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Pieszyce-Dzierżoniów-Bielawa
Bielawa wartet auf Bob Marleys Sohn

Pieszyce-Dzierżoniów-Bielawa
Pieszyce-Dzierżoniów-Bielawa | © Goethe-Institut

Über Breslau erhebt sich die Ślęża, der Zobten, der heilige Berg. Auf seiner anderen Seite liegt die Dreistadt – Bielawa, Dzierżoniów, Pieszyce. Wir schauen auf den Zobten und auch sie schauen, aber wir wissen nicht, was sie sehen.

Von Katarzyna Bednarczykówna

Das Fest fing an mit einem polnischen Soldatenlied aus dem Ersten Weltkrieg My, pierwsza brygada Wir, die erste Brigade. An der Spitze des Umzugs mit rotweißen Flaggen die Vizebürgermeisterin von Bielawa, Jadwiga Horanin, die Direktorin der Stadtbibliothek, Urszula Ubych und der Direktor des städtischen Kunst- und Kulturzentrums, Jan Gładysz. Im Park sind etwa 300 Menschen, aus den Lautsprechern kommt ABBA, und an der Bühne gibt es hausgemachten Bigos. Daneben Kuchen und Bücher für kleines Geld.

„Normalerweise sieht das nicht so aus“, sagt Direktorin Ubych und setzt sich zu mir aufs Bänkchen. Die Menschen in Bielawa stehen sehr früh auf, weil sie nach Breslau zur Arbeit fahren. Als es hier noch die Baumwollproduktionsbetriebe gab, war auch alles hier vor Ort. Wir haben hier zu 40.000 Einwohnern gelebt; jetzt gibt es weniger von uns, über 10.000 Bewohner weniger.“

  • Pieszyce-Dzierżoniów-Bielawa © Goethe-Institut
    Projektkünstler arbeiten in der Dreistadt Pieszyce-Dzierżoniów-Bielawa
  • Pieszyce-Dzierżoniów-Bielawa © Goethe-Institut
    Projektkünstler und das Team des Goethe-Instituts zu Besuch in der Dreistadt Pieszyce-Dzierżoniów-Bielawa
  • Pieszyce-Dzierżoniów-Bielawa © Goethe-Institut
    Die Dreistadt Pieszyce-Dzierżoniów-Bielawa

Bielawa im Reggae-Rhythmus

Nach der Transformation ist in Bielawa das Städtische Kunst- und Kulturzentrum und auch die neue Öffentliche Stadtbibliothek entstanden. Sie stehen heute nachbarschaftlich in den alten Betriebsgebäuden von Bielbaw und Bieltex, die privatisiert und aufgelöst wurden.

Urszula Ubych: „Bei uns wohnen Dichter, die Prosaiker sind seltener. Wir geben für sie kleine Bücher heraus, es sind inzwischen über zwanzig. Wir machen Exkursionen an verkaufsfreien Sonntagen, unsere Bibliothek ist keine reine Bücherausleihe.“

„Und dieses Fest?“

Jadwiga Horanin: „‘Bielawa ist unser Heim‘ – ‚Bielawa nasz dom‘ hat jetzt seine elfte Auflage. Aber wir haben auch andere tolle Veranstaltungen.“

Direktor Gładysz: „Unser Regałowisko ist das älteste Reggaefestival in Polen. Alle Stars waren bei uns, nur Stephen Marley ist nicht gekommen, weil er sich das Bein gebrochen hat. Was habe ich davon geträumt, dass Bobs Sohn zu uns kommt!“

Die Vizebürgermeisterin: „Und der Hip-hop? Die Hip-hop-Kultur aus Bielawa kennt man in ganz Polen.“

Der Direktor: „Da hört man manchmal saftige Texte, aber man muss auch eine solche Form der Vermittlung verstehen. Sie hat ihre Abnehmer, und wir dürfen auch sie nicht vergessen.“

Griechen, Roma, Juden...

Wir schreiben das Jahr 2004, mitten in der Nacht. Jemand klettert in den zweiten Stock der Synagoge in Dzierżoniów und legt dort Feuer.

„Nach dieser Nacht habe ich eine Stiftung gegründet. Es ist ein bisschen Zeit vergangen, bis die jüdische Gemeinde in Breslau verstanden hat, warum nach 35 Jahren irgendein Jude aus Israel hierherkommt und diese Ruine retten will.“

Rafael Blau ist 1955 in Riga geboren. In Dzierżoniów hat er gewohnt, als er sechs Jahre alt war. Hergezogen ist er mit Vater, Mutter und Großmutter, weil der Vater hier einen seiner Brüder wiedergefunden hat, als einzigen Überlebenden von vierzehn Geschwistern.

„Wir haben einige Hundert Juden angetroffen, die im Rahmen der Repatriierung hierher umgesiedelt wurden. Es gab ein jüdisches Theater, in dem die Mutter aufgetreten ist, der Vater war Friseur. Und es ging uns gut. Hier wohnten Polen aus den Kresy, den ehemaligen östlichen Gebieten Polens, und Roma. Meine Erzieherin in der Grundschule war Griechin, und auch der Chef des Friseursalons war Grieche.“

Doch Rafaels Vater wollte nach dem Krieg zurück in die Heimat, und seine Heimat war Israel. 1965 sind sie dann ausgereist. „Aber ich hatte Heimweh. Ich hatte die Ehre, in der ersten Gruppe von Juden aus Polen zu sein, denen die polnische Staatsangehörigkeit zurückgegeben wurde.“

In den 1990er Jahren. Rafael hat mit seiner Frau ein Haus in Dzierżoniów gekauft, und seitdem verbringen sie eine Hälfte des Jahres dort und die andere in Beerscheba, in der Wüste.

Wir unterhalten uns in der Synagoge. Das Erdgeschoss, also die ehemalige Wohnung des Rabbiners, sieht aus wie eine Kreuzung aus einem Museum und einem Souvenirgeschäft: Singer-Nähmaschinen, Leuchter mit Grünspan, ein altes Grammophon und ein weißes Klavier. Im ersten Stock befindet sich ein Gebetsraum für Männer, auf dem zweiten ist einer für Frauen.

„Mein Vater hat hier gebetet, und ich habe Unfug auf dem Speicher gemacht, ich weiß noch, dass ich einmal fast selber die Synagoge angezündet hätte. Heute bin ich zwar nicht mehr religiös, aber dieser Ort ist für mich trotzdem wunderbar“, sagt er.

2010 hat das Rathaus einen Kalender herausgegeben, der für jeden Monat je ein Aquarell von den für Dzierżoniów wichtigsten Orten enthält. Die Synagoge hat den Februar bekommen.

Baumschere und Stöckelschuhe

Kamila Kamińska ist eine promovierte Geisteswissenschaftlerin der Universität Breslau. Vor kurzem hat sie in Pieszyce ein Projekt über 100 Jahre Frauenrechte durchgeführt. Sie hat die Bevollmächtigte des Marschalls der Woiwodschaft für Frauenangelegenheiten und eine Trainerin nach Pieszyce gebracht, die Emanzipationsworkshops veranstaltet hat.

„Als wir eine künstlerische Installation gemacht haben, haben die Kinder aus der Berufsschule bei mir angerufen, ob ich einen Bohrer hätte, und wenn nicht, könnten sie einen besorgen. Und als wir in Dzierżoniów den jüdischen Friedhof in Ordnung gebracht und für den Sonntag ein Konzert in der Synagoge geplant haben, habe ich den Kindern gesagt: Am Freitag kommt ihr mit Hacken und Baumschere, aber am Sonntag müsst ihr euch in Schale werfen. Da sind die Mädchen in Stöckelschuhen und Röcken gekommen, superelegant und haben gefragt: ‚Gut so?‘ Gut so! Mich zieht es dorthin, weil sie auch Lust haben“, sagt sie.

„Bei Breslau haben wir den Ślęża, den Zobten, ein heiliger Berg, und die Dreistadt liegt auf der anderen Seite. Wir schauen auf den Zobten und sie auch, aber wir wissen nicht, was sie sehen“, schließt Kamińska.
 
Dr. Kamila Kamińska bereitet gemeinsam mit Kultureinrichtungen in Dzierżoniów, Bielawa und Pieszyce eine künstlerische Aktion vor, die Klangerinnerungen ausgraben wird, die mit der Webindustrie in der Dreistadt zusammenhängen, vor allem aber die Geschichten der Weberinnen aus den Betrieben Bielbaw oder Silesiana.
 


 

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