Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Franz Kafka in der Welt der neuen Medien
Virtueller Erlebnistransfer

Digitale Literatur
Digitale Literatur | Quelle: pixabay.com; Foto (Ausschnitt): xxolgaxx

Die Installation „VRwandlung” ist eines der interessantesten Projekte aus dem Grenzbereich zwischen Literatur und digitalen Technologien. Aber nicht das einzige!

Von Jakub Demiańczuk

Franz Kafka hat einen Twitter-Account. Den Daten der Nutzer nach zu urteilen, hat er sogar mehrere, aber einer ist besonders interessant. @kafkafbot ist ein Bot, der alle paar Stunden ein Zitat aus Kafkas Prosa (oder aus Texten über den Schriftsteller) auf Japanisch veröffentlicht. Das Entziffern der Einträge, die auf diesem Account erscheinen, hat etwas Magisches, besonders dann, wenn man kein Japanisch kann. Die Worte des Autors von Der Prozess, zunächst ins Japanische übersetzt, werden dann, wenn wir nur wollen, von den Twitter-Logarithmen ins Englische übersetzt. Doch obwohl dies immer flüssiger vonstattengeht, lässt die mechanische Übersetzung doch immer noch viel zu wünschen übrig. Ein Zitat, das zudem aus dem Kontext gerissen ist, durchläuft mehrere Übersetzungsstufen, und die Endversion erinnert ein wenig an das, was manchmal bei dem Spiel „Stille Post“ herauskommt. So erstellen Computerlogarithmen ihre eigene, automatische und seelenlose Adaption des Werkes von Frank Kafka.

„Meine Empfindung kann nicht deine Empfindung werden“

„(…) Die Erfahrung einer Person kann nicht vollständig als solche jemand anderem vermittelt werden. Meine Empfindung kann nicht unmittelbar deine Empfindung werden“ schreibt Paul Ricoeur. Literatur kann man als eine ewige Suche nach einer Möglichkeit ansehen, diese Erfahrungen weiterzugeben – Jacek Dukaj nennt es in seinem Buch Po piśmie [Nach der Schrift] „Erlebnistransfer”. Jede Adaption eines literarischen Werkes wird so zu einem Versuch, diesen Transfer mit zusätzlichen Mehrwerten anzureichern: nicht nur mit neuen sinnlichen Reizen, sondern auch mit einer konkreten Werksinterpretation, die ein Film- oder Theaterregisseur, ein Komponist oder Maler vornimmt. Der „Erlebnistransfer” hat dann eine konkrete Gestalt, einen Klang, eine Farbe, manchmal sogar eine Faktur oder einen Geruch. So ist zum Beispiel Franz Kafkas Der Prozess ein Transfer aus dem Kopf des Schriftstellers in den Kopf des Lesers, wenn er auch meist durch einen Übersetzer vermittelt erfolgt: es genügt, die polnischen Fassungen des Prozesses von Józefina Szelińska und Jakub Ekier miteinander zu vergleichen, um festzustellen, dass wir es hier eigentlich mit zwei verschiedenen Büchern zu tun haben. Der Prozess von Orson Welles, 1962 gedreht, ist das Wort Kafkas, wie es nicht nur von einem herausragenden Regisseur und Drehbuchschreiber interpretiert wurde, sondern auch von einem Kameramann, einem Komponisten, einem Cutter und von den Schauspielern.

Virginia Woolf hat im Kino, besonders in den Verfilmungen großer Romane, einen Parasiten gesehen, einen der Gründe für den moralischen Niedergang der Gesellschaft. Aber Literatur war der Sprache anderer Medien schon immer angepasst, selbst zu einer Zeit, als sie noch gar keine „Literatur“ war, sondern ganz wörtlich das „Schreiben mit Buchstaben“. Künstler haben seit prähistorischen Zeiten versucht, mythologischen Figuren Gestalt zu geben, die sie ausschließlich aus mündlichen Überlieferungen kannten. Je mehr sich die Schriftlichkeit und auch andere Bereiche der Kunst entwickelten, desto häufiger ließen sich Künstler von Literatur inspirieren. Sie übertrugen sie in die Sprache der Kunst und der Musik, des Tanzes und der religiösen Rituale, des Theaters und des Kinos, des Comics und der Videospiele. Der Sketch aus Monty Python’s Flying Circus, in dem Meisterwerke der Literatur unter anderem mit dem Morse-Alphabet, mit Rauchsignalen oder dem Semaphoren dargestellt wurden, war nur ein wenig übertrieben.

Jonathan Franzen hat in seinem Essay Über autobiographische Literatur geschrieben: „Kafkas Werk, das aus der nächtlichen Traumwelt in Kafkas Hirn erwächst, ist autobiographischer, als jede realistische Nacherzählung seiner Erfahrungen bei Tag, im Büro, bei seiner Familie oder einer Prostituierten je hätte sein können.” Lässt sich dieser Autobiographismus bewahren, wenn man Kafkas Texte auf Film bannt oder auf Comicpanels überträgt? Sicherlich nicht immer, auch wenn es einigen Künstlern gelungen ist. Steven Soderbergh hat in seinem Film Kafka (1991) literarische Inspirationen und Tatsachen aus dem Leben des Schriftstellers miteinander verknüpft und dabei ein phantasmagorisches Konglomerat aus Wahrheit und Erfundenem geschaffen, das dem Geist des Schaffens des Autors von Das Schloss nahe steht. Der Drehbuchschreiber David Zane Mairowitz hat zusammen mit Robert Crumb, einer Legende des amerikanischen Underground-Comics, das Album Introducing Kafka (1993) geschaffen, das die Biografie des Schriftstellers auf gelungene Weise mit einer Comic-Interpretation seiner Erzählungen verknüpft, darunter Die Verwandlung und In der Strafkolonie. Im Kino haben sich – außer Orson Welles – unter anderem Alexei Balabanow und Michael Haneke am Werk Kafkas versucht, die übrigens den Roman Das Schloss für die Bedürfnisse des Films angepasst haben.

Schließlich gab es ein interessantes Videospiel, in dem logische Rätsel gelöst werden mussten, die lose vom Werk des Autors von Amerika inspiriert waren: The Franz Kafka Videogame hat uns erlaubt, sanft in die Welt der neuen Medien, der sozialen Netzwerke und der virtuellen Realität zu springen.
 

Von Computerprogrammen geschriebene Bücher

Die Literatur ist der rasanten Entwicklung der digitalen Technologien gegenüber nicht gleichgültig geblieben. Es sind Romane entstanden, die ausschließlich für die Bedürfnisse des Internets geschrieben wurden, und auch Texte, die ausschließlich als E-Books erhältlich sind. Ein Pionier auf diesem Feld war Stephen King, der im Jahr 2000 über seine Internetseite den Mini-Roman Riding the Bullet – deutsch: Achterbahn – verkaufte. Binnen 24 Stunden wurde das Buch über 400 000 Mal heruntergeladen, was zu einer Blockade der Server geführt hat. Später im gleichen Jahr verkaufte King abschnittweise seinen Roman The Plant, gab dieses Projekt aber auf, als sechs Teile veröffentlicht waren (heute ist der Text kostenlos auf seiner Internetseite zugänglich). Dann begannen Bücher zu erscheinen, die von Computerprogrammen geschrieben waren – eines der Pionierunternehmen in diesem Bereich war das russische Wahre Liebe von 2008, das nach Ansicht des Herausgebers eine Variation auf das Thema von Anna Karenina war und im minimalistischen Stil von Haruki Murakami geschrieben ist. Der Amerikaner Nick Montfort, ein Professor am MIT, bearbeitet Skripte, die Prosa und Poesie generieren – sein Buch World Clock, das übrigens von einem Text von Stanisław Lem inspiriert ist, ist auch in Polen erschienen.

Das anfangs erwähnte Twitter verbindet man eher nicht mit einer Leseerfahrung, aber selbst dieses soziale Netzwerk war schon ein Ort literarischer Experimente. Zu der Zeit, als ein Tweet noch auf 140 Zeichen begrenzt war, wimmelte es von Parodisten, die Bücher in einer einzigen Nachricht zusammengefasst haben (etwa in diesem Stil: „Große Hoffnungen: Waisenkind erhält £££ von einem geheimnisvollen Spender. Es glaubt, dass @pannahavisham dahinter steckt, doch stellt sich heraus, dass es @magwitch ist”). Auch Twitteratur ist erschienen, also Romane, die in kurzen Abschnitten veröffentlicht wurden. Und das war gar keine neue Idee: Schon 2004 ist in China ein Buch erschienen, dessen aufeinanderfolgende Teile per SMS an die Leser verschickt wurden. (Völlig am Rande: solchen Neuerungen ist Stanisław Mrożek um einige Jahrzehnte zuvorgekommen, als er gegen Ende der 1950er Jahre in der Kolumne Postępowiec [Der Fortschrittliche] der Zeitschrift Życie literackie [Literarisches Leben] Kraszewskis Stara baśń [„Eine alte Sage“] abschnittsweise veröffentlichte, und zwar jeweils in einem, höchstens zwei Sätzen.

Und bei der Gelegenheit: Mit Kafkas Namen wurde auch einer der populären Message Broker getauft, das heißt eine der modernen Apps, die dazu dienen, gleichzeitig enorme Mengen versandter und empfangener Mitteilungen zu verarbeiten. Einer der Programmierer gab zu, das er während seines Studiums von den Werken des Prager Schriftstellers begeistert gewesen sein – und außerdem „klang der Name cool“.

In einer Welt versinken, die man bisher nicht kannte

Zur Literatur griffen schließlich auch die Schöpfer der VR-Technologie. Die Virtual Reality erlaubt es, fast buchstäblich ins Zentrum der Erzählung einzudringen. Es genügt, eine spezielle Brille aufzusetzen, um in einer Welt zu versinken, die man bis dahin entweder gar nicht kannte oder nur von Buchseiten oder von der Kinoleinwand. Erst kürzlich hat die The New York Times die Realisierung einer virtuellen Adaption eines Fragmentes des mit dem Booker-Preis ausgezeichneten Romans Lincoln im Bardo von George Saunders in Auftrag gegeben. Dadurch konnte man sich für einige Minuten zu den Geistern gesellen, die den Oak Hill-Friedhof in Washington bewohnen. „Die VRwandlung”, eine flotte Verknüpfung des Titels der Erzählung Die Verwandlung mit dem Kürzel VR, ist auch eines der ersten Unternehmungen in diesem Feld.

„Wenn du es mit einer großen Erzählung zu tun hast, erlaubt jedes neue Medium eine neue Interpretation dieser Geschichte. Das bedeutet überhaupt nicht, dass es dir das wegnimmt, was du erfahren hast, als du Die Verwandlung das erste Mal gelesen hast. Es bedeutet eher, dass du dieses Werk noch einmal aus einer anderen Perspektive sehen kannst“, erklärt Mika Johnson, Regisseur der „VRwandlung“. Wenn ihr überlegt, wie sich Gregor Samsa gefühlt hat, als er „sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“ fand, habt ihr die Chance, dies zu erfahren: das Zimmer zu sehen, in dem der unglückliche Handlungsreisende wohnte, sich im Spiegel anzuschauen, die Stimmen der Familie zu hören, die Gregor abgeschrieben hat. „Stell dir seine Anspannung und seinen Stress vor. Ich wollte das alles bewahren, in der Hoffnung, damit eine echte emotionale Reaktion auszulösen“, sagte Johnson einem Journalisten der Wochenzeitung The Economist, als „Die VRwandlung“ in Prag gezeigt wurde.

„Die VRwandlung” ist keine Adaption des vollständigen Inhalts der Kafka-Erzählung. Die Zeiten des wirklich interaktiven, virtuellen Kinos liegen noch vor uns. Wer weiß, vielleicht wird man in Zukunft, wenn man Gregor Samsas Chitinpanzer anlegt, autonome Entscheidungen treffen können, die dem Inhalt des literarischen Originals zuwiderlaufen?
   

Bibliografie:

Jacek Dukaj, Po piśmie, Wydawnictwo Literackie, Kraków 2019
Jonathan Franzen, On Autobiographical Fiction, in: Farther Away, Fourth Estate, London 2013
Paul Ricoeur, Język, tekst, interpretacja. Wybór pism, PIW, Warschau 1989


 

Top