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Ivars Ijabs
Die Nostalgie nach Nostalgie

Heimat im Smartphone
Heimat im Smartphone | Quelle: pixabay.com; Foto (Ausschnitt): FunkyFocus

In Zentral- und Osteuropa wurde oft versucht, die persönliche „Heimat“ von außen zu einer Art politischem „Vaterland“ zu machen. Doch heutzutage ist „Heimat“ immer seltener ein Ort auf der Karte. Wir tragen sie mit uns herum, in Form von Smartphones.

Von Ivars Ijabs

Es ist kein Zufall, dass der Begriff „Heimat“ gerade Konservativen zunächst am besten gefällt. Nicht den Reaktionären, nicht den Revolutionären, sondern denen, die die Eingeschränktheit des Lebens und der Erfahrung des Menschen schätzen. Zur „Heimat“ gehört die Fähigkeit, sich zu orientieren, das zuvor Bekannte zu überblicken und zu kennen – das, was uns selbst überlassen ist. Die Heimat ist der vorhersehbare Teil der Welt, in dem man ohne nachzudenken die richtige Kreuzung findet – weil man schon als Kind an der Hand dort spazieren gegangen ist, weil man mit den Mitschülern dort entlanggelaufen ist, weil man dort schüchtern auf seinen ersten romantischen Partner gewartet hat. „Heimat“ ist eine imaginäre Theorie, in der Topografie und Geografie nur der Hintergrund der geistigen und emotionalen Erfahrung des Menschen sind. Es ist ein Bereich der Realität, wo unser Leben in einer imaginären räumlichen Form erstarrt ist. Ein Ort, wo man ohne Erklärungen unsere Sprache und uns selbst versteht, wo alles echter und authentischer, und irgendwie grundlegend „richtiger“ ist als anderswo. In diesem Sinne hat „Heimat“ immer vieles mit dem Leben nach dem Tod gemeinsam, wo ebenso die Aufhebung aller Widersprüche zu erwarten ist und die Verschmelzung mit dem, der dich vollkommen versteht. Aus diesem Grund auch das Unbehagen, wenn wir nach längerer Abwesenheit in die Heimat zurückkehren und mürrisch feststellen, dass sie sich verändert hat. Das darf nicht sein: das Paradies muss unverändert bleiben. Gleichzeitig lässt uns nur das vorhandene Bild der Heimat vollwertig den Rest der Welt erfahren, ähnlich wie die Annahme eines Lebens nach dem Tod dem Leben auf dieser Erde eine neue Bedeutung und Perspektive verleiht. In dieser Hinsicht ist die Heimat der unsichtbare Startpunkt, der es uns erlaubt, uns in die weitere Welt zu begeben. Genau diese anscheinend natürliche Verbindung mit einem Gebiet macht uns einzigartig und befähigt uns somit zu einer vollwertigen Interaktion. Nicht umsonst fragen wir Fremde zuerst, wo sie denn „herkommen“. 

Nicht umsonst gibt es im Lettischen gar keine genaue Bezeichnung für das Land als Heimat (...). Es gibt den Ort, an dem wir geboren sind – dzimtene (Geburtsland).


Der Kategorie Heimat haftete in Zentral- und Osteuropa immer eine gewisse Nervosität an. Historisch wurden die Menschen hier selten einmal sich selbst überlassen und ihnen das Sprechen ihrer Sprache und das Pflegen ihrer kulturellen Normen gewährt. Viel öfter wurde versucht, diese persönliche Heimat von außen zu einer Art politischem „Vaterland“ zu machen, für das man zwar sein Leben lassen durfte, von dem jedoch kein Respekt gegenüber einer Stabilität alltäglicher Erfahrungen eingefordert werden konnte. Hier sind in der Geschichte imperiale Projekte aufeinandergeprallt, von denen jedes auf unterschiedliche Weise mit seiner mission civilizatrice die Alltagserfahrung verkrümmte. Deshalb ist auch die Beziehung zwischen der alltäglichen Erfahrung Heimat und dem politischen Staat problematisch. Nicht umsonst gibt es im Lettischen gar keine genaue Bezeichnung für das Land als Heimat – als Ort, an dem wir zu Hause sind, wo sich unser Zufluchtsort befindet, wo wir dazugehören. Es gibt den Ort, an dem wir geboren sind – dzimtene (Geburtsland). Doch wie die Erfahrung zeigt, heißt die Tatsache, dass man an einem Ort geboren ist, noch lange nicht, dass man sich dort auch zu Hause fühlen kann. Ein Zuhause ist genau deshalb das Zuhause – ein Gebäude, in dem man Zuflucht findet, und kein weitreichendes Gebiet. Daher ist auch „Heimat“ in der Bedeutung der politischen Autonomie hier nur sehr langsam, quälend und widersprüchlich entstanden. Die lettische Heimat war viel öfter unpolitisch – die Heimat als Sprache, als ethnografische Kultur, als Mythologie. 

Im Falle Lettlands war Heimat zunächst sogar ein negativer Begriff: Im 19. Jahrhundert war er mit der Kulturhegemonie der Deutschbalten verbunden, dem gegenüber sich das lettische nationale Erwachen definierte. Die Deutschbalten schlossen jedoch die Letten als „Heimatsgenossen“ in ihre Heimat mit ein – daher musste sich deren Emanzipationsbewegung um jeden Preis einer solchen rein begrifflichen Usurpation widersetzen. So forderten manche ethnische Ideologen die Letten sogar zu einer Emigration aus den baltischen Provinzen auf und propagierten offen das Prinzip „ubi bene, ibi patria“. Viele fanden Marx‘ und Engels‘ bekannte These ansprechend – „die Arbeiter haben kein Vaterland“. Nur schrittweise entstand im Bewusstsein der Letten die Vorstellung eines territorial vereinten Lettlands als Heimat der Letten, in die als in ein „Land des Glücks“ die Schriftstellerin und Dramaturgin Anna Brigadere in einem ihrer Märchen ihren kleinen Helden, Sprīdītis, schicken konnte.

Die Entstehung einer solchen Heimat unterbrach der Erste Weltkrieg und das darauf folgende „Zeitalter der Extreme“ (Eric Hobsbawm), in dem sich kurze Selbstständigkeitsmomente mit Terror und Massenunterdrückung vermischten. Die Letten begannen erst spät und ziemlich widerwillig, ihre Heimat in Begriffen der ethnischen Homogenität zu definieren: dass die Heimat ein Ort ist, an dem nur sie leben dürfen, dass alle anderen hier auf irgendeine grundlegende Weise „fehl am Platz“ sind, dass tatsächlich eine metaphysische Verbindung zwischen einem Stück Erdoberfläche und genau einer, und keiner anderen, ethnischen Gruppe besteht. Man lebt die Erfahrung und die Vorstellung, die jedem Heimatgefühl zugrunde liegt; versucht, diese mit administrativen und polizeilichen Mitteln zu materialisieren. Sie wiederum versprechen das Paradies auf Erden – dasselbe Leben nach dem Tod, das uns schon zu Beginn der Begriff der Heimat versprach.

Die Erben all dieser unterschiedlichen Heimaten sind wir – eine Generation, die nach einem halben Jahrhundert der Okkupation wieder in ihre Heimat zurückgekehrt ist. Diese war weit entfernt von dem imaginären Paradies, das unsere Vorstellungskraft erschaffen hatte. Doch dies war auch eine Möglichkeit, die Heimat selbst zu formen – zu etwas, was wir uns selbst wünschen, wo wir uns gegenseitig und uns selbst am besten verstehen können. Die wiedererlangte Heimat ist in der Tat meistens weit von der imaginären – autoritär organisierten und streng nationalen – Vision entfernt. Sie ist unvollkommen, unhygienisch und nicht immer angenehm. Doch wie es manchmal so ist, führt solch eine Diskrepanz nicht zu einer Annäherung dieser beiden Heimaten. Im Gegenteil, größtenteils grenzen sie sich voneinander ab und isolieren sich. Die schöne Heimat der Vergangenheit schöpft ihre Kraft aus ihrer Irrealität: jeder Hinweis auf die Realien des 21. Jahrhunderts stärkt nur den Widerstand der Vision. Und umgekehrt: Je mehr die Menschen die Unvollkommenheit ihrer reellen, postsowjetischen Heimat erfahren, desto stärker wird ihre Überzeugung, dass eine solche Situation nicht zu retten, unkorrigierbar und unausweichlich ist. Genau diese Kluft zwischen den beiden Heimaten ist möglicherweise das wichtigste Merkmal der geistigen Situation im heutigen Lettland.

Schon jetzt können wir auf Google Street View uns bekannte Orte durchwandern und von so gut wie jedem Ort des Planeten in die „fast echte“ Heimat zurückkehren.


Doch währenddessen schreitet das Leben voran. Der Ort, wo man ohne Erklärungen unsere Sprache und uns selbst versteht, wird immer öfter zu einer Metapher. Er ist immer seltener ein Ort auf der Karte und immer öfter ein Ort im globalen Netzwerk, der uns mit Menschen vereint und uns versteht. Wir tragen unsere Heimat immer öfter mit uns herum, in Form von Smartphones oder Tablets. Es wird immer leichter, dorthin zurückzukehren – wo auch immer ein Internetanschluss besteht, ist es möglich. In Wirklichkeit war ja die Heimat immer ein mit dem Hintergrund eines konkreten Ortes verbundenes kommunikatives Phänomen. Deshalb ist unsere Erinnerung an die Interaktion mit Menschen an einen Ort auf der Karte gebunden – den unseres ersten Rendezvous, den Wohnort unserer Kindheit, unsere erste Schule, das Zuhause unserer Freunde, kurz: die „heimelige“ Umwelt. Wenn wir immer mehr im globalen Netz mit Menschen interagieren, verändert sich auch unsere Interaktionserfahrung. Der physische Ort muss die emotionale Komponente heute mit dem virtuellen Ort teilen: ein Mensch, der hauptsächlich über den Smartphone-Bildschirm mit seinen Freunden kommuniziert, lässt der ihn umgebenden Landschaft weniger Aufmerksamkeit zukommen, den besonderen Kleinigkeiten, die die Erfahrung des konkreten geographischen Ortes ausmachen.

Natürlich wird das physische Zusammensein immer seine Bedeutung haben. Doch die menschliche Interaktion wird zunehmend enträumlicht und die unterschiedlichen physischen und virtuellen Interaktionsformen werden in Zukunft eine neue Symbiose bilden. Schon jetzt können wir auf Google Street View uns bekannte Orte durchwandern und von so gut wie jedem Ort des Planeten in die „fast echte“ Heimat zurückkehren. Die zukünftige Entwicklung verspricht uns hier noch breitere Möglichkeiten: die Heimat wird allmählich zu einem Hologramm, das man bei Bedarf gestalten kann. Somit wird das, was wir zu Beginn geahnt haben, immer deutlicher. Nämlich, dass die Heimat kein Gebiet oder Ort auf der Karte ist. Sie ist ein imaginärer Ort, in den wir unser Bedürfnis nach einem „echten Zuhause“ einlesen, nach dem Ort, von dem wir gekommen sind und zu dem wir sowieso früher oder später zurückkehren werden.

Derzeit sind wir noch auf dem Weg zu dieser Klarheit. Daher können wir, ähnlich wie der Engel der Geschichte von Walter Benjamin und Paul Klee, noch auf eine langsam verschwindende Heimat zurückblicken. Dies wäre für uns, so könnte man sagen, eine Nostalgie nach Nostalgie – ein Sehnen nach der Zeit, als man sich noch nach der Heimat sehnen konnte. Der eine oder andere könnte sich darüber freuen, dass die politische Losung, die durch die mit ihr verbundenen Emotionen zu so viel Blutvergießen geführt hat, in der Vergangenheit verschwindet. Doch bleibt auch immer die wichtige Rolle, die die Heimat bei der Bildung unserer Identität spielt – hier komme ich her, was auch immer dieses Hier im konkreten Fall sein mag.
 
 

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