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Jaworzno
Kultur in Springerstiefeln

Jaworzno
Projektkünstler zu Besuch in Jaworzno | © Goethe-Institut

In Jaworzno geht die Legende um, dass sich vor der Bühne kaum 50 Leute eingefunden haben, als die Band Weekend mit einem Disco Polo-Programm hierherkam. Und man weiß nicht recht, ob bloß die Werbung dafür schlecht war, oder die Anfahrt zu schwierig, oder Jaworzno womöglich eher zu Off und Counter Culture neigt.

Von Katarzyna Bednarczykówna

Die Kultur wird in Jaworzno oft vom öffentlichen Nahverkehr der Stadt gemanagt. Aus Kattowitz fährt man in 40 Minuten hierher; der Bus kostet 4,60 Złoty; wenn ich 40 Groschen drauflege, kann ich einen ganzen Tag lang durch die ganze Stadt fahren. Und das lohnt sich, denn Jaworzno ist größer als Paris. Den Vergleich mögen die Bewohner sehr.

Ihr Leben verteilt sich auf über ein Dutzend Stadtbezirke, wobei der eine vom anderen durch einen Wald oder Felder getrennt ist, alles unbebaut. Als ob es vor lauter Fragmenten gar keine Stadt gäbe. Einige der neuen Bezirke sind alte Ortschaften, die nach dem Krieg in Jaworzno eingemeindet wurden. Bis jetzt ist die Bezirksidentität dort am stärksten, und deshalb ist es auch gar nicht leicht, die Bewohner in die Umgebung des Hauptmarkts zu locken, um den die wichtigsten Kultureinrichtungen standen. „Wenn jemand ins Zentrum fährt, dann sagt er, dass er nach Jaworzno fährt“, erklärt Kasia Pokuta, eine der dynamischsten Kulturanimateurinnen in der Umgebung.

  • Jaworzno © Goethe-Institut
    Projektkünstler zu Besuch in Jaworzno
  • Jaworzno © Goethe-Institut
    Teile der Arbeit der Projektkünstler zu Besuch in Jaworzno
  • Projektkünstler zu Besuch in Jaworzno © Goethe-Institut
    Projektkünstler zu Besuch in Jaworzno

Das Prestige ist in der Bibliothek

Kasia Pokuta ist in Starachowice aufgewachsen. Im Lyzeum lernt sie verschiedene Subkulturen kennen – Metalfans, Neohippies. Von Punks hat sie gelernt, „Schwarzer Peter“ zu spielen. „Ich werde Theaterlehrerin im Kulturhaus, vielleicht in Breslau“, träumt sie, aber sie verliebt sich in Andrzej aus Jaworzno, der lange Haare hatte, und das war wichtig. Sie packt ihre Koffer und fährt mit ihm nach Schlesien. Es ist der Anfang der neunziger Jahre.

„Ich komme aus der grünen Gegend um Kielce in die graue Stadt“, erinnert sie sich. „Dünn besiedelte Dörfer, mit einem merkwürdigen Zentrum verbunden, einen Marktplatz gab es eigentlich gar nicht, nur einen Parkplatz und daneben zwei Straßen und eine Kirche.“

Ihre Rettung ist die Öffentliche Stadtbibliothek. Kasia absolviert dort ein Praktikum in der Ausleihe für Erwachsene und studiert: Kultur- und Bibliothekswissenschaften, Kulturmanagement. Sie verwächst mit der Stadt, kennt jedes zweite Gesicht und steigt zur Ausbilderin in Kulturangelegenheiten auf. Sie kauft Jäckchen und Röcke, aber konsequent in Schwarz, und sie trägt sie zu Springerstiefeln. Ein Paar Dienststöckelschuhe für besondere Anlässe. Wenn sie etwas Kurzärmeliges trägt, sieht man neue Katzentattoos. Die Menschen in Jaworzno lieben sie dafür und fragen immer, wann sie sich die nächste Katze stechen lässt.

Das Prestige der Bibliothek nimmt nach 2007 zu. Die Stadt wirbt Geld von der Europäischen Union ein und stellt ein großes, modernes Gebäude ins Zentrum: Am Marktplatz, der Kirche direkt gegenüber. Ihre Sammlung umfasst über 100.000 Bücher, die Zweigstellen nicht mitgezählt.
Wenig später verändert auch der Marktplatz selbst sein Gesicht: An die Stelle des alten Parkplatzes tritt ein Bürgersteig, einzelne Cafés, und der Platz wird für Autos gesperrt.

„Früher war Jaworzno nach 18 Uhr tot, die Leute fuhren in ihre Stadtbezirke, und Fuchs und Hase sagten sich hier gute Nacht. Samstags sind sie gekommen, um auf dem Markt einzukaufen. Dann schlug’s 13, und alle fuhren wieder nach Hause. Aber seit der Renovierung ist hier immer was los“, sagt Kasia.

Am liebsten gehen die Leute in die Bibliothek oder in das Pieroggen-Lokal, das Frau Halinka hier vor drei Jahren eröffnet hat, als sie schon in Rente war. Davor hat sie im Elektrizitätswerk Jaworzno gearbeitet, die neben der Grube der wichtigste Arbeitgeber in der Umgebung war. Denn der kulturelle Sektor ist hier eher beschaulich: etwa 20 Personen im städtischen Museum, 26 im Theater, rund hundert in der Bibliothek und im Städtischen Kultur- und Sportzentrum noch einmal etwa 160. Außerdem gibt es noch zwei Orchester, ein Kulturhaus und Versammlungsräume von verschiedenen Gruppen. Im Einkaufszentrum gibt es ein Kinoplex, in dem man sich ein bisschen anschauen kann, was Hollywood so hergibt. Das letzte Studiokino ist 2002 eingegangen und zu einer Biedronka, einer Art polnischem Penny-Markt umgebaut worden.

Im Museum wird Jazz verkauft

Der Leiter des Stadtmuseums, Przemysław Dudzik, aus Jaworzno gebürtig, schlendert Zehengummischuhen, lockeren Jeans und einem blau-rosa Hemd über den Markt.

„Sie sehen nicht wie ein Direktor aus“, bemerke ich.

„Weil es inzwischen bei uns lockerer zugeht, es ist nicht mehr wie vor 20 Jahren, als Schein mehr war als Sein. Aus dem 19. Jahrhundert sind wir wohl heraus, aber Angeberei kommt natürlich immer noch vor, da will ich gar nichts sagen.“

Direktor Dudzik räumt ein, dass die meisten Bewohner nicht besonders stark mit der Region verbunden sind. „In der Volksrepublik kamen die Leute aus verschiedenen Teilen Polens, um in der Grube oder im Elektrizitätswerk zu arbeiten. Dann waren sie von ihrem kulturellen Background abgeschnitten, und in Jaworzno haben sie im Gegenzug nichts dafür bekommen. Erst jetzt entwickeln die Leute langsam Bedürfnisse. Noch vor 15 Jahren habe ich meistens gehört: ‚Wofür zum Teufel brauchen wir ein Museum; ein Museum gibt’s doch in Krakau! Wenn ich dahin will, fahr ich dahin.‘ Und gut war’s. Aber um dahin zu fahren und auch etwas zu verstehen, muss man vorher etwas lernen“, erklärt er.

Das Stadtmuseum verdient am Jazzclub. Mit Einverständnis der Stadt vermietet Direktor Dudzik einen kleinen Teil des Erdgeschosses an einen privaten Eigentümer, und in der Kneipe finden 200 Leute Platz. „Die Leute kommen, obwohl die Eintrittskarten 30, 50 Złoty kosten, weil sie inzwischen etwas Gutes dafür geboten kriegen. Aber vom Jazz abgesehen, gibt es in Jaworzno ein Problem mit engagiertem Publikum.

Theater, Rastalocken und Feminismus

Vor sechs Jahren hat Kasia Pokuta die Bibliothek gegen das denkmalgeschützte Haus des Polnischen Gymnastikvereins „Falke“/Polskie Towarzystwo Gimnastyczne „Sokół” eingetauscht. Dort ist das Theater der Künste entstanden, die Direktorin Ewa Sałużanka bot Kasia den Posten der Kulturbeauftragten an. Sie nahm ohne Zögern an, organisiert einen Filmclub für Senioren und unterrichtet Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

„Ich war immer eine Positivistin“, sagt sie entschieden, „die Romantik hat mich nicht angemacht. Meine eigenen Kinder sind kulturell gut informiert, aber als ich angefangen habe, mit anderen Kindern zu arbeiten, musste ich feststellen, dass uns eine Glaswand trennte. Einige hatten am Ende ihrer Mittelschullaufbahn von Star Wars noch nie etwas gehört. Also habe ich gedacht, dass ich erst einmal über das reden muss, was diese Kinder interessiert, und dann allmählich meine hinzusetzen.“

„Und was interessiert sie?“

„Soziale Probleme, Minderheiten, Subkulturen. Also sage ich ihnen, dass ich über Skater und Rasta nichts erzählen werde, weil ich dazu einfach nichts weiß, aber über Metal und Punk kann ich reden. Na ja, und ansonsten sehen sie, dass ich glaubwürdig bin“, schaut sie an sich herunter und lacht.

„Und den Eltern passt das so?“

„Anscheinend schon. Sie arbeiten oft in großen Unternehmen und haben wenig Zeit. Ich weiß noch, wie ich bei einer Veranstaltung über Subkulturen darum gebeten habe, dass die Jugendlichen mir erklären, was die neuen Subkulturen ausmacht: Die haben sich dann vorbereitet und sind zufrieden wieder gegangen, weil jemand Interesse an ihnen gezeigt hat. Um Kultur zu schaffen, muss man erst eine Gemeinschaft und ein Gefühl von Sicherheit herstellen. Und von seinem Sockel herabsteigen. Oder am besten gar nicht erst hinaufsteigen.

 
Katarzyna Pokuta und das Theater der Künste bereiten gemeinsam mit dem Goethe-Institut das Projekt „Stadtmusik“ vor. Die Bewohner werden Klänge sammeln, die für Jaworzno typisch sind, und daraus wird eine Radioreportage entstehen. Dies wird dann eine Inspiration für kommende künstlerische Aktivitäten: einen Film nach der Stop-Motion-Methode, Musikveranstaltungen nach der Methode von E.E. Gordon und Konzerte.
 


 

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