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Kontexte
Vor dem Mikrofon sind alle gleich

Aufnahmen im Mobile Radio-Studio
Aufnahmen im Mobile Radio-Studio | Foto: Sarah Washington

Wie passt das Radio als Ort für flüchtige Kunst in den Kontext der bildenden Kunst, die von fixierten Werken geprägt ist? Um es herauszufinden, nahmen wir auf der São Paulo Biennale eine mehrtägige experimentelle Radiosendung mit Publikumsbeteiligung auf.

Von Knut Aufermann

Die Einladung zur 30. São Paulo Biennale im Jahr 2012 kam überrraschend für Sarah Washington und mich als Radiokunstgruppe Mobile Radio. Die Welt der bildenden Kunst ist geprägt von fixierten Werken und den dazugehörigen gefeierten Künstlerpersönlichkeiten. Wie passt das Radio als Medium und als Austragungsort für flüchtige Kunst in diesen Kontext? Schnell wurde uns klar, dass wir einen Ort des freien Zugangs schaffen wollten, offen für Gäste aller Art.
 
Die São Paulo Biennale in Brasilien ist die zweit-älteste Kunstbiennale der Welt und das größte wiederkehrende Kunstereignis Südamerikas, mit einem riesigen Bau des Architekten Oscar Niemeyer in einem Park der Metropole als zentraler Ausstellungsort. Für uns bedeuteten
100 Tage Ausstellungszeit 2400 Stunden Radio, für die wir zwei Regeln aufstellten:
 
1. Soviel wie möglich des Programms sollte live entstehen
2. Keine Wiederholungen
 
Brasilien hat keine lang zurückreichenden Tradition der Verbindung zwischen Radio und experimentellem Klang wie es zum Beispiel in Deutschland (Studio für elektronische Musik) oder Polen (Studio Eksperymentalne Polskiego Radia) der Fall ist. Aber in der 20-Millionen-Stadt São Paulo gab es viele Interessierte, die sich auf eine neue Art des Radiomachens einlassen wollten. Hilfestellung dabei leistete das Goethe-Institut vor Ort, das zwei Wochen vor Beginn der Biennale zu einer Vorstellung unseres Projekt einlud, bei dem ausdrücklich nach Ideen für unser Programm gesucht wurde. Schon unsere Jingles, gespielt und gesungen in Vierteltonmusik von Jörg Köppl, machten klar, dass es hier nicht um normales Radio ging.

 

  
Vorstellung des Projektes auf der Biennale in São Paulo Vorstellung des Projektes auf der Biennale in São Paulo | Foto: Leo Eloy/Fundação Bienal de São Paulo Von den gut 100 Besucherinnen und Besuchern dieser Veranstaltung fanden sich über die Hälfte in den kommenden Wochen in unserem Studio wieder. Einer der ersten, der sofort reagierte war Julio de Paula, ein Produzent beim öffentlich-rechtlichen Radio in São Paulo. Er schrieb und arrangierte für uns eine Art Radio-Oper über das Leben des Ingenieurs der die erste Radioübertragung Brasiliens im Jahr 1922 ermöglicht hatte. Am Eröffnungstag der Biennale, genau 90 Jahre nach jener ersten Radiosendung, fand dieses Hörspiel statt, komplett mit Sängerin, Schauspieler, Geräuschemacher, DJ und Amateurfunkern. Zum ersten Mal erwies sich die zugangsoffene Architektur des nach unseren Wünschen gebauten Studios als die richtige Wahl: wir öffneten die Wände und ließen das Publikum teilhaben.

Die meisten unsere Gäste hatten allerdings noch nie vorher selber Radio genacht. Dies stellte kein Problem dar, sondern entbund uns von möglichen Hierarchien – vor dem Mikrofon sind alle Menschen gleich. Einmal am Tag kam eine der vielen Schulklassen, die die Ausstellung besuchten, zu uns in Studio und wurde sofort mit in das Programm einbezogen.
 
Eine Schulklasse im Mobile Radio-Studio Eine Schulklasse im Mobile Radio-Studio | Foto: Sarah Washington Auch einige ausgewählte Künstlerinnen und Künstler aus dem Ausland konnten wir einladen bei uns mitzuwirken. Der norwegische Tubaspieler Børre Mølstad nahm seinen Besuch zum Anlass nicht nur die Geräusche des großen Ausstellungsraums durch die geöffneten Wände und Türen des Studios in das Radio einwirken zu lassen, sondern auch aus dem Radio heraus eine Klangkomponente in die Ausstellung einfließen zu lassen. Einen Samstagmorgen setzte er sich mit seiner Tuba vor das Studio auf unserem Zwischengeschoss und begann Tonleitern zu spielen:

 Foto: Sarah Washington
 
Fotos hunderter weitere Gäste in unserer Radiostation, sowie die dazugehörigen Geschichten und Tonmitschnitte sind auf der Mobile Radio Webseite zu finden. Eine der Arbeiten, die Sarah Washington und ich, neben unserer Aufgabe als Studiomanager und Gästebetreuer, beisteuern konnten, ist eine Collage aus Klängen der 100 Tage Mobile Radio in São Paulo, die in der letzten Stunde des Programms gesendet wurde. Sie wird durchzogen von der außergewöhnlichen Stimme von Carolina de Melo, die den Bereich Bildung der Biennale leitete. Obwohl wir wenig portugiesisch verstanden, war sie ein prägender Eindruck der “Stadt des Nieselregens (City of Drizzle)”, wie São Paulo genannt wird.
 
Carolina de Melo Foto: Sarah Washington Am Ende hatten wir es dann geschafft, 2400 Stunden Radio, viel davon live aus dem Studio, und alles ohne eine einizige Wiederholung.
 

 





 

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