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Neue Gesichter mit Ideen in einer mittelgroßen Stadt

Die Klangmühle in Dzierżoniów
Die Klangmühle in Dzierżoniów | © Goethe-Institut; Foto: Christian Ahlborn

„Es schien, als seien mit etwas Überzeugungsarbeit in Polen fast alle Objekte zugänglich. In Deutschland und England sind viele anregende Gebäude verriegelt und verrammelt“, sagen die Künstler Knut Aufermann und Sarah Washington.

 

Katarzyna Bednarczykówna: Wie kommt es eigentlich, dass der künstlerische Leiter des Internationalen Festivals für Radiokunst „Radio Revolten“ in Halle, der in London Tontechnik und Klangkunst studiert hat, in eine Mühle in Dzierżoniów kommt und dort ein Konzert macht, das live im New Yorker Radio übertragen wird?

Knut Aufermann: Das Goethe-Institut hat mich vor zwei Jahren zur Zusammenarbeit an den Ortsgesprächen eingeladen, einem Projekt, das Kultur in mittelgroßen Städten mit 50- bis 100.000 Einwohnern fördern sollte. Ohne das eigentlich zu wollen, glaube ich, habe ich das Projekt Richtung Klangkunst geschoben.

Fünf Städte, die an dem Projekt teilgenommen haben, sind unter insgesamt 50 ausgewählt worden. Ich habe die ausgewählten Kulturmanager aus Jaworzno (Kasia Pokuta), Siemianowice Śląskie (Olek Moś), Słupsk (Agata Dyczko), Pieszyce-Dzierżoniów-Bielawa (Dr. Kamila Kamińska) und Gorzów Wielkopolski (Mateusz Rosiński) gebeten, mit den Bewohnern eine Klangermittlung durchzuführen.

Der Klang ist ein inklusives Medium. Wenn man nur anfängt, aufmerksam zu hören, entdeckt man den verlorenen Lärm einer einst industriell geprägten Landschaft, den Klang der Natur, die selbst die urbansten Terrains zurückgewinnt, die Stille eines Flusses, die Geschichten, die ältere Menschen ihren Enkeln erzählen, die Geräusche eines Hauses. Um genau so eine Klanguntersuchung habe ich gebeten und für eine Kooperation deutsche Künstler vorgeschlagen: Frauke Berg, Gunnar Geisse, Udo Noll, Ralf Schreiber und Sarah Washington. Wir haben das letzte Jahr lang gearbeitet.

Die Klangmühle in Dzierżoniów© Goethe-Institut; Foto: Christian Ahlborn

Ist es euch gelungen, die Bewohner dieser Orte einzubeziehen?

Sarah Washington: Ich war in Dzierżoniów, Pieszyce und Bielawa aktiv. Zwischen den Künstlern, den Organisatoren und den Frauen, die früher in der örtlichen Textilindustrie gearbeitet haben, hat sich eine wirklich starke und aufrichtige Beziehung entwickelt. Ich habe in einigen Schulen Workshops abgehalten und die Schüler gebeten, ihre Großmütter zu interviewen, damit diese uns Material liefern. Die lokale Gemeinschaft hat sich engagiert, weil das Projekt auf der Grundlage ihrer Geschichte und ihrer Aktivitäten entstehen sollte. Damit wurden sie zu Ausführenden und Gastgebern zugleich. Sie haben sich künstlerischen Möglichkeiten auf eine Weise geöffnet, die sie früher vielleicht nie erfahren haben. Schließlich haben sie an einer intimen Begegnung mit den Geschichten der Bewohnerinnen teilgenommen, deren Stimmen ein Hauptelement des Programms waren. Als ich das Publikum beobachtet habe, hatte ich den Eindruck, dass es wirklich Freude daran hatte, an etwas so anderem teilzunehmen.

Knut Aufermann: In Dzierżoniów habe ich einen Vorschlag für ein Abschlussevent durchgebracht, das „Klangmühle“ heißt und 13 polnische und deutsche Künstler aus allen fünf Projekten versammelt. Am 28. September findet ein gemeinsames Konzert in der fantastischen Hilbert-Mühle statt, und es wird live von vier Radiosendern übertragen: in Berlin von Radio Aporee, in London von Resonance Extra, in Dartington von Soundart Radio und in New York von WGXC 90.7 FM.
 
Vor einem Jahr habe ich die siegreichen Städte besucht und mit ihren Bewohnern und den Animateuren gesprochen. Kultur wird nicht bezuschusst, die Einrichtungen dort haben ein abgedroschenes Programm und an den Litfaßsäulen hängt Julio Iglesias. Die Avantgarde ist der Untergrund. Höhere Kultur sucht man in Warschau oder Berlin: so ein Stereotyp überwiegt.

Knut Aufermann: Ich frage die Leute gern nach ihren besten Konzerteindrücken, und dann frage ich sie, wie viele Besucher da waren. Für die meisten überschreitet diese Zahl nicht die Einhundert. Solche intimen Erlebnisse kann man in großen und kleinen Städten erreichen, alles hängt von der Vision des Organisators und der Neugier der Rezipienten ab. Die Ortsgespräche waren mehr als nur die Produktion von fünf künstlerischen Events. Ich persönlich hatte das Glück, vier davon zu erleben, und ich habe gesehen, dass sich dort kreative Persönlichkeiten mit offenen Geistern und Ohren versammelt haben, für die eine kleine Stadt nicht bloß ein Ort zum Schlafen und auch nicht bloß ein Sprungbrett für die Abreise in eine größere Stadt ist. Sie wissen, dass das ein Spielplatz voll mit kulturellem Potenzial ist, und sie verstehen es auch, dieses Potenzial zu nutzen. Außerdem denke ich, dass die Einteilung in höhere und niedrigere Kultur heutzutage nicht hilfreich ist.
 
Das heißt?

Sarah Washington: Die Zeit der steifen Strukturen und Kategorisierungen geht dem Ende zu, weil es einen Trend zum Informellen und zur Vermischung der Formen gibt. Ich habe es immer so verstanden: Hohe Kultur bedeutet kanonische Musik, Tanz und literarische oder künstlerische Werke, während niedere Kultur sich auf alle von unten kommenden Ideen und die Popkultur bezieht. Rund um die erstgenannte Form ist viel Snobismus gewachsen, was wahrscheinlich dazu geführt hat, dass die Leute sich von ihr entfernt haben. Aus dem gleichen Grund haben sie Angst, andere, ihnen selbst unbekannte Formen zu erfahren. Sie fühlen sich nicht ausreichend geschult, um sie gebührend zu schätzen.

Deshalb lohnt es sich, die Perspektive umzukehren: wenn die Menschen verschiedenen Kunstformen auf natürliche Weise ausgesetzt werden, ohne dass sie den Eindruck haben, sie müssten vorher etwas darüber wissen oder etwas können, dann finden sie ohne Vorbehalte in die Kunst hinein und stellen fest, dass sie zugänglicher ist, als sie glauben.

Darum ging es bei den Ortsgesprächen, und ich habe den Eindruck, dass wir erfolgreich waren. Die Teilnahme an allen künstlerischen Aktionen war gratis, auch das ist wichtig. Alternative Szenarien erfordern alternative Finanzierungsmodelle. Die Leute konnten sich ein „Risiko“ erlauben und die Konfrontation mit ihnen unbekannten Ausdrucksmitteln versuchen – wenn sie enttäuscht wurden, haben sie zumindest kein Geld dabei verloren.

Das genügt, um in einer mittelgroßen Stadt eine Kultur zu entwickeln, die nicht klischeehaft ist?

Knut Aufermann: Ich habe den Eindruck, dass die gelungenen Kulturaktionen in den Städten, die wir besucht haben, vor allem aus der Kooperation zwischen Kulturzentren und kreativen, energischen Individuen, oft Künstlern, entstanden sind. Dann klappt es. Es kam mir so vor, als sei mit etwas Überzeugungskraft hier praktisch alles zugänglich. Das ist außerordentlich aufregend für Künstler, die ihre Inspiration aus den Orten beziehen, an denen sie arbeiten. Leider sind in Deutschland und England viele inspirierende Gebäude aus verschiedenen Gründen verriegelt und verrammelt.

Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg ist die Offenheit für neue Gesichter mit seltsamen Ideen. Ich denke, wenn man ihrer spontanen Vision (vielleicht ihrer exzentrischen Kunst) erlaubt, aufzublühen, dann eifern lokale Künstler und auch das Publikum ihr nach.

Ein gutes Beispiel dafür, wie ein solcher Mechanismus funktioniert, ist die lange Liste der Weltklassemusikfestivals, die in kleinen deutschen und österreichischen Städten stattfinden, zum Beispiel in Rudolstadt (Volksmusik), Witten (neue Kammermusik), Wacken (Heavy Metal) und Nickelsdorf (Free Jazz).

Sarah Washington: Ich mag es überhaupt, in kleineren Ortschaften zu arbeiten, wo alles einen menschlichen Maßstab hat. Ich wohne selbst auf dem Land. Mir sind kleinere Städte lieber als große, aber sie müssen groß genug sein, um jeden Aspekt der Kultur anbieten zu können. In Großbritannien findet man überall großartige Live-Musik, sogar in kleinen Städtchen, auf Musik fahren die Briten ab. In Polen haben mir Breslau, Gorzów und Słupsk sehr gefallen, und auch meine drei kleinen Städtchen: Pieszyce, Dzierżoniów und Bielawa.

Und kennt ihr ein Städtchen, dass als Beispiel dafür dienen kann, wie man Kultur schafft und fördert?

Knut Aufermann: Esch-sur-Alzette im südwestlichen Luxemburg (35.000 Einwohner) und die benachbarten Gemeinden in Luxemburg und Frankreich haben den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt 2022 erhalten. Jetzt wird dort jede kulturelle Idee im Rahmen der Vorbereitungen auf diese Veranstaltung betrachtet, und jede Ruine und jeder postindustrielle Raum wird unter dem Gesichtspunkt überprüft, wie er sich kulturell nutzen ließe. In Polen wird es die nächste Europäische Kulturhauptstadt 2029 geben, und vielleicht wird es dann eine kleinere Stadt sein.
 
Dieser Beitrag erschien erstmals in der Gazeta Wyborcza Nr. 226, vom 27.09.2019, Rozmowy Zamiejscowe, Seite 22

 

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