Jacek Dehnel empfiehlt
Klebrig

Istanbul
Istanbul | Quelle: pixabay.com; Foto (Ausschnitt): Şinasi Müldür

„Leyla“ von Feridun Zaimoglu, dem wohl wichtigsten deutschen Schriftsteller türkischer Abstammung, ist die Geschichte einer einzelnen Familie, aber es ist auch die Geschichte der gesamten Türkei im 20. Jahrhundert – schreibt Jacek Dehnel.

Von Jacek Dehnel

Eine der schönsten Seiten an dem, was ich hier tue – Leserinnen und Lesern lesenswerte Bücher zu empfehlen – ist, dass ich dabei selbst interessante Literatur entdecke. Beim Versuch, in ausgewogenem Verhältnis über lediglich in Vergessenheit geratene oder aber gänzlich neue Bücher zu berichten, durchforste ich die Regale von Buchhandlungen und Bibliotheken, frage im Bekanntenkreis herum, blättere in Rezensionen. Und stoße bisweilen auf etwas, das leicht, allzuleicht hätte übersehen werden können. Der polnische Buchmarkt ist nämlich äußerst kurzlebig, in rasender Geschwindigkeit geraten die Bücher vom Umlauf in den Ausverkauf, um anschließend ein trübseliges Dasein in Online-Regalen von Online-Antiquariaten zu fristen (die zunehmend rasch die echten Antiquariate mit ihren versiegelten Tischplatten, Topfblumen in den Regalen und dem charakteristischen Duft nach altem Papier verdrängen). Manche Bücher, darunter auch ganz herausragende Literatur, lassen sich auf diese Weise nicht erwischen – wenn etwa niemand zur Stelle war, der oder die sie hätte empfehlen können –, und ziehen daher ungelesen an einem vorüber. Erst später legt eine glückliche Schicksalsfügung wie diese sie einem in den Schoß und schenkt einem damit eine wunderbare Erfahrung.
 
Buchcover „Leyla“, Feridun Zaimoglu Buchcover „Leyla“, Feridun Zaimoglu | © Verlag Kiepenheuer & Witsch So ging es mir mit Leyla, einem recht soliden – nämlich 500 Seiten umfassenden – Roman von Feridun Zaimoglu, dem wohl wichtigsten deutschen Schriftsteller türkischer Abstammung. Im zunehmend multikulturellen Deutschland speist sich ein bedeutender Teil von Kunst und Kultur aus einer doppelten Energiequelle: der örtlichen und der zugereisten. So wurde der im ehemaligen Jugoslawien geborene Saša Stanišić mit seinem Buch Wie der Soldat das Grammofon repariert berühmt, und der israelische Schriftsteller Tomer Gardi war mit Broken German – einem, wie der Name schon sagt, in gebrochenem Deutsch verfassten Roman – für einen der wichtigsten Literaturpreise für ebendiese Sprache nominiert: den Ingeborg-Bachmann-Preis. Innerhalb der riesigen Gastarbeiterwelle, die zwischen den 1950er und 1970er Jahren nach Deutschland strömte, waren die Türken die größte Gruppe – und sind heute die einflussreichste: Die türkischen Einwanderer und ihre Nachkommen zählen heute Schätzungen zufolge zweieinhalb bis fünf Millionen, sie stellen also einen bedeutenden Teil der Gesellschaft. Es verwundert somit nicht, dass aus der Begegnung von türkischer und deutscher Kultur einiges Interessante entsteht – Zaimoglus Roman ist nur eines von vielen Beispielen für diesen Reichtum. 
 
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Häufig bringen Immigranten ihre problematische Mitgift in die Literatur ein: Eine Geschichte aus einer „schlechteren Welt“, aus der entweder sie selbst oder ihre Eltern, ihre Großeltern gekommen sind, niedergedrückt von Leid und Scham. So ist es auch bei Leyla – einer schrecklich-schönen Familiensaga, die ihren Anfang im Ostanatolien der 1950er und 1960er Jahre nimmt. Die Welt, die Zaimoglu schildert, ähnelt in gewisser Weise der Welt aus Janoschs Cholonek: In beiden Büchern kommt ein Kind zur Welt und gerät sofort in die gnadenlose Realität einer durch und durch patriarchalen Kultur, in eine von traditionellem Gedankengut geprägte Welt voller Vorurteile und verkrusteter Hierarchien. Wo aber Janosch auf schwarzen Humor und Groteske setzt, da wählt Zaimoglu Empfindsamkeit und Zärtlichkeit; es ist erstaunlich, wie viel er aus dieser kargen, steinigen Landschaft und dem Leben gewöhnlicher Menschen herauszuholen vermag: aus ihrer täglichen Mühsal, ihren wiederkehrenden Problemen und Ritualen, ihren einfach gestrickten Nachbarn und deren alltäglichen Geschichten.
 
Seine Erzählweise verbindet frei dahintreibende, grafisch nicht voneinander getrennte Dialoge (die bisweilen Anhäufungen von Schimpfwörtern sind – und an anderer Stelle wieder so lyrisch, dass sie wie kleine Poeme wirken) mit einer nahen, überaus aufmerksamen Beobachtung. Dadurch zieht uns Leylas Geschichte – von den Spielen der Fünfjährigen über die ersten Vorgeschmäcker aufs Erwachsenenleben bis hin zu den Erniedrigungen und Freuden der Jungverheirateten – ganz und gar in den Bann. 

Anfangs leben diese Bauern so, dass man nicht sagen könnte, ob die Handlung im 20. oder im 18. Jahrhundert spielt; erst der Koreakrieg ordnet sie in den Lauf der Geschichte ein.

 
Im Klappentext der polnischen Ausgabe wird der Schriftsteller Witold Szabłowski zitiert; das Zitat beginnt mit den Worten: „Irgendwie hat es was Pathologisches. Ein nach außen hin gesund wirkender vierzigjähriger Typ beschreibt die Welt aus der Sicht eines kleinen Mädchens. Was soll das werden?“ Und tatsächlich ist die Einfühlung des Autors in seine Figur außergewöhnlich tiefgehend. Beim flüchtigen Hinsehen könnte man glauben, es handele sich um Zaimoglus Familiengeschichte: So wie Leylas kleiner Sohn ist auch er noch in der Türkei geboren, um dann als Kleinkind von seinen Eltern nach Deutschland mitgenommen zu werden. Aber im Grunde ist es für mich nicht von Bedeutung, ob der Autor über seine Mutter und deren Familie schreibt oder ob er sich auf weiter verstreute Erfahrungen aus seinem weiteren Bekanntenkreis bezieht: Wichtig ist, wie gekonnt er sich in seine Figur hineinversetzt, wie echt er sie durch die Kapitel ihres Lebens geleitet – und damit zugleich durch die verschiedenen Etappen der Emanzipation der Bauern aus dem hinterwäldlerischen Ostanatolien. 

Anfangs leben diese Bauern so, dass man nicht sagen könnte, ob die Handlung im 20. oder im 18. Jahrhundert spielt; erst der Koreakrieg ordnet sie in den Lauf der Geschichte ein. Aus der kaum entwickelten Provinz bricht die Familie, wie unzählige andere in vergleichbarer Situation, in die Hauptstadt auf (Istanbuls Bevölkerungszahl ist von Mitte der 1950er Jahre bis heute von einer Million auf fünfzehn Millionen angeschwollen), wo man sie lediglich als primitive Bauerntölpel ansieht, als kaum von Vieh unterscheidbare Wilde. Schließlich dann machen sie sich auf den Weg ins gelobte Land an Rhein und Main. 
 
Vor allem aber handelt dieses Buch von der Hölle der Frauen. Der Familienvater Halid Bey, ein grotesk anmutender Tyrann, der ewig in Pyjamahosen durchs Haus schleicht, ein bulliger Patriarch, gestützt auf Stock und Koran, dessen Inhalt er sich je nach Bedarf zurechtlegt, steht der gequälten und dennoch zärtlichen, liebevollen Mutter gegenüber. In dieser Welt ist der Platz der Frauen unter den herabprasselnden Hieben, und das patriarchale Korsett, das jedem der Kinder die Luft abschnürt, besitzt zugleich eine fast magische Macht über sie. Die fünf Nachkommen – zwei Söhne und drei Töchter – sind jeder für sich eine eigene Mischung der Eltern; sie schlagen – ähnlich wie die Töchter von Tewje, dem Milchmann – gänzlich verschiedene Lebenswege ein und zeigen dadurch einen jeweils eigenen Umgang mit dem schmerzvollen, von zu Hause mitgebrachten Erbe. 
 
Leyla ist die Geschichte einer einzelnen Familie, aber es ist auch die Geschichte der gesamten Türkei im 20. Jahrhundert – ein interessanter Kommentar etwa zur politischen Karriere Erdogans, eines Halid Bey auf landesweiter Ebene.
 
Feridun Zaimoglu, Leyla, Übersetzung der polnischen Ausgabe von Elżbieta Kalinowska, Wydawnictwo Czarne, Wołowiec 2008.
 

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