ausgezeichnet lyrik
Christian Lehnert

Bibel, altarabische Mythen und islamische Mystik

Seine Verse durchbrechen die „Starrform der Dinge“, sie beschwören eine Gottheit, die in allen Gesteinen zittert.

Strandgang

  Mir fallen Dinge zu … am Weg, den ich verlor,
  sie kommen stumm ans Licht, sie geh’n ins Licht mir vor.
 
Hände im klammen Sand, im Tang, und über dem Bodden
frischt der Wind auf, ostwärts, bläst auf den Graten der Muscheln,
hierhin, dorthin teilt er die Töne, die Sprache der Möwen
weiß er und die ihrer Toten im Weidengeäst, wo sie warten. (
...)

Sie ist mir eingegeben, die Libelle,

ein stilles Komma in der Luft, sie steht,
als ihr das Graslicht in die Augen weht, 
noch immer zögert sie an einer Stelle … 

Weil die Bewegungen nicht ihre waren?
Weil nichts erklärt, wie etwas folgen soll?
Weil das, was kommt, nicht uns gehört, und voll
die Flügel stehen, voll von Unsichtbarem?
(...)

Die Freifläche

Massenhaft Erinnerungen, die keiner mehr fortschafft:
Streng, die damnatio memoriae vollstreckte der Giersch, doch
läßt er verstreute Kunststoffe unschlüssig aus, und der Herbstwind
geht über leere Kanister, Schläuche … Beschildete Asseln
huschen ins Innere öliger Städte, ummanteltes Kupfer. 
(...)

Christian Lehnert © Christian Lehnert

Christian Lehnert erzählt

Anfang und Ende – wo fängt ein Gedicht an, wo hört es auf? In der Badewanne, am Waldrand, auf dem Bildschirm?
Der Anfang eines Gedichtes ist mir, schreibend, ebenso entzogen wie der Anfang meines Lebens. Ich kann ihn nicht erinnern und nicht beschreiben.
(...)

Angelus

Eines ist, in die Nacht zu rasen – ein anderes, schauen,
was die Nacht bewegt: eigener, maßloser Traum?
Eines ist, in die Ferne zu fallen mit klarem Blick,
doch das fließende Grenzgebiet, Wirklichkeit, wo ist’s? 
(...)

Christian Lehnert

Christian Lehnert – 1969 in Dresden geboren, lebt heute in Leipzig. Dort leitet er an der Universität das Liturgiewissenschaftliche Institut.

Breitenau (Osterzgebirge)

(„Tröste dich! Du würdest mich nicht suchen, wenn du mich nicht gefunden hättest.“ Pascal)
 
Wo ich herkam, weiß ich nicht sicher zu sagen. Die Wege
tragen keine Namen. Die Häuser, wohin sie mich führen
über Reste von Schneefeldern, stehen wie Falken im Ostwind. 
(...)

Übersetzer: Ryszard Wojnakowski

Ryszard Wojnakowski, (geb. 1956) – polnischer Übersetzer deutschsprachiger Literatur. Von seinen zahlreichen Auszeichnungen ist v.a. der Karl-Dedecius-Preis (2009) zu nennen.
(...)

Animation

PATRYK MAŚLANKA
Juli 2017
© Goethe-Institut Polska
Patryk Maślanka auf Behance

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