Was ist los mit… Marcel Reich-Ranicki?
Der Literaturpapst

Reich-Ranicki-Graffiti an einer Buchhandlung in Menden im Sauerland
Reich-Ranicki-Graffiti an einer Buchhandlung in Menden im Sauerland | @ Mbdortmund

Vor hundert Jahren ist der deutsche Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zur Welt gekommen. Er wurde unter anderem ​eine „Ikone des Feuilletons“ und „Literaturpapst“ genannt. Wie er sich solche Spitznamen verdient hat, erklärt Christoph Bartmann.

 

Marcel Reich-Ranicki: Soeben hat man in Deutschland sehr intensiv an den Mann erinnert, der vor 100 Jahren, am 2. Juni 1920, in Włocławek an der Weichsel geboren und der es in einem abenteuerlichen Leben gegen alle Wahrscheinlichkeit zu Deutschlands „Literaturpapst“ brachte. Literaturpapst, so etwas gibt es heute nicht mehr. Während die Päpste in Rom verlässlich einen Nachfolger bekommen, ist der Stuhl, auf dem Jahrzehnte hindurch Marcel Reich-Ranicki (den viele nur MRR nannten) präsidierte, verwaist.
 
Dafür gibt es verschiedene Gründe, von denen vielleicht der Bedeutungsverlust der Literatur und der Literaturkritik gar nicht der wichtigste ist. MMR war „Papst“ nicht, weil man ihn dazu gewählt hatte, sondern weil er nach Persönlichkeit und kritischer Attitüde die Funktion besser ausfüllte als irgendeiner seiner Konkurrenten. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus, wenn man bedenkt, wie sich ein klassischer Außenseiter derart ins Zentrum des literarischen und kulturellen Betriebs vorarbeiten konnte. Darüber ist viel geschrieben worden, nicht zuletzt von MRR selbst, dessen Autobiographie „Mein Leben“ zum Bestseller wurde, auch, weil den Autor dank des TV-Literaturtalks „Literarisches Quartett“ beinahe jedes Kind kannte. Und doch bliebe MRRs rasante Karriere in der Bundesrepublik seit seiner Rückkehr im Jahre 1958 (über die polnischen Jahre hat Gerhard Gnauck das Wesentliche geschrieben) ein Mysterium, wenn man sich nicht deutlich macht, mit welchem Anspruch MRR damals auf die literarische Bühne trat. Er wollte der „erste Kritiker der deutschen Literatur“ sein, so wie es vor ihm einmal Walter Benjamin für sich beansprucht hatte. Und er wurde es.

Alfred Kerr, Walter Benjamin, Marcel Reich-Ranicki: die drei führenden deutschen Literaturkritiker der letzten hundert Jahre waren Juden. MRR hat in seiner Autobiographie davon erzählt, welchen antisemitischen Anfeindungen er zeitlebens, vor allem in den Jahren als Kritiker der „Zeit“ und später als „Literaturchef“ der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ausgesetzt war. Das hinderte ihn nicht, dem Ruf des Hitler-Biographen und Albert-Speer-Intimus Joachim Fest nach Frankfurt zu folgen, als dieser 1973 einer der Herausgeber der FAZ wurde. Das Deutschnationale, Preußische und Schneidige von Fest und Konsorten war MRR nicht gänzlich fremd. Wenn er selbst ein Liberaler war, machte er darum kein großes Aufheben – wie überhaupt sein Augenmerk der Literatur ganz allein gehörte, und nicht irgendeiner, nein großer, größter, kanonischer (oder von ihm für kanonisch erklärter) Literatur.
 
MRRs literarischer Geschmack und literarisches Urteil war geprägt von den Vorkriegsheroen: Thomas Mann und alles, was zu Thomas Mann hinführt, die große realistisch-psychologische Romantradition des 19. Jahrhunderts. Wer auch noch in der Gegenwart an dieses Erbe anknüpfte, durfte bei ihm auf kritisches Lob hoffen. Oder anders herum: alles was entschieden modern, postmodern und avantgardistisch war, alles worin sich die Sprache eher mit sich selbst beschäftigte statt reale Welten psychologisch auszuleuchten, war ihm suspekt. Eben deshalb war MRR für damals junge Generationen von Germanisten und Kritikern (wie meine eigene) ziemlich irrelevant. Ich kann mich nur an wenige seiner Kritiken (sehr gerne waren es „Verrisse“) erinnern, die mir argumentativ eingeleuchtet hätten.

MRR liebte es zu preisen und zu verdammen, er beklagte sich schnell, wenn ihn beim Lesen die Langeweile überkam, wenn den zwischenmenschlichen Verhältnissen einschließlich der bei ihm hoch im Kurs stehenden „Erotik“ nicht genug Raum gegeben wurde. Jüngere Helden von damals, etwa Peter Handke oder Thomas Bernhard, blieben MRR zeitlebens fremd. Als Literaturpapst nahmen wir damals MRR schon nicht mehr richtig ernst, aber manchmal ergötzten wir uns doch an seinem theatralischen Auftreten im „Literarischen Quartett“, wo ihm kraft hoher Einschaltquoten die Macht verliehen war, ganz allein Bücher zu Bestsellern zu machen oder aber sie in Grund und Boden zu vernichten. Manche deutschen Großautoren haben mit MRR gemischte Erfahrungen gemacht, Günter Grass etwa, dessen ehrgeizigen Wenderoman „Ein weites Feld“ MRR auf der Titelseite des „Spiegel“ buchstäblich in Stücke riss, oder Martin Walser, den MRR zuerst vernichtend kritisierte (stets in einer maßlosen Diktion im Stil von „keine Zeile lesenswert“ oder „miserabel“) und mit dem nächsten Buch wieder in der Himmel hob, ehe die Beziehung dann unter Walsers ominösem Anti-MRR-Roman „Tod eines Kritikers“ komplett zerbrach.
 
Wenig kommt heute heran an die Aufregungen rund um neue Literatur und das literarische Leben, wie sie MRR seinerzeit noch fast im Alleingang entfachen konnte. Bei der Wiederbeschäftigung mit seinen Texten kann es aber passieren, dass man dem Kritiker MRR erstmals den Respekt zollte, den man ihm stets verweigert hatte. Nein, dieser Mann war nicht nur ein TV-Entertainer von hohen Graden. Er war ein seriöser, unendlich gebildeter, streitlustiger, publikumszugewandter Schreiber, der nicht besonders zu beeindrucken war vom literarischen Allerneuesten, weil er dafür viel zu tief in der älteren Literatur wurzelte, die er letztlich für überlegen hielt. Goethe, Lessing, Kleist, Fontane, Thomas Mann, das waren die Helden der Berliner Gymnasialjahre des jungen MRR, ehe ihn dann die Nazis nach Polen abschoben. Und sind es, wer will es ihm verdenken, sein Leben lang geblieben.

Dieser Beitrag entstand anlässlich deS 100. Geburtstags von Marcel reich-ranicki. 

Top