Wohnen in Deutschland
„Vielleicht zahle ich den Kredit ab, bevor ich den Löffel abgebe.“

Heidelberg
Heidelberg | Foto: Pixabay

Der 22-jährige Tom konnte nicht an seiner Wunsch-Uni studieren, weil er in Bonn keine Wohnung fand. Für die 28-jährige Natalie ist es eines der größten Lebensziele, eines Tages ein eigenes Haus zu besitzen. Der 59-jährige Andreas hat zusammen mit seinem Ehemann eine 140-Quadratmeter-Wohnung gemietet. Und die 75-jährige Martha hat einen Kredit für die Reparatur ihres Dachs aufgenommen, den sie innerhalb der nächsten 15 Jahre abzahlen muss.

Von Joanna Strzałko

In meiner Gemeinde in Deutschland leben etwa 800 Menschen. Die Bebauung ist niedrig gehalten. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich die Häuser meiner Nachbarn. Es sind große Ziegelhäuser ohne Zäune, die sich an der asphaltierten Straße entlang reihen.

In einem von ihnen lebt eine Drei-Generationen-Familie, insgesamt sechs Personen. Ein weiteres wurde in drei Wohnungen aufgeteilt, weil sich kein Käufer für ein so großes Anwesen fand – angeblich soll es über eine halbe Million Euro gekostet haben. Jetzt wohnen darin bis zu zehn Personen. Ein drittes Haus steht leer, die Besitzerin ist in eine Seniorenresidenz umgezogen. Das Erdgeschoss eines weiteren Hauses wurde Jahre lang an Saisonarbeiter vermietet, doch im Moment gibt es keine Interessenten.

Ein wenig weiter sehe ich eine rosa Villa, in der Russen leben, und ein gelbes Haus, das von Polen bewohnt wird. Ein in einer Seitengasse verborgenes riesiges Gebäude wurde von der US-Army für irgendeinen General gemietet. In den benachbarten blauen Doppelhäusern wohnen einige deutsch-amerikanische Paare. Und am Rande der Gemeinde, dort wo sich früher ein Weinberg befand, werden dicht an dicht günstige Fertighäuser errichtet.

So leben die Menschen in meiner Umgebung.

Statistiken sagen, dass mehr als die Hälfte der Deutschen zur Miete wohnt. Aber wie? Ich fahre in die benachbarten Großstädte, nach Mannheim, Heidelberg und Mainz, um mir selbst ein Bild davon zu machen.

Ein Schlafzimmer für 600 Euro

„Ich bin in meinem Leben schon zehnmal umgezogen“, sagt der 22-jährige Tom und zählt an den Fingern die Orte auf, an denen er länger gewohnt hat: Ramsen, Mannheim, Börrstadt, Bockenheim, Kaiserslautern und Mainz. „Wir hatten nur einmal eine Zeit lang eine eigene Wohnung“, erzählt Tom weiter. „Aber dann brach unsere Familie auseinander. Mein Vater ging in die USA, wo er inzwischen erneut geheiratet hat, und meine Mutter ging ihre eigenen Wege. Ich habe schon seit über sechs Jahren keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern.“
Mannheim
Mannheim | Foto: Pixabay
Ohne die Schwester eines ehemaligen Freundes seiner Mutter hätte Tom keine Chance gehabt, eine Wohnung zu mieten. „Ich bin mitten im Studium und arbeite nur am Wochenende. Wenn man eine Wohnung mieten möchte, benötigt man zwingend einen Einkommensnachweis“, erklärt Tom. „Als ich vor einigen Monaten einen Mietvertrag für eine 85-Quadratmeter-Wohnung mit vier Zimmern in Mainz (für 1120 Euro im Monat) unterschrieb, hat sie für mich gebürgt.“

Bevor Tom nach Mainz zog, hatte er sich an der Bonner Universität eingeschrieben, um Ethnografie und Philosophie zu studieren. Er hatte sich wie ein Kind auf sein Studium gefreut und sich bereits im Geiste ausgemalt, wie er Seminare renommierter Professoren besuchen, Bücher in der Universitätsbibliothek wälzen und anschließend mit dem Fahrrad in seine kleine Wohnung zurückfahren würde. Seine Wohnung? Tja, dieses einzige, jedoch wesentliche Problem hatte Tom nicht bedacht.

„Ich habe über alle möglichen Kanäle nach einer Einzimmerwohnung oder einem Zimmer in einer WG gesucht“, erzählt Tom. „Ich habe Hunderte von Anbietern auf Online-Portalen kontaktiert und Immobilienmakler angerufen. Es half alles nicht. Manchmal bekam ich zur Antwort, dass man mich an die hundertste Stelle der Warteliste gesetzt hatte, und manchmal nicht einmal das. Die einzige Wohnung, die mir angeboten wurde, war 200 Kilometer von Bonn entfernt. Schließlich gab ich es auf.“

Tom erklärt mir, dass junge Alleinstehende, die für große Konzerne arbeiten und ein entsprechendes Einkommen nachweisen können, die besten Chancen haben, eine kleine Wohnung in einer großen Stadt zu ergattern. Aber Studenten?

„In der Kölner Universität wurden Notfallbetten in einer Turnhalle aufgestellt, für all jene, die nicht rechtzeitig eine Wohnung gefunden hatten“, erzählt Tom. „Einige meiner Kommilitonen kaufen sich für 600 Euro ein Monatsticket der Deutschen Bahn und fahren jede Nacht im Schlafwagen durch die Gegend, mit Dusche und Frühstück. Man muss die Reise nur so planen, dass man die ganze Nacht unterwegs ist und morgens wieder dort ankommt, wo man abgefahren ist.“

Also kehrte Tom Bonn den Rücken und schrieb sich an der Universität in Mainz ein, wo der Wohnungsmarkt angeblich etwas entspannter war. Doch dort war das Semester bereits in vollem Gange, und alle Wohnungen waren bereits vermietet. Also mietete Tom für 420 Euro im Monat eine 30-Quadratmeter-Wohnung in Kaiserslautern, die zwei Stunden Zugfahrt von der Mainzer Universität entfernt war, um von dort aus intensiv nach einer Wohnung in Mainz zu suchen.

„Die Wohnungssuche sieht in allen deutschen Städten ungefähr gleich aus“, erzählt Tom. „Du suchst im Internet nach einer passenden Annonce, füllst ein Formular mit deinen Kontaktdaten aus und wartest auf eine E-Mail oder einen Anruf. Die Interessenten erhalten einen Termin für eine gemeinsame Wohnungsbesichtigung. Du erhältst die Adresse und die Hausnummer, jedoch nicht die Nummer der Wohnung. Du stellst dich also in die Schlange auf dem Hof und wartest auf den Immobilienmakler oder auf den Besitzer, egal ob bei strömendem Regen oder sengender Hitze. Wenn er endlich erscheint, lässt er alle Interessenten auf einmal in die Wohnung, sieht sich ihre Beschäftigungs- und Einkommensnachweise an und sucht sich den besten Kandidaten aus.“
Tom mietete für 420 Euro im Monat eine 30-Quadratmeter-Wohnung in Kaiserslautern, die zwei Stunden Zugfahrt von seiner Universität entfernt war.
Tom mietete für 420 Euro im Monat eine 30-Quadratmeter-Wohnung in Kaiserslautern, die zwei Stunden Zugfahrt von seiner Universität entfernt war. | Foto: Shutterstock
Doch schließlich hatte Tom Erfolg und konnte nach einem Jahr in Kaiserslautern endlich nach Mainz umziehen. „Dieses Mal hatte ich Glück“, erzählt Tom. „Der Besitzer der Wohnung wollte auf keinen Fall an Sozialhilfeempfänger vermieten – und bisher hatten sich ausschließlich solche bei ihm gemeldet. Als er hörte, dass ich Student war, war er bereit, es mit mir zu versuchen.“

Die Vierzimmerwohnung mit Küche und Bad liegt am Stadtrand von Mainz, direkt an der Bundesstraße. Tom teilt sie sich mit zwei Mitbewohnern. „Ich bin der Hauptmieter, was bedeutet, dass ich den Mietvertrag unterschrieben und 2700 Euro Kaution hinterlegt habe“, erklärt Tom. „Meine Mitbewohner schließen einen Untermietvertrag mit mir ab, sie haben eine dreimonatige Kündigungsfrist, hinterlegen 900 Euro Kaution und zahlen jeden Monat 375 Euro Miete.“

Als ich Tom nach dem Zustand der Wohnung frage, lacht er. „Dass ich über 1000 Euro Miete zahle, bedeutet nicht, dass die Wohnung besonders luxuriös ist“, erklärt er. „Das Gebäude ist alt, die Wohnung wurde zwar kurz vor meinem Einzug renoviert, aber mit billigsten Materialien. Hier löst sich etwas, dort fällt etwas ab. Und die Küche war unmöbliert, also mussten wir noch einen Herd, zwei Schränke und einen Kühlschrank kaufen. Zum Glück fanden wir alles gebraucht im Internet für knapp über 300 Euro. In Deutschland ist es üblich, dass man seine Kücheneinrichtung beim Auszug mitnimmt. Wenn man Glück hat, kann man sie an den Nachmieter verkaufen.“

„Wie kommst du finanziell über die Runden“, frage ich Tom.

„Ich erhalte 411 Euro BAföG im Monat. Die Höhe der Förderung hängt vom Einkommen der Eltern, der Größe der gemieteten Wohnung und den Mietkosten ab. Der Höchstsatz liegt bei 780 Euro. Von diesem Geld zahle ich die Miete und die Nebenkosten“, erklärt Tom. „Außerdem beziehe ich jeden Monat 204 Euro Kindergeld. Normalerweise wird das Kindergeld an die Eltern gezahlt, aber weil ich allein lebe, wird es direkt auf mein Konto überwiesen. An den Wochenenden arbeite ich im Supermarkt an der Kasse, damit verdiene ich mir etwa 450 Euro. Das genügt mir.“

Tom hätte gern eine eigene Wohnung. Oder noch lieber ein Haus mit Garten außerhalb der Stadt. „Doch solange ich mein BAföG nicht zurückgezahlt habe, wird mir keine Bank einen Kredit gewähren. Ich weiß also nicht, ob ich mir so etwas jemals werde leisten können“, sagt Tom nachdenklich.
Ein Platz in Mainz
Ein Platz in Mainz | Foto: Pixabay

Ein Zimmer im Austausch gegen etwas Gesellschaft

Auch die 28-jährige Natalie träumt von einem Haus mit Garten. Ein gemütliches Haus, voller Licht und Blumen. Im Gegensatz zu Tom ist sich Natalie sicher, dass dieses Haus eines Tages ihr gehören wird. Mit einem eigenen Behandlungszimmer, in dem sie schon in wenigen Jahren ihr Diplom zur Psychotherapeutin an die Wand hängen und Patienten betreuen wird.

„Ich habe beschlossen, nicht noch mehr Geld in fremde Immobilien zu investieren, und lieber jeden Monat etwas zur Seite zu legen“, sagt Natalie. „Ich bin zwar noch in der Ausbildung, aber ich arbeite schon seit 14 Jahren unermüdlich: im Büro, in der Schule, im Schwimmbad, in der Kneipe, im Supermarkt. Ich lebe bescheiden und verzichte bewusst auf Urlaube und Wochenendreisen – um irgendwann Geld für ein eigenes Zuhause zu haben. Ich habe auch keine Angst davor, einen Kredit aufzunehmen, vor allem weil die Kreditzinsen in Deutschland inzwischen auf 1,5 bis 2 Prozent gefallen sind. Ich würde mir vielleicht keine Million leihen, aber 250 000 Euro schon. Und dafür bekommt man schließlich schon ein günstiges Eigenheim.“

Zweimal ist Natalie bereits aus ihrem Elternhaus in Osthofen ausgezogen. Einmal zum Studium nach Heidelberg, wo sie nach einem Jahr Wartezeit einen Platz in einer zu einem Studentenwohnheim umgebauten ehemaligen US-Kaserne erhielt.

„Es war gar nicht so schlecht dort. Ich teilte mir zwar das Bad mit meiner Nachbarin, hatte aber ein 15-Quadratmeter-Zimmer mit Küchenecke für mich allein. Und das für nicht einmal 250 Euro im Monat, was für Heidelberger Verhältnisse ausgesprochen günstig ist. Eine normale Einzimmerwohnung kostet dort über 500 Euro“, berichtet Natalie. „Aber ich durfte nur zwei Jahre im Studentenwohnheim wohnen, anschließend musste ich allein zurechtkommen.“

Ein weiteres Mal verließ Natalie Osthofen in Richtung Worms, um mit ihrem damaligen Freund zusammenzuziehen. Zwei Jahre später kehrte sie in ihr Elternhaus zurück. Es ist ein zweistöckiges Haus mit hölzernen Fensterläden, im Schatten dreier hoher Kastanienbäume. Natalie wohnt hier mit ihrer Mutter zusammen.

„Meine Mutter hat das Haus von ihren Eltern geerbt“, erzählt Natalie. „Aber weil es Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut worden war und keine Zentralheizung besaß, musste meine Mutter einen Kredit für die Renovierung aufnehmen. Deshalb zahle ich ihr zwar keine Miete, trage jedoch meinen Anteil an den Nebenkosten, also jeden Monat etwa 200 Euro.“
Zweimal ist Natalie bereits aus ihrem Elternhaus in Osthofen ausgezogen.
Zweimal ist Natalie bereits aus ihrem Elternhaus in Osthofen ausgezogen. | Foto: Pixabay
Natalies Mutter bewohnt das Erdgeschoss mit Küche, Badezimmer, Wohnzimmer, Schlafzimmer und Zugang zum Garten. Natalie wohnt im ersten Stock, ihre Wohnung ist ähnlich geschnitten wie die ihrer Mutter, besitzt jedoch einen Balkon. Von dort blickt Natalie auf den kleinen Gemüsegarten mit Tomaten, Gurken und Paprika, die Blumenbeete und den Rasen hinab. Dort rekeln sich auch Natalias drei graue, gelbäugige und ein wenig überheblich dreinblickende Katzen. Vielleicht ist es diese idyllische Ruhe, die in Natalie den Wunsch geweckt hat, irgendwann ein eigenes Zuhause in der Umgebung zu besitzen. Sie kann sich nicht vorstellen, dabei irgendwelche Kompromisse einzugehen.

„Die meisten meiner Freunde wohnen, obwohl sie ihr Studium bereits abgeschlossen haben, weiterhin zur Miete“, sagt Natalie. „Aber wie wollen sie etwas kaufen, wenn sie durchschnittlich 1200 bis 1300 Euro im Monat verdienen und die Hälfte davon für die Miete draufgeht? Viele von ihnen nehmen Zweitjobs an, um über die Runden zu kommen, sie geben Nachhilfe oder arbeiten im Fitnessstudio. Die Wohnungsnot in Deutschland hat bereits einen neuen Trend hervorgebracht: Mehrgenerationen-WGs. Ich habe erst kürzlich eine Sendung darüber im Fernsehen gesehen. Es ging um alleinlebende ältere Menschen, die Mitleid mit der Wohnungsnot junger Erwachsener haben und ihnen zu symbolischen Preisen Zimmer vermieten. Sie geben ihnen ein Dach über den Kopf und haben gleichzeitig jemanden, mit dem sie sich unterhalten können. Für eine gewisse Zeit ist so etwas sicherlich eine gute Lösung. Aber ich würde nicht so leben wollen.“

1800 Euro, Monat für Monat

Der 59-jährige Andreas hätte im Leben gerne einiges anders gemacht. Im Nachhinein bereut er, dass er sich nie eine Eigentumswohnung gekauft hat. Und dass er sich so von seiner Arbeit vereinnahmen ließ, dass er heute unter Burn-out und Depressionen leidet.

„Ich habe schon überall in Deutschland gelebt“, erzählt Andreas. „Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich in Saarbrücken, in der Nähe der französischen Grenze. Zum Studium zog ich 70 Kilometer Richtung Nordosten nach Saarbrücken. Für meinen ersten Job zog ich 400 Kilometer Richtung Norden nach Gütersloh und dann wieder 400 Kilometer Richtung Süden nach Heidelberg, wo ich seit 20 Jahren mit meinem Mann zusammenlebe. Ich habe in der Universitätsverwaltung gearbeitet und mich vor einigen Jahren sogar für die Stelle des Kanzlers der Universität beworben. Ich war so mit meiner Karriere beschäftigt, dass ich weder die Zeit noch die Energie hatte, in eine Eigentumswohnung zu investieren.“

Aus der Bewerbung zum Kanzler der Universität wurde zwar nichts, doch dafür erhielt Andreas 2011 ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte. Die neue Kultusministerin der Landesregierung Baden-Württemberg bot ihm einen Posten an, bei dem er weiterhin für den Bereich Hochschulwesen, der ihm besonders am Herzen liegt, verantwortlich sein sollte.

„Es stellte sich nur die Frage nach einer geeigneten Wohnung“, erzählt Andreas. „Wir überlegten, ob wir in Heidelberg bleiben sollten, wo mein Mann eine sehr gute Stelle als Leiter der Universitätsklinik innehat, oder ob wir in die Landeshauptstadt Stuttgart ziehen sollten, wo sich mein neues Büro befand.“

Einige Tage später trafen sie mehrere wichtige Entscheidungen, unter anderem, dass sie in Heidelberg bleiben, sich jedoch nach einer größeren Wohnung in der Nähe des Hauptbahnhofs umsehen wollten. „Am Montag sahen wir uns die Wohnungsanzeigen an, am Dienstag besichtigten wir eine 140-Quadratmeter-Wohnung mit zwei Etagen in der Bahnstadt und waren sofort fest entschlossen, dass dies unser neues Zuhause sein sollte“, erzählt Andreas.
Heidelberg
Heidelberg | Foto: Shutterstock
Die Wohnsiedlung mit ihren niedrigen, weißen, großflächig verglasten Häusern liegt in der Nähe des Heidelberger Bahnhofs. Von dort fährt Andreas jeden Morgen mit dem Intercity nach Stuttgart, die Fahrt dauert nicht einmal 40 Minuten.

Ihre Wohnung gehört einem privaten Wohnungsunternehmen, mit dem Andreas und sein Mann einen Mietvertrag abgeschlossen haben. Sie zahlen jeden Monat 1800 Euro Miete, also etwa ein Drittel von Andreas Monatseinkommen. Im Preis inbegriffen sind eine große Küche mit Esszimmer, zwei Balkons, drei Schlafzimmer, ein riesiges Wohnzimmer mit Blick auf das Rheintal, den Pfälzerwald und die Berge des Schwarzwalds, die Nutzung der Tiefgarage sowie sämtliche Neben- und Reparaturkosten.

„Tut es dir nicht leid, jeden Monat so viel Geld in eine Wohnung zu stecken, die dir nicht gehört?“, frage ich Andreas.

„Ja, schon, aber jetzt ist es zu spät für solche Überlegungen“, seufzt er. „Es stimmt schon, die meisten meiner Arbeitskolleginnen und -kollegen haben bereits eigene Häuser. Vor allem jene, die Familien haben – die Alleinstehenden wohnen lieber zur Miete. Wir haben uns jedoch bereits für das Alter abgesichert. Als wir fünfzig wurden, begannen wir, uns Gedanken darüber zu machen, was einmal passiert, wenn einer von uns schwer erkrankt oder stirbt. Wir gingen also zu einem Notar und regelten unsere Angelegenheiten. Ungefähr zur selben Zeit entschlossen wir uns auch zum Kauf einer 60-Quadratmeter-Wohnung mit Küche, Bad, Schlafzimmer und Wohnzimmer in einer Seniorenresidenz mit medizinischer Versorgung und anderen Dienstleistungen, die ältere Menschen benötigen. Wir haben 100 000 Euro für diese Wohnung bezahlt. Im Augenblick vermieten wir sie für 300 Euro im Monat, aber wenn die Zeit kommt, werden wir selbst dort einziehen.“

Vielleicht schaffe ich es noch, meinen Baukredit abzubezahlen, bevor ich 90 werde

Die 75-jährige Marthe will nichts von einer Seniorenresidenz hören. Denn Marthe wird einfach nicht älter und wirkt fitter als manch ein Jüngerer. Man muss nur einen Blick auf ihr gepflegtes Haus mit Garten in Mannheim werfen, um sich davon zu überzeugen.

„Kaufen oder nicht kaufen – auch ich stand vor diesem Dilemma“, erzählt Marthe, während sie erst einmal einen Hopfentee aufsetzt. „Ich komme aus einer armen Familie. Meine Großmutter wohnte zur Miete, meine Mutter und ihre Schwester ebenso. Und auch ich habe 50 Jahre lang in fremden Wohnungen gelebt.“

Marthe deckt den Tisch mit goldgeränderten Tassen, handbemalten Tellern und Silberbesteck.

„Nach meinem Studium in Heidelberg bin ich mit meinem Freund zusammengezogen, den ich später auch geheiratet habe“, erzählt Marte und holt einen Aprikosenstreuselkuchen aus dem Ofen. „Nachdem wir uns scheiden ließen, wohnte ich noch mit einem anderen Mann zusammen, aber schließlich nahm ich meinen Hund und meine Katze mit und machte mich auf die Suche nach einer eigenen Wohnung – und landete schnell auf dem Boden der Tatsachen, weil niemand an eine alleinstehende Frau mit Tieren vermieten wollte.“

„Und damals hast du dich entschlossen, dieses Haus zu kaufen?“, frage ich Marthe und sehe mich in ihrer gemütlichen Küche um, die in einen Garten voller verblühter Rosen hinausgeht.
Die 75-jährige Marthe will nichts von einer Seniorenresidenz hören.
Die 75-jährige Marthe will nichts von einer Seniorenresidenz hören. | Foto: Pixabay
„Nein, damals noch nicht“, antwortet Marthe. „Ich zog zunächst in eine Wohngemeinschaft. An der Wand des Gemüseladens hing eine handgeschriebene Anzeige: »Freundliches Paar sucht nach Mitbewohnern für eine Mietwohnung.« Ich traf mich mit ihnen, wir unterhielten uns und ich blieb. Sie wohnten im Erdgeschoss, ich im ersten Stock, und über mir noch zwei weitere Bewohner. Das Badezimmer und die Küche teilten wir miteinander. Das war eine schöne Zeit, wir haben viel miteinander geredet und gelacht – bis das Paar, das im Erdgeschoss wohnte, ein Kind bekam und schließlich noch ein zweites. Nach fünf Jahren sah das Leben in unserer WG so aus, dass die beiden stolzen Eltern mit ihren Kindern am Tisch saßen und die übrigen irgendwo am Rand hockten. Da hatte ich genug.“

„Du hast dich also mit 50 entschlossen, ein Haus zu kaufen?“, frage ich.

Marthe zuckt mit den Schultern. „Das ist doch das beste Alter“, lacht sie. „Außerdem war ich Lehrerin, also im Staatsdienst – du darfst nicht vergessen, dass das in Deutschland nicht nur ein sehr gutes Einkommen, sondern auch eine lebenslange Arbeitsgarantie bedeutet. Die Banken lieben uns.“

Marthe fand ein altes, renovierungsbedürftiges Haus in einer engen, gepflasterten Gasse, einige Straßenbahnhaltestellen von der Mannheimer Innenstadt entfernt. Es kostete 200 000 Mark (circa 96 000 Euro).

„Ich hatte über 10 000 Mark gespart, über 20 000 erhielt ich von meiner Familie, und für den Rest nahm ich einen mit neun Prozent verzinsten Kredit auf“, erzählt Marthe. „Mit diesem Kredit habe ich auch die Baumaterialien bezahlt, die fast 100 000 Euro gekostet haben. Es musste alles erneuert werden: die Böden, die Treppe, die Installation. Für eine Baufirma reichte das Geld nicht mehr, also machte ich mich selbst an die Arbeit.“

Gemeinsam mit Freunden verflieste Marthe das Badezimmer, verlegte Parkett und strich die Wände. Keine Arbeit war ihr zu schwer. Wir schauen uns Fotografien von den Bauarbeiten an und vergleichen sie mit dem heutigen Zustand. Es fällt nicht ganz leicht, in dem ganzen Bauschutt das heutige Wohnzimmer, die Küche und das Badezimmer im Erdgeschoss sowie das Schlafzimmer, das Arbeitszimmer und ein weiteres Badezimmer im Obergeschoss wiederzuerkennen.

„Und hast du den Kredit inzwischen abbezahlt?“, frage ich Marthe.

„Ja, vor fünf Jahren“, sagt sie. „Und weißt du, was sich dann herausstellte?“

„Nein.“

„Dass das Dach, das ich seit dem Kauf des Hauses nicht angerührt hatte, repariert werden musste“, stöhnt Marthe. „Dieses Mal beauftragte ich Fachleute. Rate mal, wie viel mich das gekostet hat!“

„Zwischen 20 000 und 30 000 Euro?“, rate ich, obwohl ich keine Ahnung habe, was solche Reparaturen wirklich kosten.

„HUNDERTTAUSEND EURO!“, stöhnt Marthe erneut, und ich kann sehen, wie viel Freude ihr meine heruntergeklappte Kinnlade bereitet. „Ich musste also noch einen weiteren Kredit mit einer Laufzeit von 20 Jahren aufnehmen. Vielleicht schaffe ich es noch, ihn abzubezahlen, bevor ich den Löffel abgebe“, lacht Marthe.

Ich verlasse Mannheim, als die Nacht bereits hereinbricht. Marthe und ihre Nachbarn haben die einbruchsicheren Rollläden heruntergelassen. Die Straßen sind dunkel, es ist, als wäre jegliches Leben aus ihnen gewichen.

Ich fahre nach Hause zurück.
Zum Schluss ein paar Zahlen:

Die durchschnittliche Bruttokaltmiete liegt in Deutschland bei 7,9 Euro/m2. Die Kaufpreise für Eigentumswohnungen liegen bei durchschnittlich 2758 Euro/m2 (in Frankfurt bei 6700 Euro/m2 und in Berlin bei 5600 Euro/m2).

2019 lebten 11,4 Millionen Menschen in Deutschland, also rund 14 % der Bevölkerung, in durch ihre Wohnkosten überlasteten Haushalten. Eine Überbelastung durch Wohnkosten liegt dann vor, wenn ein Haushalt mehr als 40 % seines verfügbaren Einkommens für Wohnen ausgibt – unabhängig davon, ob die Betroffenen zur Miete oder in den eigenen vier Wänden leben.

In Berlin waren 2018 nur 17,4 Prozent der Bevölkerung Eigentümer einer Wohnung, die sie auch selbst bewohnten, in Hamburg 23,9 Prozent und in Bremen 37,8 Prozent. Am anderen Ende der Skala befinden sich Bundesländer wie Bayern und das Saarland: Dort leben  51,4 Prozent beziehungsweise 64,7 Prozent der Bewohner in eigenen Immobilien.

Bei den meisten auf dem deutschen Wohnungsmarkt inserierten Wohnungen handelt es sich um Vierzimmerwohnungen (25,3 Prozent), am seltensten sind Einzimmerwohnungen (3,4 Prozent). Die Preise für einen durchschnittlich großen, unterkellerten Neubau (schlüsselfertig) liegen in einer Preisspanne zwischen 1 250 und 2 400 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche.

Der Quadratmeterpreis für ein Baugrundstück in der Umgebung von München liegt bei etwa 2600 Euro. Ein Einfamilienhaus oder eine Doppelhaushälfte in dieser teuersten Wohngegend Deutschlands kostet durchschnittlich 9767 Euro/m2.

Quellen:

https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Vermoegen-Schulden/Tabellen/hug-wonflaeche-anteile-evs.html
 
https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Wohnen/_inhalt.html
 
https://de.statista.com/themen/51/wohnen/
 
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/6654/umfrage/immobilienpreise-fuer-eigentumswohnungen-in-deutschen-staedten-2008/
 
https://www.helpster.de/kosten-bei-neubau-pro-m2-so-kalkulieren-sie-die-baufinanzierung_163028
 
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/171237/umfrage/wohnsituation-der-bevoelkerung/
 

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