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Anders, das heißt spezifisch, aber mit Potenzial

Der Workshop beim Nicht-Kongress für Kulturanimateure, der Anfang April in Posen stattfand, ermöglichte uns, zum ersten Mal Gemeinschaften aus mittelgroßen Städten zu fragen, wie das Kulturschaffen aus ihrer Perspektive aussieht. Dieses Wissen wird uns bei der Ausschreibung für Kulturprojekte helfen, die im Juni starten wird.
Ein Bericht

Was sind „Ortsgespräche“? Während des Eröffnungsworkshop beim Niekongres Animatorów Kultury in Poznań sprechen Veranstalter und Teilnehmer über die Ansätze, Ziele und das Programm des Projekts.
An unsere ersten Workshops sind wir mit der Frage herangegangen, wie man in Städten mittlerer Größe lebt und kreativ ist. Wir haben Antworten gesucht, die nicht nur die am Anfang unseres Projekts „Ortsgespräche“ stehende Neugier befriedigen, sondern uns auch helfen, die Grundsätze der Zusammenarbeit zu formulieren, die wir schon im Herbst beginnen wollen, wenn wir fünf kulturelle Projekte realisieren.  Ein wichtiger Kontext für unser Gespräch war eine Analyse der Polnischen Akademie der Wissenschaften, der zufolge mehr als die Hälfte der 255 mittelgroßen Städte in Polen von Marginalisierung und Krisenerscheinungen bedroht sind. Besonders alarmierend klingt eine auf demografische Indikatoren gestützte Prognose, nach der diese Städte in naher Zukunft bis zu 40 Prozent ihrer Bewohner verlieren könnten.

„Hier passiert nichts“

Die Teilnehmer unseres Workshops, von denen die meisten eben in solchen mittelgroßen Städten wohnen, haben eingeräumt, dass es einige Fragen gibt, die man als Problem ansehen kann. Zu den wichtigsten Nennungen zählten das Fehlen von Ideen dieser Städte für ihre eigene Entwicklung und das begrenzte Potenzial, das sich aus dem Wegzug der begabtesten Bewohner dieser Städte erklärt. Betont wurden auch das niedrige Niveau der öffentlichen Debatte sowie das nicht ausreichende gesellschaftliche Engagement. Wichtig war ferner der Hinweis auf eine emotionale Krise, die durch die gängige Praxis befördert wird, Probleme nicht zu lösen, sondern „unter den Teppich zu kehren“ oder  Ideen aus dem sog. Zentrum zu kopieren. Häufig ist die Überzeugung anzutreffen, dass „hier nichts passiert“.

Der Workshop beim Nicht-Kongress in Posen Der Workshop beim Nicht-Kongress in Posen | Foto: Konrad Szpindler Nicht retten. Besuchen!

Im Laufe der Workshops sind wir zu dem Schluss gelangt, dass die mittelgroßen Städe nicht der Rettung bedürfen, sondern Besuche brauchen, welche die hermetische Abgeschlossenheit durchbrechen und die Schwierigkeiten überwinden helfen, die einem Eingeständnis bestehender Probleme im Wege stehen. „Rettung“ ist ein schlechtes Wort, zumal der Ansatz der „Retter” selbst die Situation verkomplizieren kann. Die mittelgroßen Städte brauchen ein Nachdenken über ihre Lage, doch sollten sie dies vor allem aus eigener Kraft bewerkstelligen, bei inhaltlicher und emotionaler Unterstützung ihrer Partner. 

Bemerken wir uns gegenseitig

Wesentlich ist auch, dass die mittelgroßen Städte sich selbst wahrnehmen. Denn sie stehen häufig vor ähnlichen Herausforderungen und können gemeinsam nach Möglichkeiten zu ihrer Bewältigung suchen. Allerdings hat schon ein kurzes Spiel, in das wir die Teilnehmer unserer Workshops verwickelt haben, gezeigt, wie wenig die Bewohner mittelgroßer Städte übereinander wissen. Dies hat uns zu der Überzeugung geführt, dass Personen, Gruppen oder Institutionen, die mit uns gemeinsam kulturelle Projekte realisieren, einander unbedingt besuchen sollten.

Anders, aber wie?

Diese Treffen werden deshalb so wichtig sein, weil unsere Teilnehmer der Meinung sind, dass es auf unsere Ausgangsfrage keine einfache Antwort gibt. Es ist nicht so, dass sich in mittelgroßen Städten leichter oder schwerer leben und Kultur schaffen lässt. Ganz sicher aber ist es anders. Hermetisch abgeschlossene Milieus, mangelnde Öffnung nach außen und eine eher instrumentelle Handhabung von Kultur durch die Entscheidungsträger erschweren kulturelle Aktivitäten, die nicht in bekannte Schablonen passen. Ein großer Pluspunkt sind dafür die in diesen Städten um ein Vielfaches stärkeren sozialen Beziehungen und Nachbarschaftsnetzwerke, die oft die Umsetzung auch anspruchsvollster Ideen erleichtern.
 
Die von uns in Posen geführten Ortsgespräche haben uns nicht nur geholfen, die Spezifik der mittelgroßen Städte besser zu verstehen, sondern uns auch gestattet, den nächsten Schritt dabei zu tun, unsere Einladung zur Zusammenarbeit bei der Realisierung kultureller Projekte zu formulieren. Schon im Juni wird das Goethe-Institut mit der Anwerbung tongestützter kultureller Projekte beginnen, also zum Beispiel mit Musik, mit dem Radio, dem gesprochenen Wort oder den Klängen der Stadt. Wir wollen, dass diese Projekte das Wesen der „Besonderheit“ der jeweiligen Stadt berühren, die lokale Gemeinschaft zum Handeln engagieren und einen Erfahrungsaustausch mit anderen Milieus und Städten erlauben. Deshalb ist es wichtig für uns, Kriterien für eine Kooperation zu schaffen, die dabei helfen, das lokale Potenzial „anders“ als bisher freizusetzen.

Das nächste Treffen findet in Jaworzno statt

Zur weiteren Suche einer Definition von „anders“ begeben wir uns in zwei mittelgroße Städte und organisieren dort die nächsten Workshops. Der erste wird am 21. Mai im Teatr Sztuk/Kunsttheater in Jaworzno stattfinden. Einzelheiten dazu erscheinen schon bald auf unserer Seite; unterdessen laden wir auf unser Facebookprofil ein, wo Ihr die aktuellsten Nachrichten über das Schicksal der „Ortsgespräche“ findet.

 
Nicht-Kongress für Kulturanimateure

Poznań
9.-10. April 2018

Workshop: Wie führt man „Ortsgespräche“ zwischen Kreativen und Gemeinschaften, die in mittelgroßen Städten leben?
  
 
 

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