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Quelle: pixabay.com; Foto (Zuschnitt): MichaelGaida

Uwe Johnsons Roman „Mutmaßungen über Jakob“ ist ein Traktat über Freiheit und Unterdrückung in der DDR, und – wenn man die Vergangenheit des Autors selbst bedenkt, der in die Bundesrepublik floh – vielleicht auch eine Metapher für sein eigenes Schicksal.

Buchcover von „Mutmaßungen über Jakob“ © Czytelnik
Von Uwe Johnson habe ich erst letztes Jahr gehört, als in den USA erstmals eine vollständige Übersetzung seines monumentalen, 1.700 Seiten starken Romans Jahrestage (Anniversaries. From the Life of Gesine Cresspahl) erschien und das Goethe-Institut New York aus diesem Anlass eine ebenso monumentale Ausstellung über den Autor und sein Buch organisierte. Die Geschichte eines Jahres aus dem Leben von Gesine, einer jungen Deutschen, die mit ihrer kleinen Tochter in Manhattan lebt, ist dort mit der amerikanischen Realität während des Vietnamkrieges und den gewaltigen gesellschaftlichen Veränderungen der 1970er Jahre verflochten; Ausgangspunkt für die Einträge in ihr „Tagebuch“ sind Tag für Tag die Schlagzeilen von den Zeitungstitelseiten. Dieselbe Heldin tritt auch in den Mutmaßungen über Jakob auf, in Johnsons bedeutend früher erschienenem Debütroman, der wesentlich bescheidener im Umfang ist, wenn auch nicht unbedingt hinsichtlich des literarischen Vorhabens.

Die Achse der Erzählung bildet der Tod von Gesines Freund, der dem Roman seinen Titel gibt, ein junger Eisenbahnarbeiter, der an einem Tag während des Kalten Krieges in der DDR auf den Gleisen umkommt. Aus diesem tragischen Ereignis, das aber eigentlich nur für die Verwandten und Freunde des Verstorbenen von Interesse ist, errichtet Johnson ein ganzes Traktat über Freiheit und Unterdrückung im kommunistischen Nachkriegsdeutschland: wir finden hier sowjetische Offiziere, Mitarbeiter der Stasi, ein Agentennetz, Beschattung und Tricksereien, politische Provokationen und Fluchten über die Grenze. Jakob Ast trägt viel von der Biografie des Autors in sich: er ist in der Zwischenkriegszeit in einer Gegend geboren, die das Dritte Reich bald verlieren sollte [1], als Flüchtling gelangt er mit seiner Mutter an die Küste der DDR (der Vater verschwindet, von der Geschichte hinweggefegt), und als er heranwächst, beschließt die Mutter, nach Westberlin zu fliehen. Dabei ist es verführerisch, in dem Romanort Jerichow die Stadt Güstrow zu sehen, und das Buch insgesamt als eine Metapher für Johnsons Schicksal zu begreifen, der sich in die Bundesrepublik durchschlug, als er den Roman schrieb und ihn dort im Suhrkamp-Verlag veröffentlichte: der Tod auf den Gleisen wäre dann der symbolische Bruch mit dem früheren Leben oder ein alternativer Pfad, auf dem seine bisherige Existenz hätte verlaufen können, wenn er sich nicht zur Emigration entschlossen hätte.

[Es ist] verführerisch, in dem Romanort Jerichow die Stadt Güstrow zu sehen, und das Buch insgesamt als eine Metapher für Johnsons Schicksal zu begreifen.

Der Lauf der Zeit hat bewirkt, dass viele von den politischen Elementen des Romans heute der Vergangenheit anzugehören scheinen (was nicht bedeutet, dass sie nicht wieder aktuell werden können – auch Eine Messe für die Stadt Arras ist einmal als deutlicher Kommentar zum Stalinismus und zum März 1968 geschrieben worden, beides heute vergangene Kontexte, aber wenn Janusz Gajos ihn heute auf der Bühne spielt, erlangt er eine völlig neue Bedeutung). Der historische Hintergrund – der Aufstand in Ungarn (für die damaligen Leser zugleich eine eigentümliche Reflexion des im Text unerwähnten Volksaufstands in der DDR, der gerade mal drei Jahre früher am 17. Juni ausgebrochen war, der nach Stalins Tod keimende Tauwetterprozess, Weitschweifigkeiten zu den Unterschieden zwischen Kapitalismus und Sozialismus, der Freiheit des Westens und der Freiheit des Ostens – all das hat heute eine viel, viel geringere Bedeutung, auch wenn es damals frappierend geklungen haben muss.

Was geblieben ist, ist aus einer anderen Materie, aus der Materie der Sprache.

Die Mutmaßungen... sind nämlich eine Detektiv- und Spionagegeschichte, die zugleich eine existentielle ist, und der Leser wird selbst zum Detektiv, der sich aktiv beteiligen muss, um das gestellte Rätsel zu lösen. Die Erzählung des Romans ist bruchstückhaft und verwickelt, sie geht unmerklich von inneren Monologen zu Dialogen über, eilt zwischen Figuren, Orten, Situationen hin und her, ein wenig wie abgehörte Gesprächsfetzen, die mit Aufnahmen, Schnappschüssen und Filmausschnitten vermischt sind. Immerfort verlieren wir uns darin, wer Worte ausspricht und Abschweifungen spinnt.

Da ist Jakob, der bei der Eisenbahn im Stellwerk arbeitet, da ist seine Mutter, die sich zur Flucht in den Westen entschließt, da ist Cresspahl, ein alter Tischler, bei dem beide direkt nach dem Krieg gewohnt haben, da ist seine Tochter Gesine, die schon drei Jahre zuvor geflohen ist und als Übersetzerin bei der NATO arbeitet, da ist Jonas, ein junger Wissenschaftler, der versucht, für die Einführung eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz zu argumentieren. Da ist schließlich der Stasi-Offizier Rohlfs, der sich abmüht, all dies in den Griff zu bekommen. Gesine hatte natürlich eine Romanze mit Jonas, aber natürlich liebt sie seit Jahren Jakob, der diese Liebe erwidert. Und was jetzt? Wollte ein Regisseur die Mutmaßungen... verfilmen, müsste er Schauspieler finden, die diese Figuren darstellen, dazu ein paar Nebenfiguren, Interieurs arrangieren und Kostüme bestellen. Aber selbst wenn er die einzelnen Szenen aufnähme, bliebe in der Adaption nichts aus Johnsons Roman erhalten, weil dessen ganze Kraft und Meisterschaft in dem steckt, was sich auf die Leinwand nicht übertragen lässt (und was man in der Sprache des Films neu schaffen müsste): die Meisterschaft im Jonglieren mit der Erzählung, in der phänomenalen Diktion, die aus der banalsten Alltäglichkeit dramatische und überraschende Noten herausholen kann. Die Übersetzerin des Romans, Sława Lisiecka, fördert seine ganze Ungewöhnlichkeit zutage, die unerwarteten Kombinationen von Ausdrücken und hingeworfenen Bilder, die dem Leser ein wahrhaft seltenes Entzücken bereiten, bis schließlich Jakobs Tod nicht länger wichtig ist und selbst die DDR und die Bundesrepublik ihre Bedeutung verloren haben. Es zählen nur noch die Mutmaßungen und ihre verführerische Schönheit.

[1] Johnson wurde zwar in Cammin in Pommern/Kamień Pomorski geboren, aber seine Kindheit hat er tatsächlich in Anklam verbracht, das nach dem Krieg bei Deutschland verblieben ist.
 
Uwe Johnson, Mutmaßungen über Jakob, Suhrkamp Verlag; Auflage 12, 1992 [Titel der polnischen Übersetzung: Domniemania w sprawie Jakuba, übersetzt von Sława Lisiecka, Czytelnik, Warschau 2008]
 

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