Überwachungsromane Realität statt Science Fiction

Die digitale Überwachung ist auch ein Thema für die Literatur.
Die digitale Überwachung ist auch ein Thema für die Literatur. | Foto (Ausschnitt): © M. Klawitter – Fotolia

Ein Überwachungsskandal nach dem anderen wird enthüllt. Auch literarisch ist das Thema aktueller denn je: Schriftstellerinnen und Schriftsteller greifen die Kontrolle durch Konzerne und Staaten in ihren Romanen auf – und werden dabei von der Realität eingeholt.

Kann man sich verstecken in einer Welt, in der überall Kameras sind? Die Protagonistin von ZERO. Sie wissen, was du tust, einem Roman des österreichischen Schriftstellers Marc Elsberg, versucht es: Cynthia Bonsant, eine britische Journalistin, stellt Recherchen zu einer beliebten Internetplattform namens Freemee an. Das Unternehmen sammelt und analysiert als Dienstleistung Daten. Bonsants Ergebnisse alarmieren einige Leute, die mehr über die meisten anderen Menschen wissen, als denen lieb sein kann. So wird die Journalistin selbst zur Gejagten.

ZERO erschien im Mai 2014. Einen Monat später konnte Elsberg in der Zeitung lesen, dass eine seiner Ideen, die Manipulation des Facebook-Newsfeeds durch das soziale Netzwerk selbst, längst Wirklichkeit geworden war: Zwei Jahre zuvor hatte das Unternehmen einigen seiner Nutzer nur negative und anderen nur positive Statusmeldungen von Freunden angezeigt, um die Effekte zu untersuchen. Aus der späten Bekanntmachung entwickelte sich ein Skandal, der zeigte, dass einige Science-Fiction-Szenarios keine mehr sind, weil die Handlung bereits Realität ist. „Es ist im Wesentlichen eine Gegenwartsbeschreibung“, sagt Elsberg denn auch über seinen Roman. „Schon als ich mit dem Schreiben begann, war klar, dass das Sammeln und Verwerten eigener Daten, wie zum Beispiel bei Fitness-Apps, um sich greifen würde.“

Belletristischer und politischer Protest

Die Überwachung von Fitness-Daten ist auch ein wichtiges Motiv im Roman Corpus Delicti von Juli Zeh. Die Protagonistin Mia Holl lebt in einer Gesundheitsdiktatur: Jeder muss sein Schlafpensum einhalten, täglich Sport treiben, über seine Ernährung Buch führen und regelmäßig seine Gesundheit kontrollieren lassen. Verstöße werden aufgrund der lückenlosen Überwachung sofort erkannt – und hart bestraft. Die Schriftstellerin und Juristin Juli Zeh prangerte diese Methoden nicht nur belletristisch an, sondern verfasste 2009 gemeinsam mit Ilija Trojanow auch die Streitschrift Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte.

Nach dem von Edward Snowden enthüllten NSA-Skandal wurden Zeh und Trojanow 2013 zu den Gesichtern des internationalen Aufrufs Writers Against Mass Surveillance. Mehr als tausend Schriftsteller schlossen sich zum Protest gegen die Überwachung durch Staaten und Konzerne zusammen. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erklärten Zeh und Trojanow, nur wenige hätten sich nicht beteiligen wollen. Ein Autor aus Russland habe die Überwachung gut gefunden. Ein anderer habe erklärt, man müsse sich damit abfinden, dass es Privatheit im 21. Jahrhundert nicht mehr gebe.

Von der Realität eingeholt

Eine andere Form des Protestes wählte der britische Science-Fiction-Autor Charles Stross. Er gab bekannt, es werde keinen weiteren Band seiner beliebten Halting State-Serie über Untaten, die noch keiner kennt, geben. „Snowdens Enthüllungen haben alle meine Ideen für einen dritten Band zerschlagen“, erklärte er. Sogar seine Vorstellung, Spione ermittelten heimlich in Computerspielen, ist Realität geworden: Das Online-Rollenspiel World of Warcraft ist bereits von den Geheimdiensten unterwandert.

Eine ganz andere Welt hat der deutsche Journalist und Autor Tom Hillenbrand für seine Dystopie Drohnenland erschaffen: Europa ist darin ein vollkommener Überwachungsstaat, in dem Drohnen aus der Luft Menschen hinrichten. Sogar Kinder werden getötet, weil eine Simulation der persönlichen Zukunft aufgrund zuvor gesammelter Daten ergibt, dass sie später straffällig werden könnten. Computerspiele passen auch gut in die Welt von Elsbergs ZERO. „Bei mir begeben sich die Leute freiwillig in die Überwachung, um Vorteile wie Vergnügen oder Geld zu erhalten“, sagt er. „Ich brauche keine Gewalt für mein Szenario. Es ist viel wirksamer, die Leute einzulullen.“

Wer sich versteckt, fällt auf

Einige Leser von ZERO schrieben Elsberg, sie wollten ihre Nutzung von Internet und Mobiltelefonen nun überdenken. Doch der Autor hat keine guten Nachrichten für sie. „Wahrscheinlich werde ich eher überprüft, je mehr ich mich zu verstecken versuche“, erklärt er. „Es ist derselbe Effekt wie beim Mineralwasser. Wenn ich plötzlich meine Mails verschlüssele, gehöre ich nicht mehr zum Wasser, sondern bin ein Luftbläschen – und damit noch viel leichter zu sehen.“
 

Buchempfehlungen

Marc Elsberg: ZERO. Sie wissen, was du tust. Blanvalet Verlag, 2014
Tom Hillenbrand: Drohnenland. Kiepenheuer & Witsch, 2014
Juli Zeh: Corpus Delicti. Schöffling Verlag, 2009