Lukas Piatek im Gespräch
Wir brauchen mehr Liebe

Die Corona-Krise stellt auch Hochzeitspaare vor eine harte Probe. Viele Paare verschieben ihren Hochzeitstermin aufgrund der aktuellen Kontaktbeschränkungen. „Das, was wir gerade erleben, ist sicherlich für viele Beziehungen ein echter Härtetest“ sagt der Hochzeitsfotograf Lukas Piatek im Gespräch mit Joanna Strzałko.

Die Hochzeit von Sasha und Harris – das chinesische Viertel in Mannhatan. Eine der Lieblingsfotografien von Lukas Piatek.
Die Hochzeit von Sasha und Harris – das chinesische Viertel in Mannhatan. Eine der Lieblingsfotografien von Lukas Piatek. | Foto: Lukas Piatek
Hattest du in den letzten Monaten überhaupt noch Aufträge?

Sämtliche Hochzeitsfeiern, für die ich 2020 gebucht war, wurden entweder verschoben oder abgesagt. Sowohl in den USA als auch in Europa. Vor der Corona-Krise hatte ich ungefähr 25 Aufträge pro Jahr in unterschiedlichen Teilen der Welt. Im Augenblick herrscht gähnende Leere in meinem Terminkalender.

Denkst du, dass diese Hochzeiten die Corona-Krise überstehen werden?

Lukas Piatek
Lukas Piatek | Foto: privat
Ich denke, dass sich sehr viel verändern wird. Reisen, insbesondere Flüge, werden immer teurer, was für Hochzeitsgäste und Hochzeitsfotografen ein echtes Hindernis darstellt. Die Krise hat auch Hotels und Restaurant schwer getroffen. Die Umsätze sind drastisch gesunken, in vielen Fällen sogar auf null. Ich befürchte auch, dass die zweite Infektionswelle noch verheerender sein wird als die erste. Menschen vergessen gerne Sicherheitsmaßnahmen oder missachten sie bewusst, weil sie verdrossen mit der andauernden Pandemie sind. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Ich denke daran zurück, wie schön das Leben noch vor wenigen Monaten vor. Und ich glaube fest daran, dass es wieder so sein wird.

Und was ist mit der Liebe?

Das, was wir gerade erleben, ist sicherlich für viele Beziehungen ein echter Härtetest. Paare, die im Frühling oder im Sommer dieses Jahres heiraten wollten, suchen nach Terminen im nächsten Jahr. Aber das ist nicht so einfach, weil viele dieser Termine bereits von den Paaren belegt sind, die ohnehin 2021 heiraten wollten. Freunde von uns haben nicht nur ihre Hochzeit im Juni abgesagt, sondern sämtliche Pläne fürs Erste auf Eis gelegt, und beschlossen, auf ruhigere Zeiten zu warten. Ich bin jedoch überzeugt davon, dass wahre Liebe auch diese Krise überstehen wird.

Fehlt dir deine Arbeit?

Im Augenblick mache ich Urlaub vom Fotografieren und verbringe mehr Zeit mit meiner Frau. Lena ist alles, was ich zum Glücklichsein brauche (lacht). Wir arbeiten zusammen im Garten, pflanzen Bäume und Blumen, richten unser neues Haus ein und unternehmen lange Spaziergänge mit unseren Hunden.

Ihr habt also wohl erst vor Kurzem geheiratet?

Vor drei Jahren, in Island. Genau am 21. Juni, dem Tag der Sommersonnenwende, wenn die Sonne im hohen Norden gar nicht mehr untergeht. Das war der schönste Tag meines Lebens.
Die kirchliche Trauung von Cristina und Richard – Włochy
Die kirchliche Trauung von Cristina und Richard – Włochy | Foto: Lukas Piatek
Ist deine Frau auch Fotografin?

Nein, Lena ist Sozialarbeiterin im Projekt Arche Noah in Bottrop, unserer Stadt. Sie kümmert sich um Kinder und Tiere. Aber um noch einmal auf deine Frage nach der Arbeit zurückzukommen: Selbstverständlich vermisse ich das Reisen. Ich liebe es, unbekannte Orte zu entdecken, exotische Gerichte zu probieren und neue Menschen kennenzulernen, ganz weit weg vom Alltag, vom sogenannten normalen Leben zu sein. Aber ich sehe in der derzeitigen Situation auch etwas Positives. Denn mein „normales Leben“ besteht darin, ständig unterwegs zu sein, aus Koffern zu leben und immer wieder Abschied nehmen zu müssen.

Dir gefällt also deine Arbeit?

Ich liebe meine Arbeit, sie ist mein Element! Ich sehe meine Arbeit auch als ein Abenteuer, schließlich ist jede Hochzeit anders. Auch wenn sie sicherlich alle mit großen Gefühlen und viel positiver Energie verbunden sind. Ich würde meine Arbeit für nichts in der Welt eintauschen.

Spürst du während deiner Aufträge keinen Stress?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin von Natur aus ein ruhiger Mensch, und das drückt sich auch in meiner Arbeit aus. Sobald ich die Kamera in die Hand nehme, weiß ich genau, was ich zu tun habe, und verpasse keinen wichtigen Moment. Ich habe in der Regel auch schon eine ungefähre Vorstellung davon, was mich erwartet, weil ich mich vor jeder Hochzeit lange mit den Brautleuten unterhalte. Lediglich körperlich ist es manchmal anstrengend, weil ich grundsätzlich allein arbeite – schließlich hat jeder Fotograf seinen eigenen Stil. Neulich musste ich aber doch einmal einen befreundeten Fotografen um Hilfe bitten. Das war bei einer Hochzeit in New York, die aus einer jüdischen und einer hinduistischen Zeremonie bestand. Das Ganze dauerte 18 Stunden. Das überstieg dann doch meine Kräfte.

Bist du manchmal genervt von den ganzen Hochzeitsgästen mit ihren Fotoapparaten und Smartphones?

Die Hochzeit von Alyssa und Scott – Mexiko
Die Hochzeit von Alyssa und Scott – Mexiko | Foto: Lukas Piatek
Ich frage die Brautleute immer vorab, ob sie ihre Hochzeit „unplugged“ oder mit allem Drumherum haben wollen. Das ist ihre Entscheidung. Ich weise sie lediglich darauf hin, dass es für einen professionellen Fotografen manchmal nicht ganz einfach ist, wenn ihm ständig Hochzeitsgäste vor den Füßen herumlaufen. Aber ich habe auch Verständnis dafür, dass die Brautleute sich darüber freuen, wenn ihre Angehörigen und Freunde Fotografien und Videos von der Hochzeit in den sozialen Medien posten und andere an ihrer Freude teilhaben lassen.

Hast du das Fotografieren in Deutschland gelernt?

Vor zwanzig Jahren brauchte man noch eine professionelle Ausbildung oder ein entsprechendes Diplom, um als Fotograf zu arbeiten. Heute ist das nicht mehr so. Ich habe mir alles selbst beigebracht.

War das Fotografieren schon immer dein Traumberuf?

Ehrlich gesagt hatte ich als Jugendlicher keine Ahnung, was ich einmal werden sollte. Nach der Schule machte ich drei Jahre lang Praktika im Bereich Grafikdesign. Aber ich merkte schon bald, dass das nichts für mich war. Ich langweilte mich. Außerdem wollte ich schon immer mein eigener Chef sein. Ich fuhr dann erst einmal für ein Jahr nach Australien, um eine Antwort auf die Frage zu finden, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Ich reiste durch das Land und hielt mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, zum Beispiel bei der Schafzucht oder bei der Feldarbeit. Und eines Tages … Ich muss dazu sagen, dass ich kein religiöser Mensch bin und nicht an irgendwelche Zeichen oder eine göttliche Vorsehung glaube. Aber als ich acht Monate in Australien gewesen war, klaute mir jemand meinen Reisepass und meine Brieftasche aus dem Auto. Zum Glück ließ er jedoch meinen Fotoapparat liegen, auf dem ich eine Menge Bilder gespeichert hatte. In diesem Moment wurde mir bewusst, was mir wirklich wichtig war. So fand ich also die Antwort auf meine Frage (lacht). Als ich nach Deutschland zurückkehrte, begann ich, meine Freunde zu fotografieren. Meine Porträtfotografien fanden großen Anklang, und schließlich fragte mich einer meiner Bekannten, ob ich nicht mit meiner Kamera zu seiner Hochzeit kommen könnte. Ich begann, Geld zu verdienen. Der Rest ist Geschichte.

Meine ersten Fotografien waren hell und pastellfarben. Irgendwann wurde mir klar, dass das überhaupt nicht zu mir passte.

Vor drei Jahren wurdest du vom New Yorker Magazin „Rangefinder“ zu einem der besten Hochzeitsfotografen weltweit gewählt!

Das ergab sich irgendwie so (lacht). Die Redaktion des Rangefinder gibt jedes Jahr eine Liste der Top-30-Künstler im Bereich Hochzeitsfotografie heraus. Ich war der erste Fotograf aus Deutschland, der es in diese Liste schaffte. Das setzte eine regelrechte Lawine in Gang. Mein Instagram-Account füllte sich, alle möglichen Menschen schrieben mir oder riefen mich an. Inzwischen habe ich auf sämtlichen Kontinenten gearbeitet. Dabei hatte ich anfangs große Schwierigkeiten, meinen eigenen Stil zu finden. Meine ersten Fotografien waren hell und pastellfarben. Irgendwann wurde mir klar, dass das überhaupt nicht zu mir passte. Heute herrschen in meinen Fotografien dunklere Töne vor. Ich spiele auch gern mit Licht und Schatten.
Die Session von Michelle und Matthew aus Nashville im Bundesstaat Tennessee, USA
Die Session von Michelle und Matthew aus Nashville im Bundesstaat Tennessee, USA | Foto: Lukas Piatek
Wovon willst du jetzt leben?

Zum Glück habe ich ein paar Ersparnisse. Außerdem betreibe ich die Fotografie-Plattform LOOKSLIKEFILM, auf der die größte Gruppe über fünfzigtausend Mitglieder zählt. Wir tauschen Fotografien miteinander aus, ich organisiere Wettbewerbe, schreibe am Blog und biete Presets für die Bildbearbeitung in Lightroom an. Damit verdiene ich wesentlich mehr Geld als mit der Hochzeitsfotografie. Andernfalls wäre ich jetzt in Schwierigkeiten.

Hast du keine Corona-Hilfe für Freiberufler beantragt?

Ich bin kein Freiberufler. Man muss in Deutschland ein Gewerbe anmelden, um als Hochzeitsfotograf zu arbeiten. Ich könnte einen Antrag als Kleinstunternehmer stellen und würde wohl um die 9 000 Euro erhalten, weil ich zwei Angestellte habe – hätte ich fünf Angestellte, wären es 15 000 Euro. Aber zum Glück benötige ich im Augenblick keine Unterstützung.

Es ist also alles nicht so schlimm ...

So würde ich es auch nicht sagen. Es sind schon dramatische Zeiten. Ein Freund von mir, der ausschließlich als Hochzeitsfotograf tätig war, hat seine gesamte Existenzgrundlage verloren. Außerdem musste er die Anzahlungen für das laufende Jahr zurückzahlen, weil sämtliche Veranstaltungen abgesagt wurden. Und was wird aus den ganzen Flugtickets, die viele von uns gebucht haben, um ans andere Ende der Welt zu fliegen? Viele Fluglinien bieten keine Rückerstattung, sondern lediglich Gutscheine an. Viele aus der Branche suchen derzeit nach neuen Einkommensmöglichkeiten. Vielleicht hast du schon etwas von Facetime-Sessions gehört? Du verabredest dich mit einem Fotografen, der anschließend ein professionelles Porträt von dir mithilfe der Facetime-App anfertigt. Jeder versucht, sich irgendwie über Wasser zu halten. Ich vergesse auch nicht für einen Moment, wie ernst die Lage ist. Ich glaube nicht an irgendwelche Verschwörungstheorien. Wenn mir jemand sagt: „Es sind ja nur 30 Menschen gestorben“, dann antworte ich ihm: „Ein Glück, dass es nicht mehr waren. Sieh dir mal die Situation in New York an.“ Und wenn mir jemand erzählt: „Schaffen wir endlich die Kontaktbeschränkungen ab, die alten Leute sterben doch sowieso“, entgegne ich ihm: „Hinter diesen Zahlen verbergen sich menschliche Schicksale und familiäre Tragödien.“ Ich habe meine Großeltern sehr geliebt und hätte weder ihr Leben noch ihre Gesundheit nur wegen meiner Bequemlichkeit aufs Spiel gesetzt. Deshalb bleibe ich, solange es notwendig ist, zu Hause und halte mich an die Kontaktbeschränkungen – getreu meinem Lebensmotto „Leben und leben lassen!“
 
Lukas Piatek ist ein in Polen geborener und in Deutschland aufgewachsener Hochzeitsfotograf (er selbst bezeichnet sich als „Destination Wedding Photographer”). Er lebt in Bottrop in Nordrhein-Westfalen. Lukas träumte schon als Kind davon, flüchtige Momente mit seiner Kamera festzuhalten. In der Hochzeitsfotografie fand er die Erfüllung dieses Traumes. Er reist um die ganze Welt und fotografiert Menschen, die einander lieben – auch über nationale und kulturelle Grenzen hinweg. Er ist Gründer und Betreiber der Internet-Plattformen LOOKSLIKEFILM und Meridian Presets. Derzeit verwendet er eine Canon 5D Mark 4 und ein Canon EF 35mm f/1.4L II Objektiv.
 

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