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Ein Essay von Viivi Luik
Heimat Europa

Viivi Luik
© Viivi Luik

Fremdsprachigen Lesern zur Erläuterung: Estland und Deutschland gehörten jahrhundertelang dem gleichen Kulturraum an, und der Begriff „Heimat“ hat im Estnischen auch heute noch beinahe dieselbe Bedeutung, die dieses Wort im Deutschen gehabt hat.

Das Wort „Heimat“ („kodumaa“) wird im Estnischen häufig verwendet. Es ist ein vergleichsweise alltägliches Wort, ungefähr so wie „Hallo“ oder „Auf Wiedersehen“ oder uralte Wörter wie „Hand“, „Brot“ oder „Blut“, bei deren Artikulation man nicht an ihr Alter oder ihre Herkunft denkt, sondern sie einfach verwendet.

Vor Urzeiten war die Heimat eines Menschen bekanntlich sehr klein. Das Wort bezeichnete vielleicht ein einziges Dorf oder eine einzige Stadt. Im Laufe der Zeiten hat sich mit der Heimat eine eigenartige Veränderung vollzogen. Sie ist nämlich größer und größer geworden. Allmählich bezeichnete dieses Wort ganze Länder und Territorien, wo man zu ein und demselben Kulturraum gehörte. Wenn man heutzutage von Heimat spricht und sich fragt, was dies für einen Esten oder einen Deutschen bedeuten könnte, kann man darüber nicht sprechen, ohne über ganz Europa zu sprechen.

Wenn jemand fragt, ob man im derzeitigen Zeitalter von Globalisierung und Digitalisierung überhaupt noch sinnvoll von Heimat sprechen kann, so stellt er allein durch diese Frage seine Realitätsferne unter Beweis, denn heute ist die Heimat des Menschen größer als je zuvor. Sie beschränkt sich nicht auf ein Land oder einen Staat, sondern deckt für sehr viele Menschen bereits einen ganzen Kontinent ab. Heimat ist bekanntlich das Gebiet, das wir am besten kennen und durch unser eigenes Wesen ausdrücken, ohne es selbst zu bemerken. Das wir in uns tragen. Es ist kein Zufall, dass Czesław Miłosz einem seiner Bücher den Titel „Geburtsland Europa“ (poln. Rodzinna Europa, dt. „West und Östliches Gelände“) gegeben hat.

Es reicht schon ein Flug nach Australien, Amerika, Afrika oder Asien, um zu begreifen, woher du kommst. Plötzlich ist deine Heimat nicht mehr Estland oder Deutschland, Schweden oder Österreich – beim Aufenthalt in diesen Kontinenten begreifst du, dass deine Heimat Europa ist.
Glücklicherweise. Und bedauerlicherweise.
Glücklicherweise, weil sich deine Heimat als viel größer erweist, als du dachtest, und bedauerlicherweise, weil deine Heimat doch kleiner ist, als du hofftest. Sie beschränkt sich auf Europa. Wenn du aus Europa stammst. Sie beschränkt sich auf Asien, wenn du aus Asien stammst. Sie beschränkt sich auf Amerika, wenn du aus Amerika stammst.

Nun können Sie sagen, das sei eine schematische Vereinfachung, und das ist es auch, denn Wahrheit liebt Einfachheit.

Möglicherweise unterscheidet sich meine Heimaterfahrung von der vieler anderer Esten, weil ich annähernd zwanzig Jahre außerhalb Estlands gewohnt habe, in verschiedenen europäischen Staaten und auch außerhalb Europas, weswegen meine Erfahrung von einer Heimat, die ganz Europa umfasst, sozusagen eine empirische Erfahrung ist. Wenn die Dichterin Rose Ausländer sagt
 
Heute
hier deine Wohnung
morgen dort
und wanderst schon weiter
 
Nur die Heimatstadt
dein nie verbrauchter Besitz
auch im
 
verwandelten Land.

 
dann drückt sie mit diesen Zeilen auch meine Erfahrung aus.
Gleichzeitig kann ich reinen Gewissens eingestehen, dass ich Europa nicht als meine Heimat auffassen würde, wenn ich nicht Estland kennen und lieben würde.

Viivi Luik © Viivi Luik Letztendlich sind alle Fragen des Menschen, auch die Frage nach der Heimat, Fragen der Liebe. Oder deren Abwesenheit. Ein sehr ironisches Paradox: Der Mensch kann nicht ohne seinen Heimatplaneten leben, aber den Planeten als Ganzes lieben kann er auch nicht. Hiervon leitet sich sogleich das nächste Paradox ab: Je mehr Menschen es auf dem Planeten gäbe, die wirklich ihre Heimat lieben würden, desto beschützter wäre der ganze Planet. Es herrscht also in unserer heutigen scheinbar globalisierten Welt ein geradezu himmelschreiendes Bedürfnis nach Heimatliebe.

Mangelnde Liebe kann nicht kompensiert werden durch irgendeine Art von Globalisierung, digitale Vernetzungen oder mobile Dienstleistungen. Denn Hirn und Herz des Menschen sind die Instrumente, durch die die Welt und der Planet unter unseren Füßen entweder zusammengehalten werden, in Splitter zerfallen oder im Müll ersticken. Hier möchte ich aus einem eigenen Essay zitieren:
„Anne Fried, eine österreichische Jüdin, finnische Schriftstellerin, Tübinger Doktor der Philosophie und New Yorker Soziologin, die Sozialarbeit unter Straßenkindern in Harlem geleistet hat, erzählte einmal von einem Ausflug in die Natur, in den Wald, der für Kinder, die noch nie einen Fuß aus New York herausgesetzt hatten, organisiert wurde. Alle Kinder waren zum ersten Mal in ihrem Leben im Wald. Man stellte die größten Erwartungen an diesen Ausflug, aber was tatsächlich geschah, war, dass sich die Kinder, die sich zuhause auf der Straße nicht gerade durch Schüchternheit auszeichneten, nicht aus dem Bus heraustrauten, weil sie Angst vor dem Wald hatten. Viele brachen in Tränen aus, als man ihnen die „Schönheit des Waldes“ zeigen wollte. Nach Meinung dieser Kinder war Harlem mit seinen Kakerlaken, Ratten und seinem Müll schön. Das war ihre Heimat.“

Und noch ein Zitat aus demselben Essay:
„Der Ort, wo ein Kind aufwächst, wird von ihm früher oder später wiederhergestellt. Wenn es in einem Land in größerem Umfang Kinder gibt, die an Müll gewöhnt sind, kann man ziemlich sicher sein, dass dieses Land künftig eine Müllkippe sein wird.“
Von hier gelangen wir unmittelbar zum nächsten ironischen Paradox: Trotz der Tatsache, das Herz und Hirn des Menschen aus sehr leicht zerstörbarem, nicht sonderlich widerstandsfähigem, sozusagen natürlichem Material gemacht sind, sind sie doch mächtiger als jeder bruchsichere Mechanismus oder jedwede geistreich konstruierte Zukunftsvision.

Weil der Mensch sich einbildet, nicht ohne Macht und Geld auskommen zu können, erschafft er sich die Illusion, dass Heimat als solche ein überholter Begriff sei und in der heutigen Welt keinen Platz mehr habe. Unter dem bekannten Leitspruch „Geld kennt kein Vaterland“ hofft er alle seine Probleme zu lösen. Aber er irrt wie immer, denn ein anderer bekannter Leitspruch lautet: „Irren ist menschlich.“
Ist nicht auch das Ablegen des Christentums, das die europäischen Intellektuellen der älteren Generation uns so tief eingebläut haben und das immer schmerzhafter unsere europäische Heimat, d.h. die Heimat des hier in einem gemeinsamen Kulturraum lebenden Menschen, berührt, ein grober Irrtum mit unvorhersehbaren Folgen?

Erlauben Sie mir mit einem weiteren Zitat abzuschließen, es stammt von Angela Merkel:
„... [uns fehlt der] Mut zu sagen, dass wir Christen sind, [der Mut] in einen Dialog einzutreten, ... mal wieder in den Gottesdienst zu gehen, oder ein bisschen bibelfest zu sein und vielleicht auch mal ein Bild in der Kirche noch erklären zu können. Und wenn Sie mal Aufsätze in Deutschland schreiben lassen, was Pfingsten bedeutet, da würde ich mal sagen, ist es mit der Kenntnis über das christliche Abendland nicht so weit her. Und sich dann anschließend zu beklagen, dass Muslime sich im Koran besser auskennen, das find ich irgendwie komisch. Und vielleicht kann uns diese Debatte auch mal wieder dazu führen, dass wir uns mit unseren eigenen Wurzeln befassen und ein bisschen mehr Kenntnis darüber haben. ... Das sage ich als deutsche Bundeskanzlerin.“
 
Aus dem Estnischen von Cornelius Hasselblatt
 

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