Corona-Initiativen im Berliner Kiez
Solidarisch mit den Schwächeren

„Die Balkone. Life, art, pandemic, proximity“: Müller Dreimalklingeln und Sonja Lau Abraham, Performance: Anne Ratte-Polle, JA JA JA NE NE NE
„Die Balkone. Life, art, pandemic, proximity“: Müller Dreimalklingeln und Sonja Lau Abraham, Performance: Anne Ratte-Polle, JA JA JA NE NE NE | Foto (Zuschnitt) © Joanna Warsza

Ausstellungen auf Balkonen, Gabenzäune für Obdachlose, Streaming von DJ-Auftritten ohne Publikum, um Clubs zu retten oder geflüchtete Frauen, die Masken für Bedürftige nähen. Kaja Puto schaute sich an, wie die Berliner die Bekämpfung des Coronavirus unterstützen.

Wenn man sich auf Instagram aktuelle Fotos und Filme aus Berlin ansieht, könnte man meinen, dass sie aus irgendeinem anderen Mai stammen: Die Parks sind voller Menschen, Kinder spielen auf Spielplätzen, Leute sitzen auf Mauern mit Essen to go. Auf der Straße muss man keine Maske tragen, nur in öffentlichen Verkehrsmitteln und im Geschäft. Polizisten patrouillieren, aber ohne besonders einzugreifen. Nur bei größeren Menschenaufläufen reagieren sie.

„Wenn ich mich mit meinen Freunden in Polen unterhalte, sehe ich, dass sie viel gestresster sind, die Nerven verlieren, sich um ihre finanzielle Zukunft sorgen“, erzählt die in Berlin lebende Journalistin Ewa Wanat, „hier ist es lockerer – die Menschen wissen, dass sie im Krankheitsfall in guten Händen sind. Und sie spüren diese restriktive Atmosphäre nicht, fürchten keine Bußgelder. Sie versuchen, trotz der Sicherheitsvorkehrungen ein einigermaßen normales Leben zu führen. Das touristische Zentrum wirkt wie ausgestorben, ansonsten aber könnte man glauben, es habe sich nicht viel geändert.“

Zum diesem Wohlbefinden der Berliner trägt sicherlich auch die im März vom Bundestag verabschiedete Krisenhilfe bei, die sich auf 1,1 Billionen beläuft. Ein Anstieg der Arbeitslosigkeit ist unvermeidlich, aber die Einwohner der Bundesrepublik können mit verschiedenen Formen von Sozialleistungen rechnen – Beihilfen, Zuzahlungen zu Gehältern oder günstigen Krediten. Für eine Abpolsterung der Folgen der Coronakrise setzt sich auch der in Deutschland starke NGO-Sektor ein. Und die Gesellschaft selbst.

„Junge Leute hängen in den Treppenhäusern kostenlose Hilfsangebote für Senioren aus, Clubs veranstalten Online-Partys, an vielen Kneipen hängen Bitten um finanzielle Unterstützung – und die Menschen sind gerne bereit, ihrem Stammlokal beizustehen“, sagt Wanat.

Solche Initiativen kennen wir auch aus Polen. Aber jede Stadt hat ihre Besonderheit, ihren eigenen urbanen Lebensstil und ihre eigenen Probleme. Wie engagiert sich Berlin in der Coronazeit?

Eine gute Zeit für Kunst im öffentlichen Raum

„Wir sind keine Krankenschwestern, Ärzte oder Straßenbahnführer. Als Kuratorinnen retten wir keine Menschenleben und wir genießen das Privileg, zu Hause zu bleiben. Aber wir haben uns doch die Frage gestellt, wie wir unter den Bedingungen der Pandemie etwas für die Berliner tun können“, sagt Joanna Warsza, die zusammen mit der türkischen Kuratorin Övül Ö. Durmusoglu im Ortsteil Prenzlauer Berg in Fenstern und auf Balkonen die Ausstellung Die Balkone. Life, art, pandemic and proximity initiiert hat. „Wir wollten schauen, ob Kunst in der Lage ist, die Menschen einander näher zu bringen, bei der Überwindung von Gefühlen wie Traurigkeit und Hilflosigkeit zu helfen und zum Nachdenken darüber anzuregen, was danach kommt und wohin wir zurückkehren wollen.
  • „Die Balkone. Life, art, pandemic, proximity“: Raul Walch Foto (Zuschnitt) © Joanna Warsza

    „Die Balkone. Life, art, pandemic, proximity“: Raul Walch

  • „Die Balkone. Life, art, pandemic, proximity“: Ulf Aminde, „footwork (building the new Republic II)“, Max Lingner Strasse 17 Foto © Joanna Warsza

    „Die Balkone. Life, art, pandemic, proximity“: Ulf Aminde, „footwork (building the new Republic II)“, Max Lingner Strasse 17

  • „Die Balkone. Life, art, pandemic, proximity“: Lina Majdalanie und Rabih Mroué mit den Nachbarn vor ihrer Ausstellung Foto © Joanna Warsza

    „Die Balkone. Life, art, pandemic, proximity“: Lina Majdalanie und Rabih Mroué mit den Nachbarn vor ihrer Ausstellung

  • „Die Balkone. Life, art, pandemic, proximity“: Martin Frese und Eva Scharrer, Ausdrucke von Gedichten für die Quarantänezeit Foto © Joanna Warsza

    „Die Balkone. Life, art, pandemic, proximity“: Martin Frese und Eva Scharrer, Ausdrucke von Gedichten für die Quarantänezeit

An der Ausstellung im April haben um die fünfzig Künstlerinnen und Künstler aus Prenzlauer Berg teilgenommen. Ihre Fenster und Balkone dienten als Ausstellungsraum für Performances und Installationen. Yael Bartana und Saskia Wendland haben die Performance Reset arrangiert, bei der sie das Ganze in den vorpandemischen Hyperkonsumzeiten angesammelte nutzlose Gerümpel aus dem Fenster warfen. Der Künstler Martin Frese und die Kuratorin Eva Scharrer teilten an Passanten handverzierte (und desinfizierte) Ausdrucke von Gedichten für die Quarantänezeit aus. Die libanesischen Künstler Rabih Mroué und Lina Majdalaine luden alle ihre Nachbarn zum Schmücken ihrer Balkone ein – das ganze Gebäude wurde dadurch zu einer einzigen großen Installation.

Die an der Ausstellung beteiligten Künstler sind sowohl Ankömmlinge aus aller Welt, die sich hier niedergelassen haben, als auch in der Geschichte des Stadtteils verwurzelte Alteingesessene, die sich noch an die Zeiten erinnern, als Prenzlauer Berg Heimstätte der DDR-Arbeiterschaft, aber auch der oppositionellen Gebildeten war. In den Neunzigerjahren blühte hier die Berliner Gegenkultur auf. Heute ist es eine der teureren Wohnsiedlungen im Nordosten der Weltstadt. „Die Wahl des Ortsteils war nicht zufällig: Beide wohnen wir hier, also begannen wir bei uns und unseren Künstlernachbarn. Auch die lokale Geschichte fanden wir interessant. Die Länder des ehemaligen Ostblocks führen das öffentliche und politische Leben gern in privaten Umgebungen: in Küchen oder Kirchen“, erzählt Warsza.

Joanna Warsza und Övül Ö. Durmusoglu – Initiatorinnen von „Die Balkone. Life, art, pandemic, proximity“
Joanna Warsza und Övül Ö. Durmusoglu – Initiatorinnen von „Die Balkone. Life, art, pandemic, proximity“ | Foto © Joanna Warsza
Balkone waren für die Kuratorinnen auch während der Quarantäne, als das öffentliche Leben auf ein Minimum begrenzt wurde, ein wichtiger Ort. „Das ist der Teil der häuslichen Privatsphäre, der dem öffentlichen Anblick ausgestellt ist“, erklärt Warsza. „In der Geschichte wurden Balkone nicht selten für Demonstrationen oder Machtübernahmen, aber auch die Verkündung demokratischer Botschaften genutzt. In Osteuropa stehen sie auch für Gleichheit, denn der Besitz eines Balkons hörte in den kommunistischen Zeiten auf, ein Privileg zu sein. Heute sind sie eine Möglichkeit der Kontaktaufnahme und des Wiederaufbaus schwacher Nachbarschaften. Wir beschlossen, dies mit den Mitteln der Kunst zu versuchen – umso mehr als die Berliner Künstler, die sonst ständig unterwegs sind, auch zuhause saßen.“

Die Lage der Künstler ist in Berlin nicht schlecht: Wie alle Freelancer konnten sie sich um 5000 Euro im Rahmen des Soforthilfeprogramms bemühen und der Berliner Senat berät über weitere Finanzhilfen. „Überhaupt hat der deutsche Staat sehr schnell auf die Krise reagiert und viele Menschen haben das Gefühl, ihre Steuern nicht umsonst zu zahlen“, quittiert Warsza.

Die Berliner Galerien beginnen sich langsam zu öffnen, aber mit zahlreichen sanitären Auflagen und begrenzten Besucherzahlen. Deshalb lässt sich noch kaum von einer Rückkehr zur Normalität sprechen. „Unser Projekt ist eben deshalb weltweit auf enorme Resonanz gestoßen, weil es nicht einfach nur eine weitere Konferenz via Zoom oder eine Online-Führung war, sondern ein analoges Kunsterlebnis, wonach wir uns wohl alle sehnen“, meint Warsza. „Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass das Coronavirus nicht von einem Tag auf den anderen einfach verschwindet. Es ist Zeit sich Gedanken über neue, sichere und auch ökologischere Formen des Umgangs mit Kunst zu machen. Das ist mit Sicherheit eine gute Zeit für Kunst im öffentlichen Raum.

„Lieber Mensch ohne Zuhause, nimm dir vom Gabenzaun“

In Berlin leben um die 30 000 Obdachlose, ein Drittel von ihnen auf der Straße. Das ist eine Rekordzahl für Deutschland, zu der die steigenden Wohnungspreise, die Migrationskrise und die offenen Grenzen in der Europäischen Union beigetragen haben. Viele Berliner Obdachlose stammen aus Osteuropa: aus Rumänien, Bulgarien, vor allem aber aus dem nahe gelegenen Polen.

Im Unterschied zu vielen europäischen Hauptstädten ist Berlin keine reiche Stadt. Die Vereinigung der Stadt nach dem Fall der Berliner Mauer war eine gewaltige Herausforderung. Obwohl die deutsche Einheit knapp 2 Billionen Euro verschlungen hat, kann man eigentlich auch heute noch in wirtschaftlicher Hinsicht von zwei deutschen Staaten sprechen, denn die stärksten Industriestandorte liegen im Westen und Süden der Bundesrepublik. Aber die Obdachlosenhilfe funktioniert im Alltag gar nicht schlecht. Es gibt Stellen, wo man schlafen, sich waschen oder eine kostenlose Mahlzeit bekommen kann. Außerdem lassen Berliner und Touristen überall Bierflaschen zurück und am Pfand lässt es sich ganz gut verdienen.

Jedenfalls vor der Pandemie, aber jetzt liegen wesentlich weniger Flaschen auf den Straßen. Weniger Menschen kaufen die in den U-Bahnen angebotenen Obdachlosenzeitungen oder lauschen Straßenmusikern. Außerdem musste ein Teil der Hilfsorganisationen wegen der Restriktionen ihre Türen schließen. „Und dort, wo die Türen noch offen waren, bildeten sich lange Schlangen, sodass es schwierig war, die angeordneten Abstände einzuhalten“, fügt Ewa Wanat hinzu. „In den Straßen und Grünanlagern springen Obdachlose jetzt geradezu ins Auge; viele schlagen in der Stadt Zelte auf, zum Beispiel im Tiergarten.“

Die Berliner beschlossen, ihnen zu helfen, wozu sie – bislang – 63 städtische Umzäunungen als „Gabenzäune“ nutzen, an denen sie Plastiktüten mit Lebensmitteln, Anziehsachen, Hygieneartikeln oder Tierfutter aufhängen, dazu Flyer in neun Sprachen mit der Botschaft: „Lieber Mensch ohne Zuhause, bitte nimm dir, was du dringend brauchst.“ Und woher weiß man, was die Obdachlosen benötigen? Sie können das selbst auf einen Zettel schreiben. Diese spontanen Initiativen von Aktivisten werden von der Berliner Obdachlosenhilfe unterstützt.

Dennis Riechmann, Sozialarbeiter der Organisation Outreach – Mobile Jugendarbeit und DJ (Dengue MC), hat zusammen mit seiner Partnerin zwei solche Gabenzäune im Bezirk Schöneberg aufgebaut. „Als die Epidemie losging, habe ich mich in meiner Arbeit auf die Obdachlosen konzentriert“, erzählt er. „Ihre Lage verschlechterte sich aufgrund der Restriktionen, aber viele Bürger haben sich in die Hilfsaktionen eingebracht. Ich wandte mich an das Straßen- und Grünflächenamt des Bezirks um Genehmigung für die Nutzung der Zäune und bekam die Erlaubnis. Die Informationen über die einzelnen Standorte verbreiteten sich rasch unter den Obdachlosen.“
Dennis Riechmann vor dem Gabenzaun
Dennis Riechmann vor dem Gabenzaun | Foto: Matthias Bauer
In der Telegram-Gruppe der Initiative lese ich den Warnhinweis: „Mehrere Gabenzäune werden von Dieben geplündert.“ Es sieht ganz so aus, dass dies auf organisierte Weise geschieht. „Ich habe auch solche Geschichten gehört, dass ein Auto verbeikommt und ein Kind aussteigt, um Gaben mitzunehmen“, kommentiert Riechmann, „leider wollen manche Leute die Situation für sich ausnutzen. Ich selbst hatte keine solchen Probleme, obwohl einmal ein Nachbar Gaben von meinem Zaun abgehängt hat, weil ihm die Initiative nicht passt. Ich muss aber sagen, dass viele Einwohner der Gegend wirklich tolle Gaben bringen – selbstgebackenen Kuchen, gute Schuhe oder frisches Obst.“

Berlin wetteifert mit Frankfurt um einen Podiumsplatz in der deutschen Kriminalstatistik. Das dekadente Image der Stadt zieht offensichtlich auch Bösewichte an. Obdachlose stellen eine Gruppe dar, die in besonderem Maße Angriffen ausgesetzt sind. Alle paar Monate kommentieren die örtlichen Medien Berichte über Brandanschläge auf Obdachlose. In der Zeit des „Lockdowns“ ist sowas nicht vorgekommen, aber die Aktivisten äußern bei Telegram ihre Befürchtung, dass die Obdachlosen angesichts der Restriktionen noch hilfloser werden und die städtische Hilfe für die Bedürftigen nicht ausreichend ist.

Party via Zoom. Und nicht nur

Berlin ist eine der europäischen Hauptstädte des Rave, der vor allem in den Ruinen der postindustriellen Flächen im ehemaligen Ostberlin entstanden ist. Partys in verlassenen Fabrik- und Lagerhallen sind längst zu einem Teil der urbanen Gegenkultur geworden. Ihr apokalyptischer Zauber zieht seit drei Jahrzehnten Künstler, Raver und alle möglichen Freaks an, zum Leidwesen der linken Einheimischen aber auch Investoren.

Die steigenden Quadratmeterpreise (für Wohnraum wurden sie letztens durch einen Beschluss des Berliner Senats eingefroren) und die Übernahme der Kultorte durch neue Büro- oder Apartmenthäuser haben die Stadtlandschaft in den vergangenen Jahren sichtbar verändert. Die Clubgänger befürchten, dass das Coronavirus diesen Prozess noch beschleunigen könnte.

„Die wirtschaftlichen Folgen der Restriktionen sind für uns eine ernste Bedrohung. Erst letztens hat uns der Verlust unserer alten Betriebsstätte ohnehin schon einen Haufen Geld gekostet“, alarmiert der bekannte Club Griessmühle. Deshalb engagieren seine Macher für die Tätigkeit der von Berliner Clubs in Zusammenarbeit mit ARTE Concert und radioeins ins Leben gerufenen Internetplattform United We Stream, auf der DJs ihre einsamen Auftritte live streamen. Die Hörer bedanken sich mit kleineren Einzahlungen, die den Clubs das Überleben in der Pandemiezeit ermöglichen. Clubgänger spenden auch über die Crowdfunding-Plattform Startnext.com – auf diese Weise konnte etwa die Griessmühle schon über 60 000 Euro sammeln.
United We Stream in der Griessmühle

Die Griessmühle war schon vor der Epidemie in Schwierigkeiten geraten, als der Eigentümer des Gebäudes, einer alten Nudelfabrik, den Mietvertrag nicht mehr verlängerte. Nach einem Bericht des Tagesspiegels kann der Eigentümer die Immobilie nun sogar mit zehnfachem Gewinn verkaufen. Trotz der Proteste im Januar und der Unterstützung von Lokalpolitikern war der Club nicht zu retten. Derzeit sieht es aber danach aus, dass er nach der teilweisen Aufhebung der Corona-Restriktionen an einem neuen Standort weitermachen kann.

Ein Teil des Partypublikums umgeht allerdings die Einschränkungen und trifft sich in Wohnungen oder verlassenen Gebäuden. Im Twitter der Berliner Polizei sind viele Informationen über Interventionen bei sogenannten „Corona-Partys“ zu finden. Dazu kommt noch, dass einem Bericht der Financial Times zufolge die Berliner Drogendealer zu Beginn der Epidemie eine ähnliche Belagerung erlebten wie die Lebensmittelläden. Die Kunden legten so große Vorräte an, dass die Preise für einige „Genussmittel“ – wie etwa Marihuana – in die Höhe schnellten. Am populärsten blieb aber auch während der Pandemie die Partydroge Ketamin.

Informationen über Zeit und Ort der Versammlung geben die Veranstalter von Coronapartys via Messenger nur an vertraute Personen weiter. Zwar ist das keineswegs ein Massenphänomen und die Clubbetreiber distanzieren sich davon, dennoch könnte man sagen, dass das „epidemische Berlin“ in gewisser Weise zu seinen Wurzeln zurückkehrt: den illegalen Raves. „Ich habe keine Angst vor dem Coronavirus, weil ich jung bin und keinen Kontakt zu älteren Leuten hab“, sagt mir ein anonymer Veranstalter. „Zu einer solchen Party kommen nicht mehr Leute als sich sonst in den Läden zusammendrängen. Wir sind jung und können uns kein Berlin ohne Party vorstellen.“

Wie ein Berliner Freund ironisch pointiert: „In dieser Stadt leben viele, die ohne Arbeit leben können, aber nicht ohne Party.“

Neuankömmlinge gegen das Virus

Sandy hat eine Gruppe von geflüchteten Frauen organisiert, die Masken für Bedürftige nähen. Abdulrahim geht für Kranke und Senioren zur Apotheke oder zum Kaufladen oder führt ihre Hunde aus. Malakeh kocht in ihrem Restaurant kostenlose Mahlzeiten für das Personal eines Supermarkts in der Nachbarschaft. Und Osama verdolmetscht telefonisch aus dem Arabischen Angaben von Krankenhauspatienten, die noch nicht so gut auf Deutsch zurechtkommen.
Das sind junge Geflüchtete, die sich für das Freiwilligenprogramm „Newcommer*innen gegen Corona“ der Organisation GoVolunteer engagieren. Insgesamt sind das mehrere tausend junge Leute. Die meisten – wie die genannten vier – stammen aus Syrien und sind in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen. In Instagram-Videos berichten sie über die Ursachen ihres Engagements: Sie möchten sich für die deutsche Gesellschaft nützlich machen, für die erhaltene Hilfe danken und anderen zeigen, wie man unter Quarantänebedingungen etwas für seine Nachbarn tun kann.

Während der Flüchtlingskrise in den Jahren 2015–2016 haben viele Deutsche als Freiwillige bei der Flüchtlingshilfe mitgemacht. Im internationalen und weltoffenen Berlin ganz besonders. Heute engagieren sich Geflüchtete für hunderte von Corona-Initiativen, aber nicht alle wissen davon. „Wir möchten das Engagement der Geflüchteten sichtbar machen und ein bisschen ihr negatives Bild in der Öffentlichkeit zurechtrücken“, teilt Thomas Noppen, der Direktor von GoVolunteer, den deutschen Medien mit.

Einer Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aus dem vorigen Jahr zufolge hat knapp die Hälfte der seit 2013 nach Deutschland gekommenen Geflüchteten Arbeit gefunden. Bei den übrigen handelt es sich hauptsächlich um Hausfrauen, Studierende, aber auch Arbeitssuchende. Vor allem sind dies ältere und niedrigqualifizierte Personen, denen auch das Erlernen einer neuen Sprache schwerfällt. Deshalb sind Geflüchtete häufiger als deutsche Staatsbürger auf Sozialhilfe angewiesen.

Freiwilligentätigkeit hilft Geflüchteten, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. An Projekten der Organisation GoVolunteer haben in den vergangenen Jahren 530 Immigranten teilgenommen. Das ist für sie eine Gelegenheit, ihre Sprachbarriere zu überwinden, Kontakte in ihrer neuen Umgebung anzuknüpfen und neue Fertigkeiten zu erwerben. Nach Angaben der Organisation haben drei Viertel von ihnen innerhalb von sechs Monaten nach Ende ihres Freiwilligeneinsatzes einen Job gefunden oder ein Studium begonnen.

Rückkehr zur Normalität. Aber zu welcher?

Obwohl Deutschland schon 170 876 Coronafälle verzeichnet (Stand vom 9. Mai), hält sich der derzeitige Tageszuwachs im dreistelligen Bereich und die Mortalität ist vergleichsweise niedrig. Nach Ansicht von Angela Merkel haben die Deutschen die erste Phase des Kampfes gegen die Epidemie bereits hinter sich. Dies ist gelungen unter anderem durch die enorme Zahl der durchgeführten Tests, der Kapazitäten des Gesundheitswesens und einer regelmäßigen Nachverfolgung der Infektionskette.

„Die deutsche öffentliche Debatte konzentriert sich auf den Kampf gegen Corona. Man diskutiert über Impfungen, Tests, den Sinn einzelner Restriktionen“, erzählt Ewa Wanat, „und was wichtig ist: Darüber diskutieren Experten oft ganz ohne Einmischung von Politikern.“ Anfangs rief die Krise keine größeren Diskrepanzen zwischen den Parteien hervor. Sogar die radikale rechte AfD zog sich in den Schatten zurück. Ihre Anführer erklärten, dass für die Bewertung der Maßnahmen der Regierung noch die Zeit komme, wenn das Virus bezwungen sei. Dafür erweckt das Ende des „Lockdowns“ schon heißere Emotionen.

In Zusammenhang mit einem deutlichen Rückgang der Neuerkrankungen in Deutschland beginnt allmählich das Auftauen der Wirtschaft. In verschiedenen Bundesländern machen Schritt für Schritt unter anderem Kindergärten und Schulen, Restaurants, Kneipen und Hotels, Dienstleister wie Frisör- und Kosmetiksalons wieder auf.

Aber das urbane Leben von Berlin wird noch längere Zeit von der Norm abweichen. Auf den Straßen sieht man momentan noch keine Touristen, der Kulturbetrieb wird in eingeschränktem Umfang laufen und die Clubs bleiben vorerst zu. Weiterhin muss man Abstand halten, die Zahl der Personen an einem Ort ist beschränkt und in den Geschäften und öffentlichen Verkehrsmitteln gilt Maskenpflicht. Und sollte die Zahl der Neuerkrankungen wieder signifikant steigen, dann kehren auch die schärferen Auflagen zurück.

Die Berliner zeigen nach der Flüchtlingskrise von 2015 erneut, dass sie solidarisch mit Schwächeren sein und in den Zeiten der Pandemie über ihren eigenen Tellerrand blicken können. Das Coronavirus hat allerdings auch die Probleme aufgezeigt, mit denen die Stadt zu kämpfen hat: Obdachlosigkeit, Gentrifizierung, Kriminalität. Dies äußert sich auch im Charakter der Berliner Corona-Initiativen. Die Frage lautet, ob die revolutionären Veränderungen gegenüber traditionell zurückhaltend eingestellten Regierenden und Behörden die Erfahrung der Pandemie zur Lösung gewichtiger Probleme nutzen werden.
 

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