Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Dr. Kamila Kamińska
Wir wollen einfach tolle Sachen machen

Ein Gespräch mit Dr. Kamila Kamińska, der Mitbegründerin des Vereins für Kritische Erziehungswissenschaft sowie der Initiatorin und Koordinatorin zahlreicher Projekte, darunter auch der Projekte in Pieszyce, Dzierżoniów und Bielawa, die wir gemeinsam im Rahmen der „Ortsgespräche“ realisieren wollen.

Kamila Kamińska Kamila Kamińska | © fot. ze zbiorów prywatnych Artur Celiński: Sprechen wir einmal über den Aufbau von Vertrauen. In der Arbeit des Kulturmanagers ist dies, glaube ich, von besonderer Bedeutung. Wie gewinnt ihr das Vertrauen eurer Partner?
 
Kamila Kamińska: Ich glaube an Aufrichtigkeit. Ich denke, dass die größte Stärke meiner Tätigkeit und der Tätigkeit des Vereins für Kritische Erziehungswissenschaft unsere absolute Aufrichtigkeit ist. Ich mag die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite. Wenn wir im Rahmen unseres Projekts Hinterhöfe besuchen, dann begegnen wir den Menschen dort mit Respekt. Schließlich sind wir ihre Gäste. Die Menschen merken das und bieten uns oft ihre Hilfe an. Vor einigen Wochen meldete sich ein alter Bekannter bei mir, den ich in den letzten Jahren ein wenig aus den Augen verloren hatte. Während ich mich mit wissenschaftlichen Projekten und Kulturmanagement beschäftigt hatte, hatte er versucht, möglichst viel Geld zu verdienen. Er ist Vater dreier Kinder und hat das Gefühl, dass es gut für sie wäre, wenn sie einmal eine andere Welt kennenlernten, als die, in der sie bisher gelebt haben. Er würde sich wünschen, dass sie lernen, anderen etwas zu geben – also könnten sie mir vielleicht helfen. Er hatte auch selbst das Bedürfnis, etwas Gutes zu tun, und fragte mich, ob er irgendetwas tun könne. Ich sagte ihm, eigentlich hätten wir alles, was wir brauchen, nur bei den Pierogi hapere es etwas. Wir hatten nämlich keine Projektgelder mehr übrig, um für die Kinder auf einem Hinterhof Pierogi zu kaufen. Er bot mir sofort an, die Pierogi zu besorgen, und wollte mir auch gleich drei seiner Schneiderinnen vorbeischicken, die mir bei den Aktivitäten mit den Erwachsenen helfen sollten. Als ich ihn schließlich fragte, warum er sich gerade an mich gewandt hatte, antwortete er mir, er würde einfach gerne etwas Bedeutsames tun.
 
AC: Dieser Mensch kannte dich bereits von früher. Kam es auch schon einmal vor, dass du dich an jemanden um Unterstützung wenden musstest, der euch überhaupt nicht kannte, der gewissermaßen „in einer anderen Welt lebte“?
 
KK: Ich wende mich an niemanden.
 
AC: Warum? Weil du es nicht nötig hast?
 
KK: Ich glaube, das ist einfach nicht mein Charakter. Weißt du, wir machen überhaupt keine Crowdfunding-Aktionen. Wir wollen einfach tolle Sachen machen. Und wir hoffen, dass sie toll genug sind, dass die Menschen von sich aus an ihnen teilhaben wollen. Wenn die Leute sehen, wie in Lwówek eine Gruppe Musiker gemeinsam mit einer Schar Menschen auf einen Hügel geht, um dort im Licht der Glühwürmchen Posaune zu spielen, dann wollen sie einfach dabei sein.
 
AC: Hattest du schon einmal Probleme damit, die Menschen, mit denen du diese tollen Sachen machen wolltest, zum Mitmachen zu bewegen?
 
KK: Geht es dir um die Rezipienten? Also zum Beispiel um die Bewohner der Hinterhöfe, die wir besuchen?
 
AC: Genau. Wie gewinnt ihr das Vertrauen der Teilnehmer?
 
KK: Wir arbeiten sehr viel mit Schulen zusammen. Wir haben nur ein einziges Kriterium: Es muss dort eine tolle Lehrerin oder einen tollen Lehrer geben. Oft handelt es sich dabei um Bekannte – oder Bekannte von Bekannten. Und weil ich große Achtung vor der Arbeit von Lehrern habe, bezahlen wir sie grundsätzlich für ihre Mitarbeit. Ich erwarte von keinem Lehrer, dass er sich nur aus missionarischem Eifer an unseren Projekten beteiligt. Wir sind uns bewusst, dass unsere Projekte für sie einen zusätzlichen Zeitaufwand und eine zusätzliche Belastung bedeuten. Mit diesem Ansatz gewinnen wir das Vertrauen der Lehrer, und durch sie auch das Vertrauen der Schule und der lokalen Gemeinschaft. Wir arbeiten grundsätzlich nach dem Win-Win-Prinzip. Und zwar nicht nur im übertragenen Sinne. Erst vor Kurzem haben wir ein Projekt im Bereich Ethno-Intervention realisiert. Ich rief also die Rektorin einer Dorfschule an, erklärte ihr das Konzept, erzählte, was wir genau machen wollten, und versuchte, sie zur Mitarbeit zu bewegen. Sie sagte, das klinge alles super, aber ihr fiele gerade ein, wir hätten doch irgendwann mal Exkursionen nach Breslau organisiert, und sie würde ihre Schüler auch gerne einmal in eines der Breslauer Museen schicken. Ich sagte, okay, und wir nahmen die Exkursion in das Projekt auf. Das war einfach ein offener Umgang miteinander. Es ist wichtig, dass die Teilnehmer sagen, was sie von einem Projekt erwarten.
 
AC: In diesem Fall hatte die Win-Win-Situation also eine sehr konkrete Dimension. Aber es ist ja nicht jedes Mal der Fall, dass die andere Seite so konkrete Bedürfnisse hat – oder es gibt niemanden, der sie äußert. Wie überzeugt ihr zum Beispiel die Bewohner der Hinterhöfe, die ihr im Rahmen eurer Projekte besucht?
 
KK: Man muss Dinge tun, die die Menschen normalerweise nicht tun. So etwas finde ich großartig. Einmal hatten wir eine Volontärin, eine italienische Studentin, die mit den Kindern auf einem Hinterhof Tiramisu gemacht hat. Einfach so: Tiramisu. So etwas macht man nicht jeden Tag. Oder zum Beispiel Wachsmalerei. Normalerweise malt man mit Bunt- oder Filzstiften. Welchen Spaß soll es den Kindern machen, wenn sie mit uns etwas tun sollen, was sie zu Hause jeden Tag machen? Ich bin keine Künstlerin und muss mir viele Dinge selbst erst aneignen. Aber schließlich kann man alles im Internet finden kann. Es ist nicht schwierig, ein Schattentheater zu bauen. Aber das sind genau die Dinge, mit denen du die Menschen zum Mitmachen bewegen kannst. Du bringst ihnen irgendein Thema mit, etwas Ungewöhnliches, etwas Interessantes. Das motiviert.
 
AC: So einfach ist das also?
 
KK: Nein. Es ist unterschiedlich. Einmal kam es auf einem Hinterhof zum Beispiel zu der folgenden Situation: Wir hatten eine Woche lang mit den Kindern zusammengearbeitet, und als es am letzten Tag recht laut wurde, erschien plötzlich eine stark angetrunkene Frau in einem der Fenster und begann, uns ganz fürchterlich zu beschimpfen. Ich hatte schon Angst, sie könnte eine Flasche nach uns werfen, denn die Schimpferei wurde immer schlimmer. Ich überlegte, ob wir die Veranstaltung nicht besser abbrechen sollten. Oder ob wir die Polizei rufen sollten ...
 
AC: Und was macht man in einer solchen Situation?
 
KK: Du hast mich zu Beginn gefragt, wie es mit Unterstützung aussieht. Dann pass jetzt mal auf: Auf demselben Hinterhof hatte uns bereits zuvor ein Nachbar ausgeholfen und uns eine Leiter geliehen. Denn wenn wir zum Beispiel nach Wałbrzych fahren, dann haben wir viele Sachen nicht dabei, die wir brauchen. Wir haben also keinen Strom oder eben auch keine Leitern. Ich muss also die Anwohner um Hilfe bitten. Das ist wichtig, denn dadurch verändert sich ein wenig meine Rolle. Ich bin nicht mehr die schlaue Frau von der Uni, die kommt, um ihnen zu helfen, sondern ich bin auch auf ihre Hilfe angewiesen. Auf diese Weise entsteht eine partnerschaftliche Atmosphäre – manchmal mit unerwarteten Folgen. Zum Beispiel in diesem Fall mit der betrunkenen und schimpfenden Nachbarin. Ich musste überhaupt nichts tun. Denn kurz darauf lehnte sich eine andere Frau aus dem Fenster und forderte die erste Frau – Kryśka hieß sie – mit nicht minder drastischen Worten auf, sie solle uns gefälligst zufriedenlassen, „weil die Kinder super viel Spaß haben!“ Das beruhigte die ganze Situation. Und so etwas ist einfach toll, weil dir dann bewusst wird, dass du nicht nur mit den Kindern zusammenarbeitest, sondern durch die Kinder auch mit den Eltern. Wenn die Eltern wissen, dass ich mich die ganze Woche über mit ihren Kindern beschäftige, dass wir tolle Sachen zusammen machen, dann sollte diese Kryśka eben einfach mal die Klappe halten. Auch auf diese Weise entsteht Vertrauen. Wir tun gemeinsam etwas für uns und arbeiten gemeinsam darauf hin. Das muss immer spürbar sein.
 
AC: Du sagst das so, als wäre es nicht selbstverständlich.
 
KK: Das ist es auch nicht. Weißt du, einmal hatten wir eine ähnliche Situation wie mit dieser Kryśka aus Wałbrzych. Das war auf einem Hinterhof in Breslau. Wir kamen einen Tag vor Beginn des Projekts dort an, um sämtliche Bewohner zu informieren. Wir hatten Kekse dabei und gingen von Tür zu Tür. Wir erklärten, wir würden gerne mit ihren Kindern zusammenarbeiten und wir wären dankbar für ihr Verständnis, weil auch mal lauter werden könnte und so weiter. Am nächsten Tag begannen mit unserem Projekt, und es wurde tatsächlich etwas lauter. Da lehnte sich plötzlich eine Frau aus dem Fenster und machte lautstark ihrem Unmut Luft – sie fing an zu schreien, es fielen Schimpfwörter. Ich ging dann am Abend zu ihr hin, ich hatte einen Kaffee dabei und wollte mich bei ihr entschuldigen. Schließlich kamen wir ins Gespräch. Und rate mal, wer uns hinterher seine Steckdose zur Verfügung gestellt hat, als wir mit den Kindern das schon erwähnte Tiramisu machen wollten. Eben diese Frau. Ich habe keine Ahnung, ob ich so super überzeugend war, aber es funktionierte. Man denkt oft, gegenseitiger Respekt sei nur so eine Floskel. Aber wir sollten als Kulturmanager niemals vergessen, dass wir nicht bei uns zu Hause sind. Wir müssen uns den Menschen vorstellen, ihnen erklären, was wir machen und warum es auf ihrem Hinterhof etwas lauter werden könnte. Das kann für manche Menschen ein echtes Problem darstellen. Ich denke, dass viele Projekte bereits auf dieser Ebene des gegenseitigen Respekts scheitern. Nach dem Motto: Wir bieten euch Gesindel Kultur frei Haus, und ihr seid noch nicht einmal dankbar dafür, sondern beschwert euch noch über den Lärm!



 
Die Reihe „Instrumentarium“ wurde von Artur Celiński im Rahmen des Projekts „Ortsgespräche“ entwickelt. Sie soll die unterschiedlichen Aspekte der Tätigkeit von Kulturmanagern in Polen darstellen.

 

Top