Vorträge, Diskussionen Minimalismus/ Verzicht

Minimalizm © Goethe-Institut Krakau

Do, 15.04.2021 -
Do, 10.06.2021

ONLINE


Krakau

Die Online-Vorträge und Online-Diskussionen (in polnischer Sprache) finden jeweils donnerstags um 18 Uhr auf der FB Seiten von Instytut Reportażu und Goethe-Institut Krakau statt.  
Aufzeichnungen der Treffen werden auch auf dem YouTube-Kanal des Faktyczny Dom Kultury verfügbar sein.
 
Der Minimalismus als individuelle Haltung hat in den vergangenen Jahren eine spektakuläre Karriere gemacht. Vor allem in kommerzieller Hinsicht. Er passt ausgezeichnet zu den anderen Schlagworten aus der Ära des Individualismus, wie zum Beispiel Achtsamkeit oder persönliche Entfaltung. Er wurde zur Stilistik eines bestimmten Marktsegments und sogar zu einem Marketingschlagwort. Denn wer Minimalismus im Alltag praktizieren will, muss sich selbstverständlich nicht nur von Gegenständen trennen, sondern er muss sich auch Ratgeber zulegen, in denen erklärt wird, wie er dies tun soll, und Produkte kaufen, die auf clevere Weise all das ersetzen, von dem er sich getrennt hat. Außerdem müssen wir dafür sorgen, dass unsere häusliche Umgebung mit unserer neuen Lebensphilosophie harmoniert, was in der Regel auf kleinere oder größere Umbauten hinausläuft. Man könnte also sagen, dass der Minimalismus – als individuelle und individualistische Haltung – in gewisser Weise kompromittiert ist: Er geriet in die Mühlen des Marktes, verlor die Verbindung zu seiner ideellen Bedeutung und wurde schließlich suspekt.
Am Ursprung des Begriffs stehen jedoch eine Idee und eine Haltung, die eine adäquate Antwort auf die Herausforderungen der heutigen Zeit zu bieten scheinen. Die Einschränkung des Konsums ist nach wie vor einer der zentralen Lösungsansätze zur Bewältigung der Klimakrise. Wenn wir uns jedoch ansehen, welche Entwicklung diese Idee auf Seite der Konsumenten in den letzten Jahren gemacht hat, fällt es schwer daran zu glauben, dass dies der richtige Weg ist. Doch wer hat eigentlich gesagt, dass wir den Minimalismus ausschließlich als eine individualistische Haltung verstehen sollen? Wir müssen ihn nur in einen neuen Kontext setzen, und schon erschließt sich uns eine ganze Welt voller neuer Möglichkeiten. Denn das Schlagwort des Konsumverzichts enthält einen gewissen, geradezu genetisch eingebauten Fehler: Es überträgt die Verantwortung für den Konsum auf die Konsumenten und ignoriert dabei vollständig die Rolle der Produzenten und das Problem der Überproduktion von Gütern. Warum versuchen wir nicht einmal, den Begriff des Minimalismus auf die andere Seite der Marktlandschaft zu verschieben – ihn an jene anzulegen, die das Angebot schaffen, die hinter der Entwicklung und Herstellung von Produkten stehen?
An dieser Stelle erweist sich der Minimalismus als ein Verzicht auf die Produktion (und nicht den Konsum) bestimmter Produkte (respektive ihrer Varianten), Dienste und Botschaften.
 
15.04.2021, 18.00 Uhr, Vortrag: Filip Springer
Eröffnungsvortrag: Was können wir von den Einwohnern von Anarres lernen? Die Handlung des Romans „Der Planet der Habenichtse“ spielt auf den beiden Doppelplaneten Urras und Anarres. Das Leben auf Urras erinnert stark an unsere heutige Erde. Die Wirtschaft fußt auf einem stark neoliberal gefärbten Kapitalismus. Die wachsende soziale Ungleichheit wird von den Medien geflissentlich unter den Teppich gekehrt, der Wohlstand (und die mit ihm einhergehenden sozialen Dienste) sind nur einem relativ kleinen Anteil der Bevölkerung vorbehalten. Die Staaten auf Urras führen gegeneinander Kriege, die die Ungleichheit und die Ausbeutung noch verstärken. Auf Anarres leben all jene, die mit jener Welt nicht mehr einverstanden waren. Sie hatten das Glück, dass sie einen bewohnbaren Mond zur Verfügung hatten – und die notwendige Technologie, um ihn zu kolonisieren. Der Exodus dauerte mehrere Jahrzehnte. Nach Anarres emigrierten all jene, die in einer besseren, gerechteren und weniger vom Konsum bestimmten Welt leben wollten. Die klimatischen Bedingungen auf Anarres zwingen die Bewohner dazu, solidarisch zusammenzuarbeiten. Es gibt auf Anarres kein persönliches Eigentum, kein Geld und keinen Arbeitszwang. Das Gefühl der sozialen Verantwortung ist jedoch so stark ausgeprägt, dass es nur wenige gibt, die nicht gewillt sind, für die Gemeinschaft zu arbeiten. Anarres ist die anarchistische Alternative zu Urras. Während der Arbeit an ihrem Roman konsultierte Le Guin den amerikanischen Öko-Anarchisten Murray Bookchin, den Autor des Buchs „Die Neugestaltung der Gesellschaft. Pfade in eine ökologische Zukunft“. Diese gerade in Zeiten der Klimakrise äußerst wertvolle Lektüre bietet soziale, wirtschaftliche und kulturelle Lösungsansätze für viele der Probleme, die zu dieser Katastrophe geführt haben. Die Lebensweise der Einwohner von Anarres und die Mittel, mit denen sie ihre keineswegs perfekte Gemeinschaft organisieren, liefern uns wertvolle Hinweise für die von uns geplante Wiederherstellung der Idee des Minimalismus.
 
22.04.2021, 18.00 Uhr, Vortrag: Rafał Żak
Wo liegen die Ursprünge der Konsumgesellschaft? Über die religiösen und philosophischen Wurzeln des Minimalismus. Die William Ockham zugeschriebene Maxime „Entitäten nicht über das Notwendige hinaus zu vermehren“, war bereits Mitte des 13. Jahrhunderts bekannt. Sie wurde zu einer beliebten Synthese des von Ockham begründeten Prinzips der Denkökonomie. Sie besagt erstens, „dass eine Vielheit nur anzunehmen ist, wenn es notwendig ist“, zweitens, „dass ohne Zweck ist, was durch vieles zustande kommt, aber durch weniger zustande kommen kann“, und drittens, dass, wenn zwei Dinge genug sind, um eine klare Aussage über etwas zu treffen, kein drittes hinzugefügt werden muss. Das von William Ockham begründete Prinzip der Denkökonomie ist sowohl von epistemologischer als auch von ontologischer Bedeutung.
 
29.04.2021, 18.00 Uhr, Gespräch mit Paweł Cywiński und Szczepan Żurek, Moderation: Filip Springer
Minimalismus beim Reisen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass uns die Welt offen steht. Reisen ins Ausland wurden für viele von uns zu einem wesentlichen Bestandteil unseres Wohlergehens. Das Reisen gehört jedoch zu jenen menschlichen Aktivitäten, die am stärksten zum Klimawandel beitragen. Was bedeutet Minimalismus im Bezug auf das Reisen? Genügt es, wenn wir uns an die Grundsätze des ethischen Reisens halten? Oder müssen wir unseren Ansatz zum Reisen grundsätzlich überdenken?
 
6.05.2021, 18.00 Uhr
Die Überproduktion von Informationen. Was bedeutet die Überproduktion von Informationen heutzutage? Wie kann man den Strom von Informationen sinnvoll einschränken, damit wichtige Informationen nicht in der Menge untergehen, sondern ihre angemessene Wirkung entfalten. Jeden Tag finden mehrere Dutzend Neuerscheinungen ihren Weg in die Regale der Buchhandlungen. Viele von ihnen sind unnötig oder geradezu überflüssig – es würde sich nichts ändern, wenn sie nicht erschienen. Sind wir bereit, zuzugeben, dass wir es auch in diesem Bereich – in einem Land, in dem es nach wie vor nicht wirklich gut um die Lesekompetenz bestellt ist – mit einer Überproduktion zu tun haben?
 
13.05.2021, 18.00 Uhr, Gespräch: Filip Springer, Paulina Kramarz
Minimalismus beim Essen. Benötigen wir wirklich 20 Sorten Jogurt im Kühlregal unseres Supermarktes? Und mitten im Winter Birnen aus Spanien und Brokkoli aus Israel? Wie können wir die Grundsätze des Minimalismus auf die Lebensmittelproduktion und die Befriedigung unser Grundnahrungsbedürfnisse durch die Produzenten anwenden? Worauf müssen wir verzichten, wenn wir unseren ökologischen Fußabdruck verringern wollen. Was müssen wir uns abgewöhnen?
 
20.05.2021, 18.00 Uhr, Vortrag: Tomasz Markiewka
Kann der Minimalismus die Welt retten? Können individuelle Konsumentenentscheidungen und die Umsetzung des Minimalismus im Alltag wirklich die Veränderungen herbeiführen, die notwendig sind, damit auch zukünftige Generationen auf unserem Planeten überleben können? Ist die Konsumentendemokratie nur ein Mythos oder geradezu eine Notwendigkeit?
 
27.05.2021, 18.00 Uhr, Gespräch mit Katarzyna Zajączkowska und Joanna Glogaza, Moderation: Karolina Sulej
Minimalismus in der Mode? Was bedeutet Minimalismus in der Mode heutzutage? Bezeichnet er lediglich einen bestimmten Stil? Oder kann diese Idee auch als ein kreativer Ansatz oder gar als eine Geschäftsstrategie dienen? Die Überproduktion von Kleidung und Accessoires ist heutzutage eine der Hauptursachen für die Verschmutzung unseres Planeten. Wie versucht der Modemarkt auf dieses Problem zu reagieren, wie können Modedesigner*innen und -hersteller*innen damit umgehen.
 
10.06.2021, 18.00 Uhr, Vortrag: Julia Fiedorczuk
Stille als kreativer Akt, Poesie als minimalistische Praxis. Auch Künstler*innen tragen Verantwortung für die im weiteren Sinne verstandene Überproduktion. Im abschließenden Vortrag der Reihe wird Prof. Julia Fiedorczuk (Warschauer Universität/ Schule für Ökopoesie) über die unterschiedlichen Dimensionen des Schweigens und der Stille als kreative Formen des Verzichts und über die Poesie als Kunst der maximalen Synthese sprechen.
 
 

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