Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Siemianowice
Siemianowice ist nicht Twin Peaks

Siemianowice
Siemianowice | © Goethe-Institut

An der städtischen Litfaßsäule stehen eine Ü-40-Disko, ein Armeepicknick und Jacek Silski im Repertoire von Julio Iglesias zur Auswahl. Ich frage, wo man hier zu einem Date geht. „Meist an die Haltestelle“, sagt Olek Moś, „um nach Kattowitz zu fahren. Oder nach Chorzów.“

Von Katarzyna Bednarczykówna

In Siemianowice sind die Bedürfnisse nicht überzogen: Zu Hause soll es ruhig sein, niemand soll die Ordnung stören, und man muss leicht hinfahren und parken können. Und dann die Trias: Arbeit, Gott, Familie.

Ich bin jetzt 27. Es ist bekannt, dass meine Generation mehr sündigt, aber viele Freunde vom Platz – in Kleinpolen geht man aufs Feld, bei uns auf den Platz – gehen regelmäßig in die Kirche; das bestimmt ihr Leben.

Nach der Matura wollen die meisten weg, aber ich bin in Michałkowice geblieben, also in einem Stadtteil von Siemianowice, weil ich nicht das Gefühl habe, aus Siemianowice, sondern nur aus Michałkowice zu sein. Ebenso gut könnte ich in Berlin oder im Zentrum von Krakau leben, aber ich bin hier geboren, und hier wohnen meine Freundin und meine Familie. Ich bekenne mich zu meinem Stadtteilpatriotismus.

  • Siemianowice © Goethe-Institut
    Projektkünstler zu Besuch in Siemianowice
  • Siemianowice © Goethe-Institut
    Projektkünstler zu Besuch in Siemianowice

Kino im Maschinenraum

Mein Vater war Lehrer in Mysłowice; davor hat er im Bergbau gearbeitet, meine Mutter und auch die Großmutter ist aus Michałkowice. Hier spielen Familienbande die Hauptrolle; Häuser werden von einer Generation an die nächste vererbt. Die Einwohnerzahl nimmt ab, jetzt sind es ungefähr 67.000.

Aber wir leben nicht in Twin Peaks, wir haben Zugereiste, weil es hier günstiger ist als in der Großstadt: Direkt hinter der Stadtgrenze von Siemianowice gibt es am Fernsehturm Wohnungen ab 5.000 Złoty pro Quadratmeter. Die meisten Zugereisten leben im Stadtteil Bytków: Da gibt es so einen Bauboom, dass es einem schwindelig wird...

Von Michałkowice bis Kattowitz fahre ich 20 Minuten, bis ins Zentrum von Siemianowice brauche ich mit dem Fahrrad fünf Minuten. Das funktioniert auch in die andere Richtung: Viele kommen aus Kattowitz nach Siemianowice, weil wir viel Grün haben, drei Schwimmbäder, ein Rasenhockeyfeld und einen Golfplatz neben dem Dinosaurierpark.

Der Hauptkulturort ist hier der Traditionspark im Maschinengebäude der stillgelegten Grube „Michał“ und des Förderschachts „Krystyn“. Dort befindet sich das einzige Kino der Stadt, allerdings laufen hier leider vor allem Filme, die aus dem Fernsehen schon gut bekannt sind, und Märchen für Kinder.
Wichtig ist das Stadion, in dem unsere lokale Fußballmannschaft mit dem Spitznamen Ciaciana spielt. Daneben sind die Sporthalle, ein Park und ein kleines, wildes Amphitheater. Da kann man mit einer Gitarre hingehen und mitten im Sommer ein Konzert veranstalten, wenn einer nur Lust hat. Und etwas weiter, an der Grenze zwischen Siemianowice, Kattowitz und Chorzów beginnt der Schlesische Park. Er ist der größte in Europa und sogar größer als der Central Park in New York.

Laurahütte gibt es nicht mehr

Den wichtigsten Ort, den die Stadt hervorgebracht hat, gibt es gar nicht mehr: Die Laurahütte – Huta Laury –, später „Hütte Einheit“ – Huta Jedność – genannt. Von ihr haben alle gelebt, noch in den neunziger Jahren haben hier rund 3.000 Einwohner gearbeitet, unter ihnen auch mein Großvater. Die Hütte hat das gesellschaftliche und kulturelle Leben in der Stadt organisiert; deshalb ist die Privatisierung ein schwarzes Kapitel in der Geschichte von Siemianowice. 2003 ist die Hütte in Konkurs gegangen. Geblieben sind nur Ruinen und eine kleine Berufsschule, die auf das Studium an einer technischen Hochschule vorbereitet.

2012 ist ein Resident des Beuthener Zentrums für moderne Kunst Kronika, Rudy Deceliere, frühmorgens auf das Gelände der Hüttenruine eingebrochen und hat Aufnahmen davon gemacht, wie die Stadt vom Schornstein aus klingt. Ich habe mir diese Aufnahmen angehört und möchte gerne verschiedene Klänge der Stadt aufbewahren, vor allem von den Orten, die es bald nicht mehr geben wird: Denn mit ziemlicher Sicherheit wird in einigen Jahren eine Wohnsiedlung auf dem Gelände der Hüttenruine stehen.

Man kann sagen, dass ich imstande bin, von der Kultur zu leben. Die Woche über fahre ich täglich nach Kattowitz und arbeite im Gebäude Dezember Palast. Vor der Wende war dort das Zentrum für die ideologisch-erzieherische Bildung von Arbeiterkadern untergebracht; jetzt befindet sich dort die Gartenstadt, die Kattowitz den UNESCO-Titel einer Musikstadt eingetragen hat.

Ich wollte einmal ein Festival in Siemianowice veranstalten, an verschiedenen seltsamen Locations vom Typ Kleingärtner- oder Energieingenieurhaus, Schulsportplatz. Und dazu abends alte Videos bei einem Freund gucken, der an der Bytomska-Straße eine leere Wohnung hat. Das hat nicht funktioniert. Aber ich habe mir damals gedacht, dass ich in Kattowitz so viel Schweiß über der Kultur vergossen habe, und wollte, dass auch in Siemianowice etwas passiert.
 
Aleksander Moś bereitet ein Projekt vor, das zeigen soll, wie wichtig der Sound der Stadt für Siemianowice Śląskie ist.
Gemeinsam mit dem dortigen Kulturzentrum organisiert er eine Debattenreihe, Workshops zum Field recording, und Soundspaziergänge. Außerdem plant er eine Soundmap von Siemianowice, und einheimische Künstler und Musiker bereiten Klanginterventionen vor. Abgeschlossen wird die Aktion mit einem Picknick, bei dem die Aufnahmen angehört werden, welche die Bewohner selbst zusammengetragen haben.
 


 

Top