Was ist los mit… dem Wort „Umweltsau“?
Beim öffentlichen Rundfunk gut aufgehoben

Ein WDR-Mikrofon
Ein WDR-Mikrofon | Quelle: flickr.com; Foto: Maik Meid; CC BY-SA 2.0

Meine Oma als „Umweltsau“? So wurde die stereotypische Oma neulich in einem Satirelied des öffentlichen Rundfunks WDR wegen angeblicher umweltfeindlicher Haltung bezeichnet. Dies hat in Deutschland die kontroverse Frage aufgeworfen: Welche Befugnisse soll und darf der öffentliche Rundfunk haben?

Von Christoph Bartmann

Wegen des Stichwortes „Umweltsau“ erlebt Deutschland wieder einmal einen Medienskandal. Nun, dazu muss ich wohl erst einmal ein bisschen ausholen. Oder kennt jemand zufällig das harmlose, populäre Kinder- und Scherzliedchen Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad? Die Oma, jedenfalls in der Textversion von 1958, ist „‘ne ganz patente Frau“, weil sie verrückte und jedenfalls nicht ganz senioren-typische Sachen macht. Sie spielt „in Hollywood ‘nen Cowboy“, „hat im Strumpfband ‘nen Revolver“ und fährt eben auch „im Hühnerstall Motorrad“, fast schon wie ein weiblicher „Easy Rider“ im langweiligen Nachkriegsdeutschland.

Diesen Song nun hat der Kinderchor des Westdeutschen Rundfunks kurz vor Jahresende 2019 in einer neuen Textversion im Radio präsentiert. Darin wird die Oma als „Umweltsau“ tituliert, die nicht nur im Hühnerstall jede Menge Superbenzin verbrennt, sondern auch mit dem SUV zum Arzt fährt und jeden Tag ein billiges Schweinekotelett brät. Immerhin verzichtet die Oma auf Flugreisen, aber ist sie deshalb geläutert? Nicht wirklich, meint der Song, denn jetzt macht sie „zehn Mal im Jahr ‘ne Kreuzfahrt“. Mit Greta Thunbergs Worten von ihrer UN-Rede „We will not let you get away with this“ geht das Lied zu Ende. Nun ja. Satire, leider nicht von der guten Sorte. Witzig muss man das nicht finden, aber reicht es schon für einen Skandal?

Offensichtlich ja, im Deutschland der erhitzten Debatten und verhärteten Fronten. Vielleicht muss man bei der Erklärung mit der Radiostation anfangen. Der WDR in Köln ist der größte Sender im gebührenfinanzierten System der ARD, in dem die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Deutschlands zusammengefasst sind (außerdem gibt es noch das ZDF, aber dort gibt es kein Radio). Sender wie der WDR haben ihre Hörerschaft vor allem unter älteren Leuten. Kein Wunder also, dass sich unter den Zuhörern Ende Dezember rasch eine Anzahl von Menschen fand, die sich von dem Kinderlied persönlich beleidigt glaubten. Ein paar Hundert Demonstranten versammelten sich so am 29. Dezember 2019 vor dem WDR-Gebäude. Der Intendant des Senders entschuldigte sich und veranlasste, dass das Video mit dem Song aus der Mediathek gelöscht wurde. Die Bild-Zeitung wetterte gegen die Diskriminierung alter Menschen, und im Netz braute sich ein Shitstorm zusammen, der nicht nur das Liedchen von der „Umweltsau“ im Visier hatte, sondern den WDR selbst, und mit ihm das ganze öffentlich-rechtliche Rundfunksystem mit seinen „Zwangsgebühren“ und seiner ideologischen Bevormundung der (angeblichen) Mehrheitsbevölkerung.

Solche Vorwürfe sind nicht neu. Schon immer galt die ARD bei Konservativen als „links“, weshalb schon der Kanzler Adenauer 1963 die Gründung des ZDF als Gegengewicht aktiv unterstützte. Ein anderer Kanzler Helmut Kohl setzte sich aus ähnlichen Gründen für das Privatfernsehen (RTL, SAT 1, PRO 7 usw.) ein. Im Internetzeitalter stehen die öffentlichen Rundfunkanstalten unter Druck: Sie kosten viel (und immer mehr) Geld, das sie den Bürgern fast automatisch aus der Tasche ziehen. Sie kommen ihrem ursprünglichen „Bildungsauftrag“ nur noch selten, am ehesten noch nach Mitternacht nach. Und sie werden verdächtigt, „Staatsfunk“ zu sein, der das „Framing“ von Regierungspositionen betreibt. Deswegen würden viele rechte Parteien in Europa die öffentlich-rechtlichen Systeme am liebsten ganz abschaffen, zumindest solange sie nicht selbst an der Macht sind. Erst vor diesem Hintergrund versteht man die Aufregung um das Lied von der Oma als Umweltsau.

Der Intendant des WDR ist nun selbst in die Zwickmühle geraten. Schnell (manche meinen: vorschnell) hat er sich von dem Beitrag distanziert, hat sich schützend vor alte Leute gestellt, die natürlich alles andere seien als Umweltsäue und damit alles getan, was Bild von ihm erwartete. Damit hat er nun aber den Unmut seines eigenen Hauses auf sich gezogen. Der Intendant habe die Redakteure und überhaupt MitarbeiterInnen des Senders im Stich gelassen, in dem er auf eine Attacke „von rechts“ augenblicklich umgekippt sei. So sehen es nämlich seine Kritiker, die zugleich die Verteidiger des Oma-Liedchens sind: Der angebliche Hörerprotest sei nämlich eine orchestrierte Netz-Attacke von Rechtsextremen gewesen. Wenn der Intendant seine eigenen Leute nicht vor rechten Trollen schützt, dann verliert er Vertrauen im eigenen Haus. Aber wo sind es rechte Trolle, die Kinderliedchen nicht gut finden, und wo sind es wirkliche Hörer und Kunden, deren Anliegen gehört werden müssen?

Man kennt ähnliche Fälle und Debatten aus Großbritannien, aus der Schweiz und vielen anderen Ländern. Was wäre aber die Alternative zum öffentlich-rechtlichen System, wie es in Deutschland existiert? Entweder der wirkliche Staatsfunk mit direktem Regierungseinfluss oder aber eine rein private Senderlandschaft, wie etwa (mit wenigen Ausnahmen) in den USA. Man kann ARD und ZDF für vieles kritisieren, aber eine Alternative zu ihnen ist nicht zu erkennen. Interessant übrigens, dass gerade junge Leute in Deutschland in der ARD zumindest gerne die gute alte Tagesschau sehen oder auch den „Deutschlandfunk“ hören. Sie fühlen sich dort mit ihrem Wunsch nach reklame- und propagandafreier Information im Zeitalter der „Fake News“ ganz gut aufgehoben.
 

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