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Agata Dyczko
Mit Energie und Enthusiasmus anstecken

Agata Dyczko
Agata Dyczko | © Foto aus Privatsammlung

Ein Interview mit der Theaterregisseurin und Kulturmanagerin Agata Dyczko, der Initiatorin des Projekts „CO NAD SŁUPIĄ?“, der Słupsker Ausgabe der „Ortsgespräche“.

Artur Celiński: Du arbeitest hauptsächlich als Theaterregisseurin, aber für die „Ortsgespräche“ hast du ein Projekt mit einem soziokulturellen Charakter entwickelt. Erzähle uns doch bitte etwas darüber, wie dieses Projekt entstanden ist. Woher kam die Idee dazu?
 
Agata Dyczko: Ich machte Urlaub in der Nähe von Słupsk, und aus der Urlaubsstimmung heraus entwickelte sich bei mir das Bedürfnis, etwas zu tun. Es begann mit einer Bootstour auf der Słupia. Wir fuhren gerade durch Słupsk, und plötzlich fiel mir auf, wie sehr sich diese Stadt, die ich seit meiner Kindheit kannte, verändert hatte. Mir wurde das große Potenzial bewusst, dass in diesem Fluss und den Menschen an seinen Ufern schlummerte.
 
AC: Und das genügte dir, um ein Projekt auszuarbeiten?
 
AD: Es ist noch gar kein komplett ausgearbeitetes Projekt. Es ist eine Idee, die wartet und sich unter dem Einfluss meines Netzwerks von Bekannten in Słupsk allmählich weiterentwickelt. Ich wohne nicht ständig in Słupsk – also erweitert jede neue Begegnung meine Vorstellung von dem, was ich hier machen möchte. Je tiefer ich in die Strukturen dieser Stadt eindringe, desto mehr denke ich darüber nach, wie mein Projekt letztendlich aussehen soll.
 
AC: Hast du keine Angst davor, dass dieser offene Charakter des Projekts und die Einbindung so vieler anderer Menschen, dazu führen könnte, dass dein Projekt schließlich eine ganz andere Wirkung hat, als du dir ursprünglich vorgestellt hast?
 
AD: Davor habe ich überhaupt keine Angst. Als Regisseurin muss ich in jeder Phase meiner Arbeit mein ursprüngliches Konzept hinterfragen. Ich denke auch, dass das sehr wichtig ist. Man muss nur aufpassen, dass man sich von all den wunderbaren Einfällen und spontanen Reaktionen nicht davontragen lässt. Man sollte nie das Konzept aus den Augen verlieren, das einem ursprünglich vorschwebte.
 
AC: Aber wenn du selbst gar nicht sicher bist, wie dein Projekt letztendlich aussehen wird, wie willst du dann andere Menschen dazu bringen, dir zu vertrauen und sich daran zu beteiligen?
 
AD: Vielleicht ja mit meiner Euphorie und meinem Enthusiasmus. Das mag jetzt lustig klingen, aber es ist wirklich so. Die Energie, die ich in meine Projekte stecke. Der Glaube daran, dass es Sinn macht und dass wir Erfolg haben können. Das hilft auf jeden Fall in Gesprächen mit Menschen, die noch nicht von meiner Idee angesteckt sind.
 
AC: Und das funktioniert? Niemand sagt „Die ist ja verrückt! Sie weiß selbst gar nicht, was sie will, aber von uns erwartet sie, dass wir ihr Projekt unterstützen und uns daran beteiligen“?
 
AD: Doch, das kommt vor. Aber das ist auch etwas, was ich während meiner fünfjährigen Ausbildung an der Theaterakademie so oft zu hören bekommen habe, dass es mich inzwischen kalt lässt. Ich versuche auch immer, mich mit Mitarbeitern zu umgeben, die nicht alles anzweifeln, sondern mich bei der Entwicklung meiner Ideen positiv unterstützen.
 
AC: Und wie sieht das aus, wenn du deine Ideen entwickelst? Machst du dir dann ein Paar Notizen, oder …
 
AD: Oh, nein! Nicht nur ein paar! Ich habe einen ganzen Ordner voller Notizen. Mit manchen kann man zwar nach einiger Zeit nichts mehr anfangen, und bei manchen hat man fast den Eindruck, als hätte sie jemand anders geschrieben – weil ich gar nicht mehr nachvollziehen kann, wie ich mir das damals so vorstellen konnte. Aber viele dieser Notizen helfen mir auch bei der Entwicklung eines Projekts. Ich habe gemerkt, dass ich zu Beginn eines Projekts immer so viele Ideen habe, dass ich, wenn ich sie mir nicht sofort alle aufschreibe, hinterher Angst bekomme, ich hätte irgendetwas Wichtiges vergessen. Ich muss mir meine Ideen sehr detailliert aufschreiben, das hat dann manchmal etwas von einem Bewusstseinsstrom. Und erst wenn ich mir dann nach einiger Zeit alle diese Notizen wieder ansehe, bin ich imstande, daraus ein wirkliches Konzept zu entwickeln.
 
AC: Und dann rufst du jemanden an, um ihm von deinem Konzept zu erzählen, und vielleicht gelingt es dir sogar, deinen Enthusiasmus über das Telefon zu vermitteln, aber schließlich hörst du doch den Satz: „Bitte senden sie mir eine E-Mail mit einer kurzen Projektbeschreibung zu.“ Wie sieht so eine Projektbeschreibung dann aus?
 
AD: Auch bei diesem Projekt gab es die Situation, dass wir einen Termin mit der stellvertretenden Stadtpräsidentin von Słupsk hatten und irgendetwas für dieses Treffen vorbereiten mussten. Uns war klar, dass sie nicht besonders viel Zeit für uns haben würde, also mussten wir etwas vorbereiten – zum Beispiel eine kurze Projektbeschreibung.
 
AC: Mich würde sehr interessieren, wie diese Projektbeschreibung genau aussah. Was stand alles auf dem Blatt?
 
AD: Auf jeden Fall erst einmal meine Kontaktdaten.
 
AC: Das ist sicherlich das Wichtigste: Dass jemand weiß, wie er dich erreichen kann, wenn er sich an deinem Projekt beteiligen will. Was noch?
 
AD: Es waren nur drei, wortwörtlich drei Sätze, in denen ich meine Idee kurz dargelegt habe. Mir war wichtig, dass alles auf ein DIN-A4-Blatt passte. Dann folgten konkrete Informationen zu den einzelnen Aktionen und auch ein ungefährer Zeitplan. Also wirklich nur die allernötigsten Informationen.
 
AC: Aber wo ist denn auf diesem DIN-A4-Blatt genügend Platz für den Enthusiasmus, mit dem du die Menschen zu Beginn deines Projekts anstecken willst? Denn man kann ja nicht mit jedem einen Termin vereinbaren – viele potenzielle Partner wollen zunächst eine Projektbeschreibung sehen, bevor sie sich entscheiden, ob sie dich zu einem Gespräch einladen.
 
AD: Ich hatte ja zum Glück die Gelegenheit, direkt mit jemandem zu sprechen, den ich mit meiner Energie anstecken wollte. Die Stadtpräsidentin sagte sogar hinterher auf einer Pressekonferenz, dies sei der Moment gewesen, in dem ihr meine Idee wirklich klar geworden sei. Ich glaube nicht, dass man mit einer Projektbeschreibung allein irgendetwas bewegen kann. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es wenig Sinn macht, einfach nur Projektbeschreibungen zu verschicken, ohne persönliche Gespräche zu führen. Das geht komplett unter. So etwas kann man nach Feierabend gewissermaßen als Hobby betreiben, aber viel Sinn macht es nicht.
 
AC: Aber wie gewinnst du das Vertrauen von Menschen, die sich an deinem Projekt beteiligen sollen? Ich spreche hier nicht von Stadtpräsidenten und potenziellen Sponsoren, sondern von den Menschen, die deine Aktionen gemeinsam mit dir umsetzen sollen.
 
AC: Es hilft auf jeden Fall, wenn man etwas wirklich Tolles anzubieten hat. Selbstverständlich stößt man auch manchmal auf Widerstände, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich ein Projekt umso leichter umsetzen lässt, je konkreter es ist. Es gibt viele Projekte, die nur heiße Luft sind und bei denen am Ende nichts herauskommt. Solche Projekte sind unglaubwürdig. Es ist sehr wichtig, konkret zu sein. Im Augenblick arbeite ich in Katowice an einem Projekt mit blinden und sehbehinderten Menschen, das Kognitionswissenschaft und Technologie miteinander verbindet. Viele Menschen haben mich gewarnt, dass sehbehinderte Menschen solchen Angeboten eher skeptisch gegenüberstehen, insbesondere wenn es um Technologie geht. Es hatte Fälle gegeben, in denen Firmen Blinde und Sehbehinderte zu irgendwelchen Produkttests eingeladen hatten – und hinterher stellte sich heraus, dass sie die Teilnehmer lediglich benutzt hatten, um Fördermittel zu ergattern. Also dachte ich mir etwas anderes anderes aus – mit dem Ergebnis, dass fast alle Personen, die ich kontaktierte, sich bereit erklärten, an meinem Projekt mitzuarbeiten.
 
AC: Wie hast du sie von deinem Projekt überzeugt?
 
AD: Indem ich konkret war und Kontakt zu konkreten Personen suchte. Anstatt eine allgemeine Einladung an, sagen wir einmal, dreihundert Person zu verschicken, wandte ich mich direkt an drei Personen. Hinterher kann man eine solche Gruppe erweitern, aber zu Beginn eines Projekts ist es mir lieber, wenn ich mit einer begrenzten Anzahl von Personen zusammenarbeite. Denn dann fällt es mir leichter, die Teilnehmer davon zu überzeugen, dass wir eine sehr konkrete Motivation haben, miteinander zusammenzuarbeiten, und dass gerade sie sehr konkrete Kompetenzen einbringen, die für die Umsetzung des Projekts äußerst wichtig sind. Das ist eine viel bessere Situation, als wenn man wie wild versucht, jedermann zu animieren und jedermann glücklich zu machen.
 
AC: Wie hast du diese konkreten Personen mit konkreten Kompetenzen gefunden?
 
AD: Ich habe mir da eine eigene Methode erarbeitet. Ich suche nach Anhaltspunkten und nehme dabei auch Umwege in Kauf. Als ich mit dem Blinden- und Sehbehindertenprojekt begann, erinnerte ich mich an meinen Besuch der „Unsichtbaren Ausstellung“ in Warschau, bei der die Führungen ausschließlich von blinden Menschen durchgeführt werden. Ich hatte dort eine junge Frau kennengelernt, die, wie sich herausstellte, genau die Kompetenzen hatte, nach denen ich suchte. Ich rief auch nicht einfach irgendwelche Organisationen oder Blindenverbände an, sondern ging einfach hin. Und dort lernte ich augenblicklich den Administrator der größten Facebook-Gruppe für Blinde und Sehbehinderte kennen. Er stellte mich seiner Chefin vor, und die brachte mich in Kontakt mit einer Bekannten aus Katowice. Das war sehr langwierig, aber auf diese Weise bekam ich direkten Kontakt zu Menschen, die sich künstlerisch weiterentwickeln wollen. Und als ich mich schließlich mit ihnen traf, konnte ich sie tatsächlich mit meiner Energie und meinem Enthusiasmus anstecken.

 
Die Reihe „Instrumentarium“ wurde von Artur Celiński im Rahmen des Projekts „Ortsgespräche“ entwickelt. Sie soll die unterschiedlichen Aspekte der Tätigkeit von Kulturmanagern in Polen darstellen.

 

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