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Was in kleineren Städten geschieht

Die Klangmühle in Dzierżoniów
Die Klangmühle in Dzierżoniów | © Goethe-Institut; Foto: Christian Ahlborn

Nicht nur große Investitionen können künstlerischen Geist verströmen. Alles hängt von Menschen ab, die in ihre Stadt investieren wollen und auch dann dort bleiben, wenn sie noch nicht in voller Blüte steht. Ein Gespräch mit Dr. Christoph Bartmann, dem Leiter des Goethe-Instituts Warschau.

Katarzyna Bednarczykówna: Vor einem Jahr haben Sie gesagt, dass das „Ortsgespräche”-Projekt des Goethe-Instituts positive Veränderungen in mittelgroßen Städten Polens in Gang setzen solle. Ich möchte gerne wissen, was verändert werden konnte.

Dr. Christoph Bartmann: Das habe ich so gesagt? Wahrscheinlich hatte ich nicht im Sinn, dass sich mit einem Projekt die kulturelle Landschaft in dieser oder jener Stadt verändern lässt. Das war noch nicht einmal unser Ziel. Wir dachten bescheidener. Indem wir die Hauptstadt und die großen Städte verlassen haben, wollten wir unsere eigene Praxis des Kulturaustauschs etwas verändern und erfahren, was in kleineren, uns unbekannten Städten geschieht, kulturell wie gesellschaftlich.

Das Projekt ist zwei Jahre gelaufen, lange also. Dabei ist eine Soundmap von Siemianowice Śląskie entstanden, Gorzów hat eine einwöchige Künstlerresidenz für Kreative aus Polen und Deutschland organisiert, aus den Klängen der Stadt Jaworzno sind Experimentalfilme entstanden, in Słupsk akustische Installationen. Bielawa, Dzierżoniów und Pieszyce haben eine Tonaufzeichnung von der Geschichte der Webindustrie geschaffen, die diese Gegend einmal vorangetrieben hat.

Die Ortsgespräche sind etwas mehr als eine gewöhnliche Produktion von fünf künstlerischen Projekten. Wir haben bei null angefangen. Wir kannten weder die Städte noch ihre Menschen. Wir haben mit einer Rechercheetappe begonnen, wir sind in mittelgroße polnische Städte gefahren, haben Workshops veranstaltet und Daten über eine Stadt gesammelt, um sie besser zu verstehen. Später, in der Produktionsphase, haben lokale Künstler, Kulturmanager und Bewohner in Zusammenarbeit mit deutschen Künstlern daran gearbeitet, Performances zu schaffen. Das Projekt hat an unserem Verständnis von Polen vieles verändert, in unserer Annäherung an die Menschen und auch an die Kulturinstitutionen der sogenannten „Peripherien“ – das ganz sicher.

Wir haben bewiesen, dass das Publikum für ein künstlerisches Nischenprojekt in einer kleineren Stadt nicht notwendigerweise kleiner sein muss als das Publikum für ein ähnliches Projekt in Warschau. In Dzierżoniów war das Interesse so groß, dass wir ein zusätzliches Konzert planen mussten.

Ich denke, dass mit dem Abschlussevent der „Ortsgespräche”, der „Klangmühle” in der Hilbertmühle alle zufrieden waren: die Künstler aus Polen und Deutschland, die Vertreter der lokalen Kulturinstitutionen aus fünf Städten, die Bewohner von Dzierżoniów und wir, das Goethe-Institut. Das Event hat bei uns den Eindruck hinterlassen, dass das Projekt wirklich ein Erfolg war. Wir haben neue Freunde gefunden, mit denen wir auch in Zukunft zu kooperieren hoffen – die Anknüpfung einer dauerhaften Zusammenarbeit scheint uns die logische Konsequenz aller Mühen, die wir investiert haben.

Ich habe den Eindruck, dass den lokalen Kulturanimateuren unsere Herangehensweise an das Thema gefallen hat: sie war offen, ließ viele Freiheiten, und sie haben sich sehr engagiert. Das beste Beispiel sind die Fabrikarbeiterinnen aus Dzierżoniów und Umgebung. Zugleich hatten wir den Eindruck, dass es schwierig ist, in einer kleineren Stadt Kulturmanager zu sein.

Warum?

Seit Jahren schon gibt es viele Faktoren, die das Potenzial von Kulturrepräsentanten und Kulturinstitutionen einschränken. Diese Beschränkungen ähneln sich in Polen, Deutschland und anderen Ländern. Kulturinstitutionen in kleineren Städten werden nicht bezuschusst, es fehlt ihnen an Mitarbeitern und sehr oft an internationalen Kontakten.

Nicht jede kleinstädtische Verwaltung schätzt und achtet den Wert nichtkommerzieller Kultur (natürlich kann es auch einer großstädtischen Verwaltung an Achtung für Kultur fehlen).
Auf der anderen Seite finden wir in Städten mittlerer Größe außergewöhnlich motivierte Leute voller Leidenschaft, die wirklich dafür kämpfen, dass vernünftige und wertvolle Aktivitäten in ihrer Stadt stattfinden. Sie sind nicht so verwöhnt wie die Großstädter, und ich bewundere ihre Ausdauer wirklich.

Welche Ähnlichkeiten gibt es noch zwischen kleineren polnischen und kleineren deutschen Städten?

Wir haben hier wie dort ähnliche demografische Probleme; in deutschen wie in polnischen Kleinstädten nimmt die Einwohnerzahl ab. Die jungen Leute wandern ab und kehren nicht zurück. Wie ich schon erwähnt habe, fehlt es an Geldern für Kultur, es gibt Spannungen und soziale Konflikte.
Wegen der Verwaltungsgliederung Deutschlands, die auf der alten „Kleinstaaterei” beruht, gibt es in fast jeder deutschen Provinzstadt ein Orchester, ein Museum oder ein Stadttheater. In Polen finden wir auch immer ein Kulturhaus, einen Konzertsaal, einen Musikclub oder ein Kino. Es braucht nur Leute die ausreichend kreativ und engagiert sind, um in dieser Infrastruktur neue künstlerische Aktivitäten in Gang zu bringen. Ich glaube sehr daran, dass ein paar fantastische, talentierte Personen die Kultur einer Stadt verändern können.

Knut Aufermann, der künstlerische Leiter der „Ortsgespräche”, hat dazu geraten, die nächste europäische Kulturhauptstadt in Polen zu organisieren und zwar gerade in einer mittelgroßen Stadt, weil dort ein Potenzial schlummere.

Warum nicht? Das wäre ein tolles Aushängeschild für die kulturelle Transformation in einem weniger bekannten, nicht so offensichtlichen Ort. Wahrscheinlich würde ein solches Ereignis einen größeren Eindruck machen und einen besseren Effekt erzielen, als wenn die nächste europäische Kulturhauptstadt in einer Großstadt veranstaltet wird.

Es gibt in Europa Städte, in denen ein besonderes kulturelles Klima spürbar ist. Mir ist das zuletzt in Marseille so gegangen. Klar, das ist keine kleine Stadt, aber mir schien, als habe sie zuletzt eine Metamorphose durchgemacht, dank einer fantastischen neuen Architektur, die einen neuen städtischen Raum für ein breites Publikum geschaffen hat. Aber nicht nur große Investitionen können künstlerischen Geist verströmen; es kann auch etwas Kleineres sein, wie ein Festival, ein engagiertes Theater, ein Kunstmuseum. Und wieder: alles hängt hauptsächlich von Menschen ab, die in ihre Stadt investieren wollen und auch dann dort bleiben, wenn sie noch nicht in voller Blüte steht.
 

Dieser Beitrag erschien erstmals in der Gazeta Wyborcza Nr. 238, vom 11.10.2019, Kultura, Seite 18

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