Rentner in Deutschland
„Die Armut ist unsichtbar. Man sieht nur die, denen es gut geht“

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Sie fahren im Reisebus oder mit dem Wohnwagen durch die Gegend, haben strahlend weiße Zahnreihen und ein dickes Portemonnaie – und abends sitzen sie mit einem Glas Wein auf der Terrasse ihrer spanischen Finca. In etwa so stellen sich viele Polen den typischen deutschen Rentner vor. Doch im Laufe meiner Recherchen und Interviews gerät dieses Stereotyp zunehmend ins Wanken.

Von Joanna Strzałko

Die beiden luxuriösen, leuchtend weißen Hochhäuser der Seniorenresidenz Augustinum in Heidelberg stehen auf einem Hügel, in unmittelbarer Nachbarschaft einer Flüchtlingsunterkunft und einer Wohnsiedlung, an deren Häusern bereits die Farbe abblättert. Als ich Gisela (79) und Horst (86) in ihrer Wohnung im zehnten Stock der Seniorenresidenz besuche, verschlägt mir der weite Blick über die Rheinebene, der sich mir aus ihrem Wohnzimmer und ihrem Schlafzimmer bietet, glatt die Sprache. Irgendwo da unten eilen Menschen umher, fahren Autos und verkehren Züge. Irgendwo in der Ferne tobt ein Krieg, wütet ein Virus und wächst die Angst. Hier oben in der Stille erscheint all das unwirklich.
 
„Ja, wir fühlen uns hier sicher und verlassen das Gebäude nur selten“, sagt Horst.
 
„Na, ich gehe schon jeden Montag in die Grundschule“, wirft Gisela ein und deutet nach unten auf ein großes blaues Gebäude. „Ich helfe einem neunjährigen Mädchen aus Tunesien, Deutsch zu lernen. Wir lesen eine Stunde lang gemeinsam Märchen. Drei Viertel der Kinder in dieser Schule haben Probleme mit der Sprache. Mehrere von uns aus dem Augustinum haben sich freiwillig gemeldet, um den Kindern zu helfen.“
 
Gisela und Horst beginnen ihren Tag um 8.00 Uhr morgens. Sie hören die Nachrichten im Radio, trinken Kaffee und bereiten sich in ihrer kleinen Küche ihr Frühstück zu. Um 9.00 Uhr gehen sie zur Wassergymnastik in das hauseigene Schwimmbad. Anschließend lesen sie die Tageszeitung und gehen um 12.30 zum Mittagessen in das Restaurant, dessen Tische weiß gedeckt und mit frischen Blumen geschmückt sind und in dem es nach tropischen Früchten riecht.
 
Am Nachmittag und Abend nutzen die beiden das umfangreiche Freizeitangebot: Es gibt Sprachkurse, Kunst-Workshops, Vorträge, Film- und Theatervorführungen, Ausstellungen, eine Weinstube sowie einen Friseur- und einen Massagesalon. Außerdem gibt es Clubräume, eine imposante Bibliothek und eine Kapelle. Es ist für jeden etwas dabei.
 
„Sämtliche Leistungen und auch das Mittagessen sind im Preis inbegriffen“, sagt Gisela. „Und die Leistungen des medizinischen Personals vor Ort trägt die Krankenkasse.“

„Die Rezeption ist sieben Tage die Woche rund um die Uhr geöffnet. Und in unserer Wohnung haben wir eine Notrufklingel. Genau so habe ich mir das Leben hier vorgestellt“, sagt Horst lächelnd. „Ganz ehrlich: Ich kann überhaupt nichts Nachteiliges finden.“
 
In den beiden vierzehnstöckigen Hochhäusern der Seniorenresidenz Augustinum leben circa 350 Bewohner. Die Miete richtet sich nach der Größe der Wohnung. Gisela und Horst zahlen für ihr 58-qm-Appartement 4000 Euro pro Monat.
 
„Ich habe bereits früh begonnen, für unser Alter vorzusorgen“, erzählt Horst. „Ich habe in Aktien investiert und jeden Monat in die gesetzliche Pflegeversicherung und in eine Lebensversicherung eingezahlt. Dazu kam noch die betriebliche Altersvorsorge.“
 
Horst erzählt mir, dass er schon als Kind seine Eltern verlor. Weil kein Geld da war, musste er das Gymnasium abbrechen und möglichst schnell eine Arbeit finden. Er machte eine zweijährige Ausbildung zum Verkäufer und arbeitete anschließend auch in diesem Beruf. Bis er schließlich dank einer persönlichen Empfehlung eine Anstellung in einer Bank fand.
 
„Ich hatte schon damals großes Interesse an Wertpapieren“, erinnert sich Horst. „Also machte ich eine dreijährige Ausbildung zum Bankkaufmann. Ich lernte und arbeitete. Ich liebte meine Arbeit. Und nachdem ich zum Abteilungsleiter befördert wurde, verdiente ich so viel, dass ich einiges zur Seite legen konnte.“
 
„Wie hoch ist deine Rente?“, frage ich ihn.
 
„Insgesamt über 4000 Euro“, antwortet Horst.
 
„Ich bekomme – und auch erst seit Kurzem, denn vorher habe ich gar nichts bekommen – 150 Euro“, wirft Gisela ein. „Die Arbeit im Haushalt und die Kindererziehung zählen bei uns offensichtlich nichts. Außerdem berücksichtigt der Staat unser gemeinsames Einkommen. Glücklicherweise war mein Vater vermögend und hat mir ein Grundstück und ein Haus hinterlassen. Ja, ich war den Großteil meines Lebens Hausfrau. Dabei habe ich nach dem Abitur eine Banklehre gemacht und auch eine Zeit lang in der Bank gearbeitet. Aber ein halbes Jahr später lernte ich Horst kennen, und schon bald darauf heirateten wir. Wir sind jetzt 57 Jahre zusammen.“
 
Gisela erinnert sich, dass der Name Augustinum zum ersten Mal vor dreißig Jahren fiel, als ihr Vater krank wurde. Damals wurde ihnen bewusst, dass sie sich schon bald in derselben Lage befinden würden. Ihre Tochter lebte in Berlin, und ihr Sohn in Bonn. Horst und Gisela wollten ihren Kindern nicht zur Last fallen. Er ging auf die 60 zu, und sie war 53, als sie einen Termin im Augustinum vereinbarten.
 
„Horst hätte damals sofort einziehen können, ich hingegen war mental noch nicht so weit“, erinnert sich Gisela. „Aber als mein Mann in Frührente ging und ich nach einem Treppensturz Schwierigkeiten mit dem Gehen hatte, wurde mir klar, dass die Zeit gekommen war. Gerade zu dem Zeitpunkt wurde ein Appartement im Augustinum frei. Einer der Bewohner war verstorben.“
 
Sie mussten nur noch ihr Haus verkaufen, was recht schnell ging, und sich einer medizinischen Untersuchung unterziehen. Wer im Augustinum einziehen möchte, muss gesund sein – so lauten die Vorschriften.
 
„Alt werden ist Mist“, sagt Gisela zum Abschied. „Der Kopf ist noch jung, aber der Körper nicht mehr. Du kannst klar denken, aber kaum noch laufen. Das regt mich auf. Aber was soll man tun? Jetzt leben wir eben hier. Und ein anderes Zuhause werden wir nicht mehr haben.“

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Wie funktioniert die deutsche Altersvorsorge?*

Die Altersvorsorge in Deutschland basiert auf dem 3-Säulen-Modell: Die erste Säule ist die gesetzliche Rentenversicherung, die circa 82 Prozent der Beschäftigten, also fast 55 Millionen Menschen, betreut. Die zweite Säule ist die betriebliche Altersvorsorge, und die dritte die private Altersvorsorge.
 
Der Beitragssatz der gesetzlichen Rentenversicherung beträgt aktuell 18,6 Prozent des Bruttolohns. Der Beitrag wird je zur Hälfte von Arbeitgeber und Arbeitnehmer bezahlt. Das Eintrittsalter für die Regelaltersrente liegt derzeit, unabhängig vom Geschlecht, bei 67 Jahren.
 
2018 gab es in Deutschland rund 18,25 Millionen Altersrentnerinnen und -rentner. In diesem Jahr beliefen sich die Ausgaben für ausgezahlte Renten deutschlandweit auf rund 277,1 Milliarden Euro. Nur 0,2 Prozent der Rentnerinnen und Rentner erhielten eine Regelaltersrente von über 2400 Euro pro Monat. 19 Prozent der Frauen und 11 Prozent der Männer erhalten unter 300 Euro pro Monat.
 
1962 kamen auf einen Altersrentner noch sechs aktiv versicherte Erwerbspersonen. 1992 waren es nur noch 2,7 und 2017 nur noch 2,1 Beitragszahler. Im Jahr 2050 werden 30 Prozent der deutschen Bevölkerung über 60 Jahre alt sein.

Saxofon, Stöckelschuhe und Jazz

Wenn die 67-jährige Mary Gisela begegnete, würde sie ihr wahrscheinlich ein High-Five geben. Sie ist aufgeschlossen, lebhaft und ebenfalls wenig begeistert vom Altwerden.
 
„Es gibt Tage, an denen ich mich schrecklich alt fühle und denke, ich werde bald sterben“, offenbart sie sich mir. „Aber ich mache mich deswegen nicht verrückt. Ich habe mich damit abgefunden, dass auch ich eines Tages von dieser Erde gehen muss.“
 
Mary erzählt mir, dass ihr 60. Geburtstag der Wendepunkt in ihrem Leben war.
 
„An diesem Tag schaute ich in den Spiegel und sagte zu mir selbst: »Meine Liebe, wenn du noch etwas Neues machen möchtest, dann jetzt, bevor es zu spät ist.«“
 
„Und was hast du gemacht?“, frage ich sie.
 
„Ich begann, Saxofon-Unterricht zu nehmen, das war schon lange mein Traum“, lacht Mary.
 
Ihr Saxofon, ein seltenes Selmer Marc VI aus dem Jahr 1960, ist das Einzige, was Mary von ihrem Vater geblieben ist. Sie nimmt Unterricht bei zwei Musiklehrern. Am lieben spielt sie barfuß. Nur wenn sie auf die Bühne geht, zieht sie ihre Stöckelschuhe an.
 
„Bei einem Jazz-Workshop vor zwei Jahren lernte ich ein paar nette Musiker kennen, und wir beschlossen, eine Band zu gründen“, erzählt Mary. „Wir sind zwei Saxofonisten, ein Trompeter, ein Gitarrist, ein Pianist und ein Schlagzeuger. Der Jüngste von uns war 17 Jahre alt, doch er hat inzwischen sein Abitur gemacht und ist weggezogen. Ich bin die Älteste in der Band. Im letzten Jahr habe ich allein für Musikunterricht mehrere Tausend Euro ausgegeben. Deshalb versuche ich auch, mir neben der Rente etwas hinzuzuverdienen, damit ich wenigstens 1500 Euro im Monat habe. Ich würde gern einen gewissen Lebensstandard aufrechterhalten, an den ich mich im Laufe der Jahre gewöhnt habe. Mit 700 Euro Rente im Monat geht das nicht.“
 
Mary begann schon vor vielen Jahren, ihre Rente zu planen.
 
„Ich bekam jedes Jahr ein Schreiben von der Rentenversicherung, in dem stand, wie viel ich bereits eingezahlt hatte und wie viel Rente ich später einmal erhalten würde“, erzählt Mary. „Als ich jung war, machte ich mir darüber nicht groß Gedanken, aber als ich 30 wurde, dachte ich mir: »Oh, verdammt, jetzt sollte ich mich langsam mal darum kümmern.«“
 
Seit 1987 arbeitet Mary freiberuflich als Redakteurin für diverse Verlagshäuser.
 
„Zum Glück sind Künstler und Publizisten in Deutschland durch die Künstlersozialkasse versichert. Das ist eine große Hilfe, denn die Künstlersozialkasse zahlt einen Großteil der Beiträge zur gesetzlichen Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung, also über 500 Euro pro Monat“, sagt Mary.
 
Außerdem investierte Mary ihr Geld in eine Kapitallebensversicherung.
 
„Eigentlich wollte ich im Alter von den Zinsen leben und mir eventuell ein wenig hinzuverdienen. Aber im Augenblick fühle ich mich schon ein wenig betrogen. Nicht nur wurden die Zinsen auf null Prozent gesenkt, nein, ich habe auch noch rund zehn Prozent meiner Ersparnisse durch die Inflation verloren. Mein Plan ging also nicht auf. Außerdem wurde 2002 das Rentenniveau um mehrere Prozentpunkte gesenkt. Ich erhalte also weniger als mir zugesagt wurde“, erzählt Mary. „Wenn ich alleinstehend wäre, hätte ich jetzt Probleme, über die Runden zu kommen.“
 
Mary und ihr Mann zahlen 500 Euro Miete im Monat, dazu kommen die laufenden Ausgaben. Für Essen und Kleidung geben sie jeden Monat etwa 400 bis 500 Euro aus.
 
„Vielleicht würde ich auch mit tausend Euro zurechtkommen, aber das wäre ein Leben am Minimum. Doch ich beklage mich nicht“, sagt Mary. „Ich habe mir dieses Leben selbst ausgesucht, und jetzt komme ich auch damit klar. Ich verdiene mir etwas als Redakteurin hinzu – aber wenn du 67 bist, bist du nicht mehr so schnell wie früher, und jede Tätigkeit verbraucht mehr Zeit und Energie. Wenn ich die Schnauze voll habe, nehme ich mir mein Saxofon und mache Musik. Ich träume davon, einmal eine Zeit lang all der Arbeit, dem Haushalt und dem ganzen Stress zu entfliehen. Kennst du vielleicht einen schönen Ort? Irgendwo weit weg?“, fragt mich Mary und lacht.

Die Einsamkeit des Langstreckenläufers

Gustav** könnte Mary mehrere solcher Orte empfehlen. Das Reisen ist seine große Leidenschaft.
 
„Sobald ich in Rente gehe, packe ich meinen Rucksack und ziehe los“, erklärt mir der 58-Jährige. „Ich würde gerne vom Nordkap bis nach Süditalien oder von Irland über Polen bis an die ukrainische Grenze reisen.“
 
Gustav arbeitet in einer Fabrik, in der in drei Schichten gearbeitet wird. Er arbeitet zwei Tage von 6.00 Uhr bis 14.30 Uhr, dann zwei Tage von 14.30 Uhr bis 23.00 Uhr und schließlich drei Tage von 23.00 Uhr bis 6.00 Uhr morgens. Anschließend hat er 48 Stunden frei, dann geht es wieder von vorne los.
 
„Nach 26 Jahren Schichtarbeit bin ich so erschöpft davon, dass ich ständig meinen Tagesrhythmus umstellen muss, dass ich gerne frühzeitig in Rente gehen würde“, erzählt mir Gustav.
 
Wir blättern in einem großen Ordner mit der Aufschrift „Rente“, den Gustav vor mir auf dem Tisch ausgebreitet hat.
 
„Oh, hier ist das Schreiben, in dem steht, dass ich mit 66 Jahren und 6 Monaten in Rente gehen kann.“ Gustav klopft mit dem Finger auf das Dokument. „Aber das würde bedeuten, dass ich noch über acht Jahre arbeiten muss.“
 
„Schaffst du das?“, frage ich.

„Auf keinen Fall“, antwortet Gustav entschieden. „Vielleicht schaffe ich noch fünf Jahre. Dann wäre ich 63 und könnte in Frührente gehen. Für jeden Monat, den ich vorzeitig in Rente gehe, werden mir 0,3 Prozent von meiner Regelaltersrente abgezogen, ich würde also etwa 13 Prozent weniger erhalten. Das ist eine Menge. Aber, weißt du, ich habe vorgesorgt.“
 
Wir blättern weiter im Ordner.
 
„In den 80er-Jahren wurde in einer Debatte im Fernsehen eine Alterspyramide gezeigt“, erzählt Gustav. „Da wurde mir klar, dass meine gesetzliche Altersrente möglicherweise nicht ausreichen würde. Ich war etwas über 30 Jahre alt und verdiente etwa 2000 Euro im Monat. Also investierte ich in eine private Rentenversicherung, in die ich seitdem jeden Monat 110 Euro einzahle. Wenn ich in Rente gehe, kann ich mir die angesparte Summe auf einmal oder als monatliche Rente auszahlen lassen.“
Gustav bereitet sich optimal auf den Ruhestand vor.
Gustav bereitet sich optimal auf den Ruhestand vor. | Foto: Pexels
Das ist noch nicht alles. Gustav entnimmt dem Ordner ein weiteres Dokument, eine Excel-Tabelle.
 
„2005 haben der Bundesarbeitgeberverband Chemie und die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie einen Pensionsfonds geschaffen, in den Arbeitgeber und Arbeitnehmer einmal jährlich einzahlen. Ich zahle jedes Jahr rund 3000 Euro. Der Fonds wird von einer Bank verwaltet, die das Geld investiert. Sobald ich in Rente gehe, erhalte ich mehrere Zehntausend Euro auf einmal oder in monatlichen Raten. Ich muss nur die Steuern zahlen.“
 
Ist das alles? Nein, Gustav sucht noch ein weiteres Dokument.
 
„Oh, hier ist es“, sagt er stolz. „Schau mal, die Firma, für die ich arbeite, hat für ihre Mitarbeiter einen betriebsinternen Pensionsfonds eingerichtet. Hier steht, dass ich eine Betriebsrente in Höhe von 800 Euro monatlich erhalten werde.“
 
Allmählich verliere ich den Überblick.
 
„Wie viel wirst du denn nun insgesamt bekommen“, frage ich Gustav.
 
„Hätte ich nur die gesetzliche Rentenversicherung, würde ich etwa 1200 Euro pro Monat erhalten“, sagt Gustav. „Aber durch die zusätzlichen Zahlungen werde ich zweieinhalb Mal so viel bekommen.“
 
„So eine Rente wäre in Polen unvorstellbar“, sage ich seufzend.
 
„Das mag schon sein, aber du musst auch die Lebenshaltungskosten in Deutschland berücksichtigen“, erklärt mir Gustav geduldig. „Meine Haushaltungskosten liegen bei etwa 300 Euro monatlich, für die Krankenversicherung zahle ich über 500 Euro, und ein paar Hundert Euro gebe ich für Essen aus. Zum Glück sind die Arztbesuche kostenlos. Und für rezeptpflichtige Medikamente zahle ich höchstens 10 Euro.“
 
„Wie kommt es, dass die Deutschen ihre Altersvorsorge so sorgfältig planen?“, frage ich ihn.
 
„Früher lebten wir mit mehreren Generationen in einem Haushalt und kümmerten uns selbst um unsere Angehörigen“, sagt Gustav. „Aber dann wurde uns gesagt, wir müssen flexibel sein, wenn wir Karriere machen wollen. Also zogen wir in die Welt hinaus und begannen, auf eigene Faust zu leben. Niemand erwartet heute mehr, dass sich die Familienmitglieder im Alter um ihn kümmern. Die gesetzliche Pflegeversicherung garantiert älteren Menschen häusliche Pflege oder einen Platz in einem Seniorenheim. Deshalb wundert es mich auch so sehr, dass so viele Deutsche im Alter ins Ausland ziehen“, sagt Gustav. „Neulich habe ich eine Fernsehsendung über deutsche Rentner gesehen, die nach Bulgarien ziehen, weil das Leben dort viel günstiger ist als hier. Ich frage mich nur, wer sie dort pflegen soll und was das kosten wird. Ich weiß nicht, ob sich das wirklich lohnt. Neulich wurde auch ein Beitrag über einen obdachlosen 78-jährigen Mann gezeigt, der seit einem Jahr auf dem Frankfurter Flughafen gestrandet ist. Er hatte so lange im Ausland gelebt, dass er aus dem deutschen Sozialversicherungssystem herausgefallen und nach seiner Rückkehr völlig mittellos war. Das war für viele Deutsche ein Schock.“

„Aber die deutschen Restaurants, Cafés, Konzertsäle und Kinos sind doch voller älterer Leute, die offensichtlich zufrieden mit ihrem Leben sind“, werfe ich ein.
 
Gustav schüttelt den Kopf.
 
„Die Armut ist unsichtbar“, entgegnet er mir. „Aber fast ein Fünftel aller Männer und fast die Hälfte aller Frauen in Deutschland erhalten weniger als 600 Euro Regelaltersrente. Wenn sie nicht anderweitig vorgesorgt haben, leben sie jetzt in Armut. In der Öffentlichkeit sieht man nur die, denen es gut geht.“

Klar doch: Ich!

Auf einem Rock-Konzert in der Alten Feuerwache in Mannheim stehen mehrere ältere Paare vor der Bühne und wippen im Takt der Musik. Die Übrigen sitzen an Stehtischen und schlürfen Drinks. Hier lerne ich Cornelia kennen, eine zierliche und gepflegte 66-jährige Rentnerin.
 
Cornelia geht gerne aus und führt ein aktives Leben. Unter der Woche besucht sie einen Salsa-Kurs, geht ins Fitness-Studio und trifft sich mit Freundinnen. An den Wochenenden hat sie Zeit für ihren Partner, mit dem sie seit zwanzig Jahren liiert ist.
 
„Wir leben nicht zusammen, und das ist auch gut so“, sagt Cornelia lachend. „Dafür reisen wir, so oft es geht, durch die Welt. Wir sind schon mit dem Wohnwagen durch ganz Europa, nach Namibia und Südafrika gefahren. Wir waren auch schon in den USA, auf Hawaii und in Mexiko. Jetzt planen wir gerade eine Reise nach Israel und Jordanien – sofern uns das Corona-Virus nicht einen Strich durch die Rechnung macht.“
 
Finanzielle Probleme hat Cornelia nicht. Ihre Eltern waren wohlhabend und haben ihr einiges hinterlassen. Und als Beamtin – denn die meisten Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland sind verbeamtet – bekommt sie eine gute Pension.
 
„Ich habe mein ganzes Leben lang Mathematik und Physik unterrichtet“, sagt Cornelia. „Bis ich vor eineinhalb Jahren mit 65 in Pension gegangen bin. Jetzt bekomme ich jeden Monat 2600 Euro.“
 
Cornelia erklärt mir, dass Beamte in Deutschland viele Privilegien genießen: Sie können nicht entlassen werden, erhalten eine Pension vom Staat und müssen nur 70 Prozent ihrer Krankenversicherung zahlen: im Falle Cornelias etwa 200 Euro pro Monat. 
 
„Anfangs konnte ich mir ein Leben ohne meine Schüler einfach nicht vorstellen und hatte Angst, nach meiner Pensionierung in ein tiefes Loch zu fallen“, erzählt Cornelia. „Zum Glück hat mir mein ehemaliger Mann, mit dem ich weiterhin befreundet bin, eine Arbeit in seiner eigenen Firma angeboten. Auf diese Weise konnte ich meine Zeit ausfüllen und gleichzeitig etwas Neues lernen. Ich habe im Verkauf und im Kontakt mit Kunden gearbeitet. Die Arbeit gefiel mir, aber als meine Enkelin geboren wurde, verließ ich die Firma. Ich wollte lieber für meine Tochter da sein.“
 
„Du machst auf mich einen rundum zufriedenen Eindruck“, sage ich, während ich sie anblicke.
 
„Altsein ist einfach herrlich“, sagt Cornelia lachend. „Ich würde nicht noch einmal 30 Jahre alt sein wollen. Ich weiß viele Dinge erst jetzt zu schätzen, das kommt mit dem Alter und mit der Erfahrung. Hast du das Buch von Michelle Obama gelesen? Sie stellt dem Leser dort diverse Fragen. Eine davon lautet: Kennst du jemanden, der wirklich glücklich ist? Als ich über die Antwort nachdachte, wurde mir plötzlich bewusst: »Klar doch: Ich!«“
Deutsche Beamte haben viele Privilegien.
Deutsche Beamte haben viele Privilegien. | Foto: Pexels

Ein anderer Ort

In Mannheim spürt man den Wohlstand, in der Barbarossastadt Kaiserslautern ist die Armut schon deutlicher spürbar. Vor allem an Dienstagen, Freitagen und jeden zweiten Donnerstag nachmittags. Eben dann holen sich die ärmsten Einwohner bei der Tafel ihr Essen ab. Die Tafel Kaiserslautern unterstützt über 800 Personen, drei Viertel von ihnen sind Rentner.

„In den letzten zwei Jahren ist die Zahl der älteren Bedürftigen deutlich gestiegen“, erzählt Peter Lenk, der Leiter der Tafel Kaiserslautern. „Ich denke, dass diese Menschen früher nicht zu uns kamen, weil sie sich schämten.“
 
„Warum benötigen so viele Rentner Unterstützung?“, frage ich.
 
„Die Mindestrente in Deutschland ist sehr niedrig“, seufzt Peter. „Stelle dir einmal ein älteres Ehepaar vor: Der Mann stirbt. Er hat nicht viel verdient und eine Rente von unter 700 Euro erhalten. Seine Frau, die nie gearbeitet hat, erhält daraufhin eine Witwenrente in Höhe von 60 Prozent der Altersrente ihres verstorbenen Mannes, also 420 Euro. Wie soll sie davon leben? Du darfst nicht vergessen, dass nur rund 45 Prozent der Deutschen Wohneigentum besitzen, die übrigen zahlen mehrere Hundert Euro Miete im Monat.“
 
„Wie kommen sie über die Runden?“, frage ich nach.
 
„Sie beantragen Sozialhilfe“, erklärt Peter. „Und am 1. Januar 2021 wird in Deutschland die sogenannte Grundrente eingeführt, die Menschen mit geringen Renten um bis zu 400 Euro im Monat besser stellen wird. Aber wie bereits ein deutscher Journalist gesagt hat: Jede Tafel ist ein Vorwurf an unsere Gesellschaft. Wir sind schließlich ein reiches Land. Die Regierung erzählt uns ständig, dass der Markt sich selbst reguliert und alles schon irgendwie gut wird. Nichts, aber auch gar nichts wird von allein gut. Die einen bekommen mehrere Tausend Euro Rente, und die anderen nagen am Hungertuch. Den Reichen würde es wirklich nichts ausmachen, wenn sie fünf Prozent weniger erhielten. Aber weißt du, warum die Politiker wollen, dass alles beim Alten bleibt? Weil sie sich nicht ins eigene Fleisch schneiden wollen.“
Immer mehr Menschen kommen zu den Tafeln (Lebensmittelbanken).
Immer mehr Menschen kommen zu den Tafeln (Lebensmittelbanken). | Foto: Pexels
Die Tafel Kaiserslautern erhält ihre Lebensmittel von Supermarktketten wie Globus, Lidl, Rewe und Edeka. Auf diese Weise werden die Supermärkte ihre Lebensmittel los, die nicht mehr verkauft, aber bedenkenlos verzehrt werden können.
 
„Rentner, Arbeitslose und Flüchtlinge erhalten bei uns Gemüse, Obst, Nudeln, Reis und Brot“, zählt Peter auf. „Sie suchen sich selbst aus, was sie am dringendsten benötigen. Viele von ihnen kommen nicht mit Einkaufstüten, sondern mit kleinen Handwagen. Die Lebensmittel, die wir ihnen geben, müssen schließlich zwei Wochen lang reichen, denn sie können sich nur alle 14 Tage bei uns melden. Aber in dieser Zeit stehen ihnen auch viele andere Hilfsorganisationen zur Verfügung.“
 
„Und wie kommst du selbst mit deiner Rente zurecht?“, frage ich Peter.
 
„Ich kann nicht klagen“, sagt Peter lachend. „Meiner Frau und mir geht es gut.“
 
„Warum arbeitest du dann ehrenamtlich für die Tafel?“, frage ich nach.
 
„Als ich vor 16 Jahren in Rente ging, nahm ich mir vor, mich einen Tag in der Woche ehrenamtlich zu engagieren“, antwortet Peter. „Aus diesem einen Tag sind jetzt schon drei geworden. Zum Glück konnte ich einige Bekannte überreden, ebenfalls mitzumachen. Der Älteste von uns ist 84 Jahre alt. Wir arbeiten gut zusammen und haben das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Aber ich suche ständig nach ehrenamtlichen Helfern, denn nicht jeder ist dieser Situation, dem engen Kontakt mit der Armut, psychisch gewachsen. Es ist für beide Seiten nicht leicht“, seufzt Peter.

Kopf hoch, solange es noch geht!

 „Viele meiner Freundinnen sind auf die Lebensmittel der Tafel angewiesen“, erzählt die 75-jährige Doris aus Osthofen „Zum Glück gehöre ich nicht dazu. Ich komme einigermaßen zurecht.“

Doris ist sehr mutig. Um sich mit mir zu treffen, muss sie die Treppe aus dem ersten Stock herabsteigen. Bei jedem Schritt hält sie sich vorsichtig am Geländer fest. Nach einer misslungenen Knieoperation hat sie ein steifes Bein, und das Treppensteigen ist für sie äußerst kompliziert. Langsam, mit kleinen Schritten, auf ihren Rollator gestützt, erreicht sie das Café, in dem wir uns verabredet haben.
 
„Ich habe mir neulich ein Seniorenheim angesehen“, erzählt Doris, während wir unseren Kaffee trinken. „Schließlich werde ich mich eines Tages nicht mehr in meine Wohnung schleppen können. Mir wurde gesagt, dass man aktuell drei bis fünf Jahre auf einen Platz warten muss.“
 
„Könntest du nicht bei deinen Kindern wohnen?“
 
„Nein, das möchte ich nicht“, verneint Doris energisch. „Ich möchte niemandem zur Last fallen. Jeder braucht seinen Freiraum.“
 
Doris sagt, dass sie nie ein eigenes Haus oder eine eigene Wohnung hatte und dass sie um nichts in der Welt einen Kredit aufnehmen würde, weil sie keine Schulden haben möchte.
 
„Die Wohnung, in der ich lebe, gehört meinem Sohn“, erzählt sie. „Ich zahle ihm nicht viel Miete, 350 Euro plus Nebenkosten, insgesamt etwa 500 Euro.“
 
Doris ist Witwe, Mutter zweier Kinder, Großmutter und Urgroßmutter. Ihr Mann, der kerngesund und sportlich war, starb vor 28 Jahren ganz plötzlich an einem Herzinfarkt, als sie gemeinsam im Urlaub waren. Einige Jahre später hatte Doris einen Schlaganfall.
 
„Eigentlich wollte ich danach in Frührente gehen, ich war bereits über 50“, erinnert sich Doris. „Aber der Telekommunikationsanbieter, bei dem ich angestellt war, rechnete mir vor, dass ich nur 97 Mark, also etwa 50 Euro, Betriebsrente erhalten würde, weil ich nur acht und nicht zehn Jahre dort gearbeitet hatte. Also biss ich auf die Zähne und arbeitete trotz meiner Beschwerden noch zwei Jahre weiter. Ich weiß auch nicht, wie ich das ausgehalten habe, aber es hat sich gelohnt.“
 
„Wieso?“, frage ich nach.
 
„Weil ich jetzt zusätzlich zu meinen 1000 Euro Regelaltersrente noch 700 Euro Betriebsrente bekomme,“ sagt Doris lächelnd. „Ich kann etwas für meine Kinder und Enkel zurücklegen und muss beim Einkaufen nicht auf jeden Cent schauen. Eine 72-jährige Freundin von mir, die sehr krank ist, hat ihr ganzes Leben in einer Telefonzentrale gearbeitet. Sie bekommt so wenig Rente, dass sie, anstatt sich um ihre eigene Gesundheit zu kümmern, für fünf Euro die Stunde andere betreut! Viele meiner Bekannten sitzen den ganzen Tag vor dem Fernseher, weil sie sich nichts anderes leisten können“, seufzt Doris. „Sie haben sich aufgeben, haben mit dem Leben abgeschlossen.“
 
Doris argumentiert, dass das Altsein trotz aller Einschränkungen nicht zwangsläufig etwas Schlechtes ist.
 
„Ich lese viel, höre Musik, koche. Und meine Mahlzeiten zelebriere ich geradezu: Ich decke den Tisch und zünde eine Kerze an. Es ist mir egal, dass ich allein esse“, sagt Doris. „Außerdem pflege ich meine Freundschaften, denn ohne sie würde meine Welt zusammenbrechen. Im Sommer würde ich gerne mit einer Freundin in ein Sanatorium an der polnischen Ostsee fahren. Wer weiß, vielleicht ist es das letzte Mal?“
 
*Quellen: www.deutsche-rentenversicherung.dewww.demografie-portal.de
 
**Der Name wurde auf Wunsch des Interviewpartners geändert.
 

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