher rückständig. Wenn man sich alte Fotografien aus dem 19. Jahrhundert ansieht, zum Beispiel von den Ölfeldern um Drohobytsch, aus der Walachei oder aus dem Donezbecken, dann sieht man auf ihnen dieselben Blockhäuser wie im Wilden Westen, dieselbe Kleidung, dieselben Posen und dieselben Schnurrbärte, dieselben verschmitzten oder würdevollen Gesten, dieselben Reifröcke und dieselben Anzüge. Genau dieselben.
 
Wenn man sich alte Fotografien von Goralen, Walachen, Lemken oder Bojken, Bauern aus Kleinpolen, dem Karpatenvorland oder Masowien ansieht, also Bilder meiner und unser aller Vorfahren, denn der polnische Adel war ebenso ein Produkt dieser Randgebiete wie die polnischen Bauern, dann unterscheiden sie sich in nichts – nicht im Geringsten! – von den Fotografien von Indianerhäuptlingen, die von den vordringenden westlichen Zivilisatoren angefertigt wurden. Unser Fleisch und Blut, aber ein verwestlichtes, globalisiertes: aus Warschau, Krakau, Wien, Prag und Lemberg. Aber im Grund war es dasselbe Phänomen. Nur eben bei uns.
 
Und heute wundern wir uns, dass in einer Zeit, in der die westliche Version von Zivilisation – die im Grunde die gesamte, von ihr kolonisierte Welt neu erbaute – bei uns nicht mehr existiert, dass das, was sie erbaute oder dem sie doch zumindest als Vorlage diente, zusammenbricht und gefühlt eine andere Gestalt annimmt, als jene, die ihre Erbauer ursprünglich vorgesehen hatten. Ich befinde mich gerade im Kiewer Podolien und blicke auf die Jaroslaw-Wall-Straße. Ich sehe Wohngebäude im westlichen Stil, die noch zu Zarenzeiten entstanden, als Russland nicht nur dem Westen nacheiferte, sondern selbst der Westen werden wollte, mal, indem man an den Höfen französisch sprach, mal, indem man zivilisatorische Errungenschaften aus Deutschland ausschlachtete. Und ich sehe, wie all das zusammenfällt, weil in der Stadt keine verwestlichten Baumeister mehr leben, denn die wurden in der Zeit des großen, gegen sie gerichteten Aufstands, zu Sowjetzeiten, abgeschlachtet, sondern nur noch jene, die man bis dahin fotografiert hatte – genau wie die Indianerhäuptlinge, genau wie die Indianer. Leute vom Dorf, Huzulen, Poleschuken. Die sich wegen ihrer Grobschlächtigkeit und ihrer Rückständigkeit geschämt hatten, dafür, dass sie nicht so westlich waren wie ihre verehrten Nachbarn – und gleichzeitig erfüllt waren von einem maßlosen Stolz, von einem mitunter geradezu prolligen Hochmut. Genau wie die Schwarzen in Amerika. Genau wie die ehemaligen polnischen Dorfbewohner, die im 19. Jahrhundert, vor dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere zu Zeiten der Volksrepublik Polen in die Städte zogen. Es ist derselbe Reflex, dieselbe Mischung aus Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn, dieselbe Selbstverachtung und Selbstverliebtheit – und alles in extremer Ausprägung.
 
Aber eigentlich wollte ich etwas über meine Heimat schreiben.
 
Ich selbst stamme aus dem Südosten der gegenwärtigen Landkarte Polens. Auf einer alten Landkarte Polens wäre es der südwestliche Rand gewesen. Aber wie gesagt, wir liegen an der Kriegsautobahn Moskau-Paris via Berlin, hier kann sich alles schnell verändern: die Formen und Bezeichnungen von Städten, Grenzen, Staaten und historischen Narrativen.
 
Ich wurde in Radom geboren. Das gehört eigentlich zu Kleinpolen, obwohl es in der Woiwodschaft Masowien liegt. Und wenn ich sage, dass Radom historisch zu Kleinpolen gehört, dann lachen mich alle aus. Alle: in Kleinpolen, in Masowien und in Radom selbst.

Wenn ich sage, dass Radom historisch zu Kleinpolen gehört, dann lachen mich alle aus. Alle: in Kleinpolen, in Masowien und in Radom selbst.

 
Dabei das ist doch interessant, denn im Grunde ist diese Gegend eine der wenigen Regionen, die stets zu Polen gehörte, solange das Land existierte, und sei es auch nur in rudimentärer Form: als Generalgouvernement unter den Nationalsozialisten, als Herzogtum Warschau oder als Weichselland. Also in dem Land, das ich als „zweites Polen“ bezeichne, jenes mit dem Zentrum in Kleinpolen, denn das „erste Polen“, jenes mit dem Zentrum in Großpolen, wurde unmittelbar nach seiner Entstehung, nämlich bereits im 11. Jahrhundert, vom böhmischen Herzog Břetislav I. niedergebrannt. Egal – wie die Jugendlichen heute sagen. Nevermind.
 
Heute lebe ich in Warschau, also in der Hauptstadt des „dritten Polens“, nach dem Umzug im 16. Jahrhundert. Von hier aus war es halb so weit nach Vilnius, halb so weit zum Meer, zum Zentrum der verwalteten Gebiete. Also ein richtiger Schritt, auch wenn er für Polen den Rückzug in die Provinzialität bedeutete. Aber vielleicht war es das ja wert. Ich habe auch zwanzig Jahre lang in Krakau gelebt, der Hauptstadt des „zweiten Polens“ und darüber hinaus – als wichtigste Stadt des polnischen Galiziens – der Hauptstadt eines alternativen, Nicht-Warschauer Polens. Eines nicht „osteuropäischen“, sondern „mitteleuropäischen“ Polens, das die Verbindung zu Ungarn, Tschechien, Österreich und der Slowakei suchte. Das eher zur Donau als zum Baltikum tendierte. Meine Eltern kommen aus dem Süden. Meine Mutter stammt aus einem merkwürdigen Teil Kleinpolens, der in der Nähe von Krakau liegt, aber das gesamte 19. Jahrhundert über eng mit Russland verbunden war, weil er sich im russischen Teilungsgebiet befand, nicht weit entfernt von der österreichischen Grenze, hinter der alles bereits ganz anders war – und all das ist in dieser Kulturlandschaft bis heute spürbar. Mein Auto habe ich dummerweise mitten in diesem Nirgendwo zu Schrott gefahren, unmittelbar an jener ehemaligen österreichisch-russischen Grenze, die heute nichts und niemanden mehr voneinander trennt, außer vielleicht die Geister der Vergangenheit.
 
Mein Vater wiederum stammt aus Sanok, das einst zu Rotruthenien gehörte, aber bereits vor so vielen Jahrhunderten polonisiert wurde, dass man kaum unterscheiden kann, was irgendwann einmal „russisch“ und was „polnisch“ war. Sein Vater wiederum war der Sohn eines Mannes aus der Umgebung von Kielce, einer ziemlich merkwürdigen, stark hügeligen Region Kleinpolens. Als Soldat der Polnischen Legionen hatte er ein Stück Land im ehemaligen Großfürstentum Litauen erhalten und war dort eine Mesalliance eingegangen: Er hatte in eine alte litauische Adelsfamilie eingeheiratet, die, wie es Sapkowski ausdrückte, „bereits mit Mindaugas gegen die Teutonen gezogen war“. Später marschierte er als Mitglied der Polnischen Streitkräfte in der Sowjetunion die gesamte Kriegsautobahn von Moskau nach Berlin – und anschließend wieder zurück, um mit der Ukrainischen Aufständischen Armee in einem Gebiet zu kämpfen, das von den Polen als Östliches Kleinpolen und von den Ukrainern als Zakerzonia bezeichnet wurde. Und dort lernte er meine Großmutter kennen, die aus Galizien stammte. Oh ja, Oma Janina hatte eine Heimat. Eine anständige, mitteleuropäische, gutbürgerlich-idyllisch-ländliche Heimat, direkt aus den Büchern von Joseph Roth und Bruno Schulz. Oder von mir aus auch von Jurij Andruchowytsch und seiner Tochter Sofija Andruchowytsch. Warum nicht? Auch sie ließen sich in gewissem Maße vom Mythos der Habsburger Belle Époque fortreißen, und dass sie Ukrainer sind, ist in diesem Zusammenhang nur von minderer Bedeutung. Ich bin also väterlicherseits Halbgalizier und fühle mich auch heute noch wesentlich stärker mit – zum Beispiel – dem Lwiwer Künstler Volodymyr Kostyrko verbunden als mit vielen Warschauern. Meine Oma hatte also tatsächlich eine Heimat.
 
Auch die Vorfahren meiner Mutter gehörten zu den seltenen Menschen in Polen, die „irgendwo herkamen“, die seit Jahrhunderten an ein und demselben Ort gelebt hatten, einer Ortschaft mit dem Namen Chechło, in ein und demselben Tal, seit dem Einfall der Tataren – eine echte Bauerndynastie. Sie hatten also auch eine Heimat. Ach ja, im Zweiten Weltkrieg wurden sie von den Deutschen als Untermenschen in deren Land verschleppt und mussten Zwangsarbeit leisten. Meine Tante, die Schwester meiner Großmutter, landete zum Beispiel in Niederschlesien. In einem Ort, der heute zu Polen gehört, obwohl das einzig Polnische an ihm zu jener Zeit eben meine Tante war. Zum Glück begegnete sie dort guten Menschen, die sie an demselben Tisch essen ließen wie ihre Kinder, und die opponierten, wenn ihre Nachbarn meine Tante als „polnische Kuh“ bezeichneten.
 
Und eben daher stamme ich. Aus dieser verworrenen, zusammengeflickten Heimat. Von Warschau, über Radom, bis Krakau, mit Seitenlinien nach Sanok und Chechło. Zwischen dem „pro-russischen“ und dem „pro-österreichischen“ Polen, zwischen zwei Traditionen, die das gegenwärtige polnische Zentrum geprägt haben, eine Region zwischen zwei Hauptstädten, der alten und der neuen. Und ich befinde mich genau dazwischen.  
 

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