Freiberufler in Berlin
Es mag an Geld fehlen, aber niemals an Themen

Schreibmaschine
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Legenden und Fakten über freiberufliche Journalisten in Berlin. Kaja Puto fragt sie, warum sie sich für Berlin entschieden haben, wie sie finanziell zurechtkommen und wie der Alltag von Journalisten in Deutschland aussieht.

 

Von Kaja Puto

Ein entspanntes Frühstück mit dem MacBook im Café nebenan, ein veganes Lunch mit einem Klienten, nachmittags ein wenig Networking beim Yoga im Park – viele Freelancer stellen sich so den Alltag ihrer Berliner Kollegen vor. Die deutsche Hauptstadt zieht seit vielen Jahren Freiberufler aus aller Welt an – mit vergleichsweise günstigen Lebenshaltungskosten sowie einer Atmosphäre der Kreativität und Toleranz.

Dies betrifft in zunehmendem Maße auch Journalisten, die – angesichts der Krise der traditionellen Medien – kaum noch Aussichten auf eine Festanstellung und eine angemessene Vergütung haben. Journalisten aus ganz Deutschland, aber auch aus anderen Ländern drängen nach Berlin – sowohl aus den reichen Ländern mit ihren prekarisierten Mittelschichten als auch aus Ländern, in denen die Pressefreiheit zunehmend eingeschränkt wird. Wie sieht der Alltag von freiberuflichen Journalisten in Berlin aus?

Eine Studie, die 2017 von Medienwissenschaftlern der Ludwig-Maximilians-Universität München durchgeführt wurde, ergab, dass etwa 9 600 der 41 250 hauptberuflich tätigen Journalisten freiberuflich arbeiten. Wenn man dazu noch Personen berücksichtigt, für die das Schreiben lediglich ein Nebenerwerb oder ein Hobby ist, beträgt diese Zahl über 120 000 – und sie steigt zunehmend.

„Die meisten freiberuflich tätigen Journalisten, insbesondere die bekannteren, leben in Berlin“, sagt der deutsche Journalist Nikita Afanasjew. „Die Lebenshaltungskosten sind zwar nicht mehr so niedrig wie früher, doch Berlin ist das Zentrum des politischen und kulturellen Lebens in Deutschland. Auch wenn viele große Redaktionen, wie der Spiegel oder die Süddeutsche Zeitung, ihren Hauptsitz in anderen Städten haben, haben sie doch Vertretungen und zahlreiche Mitarbeiter in Berlin.“

Nur noch einzelne Texte

Nikita ist sechsunddreißig Jahre alt und seit fast zwanzig Jahren als Journalist tätig. Er wuchs in Recklinghausen in Nordrhein-Westfalen auf und schrieb bereits mit siebzehn Jahren Artikel für den Sportteil der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Zunächst schrieb er vor allem über Fußball, nach seinem Soziologie- und Journalistikstudium verlegte er sich auf gesellschaftliche und politische Reportagen. Sein besonderes Interesse gilt den Ländern Osteuropas, nicht zuletzt aufgrund seiner russischen Wurzeln.

„Während meines Studiums begann ich, mit der Deutschen Presse-Agentur zusammenzuarbeiten, später auch mit dem Magazin Focus“, erzählt Nikita. „Schließlich zog ich nach Berlin, machte ein Volontariat beim Tagesspiegel und wurde anschließend als Redakteur eingestellt. Der Redaktionsalltag gefiel mir jedoch nicht, und ich wollte mir lieber meine eigenen Themen aussuchen, also wurde ich wieder Freeelancer. Politische und wirtschaftliche Themen werden in Deutschland von den großen Redaktionen behandelt – von Freelancern kauft man überwiegend Texte, die von geringerem Interesse sind: Gesellschafts-, Kultur- und Auslandsthemen. Eine feste Zusammenarbeit mit regelmäßigen monatlichen Honoraren ist jedoch inzwischen eher die Seltenheit. Die Redakteure bestellen nur noch einzelne Texte und kümmern sich in der Regel nicht um zusätzlich anfallende Kosten, wie zum Beispiel Reisekosten.“

Wie überall auf der Welt erleben Journalisten auch in Deutschland derzeit eine Prekarisierung ihres Berufsstands. Ihr Einkommen wird immer niedriger und unsicherer, trotz der hohen Qualifikationen, die zur Ausübung dieses Berufs notwendig sind. Dies ist eine direkte Auswirkung der Krise, in der sich die traditionellen Medien seit mehreren Jahren befinden: Die breite Verfügbarkeit kostenloser, wenn auch nicht immer qualitativer Informationen im Internet und die Vormachtstellung von Technologieriesen wie Facebook und Google haben die Einkünfte dieser Branche radikal sinken lassen.

Die Redaktionen sparen, wo es nur geht, und vergeben zunehmend Aufträge an freiberuflich tätige Journalisten, denen sie aufgrund der bestehenden Konkurrenzsituation geringere Honorare zahlen können – und bei denen sie sich keine Gedanken über Steuerabgaben, Reisekosten oder Elternzeit machen müssen. Aus der bereits angesprochenen Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München geht hervor, dass 27,9 % der freiberuflich tätigen Journalisten weniger als 1 800 Euro im Monat verdienen, bei den Festangestellten betrug dieser Anteil nur 15 % (zum Vergleich: Das monatliche Durchschnittseinkommen lag 2017 in Deutschland bei circa 2 860 Euro). Dabei ist der Anteil an Akademikern unter freiberuflich tätigen Journalisten höher als unter ihren festangestellten Kollegen (82 % gegenüber 74,1 %).

Dies führt dazu, dass nur wenige Freelancer ausschließlich vom Journalismus leben können. Nikita ist es gelungen: Er arbeitet mit großen Redaktionen wie dem Tagesspiegel, Zeit Online und Vice zusammen und hat auch bereits zwei Bücher veröffentlicht – auch wenn diese ihm, wie er selbst sagt, nicht viel eingebracht haben. Jeden Monat schreibt er vier bis fünf Texte.

„Viele junge Menschen drängen in den Journalistenberuf. Anfangs sind sie voller Enthusiasmus, doch wenn sie später eine gewisse finanzielle Sicherheit anstreben, gehen sie in die Werbung. Manche werden auch Lehrer – das ist in Deutschland ein gut bezahlter Beruf“, erzählt Nikita. „Die älteren Journalisten haben zum Teil noch ihre alten Verträge aus der Glanzzeit der traditionellen Medien, mit Gehältern, die für ihre jüngeren Kollegen unerreichbar sind. Ich habe jedoch nicht die Absicht, den Beruf zu wechseln. Wenn überhaupt, würde ich etwas ganz anderes machen wollen. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, Holzfäller zu werden“, lacht er.

Mehrere Redaktionen

Auch die 31-jährige Journalistin Eva Müller-Foell, die aus Mannheim nach Berlin gekommen ist, ist mit ihrer Situation relativ zufrieden.
„Das Leben als Freelancer ist finanziell nicht ganz einfach, aber ich möchte gar keine feste Anstellung haben“, erzählt Eva. „Ich habe Germanistik studiert, weil ich unbedingt schreiben wollte, aber dann stellte sich heraus, dass dieser Studiengang nicht die allerbeste Wahl für eine angehende Journalistin war, allein schon weil ich mich inzwischen wesentlich mehr für Politik als zum Beispiel für Literaturkritik interessiere. Ich habe einige Redaktionen durchlaufen, habe unter anderem Praktika beim Mannheimer Morgen und – nach meinem Umzug nach Berlin – bei der TAZ gemacht, aber ich arbeitete nicht gerne unter Druck.“

Eva interessiert sich für soziale und politische Themen, in letzter Zeit schrieb sie mehrere Artikel über rechtsextreme Bewegungen in Deutschland, unter anderem für die TAZ und das Magazin Jungle World. Sie hat auch Erfahrungen in der Werbebranche gesammelt, verdient sich aber lieber etwas mit Redaktionsaufträgen hinzu: Sie arbeitet mit mehreren Zeitschriften zusammen und macht Hörbuchbearbeitungen klassischer literarischer Werke.

„Außerdem arbeite ich an einem Roman und bevorzuge auch bei meiner journalistischen Arbeit längere Formen, also Reportagen, die man ohnehin besser als Freiberufler schreiben kann“, erklärt Eva.

Nikitas und Evas Erfahrungen bestätigen die Ergebnisse der Münchner Studie, nach denen immer weniger freiberuflich tätige Journalisten ihre Existenz allein durch ihre journalistische Tätigkeit absichern können und die Zahl der Nebentätigkeiten, zum Beispiel in der PR und der Unternehmenskommunikation, immer mehr zunimmt. Und doch sind viele freiberuflich tätige Journalisten und Journalistinnen trotz der schlechten Verdienstmöglichkeiten und des starken Wettbewerbsdrucks hochzufrieden mit ihrer Arbeit – sie schätzen vor allem den beruflichen Freiraum und die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung.

Zu Hause oder im Café

Und wie sieht ihr Arbeitsplatz aus? Nikita und Eva arbeiten überwiegend zu Hause, seltener im Café, wo sie eher lesen als schreiben. Zum Beispiel die Zeitungen mit ihren Texten, denn die Redaktionen schicken Freelancern keine Autorenexemplare zu. Die in Berlin beliebten Coworking Spaces sind hingegen für viele Journalisten zu teuer – die Büromieten liegen bei etwa 200 bis 300 Euro pro Monat.

Im Gegensatz zu Polen, wo Freelancer weder sozial- noch krankenversichert sind – außer sie melden ein Gewerbe an –, ist die Situation von Freiberuflern in Deutschland wesentlich stabiler. Vor allem dank der Künstlersozialkasse, einer Institution für Freiberufler in der Kreativbranche, die etwa die Hälfte der Versicherungsbeiträge übernimmt. Außerdem können Freelancer mit diversen Vergünstigungen und Starthilfen rechnen – und im Falle eines Misserfolgs haben sie Anspruch auf Arbeitslosengeld II.

Die Situation von Freelancern, deren Tätigkeit, zum Beispiel die Beschäftigung mit Auslandsthemen, häufiges Reisen erfordert, ist in Deutschland hingegen kaum leichter als in Polen.

„Heutzutage haben nur noch die größten Redaktionen ständige Korrespondenten im Ausland, es gibt also genügend Nachfrage nach entsprechenden Artikeln“, erklärt Nikita, der regelmäßig nach Osteuropa reist. „Aber dann hast du eben deinen Text abzuliefern – für manchmal nur einige Hundert Euro, was nicht einmal die Reisekosten deckt –, und dein Auftraggeber interessiert sich nicht weiter dafür, wie du dort hinkommst, ob es dort sicher ist und so weiter. Manche Redaktionen erklären sich bereit, die Reisekosten zu übernehmen, aber oft trage ich diese Kosten selbst und schreibe vor Ort mehrere Artikel für unterschiedliche Zeitungen. Zum Glück gibt es in Deutschland ein dichtes Netzt von Lokalzeitungen, die manchmal bereit sind, ein und denselben Text zu kaufen, weil sie nicht miteinander konkurrieren – der Nachteil ist, dass man auf diese Weise weniger Leser erreicht. Eine andere Möglichkeit sind Zuschüsse und Stipendien, die ich auch schon manchmal in Anspruch genommen habe.“

Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion

Es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Polen. In den letzten Monaten entbrannte in deutschen Journalistenkreisen eine Debatte, die in Polen mindestens seit den Zeiten Ryszard Kapuścińskis aktuell ist: die Frage nach den Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion in journalistischen Texten. Angeregt wurde diese Debatte durch den Fall Claas Relotius, eines mehrfach ausgezeichneten deutschen Journalisten, der vorwiegend für den Spiegel tätig war.

Ende 2018 kam heraus, dass mindestens vierzehn seiner sechzig beim Spiegel erschienen Artikel Übertreibungen, Falschdarstellungen und Hinzuerfundenes enthielten, unter anderem Berichte über die Situation von Migranten an der US-amerikanischen Grenze, über einen angeblichen jemenitischen Gefangenen in Guantanamo und über zwei vom „Islamischen Staat“ verschleppte irakische Kinder. Nach Bekanntwerden des Skandals reichte Relotius seine Kündigung ein, doch die Affäre beschädigte das Image des Spiegels – und der traditionellen Medien im Allgemeinen.

„Es gab in der Geschichte des deutschen Journalismus bereits ähnliche Skandale, jedoch nicht in einem solchen Ausmaß und nicht im Bereich Reportage“, erklärt Nikita. „In den meisten Fällen ging es um Unterhaltungsthemen: Es gab zum Beispiel einen Journalisten, der Interviews mit Hollywood-Stars erfand. Doch Relotius war einer der angesehensten Journalisten beim Spiegel, also einem der einflussreichsten deutschen Nachrichtenmagazine.“

Die „literarische Reportage“, eine Form, die in Polen äußerst beliebt ist und bei der künstlerische Freiheiten eher erlaubt sind, hat in Deutschland keine Tradition. Die deutschen Journalisten wurden nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten im Geiste des angelsächsischen Journalismus ausgebildet. Es herrscht eine strenge Trennung zwischen der Reportage und anderen, subjektiveren journalistischen Formen sowie ein starkes Ressentiment gegenüber dem sogenannten Ich-Journalismus – anders als in der polnischen Presse. Natürlich wurden auch in Deutschland Fakten manchmal „zum Wohl der Story“ ein wenig überspitzt, erklärt Nikita. Jedoch noch nie in einem solchen Ausmaß.

„Der Fall Relotius hat das journalistische Bewusstsein nachhaltig verändert. Diverse Zeitungen und Zeitschriften, darunter auch der Spiegel, haben Fact-Checking-Abteilungen eingerichtet oder vergrößert, die von den Journalisten die Offenlegung ihrer Quellen verlangen und die jedes Detail genau überprüfen.

Der Fall Relotius hat das Vertrauen in die Medien erschüttert – ein Vertrauen, das bereits nach der Kölner Silvesternacht 2015, in der eine Gruppe von Migranten Frauen beraubt und sexuell belästigt hatte, stark angekratzt war. Rechte Populisten warfen den Medien damals vor, aus Gründen der politischen Korrektheit nicht umfassend genug über das Ereignis berichtet zu haben, was dazu führte, dass die in Teilen der Bevölkerung herrschenden Vorurteile gegenüber der sogenannten „Lügenpresse“ noch verstärkt wurden.

„Es fällt heutzutage schwer, von einem Vertrauen in die Medien im Allgemeinen zu sprechen, denn Deutschland hat sich in den letzten Jahren ebenso sehr polarisiert wie viele andere europäische Länder“, sagt Nikita. „Wir haben zwei miteinander verfeindete Lager, das prodemokratische und das antidemokratische, die sich gegenseitig misstrauen, wobei das prodemokratische Lager nach wie vor wesentlich größer ist und nahezu sämtliche Mainstream-Medien hinter sich hat. Daran hat sich auch in den letzten Jahren kaum etwas verändert.“

Sprachliche Barrieren

In Berlin leben jedoch nicht nur deutsche Journalisten: In den Cafés, in denen Freelancer scharenweise an ihren Laptops sitzen, wird nicht selten mehr Englisch als Deutsch gesprochen, auch an anderen Sprachen mangelt es nicht. Es ist für ausländische Journalisten jedoch naturgemäß nicht ganz einfach, einen Einstieg in die deutsche Medienlandschaft zu finden – der Journalistenberuf erfordert sprachliche Fertigkeiten, die Nichtmuttersprachler, sofern sie nicht bereits im Kindesalter nach Deutschland eingewandert sind, nur selten erlangen.

Aus diesem Grund schreibt die amerikanische Journalistin Grace Dobush, überwiegend auf Englisch. Ihre Texte erscheinen unter anderem in den Magazinen Quartz, Wired und The Economist, eine Zeit lang arbeitete sie auch mit dem heute nicht mehr existierenden Handelsblatt Today zusammen. Sie lebt seit vier Jahren in Berlin – lachend erzählt sie, dass sie ihre Heimat gerade noch rechtzeitig, also ein Jahr vor der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten, verlassen hat. Sie beschäftigt sich überwiegend mit Themen aus den Bereichen Wirtschaft und Technologie. Grace ist siebenunddreißig Jahre alt, hat bereits zwei Heimwerken- und Do-it-yourself-Bücher veröffentlicht und arbeitet derzeit an ihrem ersten Roman.

„Wenn es ums Sprechen geht, würde ich mich als zweisprachig bezeichnen, aber es fällt mir nach wie vor schwer, auf Deutsch zu schreiben, auch wenn ich hart daran arbeite“, erzählt Grace. „Vor Kurzem erschien mein erster deutschsprachiger Artikel, darauf bin ich sehr stolz! Aber auch abgesehen von den sprachlichen Barrieren gibt es in dieser Branche schon eine gewisse Diskriminierung: Ausländische Journalisten, vor allem aus den ärmeren Teilen der Welt, dürfen nur Texte veröffentlichen, die von ihren Heimatregionen handeln.“

Grace wurde in Cleveland, Ohio geboren und schloss dort auch ihr Journalistikstudium ab. Noch vor der globalen Finanzkrise fand sie eine Anstellung in Pittsburgh, später – während der Rezession – zog sie nach Cincinnati. Die Bedingungen für Journalisten wurden damals immer schwieriger: Ausgaben wurden gekürzt, und die Redakteure mussten zusätzlich noch die Betreuung der Sozialen Medien übernehmen. 2012 wurde Grace freiberuflich tätig, einige Jahre später entschloss sie sich, nach Berlin zu ziehen.

„Ich hatte auch über Chicago und Washington nachgedacht, mich jedoch schließlich für Berlin entschieden“, erzählt sie. „Es ist zwar nicht mehr so wie vor zwanzig Jahren, als man nach Berlin kam und einfach in einem besetzten Haus leben oder für wenig Geld eine Wohnung in einem angesagten Stadtteil mieten konnte. Aber Berlin ist nach wie vor eine Stadt, in der man gut über die Runden kommen kann, besser als in vielen anderen europäischen und amerikanischen Metropolen. Ich hatte bereits im Rahmen eines Schüleraustauschs und auch während meines Studiums eine Zeit lang in Deutschland gelebt, ich kannte also bereits die Sprache. Und selbstverständlich liebe ich die besondere Atmosphäre Berlins. Es gibt hier eine sehr lebendige Künstler-, Technologie- und Queer-Szene – also alles, was ich brauche.“

Grace arbeitet gerne im Café – also treffen wir uns im angesagten Soho House. Das Ganze wirkt ziemlich posh, doch der Tee ist hier äußerst günstig. Coworking-Spaces sind Grace zu teuer. Sie verrät mir, dass man auch prima mit dem Laptop im IKEA-Restaurant arbeiten kann: An Werktagen ist dort nichts los, und das WLAN ist ausgezeichnet. Das ist ein guter Tipp, denn immer mehr Berliner Gastronomen, die genug von Gästen haben, die stundenlang auf ihre Laptops starren und an einem einzigen Kaffee nippen, haben bereits Schilder mit der Aufschrift „No Laptops“ aufgehängt.

„Ich bin zufrieden mit meinem Leben und träume gar nicht von einer Festanstellung“, sagt Grace. „Ich will auch nicht in die USA zurück. Als Trump Präsident wurde, sagte ich mir nur »Haha, ich bin raus!«. Ich brauche noch ein Jahr, dann kann ich eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis beantragen – und damit später auch eine deutsche Rente. Denn ich denke mal, dass ich in den USA keine bekommen werde. Und später sehe ich mal weiter.“

Auch die achtundzwanzigjährige russische Journalistin Daria Sukharchuk, die in Moskau aufgewachsen ist, hat nicht die Absicht in ihre Heimat zurückzukehren.

„Ich habe Sinologie studiert und war ein Jahr in China“, erzählt Daria. „Damals wurde mir bewusst, dass ich nach meinem Studium am ehesten als Unternehmensberaterin arbeiten konnte – und das war überhaupt nichts für mich. Ich hatte in China zwei Artikel für russische Zeitschriften geschrieben, und das hatte mir sehr gut gefallen. Also beschloss ich, nach Europa zu gehen und Journalismus zu studieren.“

Im Rahmen des Erasmus-Mundus-Programms studierte Daria ein Jahr im dänischen Aarhus und ein Jahr in Hamburg, gleichzeitig schrieb sie Artikel für russische Zeitschriften. Anschließend zog sie nach Berlin – nach dem Abschluss ihres Studiums erhielt sie eine Aufenthaltserlaubnis für weitere achtzehn Monate.

„Ich schloss mein Studium 2015 ab, also ein Jahr nach dem Beginn der Krimkrise. Mir war klar, dass eine Rückkehr nach Russland nicht die beste Idee war. Es gibt in Russland nur wenige unabhängige Medien. Journalisten müssen also entweder für die russischen Propagandamedien arbeiten – was ich niemals tun würde –, oder sie haben einen sehr schweren Stand und sind einem enormen politischen Druck ausgesetzt. Die besten russischen investigativen Journalisten leben in ständiger Angst – und dazu nicht selten in kleinen Einzimmerwohnungen. Das will ich nicht, ich will ein menschenwürdiges Leben führen! In Deutschland verdienen freiberufliche Journalisten zwar nicht viel, aber es reicht, um über die Runden zu kommen.“

Daria absolvierte mehrere Praktika, unter anderem in einer Agentur für Datenjournalismus. Anschließend war sie für ein Bildungsprojekt zum hundertjährigen Jubiläum der Oktoberrevolution tätig, arbeitete für die Nachrichten-Website NewsMavens und organisierte Journalistentagungen für die Berliner Medien-NGO n-ost. Gleichzeitig schrieb sie Artikel für russische und internationale Medien – neben Politik interessiert sie sich auch für Feminismus und Psychologie. Seit dem vergangenen Jahr arbeitet sie auch für den in Berlin ansässigen russischsprachigen Fernsehsender OstWest.

„OstWest ist eine sehr wichtige Initiatve. Es geht darum, die in Deutschland lebenden Russen in ihrer eigenen Sprache zu erreichen, um ihnen eine Alternative zum russischen Propagandafernsehen zu bieten“, erklärt Daria. „Ich schreibe auch Artikel über Osteuropa für englischsprachige Medien. Mit dem Thema Osteuropa wird so oberflächlich umgegangen, obwohl es schließlich auch zu Europa gehört! Warum berichten die deutschen Medien so unglaublich viel über den Brexit? Europa sollte mehr über sich selbst wissen.“

Daria spricht und schreibt perfekt Englisch – dank ihres Studiums, wie sie selbst sagt. Sie spricht auch sehr gut Deutsch, aber auf Deutsch zu schreiben, fällt ihr schwer. Sie gibt zu, dass es für ausländische Journalisten nicht ganz leicht ist, Aufträge zu bekommen, auch wenn sie seit Kurzem mit Buzzfeed Deutschland zusammenarbeitet.

Zu Beginn dieses Jahres meldete Daria eine freiberufliche Tätigkeit in Deutschland an. Das war nicht ganz einfach, aber sie hatte Hilfe durch einen Berater der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft, bei der sie Mitglied ist. Sie ist vor Kurzem mit ihrem Freund zusammengezogen und hat es nicht eilig, nach Russland zurückzukehren – sie denkt sogar darüber nach, in einigen Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen.

„Irgendwann werde ich vielleicht einmal über einen festen Job nachdenken, aber im Augenblick möchte ich möglichst viele unterschiedliche Erfahrungen sammeln. Zum Glück habe ich Auftraggeber, die pünktlich zahlen. Und ich möchte auch gern in Berlin bleiben: In dieser Stadt mangelt es niemals an Themen.“

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