Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Gorzów Wielkopolski
Aus dem Safe im Stadtbad raucht’s

Gorzów Wielkopolski
Gorzów Wielkopolski | © Goethe-Institut

Gorzów ist als städtischer Raum sehr anregend, die Frage ist nur, wie man das Schöne interpretiert. Wir sehen in diesem Chaos, das sich nach außen zeigt, jede Menge Inspirierendes.

Von Katarzyna Bednarczykówna

Der Weg vom Bahnhof zum Stadtbad sollte eigentlich eine Viertelstunde dauern, aber das kommt nicht hin. Das Stadtzentrum ist eine Baugrube, weil hier die längste Rampenbrücke Europas instandgesetzt wird. Ich gehe drum herum, die Leute wirken, als seien sie auf Tabletten, aber dafür komme ich am Jesus aus Świebodzin vorbei – an mehreren sogar! –, die in den Schaufenstern der Geschäfte ihre Arme ausbreiten, den Blick nach Gorzów Wielkopolski gewandt.

Vor dem Krieg hat das Stadtbad mit einem 25-Meter-Becken, 27 Badewannen und acht Duschkabinen zum Schwimmen ermuntert. Jetzt ist das Becken abgedeckt, und es stehen Pingpongtische darauf.

Rechts vom Eingang befindet sich das alte Kassenhäuschen: ein Fenster und ein enger Raum in einer Zimmerflucht von der Breite eines Wartesaales. Im Zentrum dieses Raumes gibt es hinter Glas ein kleines Zimmer mit Grammophonen und Hängematten. Auf Regalen und in Kisten sind Vinylschallplatten, Kassetten und CDs, es läuft Musik, und das Ganze ist mit Tüpfelfarn dekoriert. Insgesamt vielleicht 40 Quadratmeter. Das ist der Sejf (zu Deutsch: Safe), ein Raum, der sich einer genauen Definition entzieht.

  • Gorzów Wielkopolski © Goethe-Institut
    Projektkünstler zu Besuch in Gorzów Wielkopolski
  • Gorzów Wielkopolski © Goethe-Institut
    Projektkünstler zu Besuch in Gorzów Wielkopolski
 

In den Hängematten wird Offenheit gelehrt

Die Facebook-Seite des Sejfs vom 8. August: „Adrian Chmielewski – Sänger und Gitarrist aus der Umgebung von Gorzów. Sein Hauptgenre ist Screamo/post-hardcor, gemischt mit einem Blackgaze-Chapel-Sound, wie man ihn aus dem amerikanischen Deafheaven oder dem dänischen Møl im Projekt Panic Forest kennt. Hier wird er indessen sein akustisches Debüt geben, allerdings mit Elementen der oben genannten Genres.“

Ein Post vom 9. August: „Piotr Tkacz kommt aus Posen und spielt zusammen mit Mateusz Rosiński dj set von verschiedenen Trägern. Da gibt’s was zum Tanzen, was zum Abhängen und für alle etwas. Ihr Auftritt wird 24 Stunden dauern, mit Spielen und Unterhaltung, interessanten Diskussionen und etwas Gutem zum Essen. Das wird nett.“

„Es stimmt schon: was wir machen, ist für das Publikum nicht immer leicht zu verarbeiten“, erklärt ruhig Mateusz Rosiński, der DJ, der hier arbeitet. Wir sitzen an der Wand, die Hängematten hinter uns, und ein Geruch von gebranntem Holz durchzieht die Luft. „Aber die Reaktionen des Publikums hier sind gut. Ich will keine großen Worte gebrauchen, aber wir lehren hier wohl Offenheit für Neues.“

Eine scheußliche, aber schöne Stadt

Im Sejf sitzen über ein Dutzend Leute auf Stühlen oder auf dem Fußboden. Gerade so am Leben, erzählen sie, dass sie früh am Morgen das Festival Dym – zu Deutsch: Rauch – beendet hätten, das sie selbst ins Leben gerufen haben. Diesmal ist dort unter anderem der Posener Künstler Wojciech Bąkowski aufgetreten.

„Wir sind von hier“, sagt Rosiński, „den alle nur „Ros“ nennen. „Vor ungefähr zehn Jahren habe ich Fabian kennengelernt, er ist auch DJ. Als sie das Schwimmbad zugemacht haben, ist eine Wechselstube an die Stelle des Kassenhäuschens getreten. Vor zwei Jahren ist der Betreiber umgezogen, und die Kasse wurde versteigert. Wir haben dann beschlossen, hier ein offenes Künstleratelier zu schaffen.“

„Nicht in Posen?“ frage ich.

„Gorzów hat förmlich danach geschrien“, mischt sich Niedźwiedź ein, der im selben Gebäude den Club Magnetoffon betreibt. „Ich habe drei Jahre in Irland gesessen und mich überflüssig gefühlt, weil es alles gab, Kneipen, Stars. Hier war nichts. Seit ich zurück bin, habe ich einen Haufen Arbeit.

„Da sitzt Michał“, zeigt Ros, und Michał nickt. „Er studiert auf der Akademie für schöne Künste in Krakau, und mir gefällt, dass er weggegangen ist, um sich weiterzuentwickeln, aber gerne zurückkommt. Er malt und fotografiert, im Sejf hängen seine Bilder. Er will gar nicht weg und alles vergessen“, erklärt er. „Gorzów hat diese Besonderheit, dass es scheußlich und schön zugleich ist. Fünfzig Meter von hier haben wir einen Wald im Zentrum. Solche Kontraste wirken sich positiv auf unsere Kreativität aus. Die Hälfte der Performer auf dem Dym sind einheimische Künstler, die überhaupt keine Komplexe haben.“

Julia hat ihr Off-Theater und führt im Safe Schauspiele auf: „Dieser Raum ist sehr anregend, die Frage ist nur, wie man das Schöne interpretiert. Denn wir sehen in dem Chaos, das sich nach außen zeigt, jede Menge Inspiration.“

Eine Disco Polo-freie Bühne

„Seid ihr viele?“
Gelächter.
„Zählen wir? Ania, Kaśka, Romek...“
Niedźwiedź: „Es gibt eine Gruppe von Leuten, die schon in den neunziger Jahren in Gorzów aktiv war. Damals waren das tatsächlich nur ein paar Verrückte. Jetzt kann es schon mal vorkommen, dass zu einigen Veranstaltungen hundert, hundertfünfzig Leute kommen.“

Mit den einheimischen Künstlern arbeitet Hania Błauciak zusammen, die Direktorin des Städtischen Kulturzentrums. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten hilft sie auch dabei, Finanzierungsmöglichkeiten aufzutreiben. Sie versucht auch selbst, eine neue Qualität in die städtische Kultur zu bringen.

„Wir haben uns eine Konzertreihe ausgedacht, bei der schon Lech Janerka, Mikromusic, Fisz Emade und Bokka gespielt haben. Mein Traum ist es, Manu Chao hierher zu holen. Selbst bei den Stadttagen schaffen wir es, gute Musik einzuschmuggeln. Wir haben zwei Bühnen geschaffen und eine davon zur Disco Polo-freien Zone erklärt“, erzählt sie.

Dort ist Niedźwiedź mit seiner Band aufgetreten, aber auch landesweit bekannte Stars waren schon da: Voo Voo, Smolik mit Kev Fox und Kamp! Wie geht es weiter? Blauciak überlegt einen Moment: „Die Stadt lässt uns viel freie Hand bei der Organisation, und ich denke, dass steter Tropfen den Stein höhlt. Vielleicht kommen wir im nächsten Jahr sogar ganz ohne Disco Polo aus?“
 
Mateusz Rosiński will eine einwöchige Künstlerresidenz für Kreative aus Polen und Deutschland organisieren.
Die Aktion wird mit einer Aufführung bei der nächsten Ausgabe des Dym-Festivals enden. Die zentrale Idee des Projekts ist es, die Inspirationen des modernen Gorzów, aber auch die seines historischen Erbes aus der Zeit auszuschöpfen, als die Stadt noch deutsch war und Landsberg an der Warthe hieß. Mateusz arbeitet dabei mit der Stiftung Dym Oficyna/Fundacja Dym Oficyna, dem Städtischen Kulturzentrum/Miejskie Centrum Kultury und dem Städtischen Kunstzentrum/Miejski Ośrodek Sztuki zusammen.


 

Top