Virtueller Kontakt – echter Geschmack
„Eine Veränderung im Jahr 2021? Daran glaube ich nicht mehr.“

Man kann sich an alles gewöhnen, auch an berufliche Gespräche auf Teams.
Man kann sich an alles gewöhnen, auch an berufliche Gespräche auf Teams. | Foto: Pexels

Manchmal gibt es vor dem Bildschirm Tränen. Einer ist ungekämmt, ein anderer lässt die Kamera absichtlich ausgeschaltet. In einem Moment geht der Bildschirm aus, und wir kehren an die Arbeit zurück. Wie hat die Telearbeit unsere beruflichen Beziehungen verändert? „Wir haben uns daran gewöhnt, das Jahr 2021 wird keine Veränderung bringen“, sagen die Angestellten eines Unternehmens.

Von Dominika Maciejasz

„Ich würde gern endlich wieder ins Büro gehen! Meine Kollegen sehen, jemanden auf dem Gang ansprechen oder auf einen Kaffee mitnehmen“, träumt Marta, eine Polin, die in einem internationalen Unternehmen in Belgien als Category Manager arbeitet.

In der Firma ist sie relativ neu – 2019 dazu gestoßen, nach dem Abschluss ihres MBA-Studiums in Singapur. „Ich bin auf einem Junior-Posten und lerne noch ständig dazu. Mir ist es in der Präsenzarbeit leichter gefallen, mich weiter zu entwickeln. Ich hatte einen Kollegen, sein Schreibtisch war nicht weit von meinem, den ich oft um Rat gefragt habe. Er hat mir viel geholfen und erklärt. Es ist schwieriger, etwas übers Internet zu erklären oder zu zeigen. Außerdem, wieviel kann man schon arbeiten, wenn man im Schlafzimmer auf dem Bett sitzt? Die Angestellten auf den Senior-Posten haben eine ganze Infrastruktur zum Arbeiten zu Hause und hatten schon vor der Pandemie separate Arbeitszimmer. Die Firma hat uns zwar auch Monitore und Stühle gekauft, aber wenn man eine kleine Wohnung hat, bringt das nichts“, sagt sie.

Auf den digitalen Plattformen Microsoft Teams und Zoom trifft sie täglich ihre Kollegen, manchmal mehrmals am Tag. Wenn sie weiß, dass das Meeting in einem größeren Kreis stattfindet, schminkt sie sich und zieht eine elegante Bluse an. „Ich schalte die Kamera immer an, weil das von Engagement zeugt. Wenn Du Kamera und Mikrofon ausschaltest, ist das so, als wärst Du ein passiver Teilnehmer. Ich will zeigen, dass mir an der Sache etwas liegt.“

Wenn sie nur ein Gespräch mit der Chefin allein hat, verzichtet sie auf Schminke. Frauen verzeihen einander gerötete Wangen, Unvollkommenheiten des Teints und Ringe unter den Augen. Anders ist es, wenn sie eine Präsentation macht; dann muss sie tadellos aussehen, denn dann hat ihr Vortrag bis zu 150 Zuhörer. „Manchmal ruft jemand unerwartet an, wenn ich zum Beispiel zerzauste Haare habe. Selbst in der virtuellen Welt lassen sich nicht alle Situationen so vorbereiten wie im richtigen Leben.“

Tränen und Rührung auf dem Bildschirm

Ihre Firma hat für die Angestellten „Coffee calls“ eingerichtet, weil sie diesen einen Raum anbieten wollte, um ihre sozialen Beziehungen aufrechtzuerhalten. Marta hat selten davon Gebrauch gemacht, und wenn doch, dann aus Neugier. Weil es eine internationale Firma ist, die Trends und die aktuelle Lage in der Welt verfolgt. Deshalb gibt es für sensationelle Ereignisse auch spezielle „Sendezeiten“. Das war so, als der Afroamerikaner George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz in den Vereinigten Staaten ums Leben kam. Nach seinem Tod wurden die USA von einer Protestwelle erfasst. Martas schwarze Kollegen, aber auch Weiße, die diese unterstützen wollten, hatten einen eigenen Kanal, auf dem sie ihre Erfahrungen mit Rassismus und ihre Überlegungen dazu austauschen konnte. Es gab Tränen, Worte des Mitgefühls, Verständnis. Die Beziehungen wurden enger, aber nur für eine Zeit lang.

„Ich glaube, dass wir zur Normalität zurückkehren, aber wohl erst im zweiten Quartal des kommenden Jahres. Nur ein Impfstoff gegen COVID-19 kann uns retten“, sagt Marta. Dank der Telearbeit hat sie nun die Möglichkeit, ihre Mutter in Polen häufig zu besuchen. „Meiner Chefin ist es gleich, ob ich in Belgien vor Ort bin, solange ich mich nur ins System einlogge und auf vollen Touren arbeite. Aber das Büro ist mir trotzdem lieber. Zur Präsenzarbeit bin ich mit dem Fahrrad gefahren, und die Firma hat mir 25 Cent pro Kilometer bezahlt. Der Planet gewinnt also nicht besonders dabei, wenn ich zu Hause bleibe“, meint sie.

Marta ist die einzige unter meinen Interviewpartnern, die an eine Veränderung im Jahr 2021 glaubt.

Mantel über den Jogginganzug gezogen und los geht’s!

„Vielleicht kehrt 2022 alles zur Normalität zurück?“, fragt Patricia listig, eine Australierin polnischer Herkunft, die seit zwei Jahren in Polen lebt. Hier hat sie auch die Pandemie heimgesucht. Seit März arbeitet sie von zu Hause aus in einer internationalen Versicherungsfirma. „Früher im Leben hätte ich gesagt, dass ich eine Anhängerin der Heimarbeit bin. Es war total langweilig. Anfangs war ich entsetzt, aber jetzt bin ich zufrieden, ich habe mich daran gewöhnt“, sagt Patricia. In der Telearbeit braucht sie mehr Zeit als gewöhnlich, um Dinge zu erledigen, aber dafür sichert ihr dieser Modus ein Gleichgewicht, im Berufs- und im Privatleben. „Ich esse mehr gesunde, selbst zubereitete Mahlzeiten. Anstatt mich zu schminken und für die Arbeit schick zu machen, ziehe ich jetzt den Herbstmantel über die Jogginganzüge und gehe in den Park, um den polnischen goldenen Herbst zu bewundern. Ich mag diese faulen Nachmittage, so erhole ich mich“, berichtet sie.

Berufliche Gespräche auf Teams hält sie für seicht. „Ein solcher Kontakt führt dazu, dass wir stärker auf Aufgaben und weniger auf Beziehungen untereinander konzentriert sind. Der Schlüssel zum Erfolg sind regelmäßige Treffen mit eingeschalteter Kamera und Zeit, die man investiert, um eher sozial Vernachlässigtes nachzuholen, nicht nur, um ein geschäftliches Gespräch zu führen. Ich denke, dass man diese Beziehungen aufbauen und stärken kann, und zwar so, dass sie sogar über den Status hinausreichen, den sie vor der Online-Zeit hatten“, fügt Patricia hinzu. Sie ist in Polen, ihre Kollegen sind in Boston, aber allen stehen nur Computer und Kamera zur Verfügung. Nur eine einzige Möglichkeit, Beziehungen aufzubauen, dieselben Chancen. „Das öffnet uns die Welt, wir fühlen uns als Teil von etwas Größerem. Der Arbeitskollege war immer gleich weit weg, weil er in den Vereinigten Staaten war, aber jetzt scheint er näher zu sein. Das ist ein Merkmal unserer Gegenwart.“

Wojtek, Angestellter eines Unternehmens. „Mir käme eine Arbeit im Hybridmodus am meisten entgegen. Drei Tage im Büro, zwei zu Hause. Live-Interaktionen sind wichtig. Man kann immer jemanden zu etwas ausfragen oder jemandem spontan etwas zuflüstern. Das fehlt mir. Bei diesen Videotreffen auf WebEx spielt sich sozial nichts ab. Der Bildschirm kann eine echte Beziehung nicht ersetzen. Die Telearbeit ist ein notwendiges Übel. Die Soft Skills haben eine viel geringere Bedeutung. Ich behandele das als eine vorübergehende Lösung“, erklärt er. Mit seinen Kollegen spricht er manchmal über WhatsApp oder Messenger. Aber das sind vor allem Meme und Kurznachrichten. „Über die Einsamkeit und die Ängste, die mit der Pandemie verbunden sind, spreche ich mit meinen engsten Freunden. Solche tiefgehenden Gespräche sind nur mit denen möglich, die mir seit Jahren nahe stehen, auch wenn sie jetzt nur am anderen Ende der Telefonleitung sitzen.“

Ob er an eine Veränderung im Jahr 2021 glaubt? „Vielleicht im Juni. Da ist die Rückkehr in die Büros geplant. Aber ich klammere mich nicht mehr an solche Erklärungen, diese Termine sind beweglich.“

Gesünder, sparsamer, ökologischer

„Ich stehe früh auf, gegen sieben Uhr. Ich bemühe mich, das einzuhalten, weil es gesund ist. Ich schalte den Flugzeugmodus des Smartphones aus, den ich für die Nacht aktiviert habe, mache Gymnastik und dann mein Frühstück. Gewöhnlich Haferbrei mit Nüssen. Ich koche Kaffee und schalte erst dann den Computer ein, in aller Ruhe. Ich habe Zeit, die ich nicht im Stau oder in einem überfüllten Bus vergeuden muss. Meetings auf Teams haben wir drei Mal in der Woche, montags, mittwochs und freitags“, erzählt João, ein vierzigjähriger Portugiese, der in Krakau lebt und arbeitet.

Nach Polen ist er vor acht Jahren gekommen. Hierhergeholt hat ihn sein älterer Bruder, der ihn damit ermutigt hat, dass er in einem internationalen Unternehmen mit Leichtigkeit Arbeit finden würde, weil seine Muttersprache dort ein Trumpf ist. In Lissabon, wie er sagt, hungern frischgebackene Universitätsabsolventen. Die ersten Schritte im erlernten Beruf sichern ein Einkommen, das ausreicht, um ein WG-Zimmer zu mieten. Die jungen Leute haben nicht genug um satt zu werden.

„Ich habe zuerst in Warschau gelebt und bin dann nach Krakau umgezogen. Ich habe Leute kennengelernt und Freundschaften geschlossen. Im Büro arbeite ich mit Engländern, Franzosen, Brasilianern und Hindus. Eine internationale Gesellschaft, es geht fröhlich zu. Aber trotzdem würde ich die Telearbeit nicht gegen eine Rückkehr ins Büro eintauschen. So ist es gesünder, sparsamer und ökologischer“, erklärt er. Bei Meetings auf Teams schaltet er die Kamera nicht ein, weil das nicht obligatorisch ist. Aber auch wenn es das wäre, würde er sich nicht rasieren und auch kein Hemd anziehen. „Bei uns kommt man im T-Shirt ins Büro, einen besonderen Dresscode gibt es nicht. Da muss man sich im Home Office erst recht nicht drum bemühen. Bei Einzelgesprächen mit einem Teamleiter schalte ich die Kamera ein, aber die finden durchschnittlich nur einmal im Monat statt. Meine Haare sind so kurz, dass ich sie nicht mal kämmen muss, und als Mann habe ich auch das Problem mit der Schminke nicht“, befindet er. Bei Meetings auf Teams wird nur über das Geschäft gesprochen. Wochenpläne, Review der letzten Arbeit, Bewertung. Da werden keine Witze gemacht oder Anekdoten erzählt, und Abschweifungen ins Private gibt es nicht.

„Mir kommt das sehr entgegen. Manchmal fehlen mir die Momente, die man bei Gesprächen und zum Scherzen mit Kollegen im Open Space verbringt. Andererseits gewinne ich dank der Telearbeit mehr Zeit für mich, und ich bin konzentrierter bei der Arbeit. Ich habe mich daran gewöhnt.“

Durch die Telearbeit hat er auch Zeit zum Lauftraining, für Filme und Stadtbesichtigungen gewonnen. Zuletzt ist er in den Park in Podgórze gefahren, dessen herbstliche, rot-goldenen Farben ihm gefallen haben. „Wenn’s nach mir geht, kann es für immer bei der Telearbeit bleiben. Vielleicht ist das nicht die beste Lösung für Singles, denn die fühlen sich einsam, weil es bei ihnen zu Hause leer ist, während im Büro wenigstens immer etwas los war und sie Menschen um sich hatten.“

An eine Veränderung im kommenden Jahr 2021 glaubt er nicht. „Die Gesichtsmasken werden uns für immer begleiten, Wie bei den Asiaten. Das häufige Händedesinfizieren genauso. Aber man kann sich schließlich an alles gewöhnen.“

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