Science Fiction im deutschen Film Weltraumreisen aus Babelsberg

Vor fast 100 Jahren fand die erste Mondlandung im deutschen Kino statt. Seitdem gab es in Deutschland mehrere Kultproduktionen, die mit Hollywood-Filmen konkurrieren konnten.

Die erste Mondlandung konnte man schon 1902, in der Frühzeit des Kinos, bewundern: „Le Voyage dans la Lune“ von George Méliès war frei nach Jules Verne mehr um Phantastik als um wissenschaftliche Korrektheit bemüht. Gut 25 Jahre später kam es dann zur ersten Mondlandung im deutschen Kino, in Fritz Langs aufwändiger, mit Teilen des technischen Teams von „Metropolis“ gedrehter Produktion „Die Frau im Mond“. Zur glanzvollen Premiere am 15. Oktober 1929  im Berliner UFA-Palast am Zoo erschien neben dem Pressezaren Alfred Hugenberg und dem amerikanischen Botschafter auch der Nobelpreisträger Albert Einstein, quasi als Garant der wissenschaftlichen Seriosität des Films. In der Tat hatte sich Fritz Lang vor allem in Sachen der Mondrakete den Raketenpionier Hermann Oberth als Berater geholt, dessen Entwurf nicht nur den späteren Weltraumraketen der NASA ähnelte, sondern auch den im Krieg eingesetzten Raketen V1 und V2. Deshalb ließ die Gestapo später alle für den Film angefertigten Raketenmodelle zerstören, um die Entwicklung der neuen Waffen geheim zu halten. Ironischerweise sollte Langs eigene Erfindung des Rückwärtszählens bis zum Startzeitpunkt der Rakete als Countdown später tatsächlich Eingang ins Repertoire der bemannten Raumfahrt finden.

Langs dreistündigem Weltraumfilm, der letzten großen Stummfilmproduktion der UFA, folgten bis in das Jahr 1933 hinein eine Reihe von Filmen mit großen Budgets, die als utopische Filme etikettiert wurden: Es waren Phantasien über technische Großprojekte wie „F.P.1 antwortet nicht“ über den Bau gigantischer Lande-Plattformen im Atlantik für den transatlantischen Flugverkehr, „Der Tunnel“ über den Bau einer unterirdischen Verbindung zwischen Europa und den USA, und „Gold“, in dem mit Hilfe eines Atomreaktors der alte Alchimistentraum wahr wird, Blei in Gold zu verwandeln. Deutsche Helden, in zweien   dieser Filme von Hans Albers verkörpert, vollbrachten hier technische Pioniertaten.

Abschied vom Kosmos

Die Filmpolitik der Nationalsozialisten setzte in den ersten Jahren nach 1933 eher auf heiter-unverfängliche und melodramatische Stoffe, wogegen die späteren aufwändigen Prestigefilme des Regimes mit ihren historischen Führerfiguren wie „Ohm Krüger“ oder „Der große König“  (gemeint ist Friedrich der Große),  an Menschheit beglückenden Helden der Technik kein Interesse hatten. Lediglich Hans Albers durfte 1943, mitten im Krieg, einmal als Baron Münchhausen auf den Mond fliegen, im gleichnamigen Ausstattungsspektakel zum 25jährigen Jubiläum der UFA. Er flog aber nicht mit einer Rakete, sondern auf einer Kanonenkugel.

 

  • Raumpatrouille Orion (Ausschnitt) © Bavaria Film
    Raumpatrouille Orion (Ausschnitt) © Bavaria Film
  • Raumpatrouille Orion (Ausschnitt)
  • Raumpatrouille Orion (Ausschnitt)
Während sich in den fünfziger Jahren in den USA im Schatten des Kalten Krieges die Science Fiction als populäres Filmgenre etablierte und auch in der Sowjetunion utopische Filme  Konjunktur hatten, suchten im kriegszerstörten Deutschland die Zuschauer eher die Flucht in die Idyllen des Heimatfilms als sich für visionäre technische Projekte wie die Eroberung des Weltraums zu begeistern. Auch wenn es entsprechende Absichten auf der Produktionsseite gegeben hätte, so wären sie schon an den fehlenden finanziellen Mitteln gescheitert, vom fehlenden technischen know how ganz zu schweigen.

Weltall-Kino in der DDR

Während sich daran im bundesdeutschen Kino auch in den sechziger Jahren nichts ändern sollte, versuchte sich die DDR 1960 zum ersten Mal nach Fritz Langs „Frau im Mond“ wieder an einem Weltraumfilm.  Es war „Der schweigende Stern“, der als erster Science Fiction-Film der DDR in die Kinos kam, etwa zweieinhalb Jahre nach dem Start des Sputnik I. Der auf einem Roman des bekannten polnischen Science Fiction-Autors Stanisław Lem basierende, in Farbe und Breitwand inszenierte Film über eine Forschungsexpedition zur Venus war so teuer, dass die DEFA mit Film Polski ko-produzierte. Man witzelte damals im DEFA-Studio in Babelsberg, dass die ganze DDR-Jahresproduktion an Leim für die futuristische Ausstattung draufgegangen sei.

Zehn Jahre später wurde mit „Signale – ein Weltraumabenteuer“ im 70mm-Format der teuerste Film der DEFA-Geschichte produziert, ebenfalls in deutsch-polnischer Ko-Produktion. Die utopischen DEFA-Filme der sechziger und siebziger Jahre – zu nennen wäre noch „Im Staub der Sterne“ von 1976 – unterschieden sich von „Star wars“ und vergleichbaren amerikanischen Space Operas wie „Star Trek“ inhaltlich dadurch, dass sie nicht kriegerische Auseinandersetzungen im Weltall inszenierten, sondern international zusammengesetzte Wissenschaftlerteams als Astronauten zu Helden der Handlung machten, ohne auf die Schauwerte des Phantastischen zu verzichten. In dieser Hinsicht aber konnten sie mit den tricktechnisch immer aufwändiger produzierten amerikanischen Blockbustern nicht lange mithalten, so dass es eine interessante Episode der DEFA-Geschichte blieb.  

Science-Fiction landet im Fernseher     

Als in den sechziger Jahren das Wettrennen zum Mond zwischen Amerikanern und Russen die Öffentlichkeit beschäftigte, konnte man auch in der BRD zum ersten Mal Weltraumabenteuer erleben – bezeichnenderweise nicht auf einer Kinoleinwand, sondern vor dem Fernsehschirm. Im September 1966 startete die ARD, das Erste Deutsche Fernsehen, die siebenteilige Science Fiction-Serie „Raumpatrouille. Die phantastische Geschichte des Raumschiffes Orion“, alle vierzehn Tage samstags nach der Tagesschau. Die von der ARD-Tochterfirma Bavaria in den Studios in München-Geiselgasteig hergestellte und  mit 3,4 Millionen DM  bislang teuerste deutsche Fernsehproduktion hatte überragende Einschaltquoten und entwickelte bald Kultcharakter. Der Verfasser dieser Zeilen war damals einer von vielen vor allem jugendlichen Fernsehzuschauern, die sich für die  Abenteuer der Raumpatrouille begeisterten. Das war etwas aufregend Neues, was man bis dahin nur aus amerikanischen Filmen im Kino kannte. Es blieb zur Enttäuschung vieler Fans bei diesen sieben Folgen. Fast 25 Jahre später avancierte dann ein Zusammenschnitt der Serie zu einem abendfüllenden Film 1990 zum Programmkinohit. Dabei spielte natürlich der Retro-Charme eine große Rolle.

Es blieb bei diesem „Ausrutscher“ ins Genre der Space Opera im Fernsehen, wo inzwischen die amerikanische „Star Trek“-Serie auch in Deutschland eine große Fangemeinde hatte. Es gab immer wieder Versuche, auch hierzulande Science Fiction nach amerikanischem Vorbild zu machen. Das bekannteste Beispiel ist Roland Emmerich, der 1984 in einer stillgelegten Waschmaschinenfabrik im Schwäbischen seinen Film „Das Arche Noah-Prinzip“ drehte, dessen Handlung auf einer Raumstation spielt. Der damals gern als Spielberg aus Schwaben bespöttelte Emmerich ging in die USA und wurde dort dann 1996 mit dem Aliens-Invasionsfilm „Independence Day“ zu einem zu einem führenden „master of disaster“ des Hollywoodkinos. 

Bildstill aus dem Film Bildstill aus dem Film "Welt am Draht" von Rainer Werner Fassbinder (Ausschnitt) © Rainer Werner Fassbinder Foundation | © Rainer Werner Fassbinder Foundation

Science-Fiction-Kino als Nischenprodukt 

Seit den siebziger Jahren hat es immer wieder einzelne Filme gegeben, die mit den Versatzstücken klassischer Science Fiction-Filme und  kleinen Budgets gesellschaftliche Dystopien entwarfen, so wie „Die letzten Tage von Gomorrha“ von Helma Sanders  oder „Operation Ganymed“ von Rainer Erler, der deutlich vom SF-Filmklassiker „Planet der Affen“ inspiriert ist. In seiner Machart und Originalität herausragend ist allerdings der von Rainer Werner Fassbinder inszenierte und vom WDR produzierte Zweiteiler „Welt am Draht“ gewesen, der aufgrund von Rechtsstreitigkeiten erst 37 Jahre nach seiner Fernsehausstrahlung erst 2000 wieder gezeigt werden konnte. Im Rahmen einer Kriminal- und Liebesgeschichte werden hier die Fallstricke einer virtuellen Welt vorgeführt, bevor „virtual reality“ mit den „Matrix“-Filmen zum Standardthema des Science Fiction-Kinos wurde. Das gelingt Fassbinder mit Hilfe seines Kameramanns Michael Ballhaus auf originelle und eindringliche Art und Weise, indem in den zahlreichen extremen Spiegelszenen des Films die Protagonisten sich mit ihren virtuellen Spiegelbildern konfrontiert sehen. „Welt am Draht“, obwohl eine reine Fernsehproduktion, ist einer der wenigen herausragenden Science Fiction-Filme des deutschen Kinos. Aber es ist wie Fritz Langs „Metropolis“ und „Die Frau im Mond“ oder die kurzzeitige Blüte der utopischen DEFA-Weltraumfilme auch nur eine singuläre Erscheinung geblieben. Als eigenständiges Genre hat sich die Science Fiction weder im Kino noch im Fernsehen in Deutschland etablieren können.