Boris Friedewald im Gespräch
Bauhaus – moderne Schule der Sinne und des Sinns

Die Ausstellung „Die ganze Welt ein Bauhaus“ im SARP in Warschau
Die Ausstellung „Die ganze Welt ein Bauhaus“ im SARP in Warschau | Foto (Ausschnitt): Dariusz Gackowski/SARP

Letztes Jahr feierte Deutschland das 100-jährige Gründungsjubiläum des Bauhauses. Die legendäre Hochschule für Gestaltung bestand nur vierzehn Jahre, doch sie wirkt bis heute fort. Was machte das Bauhaus aus, wie war die Lehre strukturiert und warum hat es für uns heute noch eine Bedeutung? Diese Fragen beantwortet Boris Friedewald, Bauhaus-Forscher und Kurator der Ausstellung „Die ganze Welt ein Bauhaus“, die am 6. März 2020 im SARP in Warschau eröffnet wurde.

Von Paulina Olszewska

Herr Friedewald, was bedeutet der Begriff „Bauhaus“?

Walter Gropius setzte sich mit der Wortschöpfung „Bauhaus“ von der etablierten Bezeichnung „Akademie“ ab, denn er wollte ja ganz unakademisch sein. Mit dem Begriff Bauhaus klingt aber auch die mittelalterliche Bauhütte an, in der alle Raumgestalter, Künstler und Handwerker gemeinsam wirkten und gestalteten. Der Architekt Gropius fand dieses Kunstwort auch, um die Einheit zwischen Handwerk und Kunst sowie deren Zusammenspiel zu unterstreichen – und um klar zu vermitteln, dass seine neue Institution die Architektur als höchstes Ziel verstand. Paradoxerweise wurde die Architektur erst in Dessau 1927 ein richtiges Lehrfach am Bauhaus – aber man „baute“ ja trotzdem von Anfang an: an Visionen, am neuen Menschen, der Gesellschaft – und es gab auch einige Architekturprojekte, an denen Bauhäusler aus verschiedensten Werkstätten beteiligt waren.

Boris Friedewald bei der kuratorischen Führung durch die Ausstellung „Die ganze Welt ein Bauhaus“ im SARP in Warschau
Boris Friedewald bei der kuratorischen Führung durch die Ausstellung „Die ganze Welt ein Bauhaus“ im SARP in Warschau | Foto: Dariusz Gackowski/SARP
Das Bauhaus wurde 1919 in Weimar gegründet – warum ausgerechnet in dieser Stadt von Goethe und Schiller?

Walter Gropius hat schon während des Ersten Weltkrieges eine Anfrage aus Weimar bekommen, die Kunstgewerbeschule von Henry van der Velde zu übernehmen. Im Frühjahr 1919 übernahm Gropius die Leitung der Kunstgewerbeschule und der Hochschule für bildende Kunst, legte die Institutionen zusammen und nannte diese Institution Bauhaus. Wohin man sich als Institution nun entwickeln wollte, war gerade am Anfang nicht immer so klar. Gropius verstand besonders die ersten Jahre der Institution als Experiment. Später sagte er, dass er das Bauhaus nur in einer Kleinstadt wie Weimar entwickeln konnte. Die Bauhäusler waren hier weniger abgelenkt als dies zum Beispiel in Berlin der Fall gewesen wäre – man konnte sich auf sich selbst, die Suche und das Finden neuer Wege in Lehre aber auch der Gestaltung besser konzentrieren.

Was war das Besondere an der Bauhaus-Lehre?

Das Bauhaus war keine Schule im traditionellen Sinne. In Weimar sprach Gropius ja bewusst davon, dass die Schule in der Werkstatt aufgehe. So gab es in den unterschiedlichen Werkstätten Lehrlinge und Gesellen, die von Meistern – nicht von Lehrern – angeleitet wurden. Auch Moholy-Nagy fand den Begriff „Schule“ in Bezug auf das Bauhaus veraltet und sprach lieber von „Arbeitsgemeinschaft“. In Dessau nannte sich die Institution zwar „Hochschule für Gestaltung“ aber auch hier stand reine Wissensvermittlung nie im Zentrum. Dafür wurde das Forschen und Erfahren stets gefördert und gefordert. Zentrales Anliegen war auch, die individuellen Fähigkeiten eines jeden einzelnen freizulegen und zu stärken, dazu gehörte auch die Schulung der Sinne. Dann war es natürlich zentral, das Wesen bzw. die Gesetzmäßigkeiten von Materialien zu erforschen, bevor man mit ihnen gestaltete. Beides wurde wesentlich im Vorkurs des Bauhauses vermittelt, den alle Studierenden obligatorisch besuchen mussten. Bei alledem muss auch erwähnt werden, dass das Bauhaus unter seinen drei Direktoren Walter Gropius (1919-1928), Hannes Meyer (1928-1930) und Ludwig Mies van der Rohe (1930-1933) sich in Bezug auf die Organisation und die Lehre aber auch immer wieder veränderte – bis hin dazu, dass in der letzten Phase unter Mies das Bauhaus eine sehr architekturbetonte Lehre auszeichnete.

Als die Schule gegründet wurde, war gerade der Erste Weltkrieg zum Ende. Spielte der Zeitpunkt überhaupt eine Rolle?

Sicher war die Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg von vielen Sehnsüchten und Hoffnungen nach einer anderen, neuen Zukunft geprägt. Gropius hatte die ungeheure Stärke, dass er das Bauhaus von Anfang an mit einem Impuls der Zuversicht, des Bauens an einer neuen Zukunft und einer neuen Gesellschaft verband. Damit sprach er natürlich gerade viele junge Menschen – Männer und Frauen – an, die nach dem Schrecken des zerstörerischen Krieges eine andere Welt mitgestalten wollten.

Wer studierte am Bauhaus?

Ans Bauhaus kamen sehr unterschiedliche Menschen, mit verschiedenen sozialen, aber auch professionellen und auch kulturellen Hintergründen. Es gab sehr junge Leute, zum Beispiel Felix Klee (den Sohn von Paul Klee), der mit 14 Jahren begann am Bauhaus zu studieren. Zugleich gab es Josef Albers, der sein Studium abgeschlossen hatte und bereits Lehrer war, als er als Studierender ans Bauhaus kam. Es gab Studierende, die schon eine handwerkliche Ausbildung gemacht hatten, in einem gestalterischen Beruf gearbeitet hatten oder auch an einer Kunsthochschule studiert hatten, bevor sie ans Bauhaus kamen. Es gab aber auch zahlreiche Studierende aus dem Ausland. So studierten am Bauhaus unter anderem Menschen aus Persien, der Türkei und den USA. Der zweite Bauhausdirektor Hannes Mayer warb besonders um Studenten aus Osteuropa. Die Studierenden waren also eine sehr bunte Gemeinschaft, die ja teilweise auch sehr unterschiedliche politische Auffassungen hatte. Dabei waren alle wohl auch sehr stolz, „Bauhäusler“ zu sein – also Menschen, die alle unkonventionell, sehr individualistisch und doch gemeinschaftsorientiert waren und auch stolz waren, in den Kursen berühmter Künstler wie Klee oder Kandinsky sitzen zu dürfen.

Die Schule existierte nur vierzehn Jahre von 1919 bis 1933. Warum hat sie trotzdem so einen großen Einfluss auf die Kunst und Architektur gehabt?

Einer der vielen Gründe ist, dass das Bauhaus von Anfang an ein Sammelpunkt der künstlerischen Avantgarde Europas und darüber hinaus sein wollte. Man lud Dozenten und Gäste ein, betrieb intensive Pressearbeit. Mit den Bauhaus-Grafikmappen und der Reihe der Bauhausbücher schuf man Projekte, mit denen man unter dem Begriff „Bauhaus“ namhafte internationale avantgardistische Künstler präsentierte.

Am Bauhaus wurden die zentralen Fragen der Moderne verhandelt. Sie waren so radikal und komplex, wie eine Art Extrakt der Moderne: Hat die Gestaltung Einfluss auf die Gesellschaft? Wie können wir dem neuen Leben eine Form geben? Wie kann das Neue mit zeitgenössischen Materialien umgesetzt werden? Wie verhält sich der Mensch in einem modern konstruierten Raum?

In der Schule versuchte man das Bild des „Neuen Menschen“ auch zu leben: durch das Aussehen, den Körper, in geistiger und seelischer Hinsicht. All das sorgte dafür, dass die Bauhaus-Bewegung uns auch heutzutage so stark anspricht.

Aber es muss immer wieder betont werden: das Bauhaus war nicht die Moderne, sondern ein bedeutender Teil der Moderne.

Die Ausstellung „Die ganze Welt ein Bauhaus“ im SARP in Warschau
Die Ausstellung „Die ganze Welt ein Bauhaus“ im SARP in Warschau | Foto: Dariusz Gackowski/SARP
Wie ist die Ausstellung „Die ganze Welt ein Bauhaus“ konzipiert?

Viele verbinden mit dem Bauhaus immer noch einzig die Architektur, aber denken dabei nicht an den sozialen Aspekt oder den revolutionär-pädagogischen Ansatz. Es war für mich sehr wichtig, möglichst die ganze Bandbreite des Bauhauses in seinen Facetten zu zeigen. Deswegen konzipierte ich acht Kapitel, die für mich für diese Vielzahl stehen. Das sind eben Themen wie zum Beispiel: „Radikale Pädagogik“, „Der neue Mensch“ oder „Gesamtkunstwerk“. Es gibt auch das Kapitel „Kunst, Handwerk und Technik“, das beschreibt, in welchem Verhältnis diese drei Begriffe standen. Ein Kapitel habe ich „Begegnungen“ genannt, um zu zeigen, dass das Bauhaus zwar eine Institution in Deutschland, aber zugleich eine weltoffene Schule war, die im stetigen Austausch mit der Welt stand. Dazu kommen noch: „Gemeinschaft“, „Das Schwebende“ und „Experiment“.

Diese acht Kapitel stehen alle in Bezug zueinander, um auch zu präsentieren, dass am Bauhaus alles miteinander verbunden war und es keine klassischen, strengen akademischen Teilungen gab. Das Ziel dieser Ausstellung ist, ein Gefühl zu erzeugen, wie umfassend und vielfältig dieses Bauhaus-Phänomen war.

Können wir nach diesen hundert Jahren noch etwas vom Bauhaus lernen?

B.F.: Für mich ist vor allem der Aspekt der Pädagogik am Bauhaus absolut zeitgemäß: Man wollte herausfinden, wie man die Gesellschaft, die Kunst und die Welt verändern kann. Man hatte Visionen. Eine Gesellschaft ohne Visionen von einer besseren Welt treibt ins Nichts – ebenso eine Vision für eine bessere Welt, die die Bedürfnisse der Gesellschaft außer Acht lässt. Das können wir heute vom Bauhaus lernen.

Wer aber die Gesellschaft verändern will, muss zunächst bei sich selbst anfangen. Erst wenn ich meine Fähigkeiten erkenne, kann ich etwas wirklich Sinnvolles für die Gesellschaft gestalten, das sie vielleicht verändernd beeinflusst. Diese Erkenntnis war der Wesenskern der Bauhauspädagogik – er ist aktueller denn je. Es ist ein Plädoyer für die Individualität jedes Menschen, aber auch für die Verantwortung des Einzelnen für die Gesellschaft.

Wenn das Bauhaus heute noch existieren würde, mit welchen Fragen oder Problemen würde es sich beschäftigen?

Dann würde es vielleicht Kunst, Technik und Digitales als eine neue Einheit verkünden. Sicher wäre die digitale Welt als großes Forschungs-, Experimentier- und Gestaltungsfeld, wesentlicher Bestandteil des Bauhauses heute. Die gesellschaftlichen, globalen Probleme mit Hilfe der Digitalisierung zu lösen – das wäre ihnen möglicherweise bedeutend. Die Bauhäusler damals waren ja teilweise sehr technikbegeistert. Sie warnten aber auch davor, dass die Technik nicht den Menschen beherrschen dürfe. Heute würden sie vielleicht davor warnen, dass die Digitalisierung den Menschen nicht bedrohen dürfe. Sicher würden sie auch mit radikalen Lösungen im Städtebau, in der Architektur und Gestaltung auf sich aufmerksam machen – die braucht es ja auch immer noch.
 
Boris Friedewald, Autor, Dramaturg und Kunsthistoriker. Er studierte in Bochum und Berlin Kunstgeschichte, Theaterwissenschaft und Pädagogik. Anschließend arbeitete er freiberuflich als Dramaturg, unter anderem für das von Achim Freyer gegründete Freyer Ensemble und zeitweilig als Dozent für Kunst- und Theatergeschichte in Berlin. Im Jahr 2013 war er im Kuratorium der Ausstellung „Das Bauhaus in Kalkutta – Eine Begegnung kosmopolitischer Avantgarden des Bauhauses Dessau“ tätig. Er publizierte kunsthistorische Werke im Umfeld des Bauhauses, der Fotografie und Künstlerbiografien. Letzlich war er zusammen mit Magdalena Droste Herausgeber des Buches „Unser Bauhaus – Bauhäusler und Freunde erinnern sich“, das im Herbst 2019 erschien.
 

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