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Mittelstädte in Deutschland
Erfolge und Rückgänge

Stadtpanorama von Landshut in Bayern
Stadtpanorama von Landshut in Bayern | Foto: Pixabay; CC0 Creative Commons

Mittelstädte in Deutschland unterscheiden sich stark. Manche blühen, andere schrumpfen. Wo liegen die Erfolgsfaktoren? Entscheidend sind nicht nur die Arbeitslosenquote oder die Lage in Ost- bzw. Westdeutschland. Die Situation von Städten mit 20 000 bis 100 000 Einwohnern analysiert Prof. Dr. Paul Gans.
 

Mittelstädte, Städte mit 20 000 bis unter 100 000 Einwohnern in Deutschland, spielen in der Öffentlichkeit im Vergleich zu Metropolen wie Berlin oder München eine untergeordnete Rolle. Sie bleiben mit ihren Problemen in der Stadtentwicklung weitgehend unbeachtet, obwohl sie für die eigene Bevölkerung wie für die über das engere Stadtgebiet hinaus wichtige Versorgungsaufgaben, zum Beispiel zur Deckung des täglichen wie mittelfristigen Bedarfs der Einwohner, im Gesundheits- und Bildungswesen oder in Angelegenheiten der öffentlichen Verwaltung, übernehmen. In Gebieten mit geringer Bevölkerungsdichte nehmen Mittelstädte auch wichtige Entwicklungsfunktionen als Wirtschafts- und Arbeitsmarktzentren wahr. Diese Bedeutung verringert sich umso mehr, je näher sie zu einer Großstadt liegen und aufgrund dieser Lage das Wohnen an Gewicht gewinnt.

Es gibt gut 100 Mittelstädte in Deutschland, die entweder kreisfrei oder als kreisangehörig einem Landkreis zugeordnet sind. Die folgenden Ausführungen befassen sich mit den gegenwärtig 41 kreisfreien Mittelstädten in Deutschland. In Nordrhein-Westfalen oder Hessen gibt es keine kreisfreien Mittelstädte, während sie in Bayern oder Rheinland-Pfalz infolge des geringeren Umfangs von Gebietsreformen häufiger vorkommen.

Vor- und Nachteile

Die Mittelstädte sind keine homogene Gruppe. Sie unterscheiden sich nach ihrer Größe, Geschichte, ihren städtebaulichen Eigenschaften, kulturellen Angeboten, ihrer ökonomischen Basis oder funktionalen Bedeutung. Diese Differenziertheit verdeutlichen die Universitätsstädte Cottbus, Landau in der Pfalz oder Flensburg, die Residenzstädte Bayreuth mit den Richard-Wagner-Festspielen, Weimar mit Bauhaus-Universität, Hochschule für Musik Franz Liszt, zugleich bekannt für die Weimarer Klassik um Goethe und Schiller, die von Industrie geprägten Salzgitter (Stahl) oder Pirmasens (Schuhindustrie), Schwerin als Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern oder Speyer mit dem Weltkulturerbe des Kaiser- und Mariendoms.

Diese Vielfalt führt zur Frage, welchen Herausforderungen sich die Städte stellen müssen. Einen Einblick dazu gibt ihre Bevölkerungsentwicklung, die mit ihrem positiven oder negativen Trend auf standortspezifische Vor- oder Nachteile wie Lebensqualität oder Arbeitsmarktsituation hinweisen.

Die Einwohnerzahl der kreisfreien Mittelstädte verringert sich von 2000 bis 2015 um 5,2 Prozent. Acht der 41 Städte verzeichnen ein Bevölkerungswachstum, elf eine Abnahme von mindestens 10 Prozent. Das Spektrum reicht von deutlich wachsenden mit der höchsten Zunahme für Landshut (+15,4 %) bis stark schrumpfenden Mittelstädten mit dem stärksten Rückgang für Suhl (-29,7 %). Wodurch unterscheiden sich diese Städte?

Landschaft und Wirtschaft

Mittelstädte mit einem Bevölkerungswachstum von 2000 bis 2015 zeichnen sich durch spezifische Lageeigenschaften aus: Sieben von ihnen liegen in Bayern, fünf davon im landschaftlichen attraktiven Alpenvorland. Die Wirtschaftsstruktur war lange Zeit von Handel, Textil- und Holzindustrie oder die Landwirtschaft geprägt. In neuerer Zeit kam der Tourismus als weitere Säule hinzu. Heute fallen sich die klein- und mittelständigen Unternehmen durch Flexibilität und Spezialisierung ihrer Produktion sowie durch hohe internationale Wettbewerbsfähigkeit auf. Ihre Erfolge basieren auf dem Wissen ihrer Mitarbeiter, die oftmals in den Fachhochschulen vor Ort ausgebildet werden, wie die hohe Zahl von Studierenden auf 1 000 Einwohner belegt.

Die positiven Voraussetzungen für die wirtschaftliche Entwicklung dokumentieren sich in einer mittleren Arbeitslosenquote der acht Städte von 2,7 Prozent im Oktober 2018, die Vollbeschäftigung und Engpässe auf dem Arbeitsmarkt trotz hoher Zuzugsüberschüsse von jungen Erwachsenen aus anderen Teilen Deutschlands anzeigt. So ist auch die Altersstruktur der Bevölkerung in den wachsenden Mittelstädten im Vergleich zu Deutschland von höheren Anteilen der 18- bis unter 30-Jährigen geprägt. Die Zunahme der Einwohnerzahlen hat auch Nachteile zur Folge wie hohe Miet- oder Kaufpreise von Wohnungen, Überlastung der Verkehrswege, von sozialen wie technischen Infrastrukturen oder Freizeitangeboten.

Mittelstädte mit einem Bevölkerungsrückgang von mindestens 10 Prozent von 2000 bis 2015 werden vor allem von 25- bis unter 30-Jährigen aus Arbeitsplatzgründen in andere Regionen in Deutschland verlassen, gefolgt von den 18- bis unter 25-Jährigen, die aus überwiegend bildungsorientierten Motiven einen Wohnungswechsel vornehmen. Universitätsstädte wie Frankfurt/Oder oder Cottbus weisen dagegen eine positive Bilanz für die Altersgruppe von 18 bis unter 25 Jahren auf. Insgesamt ist die Altersstruktur in Mittelstädten mit Bevölkerungsrückgang durch einen unterdurchschnittlichen Anteil junger Erwachsener und einer hohen Bedeutung älterer Menschen gekennzeichnet.

Wirtschaftlicher Strukturwandel

In westdeutschen Mittelstädten sind die Bevölkerungsverluste auf den wirtschaftlichen Strukturwandel, gekennzeichnet von Deindustriali­sierung und Arbeitsplatzabbau, zurückzuführen, so dass gegenwärtig die Arbeitslosigkeit wie in Pirmasens 11,0 Prozent oder in Salzgitter 8,7 Prozent erreicht. In den Mittelstädten Ostdeutschlands sind die Quoten zum Teil deutlich niedriger wie z. B. in Cottbus (6,0 %), Frankfurt/Oder (6,1 %), Schwerin (6,2 %), Gera (8,4 %) oder Suhl (3,8%; alle Angaben für Oktober 2018), trotzdem beträgt die Bevölkerungsabnahme mindestens 14 %. Auffällig ist dieser starke Verlust besonders im Falle der Landeshauptstadt Schwerin mit ihren Funktionen von überregionaler Bedeutung. Ursachen für diese Gleichzeitigkeit von niedriger Arbeitslosigkeit und Bevölkerungsrückgang könnten in wenig attraktiven Stellen (z. B. außertarifliche Löhne), geringe Beschäftigungsangebote für Fachkräfte, klein- und mittelständische Unternehmen mit regionalen Absatzmärkten liegen. Im Falle von Suhl ist Pendeln in die nahe gelegenen bayerischen Arbeitsmärkte denkbar.

Bevölkerungswachstum versus -rückgang erfordern unterschiedliche Konzepte zur Lösung bestehender Herausforderungen der Stadtentwicklung. Anhaltende Schrumpfung als Folge niedrigen Geburtenzahlen und Abwanderung jüngerer Personen im erwerbsfähigen Alter mit guter beruflicher Qualifikation hat Konsequenzen für alle Lebensbereiche in einer Stadt. Die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen sinkt und ändert sich infolge des wachsenden Anteils älterer Menschen, Infrastrukturen werden geschlossen und neue Angebote müssen geschaffen werden, Wohnungsleerstände nehmen zu, Unternehmen finden keine Arbeitskräfte, da solche mit hoher Qualifikation abwandern, Umsatzrückgänge führen zu Betriebsschließungen, die Schere zwischen kommunalen Einnahmen und Ausgaben öffnet sich und schränkt die kommunale Handlungsfähigkeit ein. Fördermittel sind notwendig z. B. zur Stadterneuerung, wie die bauliche und funktionale Aufwertung von Quartieren, zum Stadtumbau, wie die Änderung von Gebäude- und Flächennutzungen, zur interkommunalen Kooperation zum Erhalt zentraler Einrichtungen, z. B. im Bildungs- und Gesundheitswesen.

In wachsenden Mittelstädten stellt Knappheit eine zentrale Herausforderung dar, Engpässe auf dem Wohnungsmarkt und von Siedlungsflächen, fehlende Arbeitskräfte, notwendiger Ausbau von Infrastrukturen, Verkehr, Schulen, Kinderbetreuung oder Gesundheitswesen. Bei der Lösung der Herausforderungen sind ökologische Aspekte wie der Schutz naturnaher Flächen, die Einhaltung der Flächeneinsparziele und Leitbilder wie Innen- vor Außenentwicklung zu beachten.

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