Carolin Emcke „Ich bin Publizistin geworden, um aufzuklären“

Carolin Emcke im Flüchtlingsort „El Bosque“ im kolumbianischen Turbo;
Carolin Emcke im Flüchtlingsort „El Bosque“ im kolumbianischen Turbo; | Foto (Ausschnitt): © Thomas J. Mueller

Sie plädiert für „Zeugenschaft aus Verantwortung“ und gibt in ihren Reportagen aus Krisen- und Kriegsgebieten den Opfern eine Stimme. Carolin Emcke ist unter den deutschen Journalisten eine sensible Beobachterin und eine kritische Denkerin zugleich.

Frau Emcke, Sie haben Philosophie, Politik und Geschichte in London, Frankfurt am Main und Harvard studiert und anschließend über den Begriff „Kollektiver Identitäten“ promoviert. Warum haben Sie sich dann entschieden, in den Journalismus zu gehen?

Ich habe das nie als Widerspruch empfunden. Ich bin in der Tradition der Kritischen Theorie und der Frankfurter Schule ausgebildet, und sie formt nach wie vor die Struktur meines Denkens. Mit diesem theoretischen Gerüst wollte ich Phänomene in der Welt befragen, wollte im öffentlichen Raum intervenieren – und dafür bin ich Publizistin geworden: um Zeugenschaft abzulegen, um Kritik zu formulieren, um aufzuklären.

Gab es ein Thema, das Sie dazu gebracht hat, Journalistin zu werden?

Nein. Ich habe schon parallel zum Studium journalistisch gearbeitet, zunächst allerdings beim Fernsehen. Ich habe grundsätzlich weniger darüber nachgedacht, was die beste Sprache oder das beste Genre sein könnte. Sondern zunächst einmal ging es für mich immer darum, Fragen der Gewalt, der Ungerechtigkeit, der Exklusion von Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen ausgeschlossen werden, zu beobachten, zu kritisieren. Ich habe recht lange versucht, beides weiter zu verfolgen: die Theorie und den Journalismus.

Der Wunsch nach der „Re-Humanisierung“ der Opfer

Im Zentrum Ihrer Reportagen aus Kriegs- und Krisenregionen stehen meist die Opfer von Gewalterfahrungen. Ist für Sie das Schreiben über Folter, Misshandlung und Entrechtung ein Beitrag zu mehr Gerechtigkeit?

Das Schreiben über Opfer von Gewalt ist in der Tat eine normative, aber auch ästhetische Strategie. Menschen, die über lange Zeit Opfer struktureller und physischer Gewalt wurden, erleben diese Gewalt als Negation ihrer Menschlichkeit. Sie werden als Individuen nicht wahrgenommen, nicht als Subjekte mit eigenen Rechten und eigener Würde. Sie verlieren das Vertrauen darauf, dass jemand in ihnen überhaupt noch ein Antlitz des Menschlichen erkennen könnte. Sie wieder wahrzunehmen als Mitglied der einen humanen Gemeinschaft, ihnen zuzuhören, ihre Geschichte zu erzählen, damit sie eine Stimme bekommen – all das kann niemals ungeschehen machen, was ihnen widerfahren ist. Das wäre naiv und auch falsch. Aber es folgt schon dem Wunsch nach „Re-Humanisierung“, wie Geoffrey Hartman das einmal genannt hat. Ihnen überhaupt eine Stimme zu geben oder ihre eigene Stimme klingen zu lassen – das soll natürlich auch die ursprüngliche Absicht der Täter, nämlich diese Menschen auszugrenzen oder gar auszulöschen, unterwandern.
 
Video: Talk mit Kriegsreporterin Carolin Emcke (Youtube.com) | © DW

Ihren 2013 veröffentlichten Essay „Weil es sagbar ist“ nennen Sie auch ein „Plädoyer für das Erzählen trotz allem“. Was meinen Sie damit?

Wer sich mit Gewalt befasst, wer den Opfern von Gewalt zuhört, kommt schnell an die Grenze des Verständlichen. Exzessive Gewalt erscheint unverständlich: Man möchte nicht glauben, dass wahr ist, was Opfer von Gewalt zu erzählen haben. Und oft sind sie selbst auch so getroffen, so versehrt, dass ihre Erzählungen nur stockend hervorkommen – immer am Grat des Schweigens entlang. Die Geschichten der Opfer von Gewalt sind nicht immer linear. Manchmal erzählen sie rückwärts, lassen etwas aus, das in der Erinnerung zu schmerzhaft wäre. Insofern gibt es kein „einfaches“ Erzählen. Es braucht ein Bewusstsein für die Schwellen des Sagbaren. Ich glaube nicht an das „Unbeschreibliche“. Ich halte es für fahrlässig, das, was schwer fällt zu erzählen, gleich für unerzählbar zu deklarieren. Aber es verlangt eben ein behutsames Zuhören und ein Bewusstsein für die Brüche. Das meine ich mit Erzählen trotz allem.

Selbstkritische Zweifel an der eigenen Rolle

Woher kommt bei Ihnen diese moralische Selbstverpflichtung?

Die ist doch selbstverständlich. Mich erstaunt immer, dass sich heutzutage rechtfertigen muss, wer sich darum bemüht, ethisch nachdenklich und politisch zweifelnd zu sein – und nicht, wer gleichgültig und zynisch durch die Welt spaziert. Da ist irgendwas verdreht.

Sie schreiben oft sehr persönlich und erzählen, wie nahe Ihnen die Schicksale derer gehen, über die Sie schreiben. Wie viel „Ich“ verträgt aus Ihrer Sicht der Journalismus?

Ach je, die Frage nach dem „Ich“. Ich muss darüber immer schmunzeln. Augustinus, Descartes, Rousseau, Camus – das sind alles Autoren, die auch ihre philosophischen Reflexionen durch ein „Ich“ bereicherten. Das „Ich“ einzusetzen, bedeutet doch nicht, dass der Text nur vom Erzähler handelt. Subjekt und Objekt des Textes bleiben doch immer noch verschieden. Mir geht es bei dem „Ich“ meistens um das Freilegen der eigenen Position. Die Subjektivität dient hier nicht der Selbstschau, sondern der Transparenz der Perspektive. Ich halte die behauptete „Objektivität“ eines Journalismus, der die eigene Position verbirgt oder allen Ernstes glaubt, sie sei immer distanziert, für unreflektiert. Ein Journalismus, der sich nur für sich selbst interessiert, ist grässlich. Aber darum geht es hier nicht. Es geht eher um selbstkritische Zweifel an der eigenen Rolle, um das Sichtbarmachen eigener Schwächen, um sich auch angreifbarer zu machen.

Plädoyer für langsames Beschreiben statt Ereignis-Journalismus

Carolin Emcke im Fluechtlingslager Manik Pian 1 in der Provinz Kaschmir in der Naehe der pakistanischen Stadt Muzaffarabad; Carolin Emcke im Fluechtlingslager Manik Pian 1 in der Provinz Kaschmir in der Naehe der pakistanischen Stadt Muzaffarabad; | © Sebastian Bolesch In Ihrer Eröffnungsrede zur Jahrestagung des Netzwerks Recherche 2010 haben Sie mit Blick auf die Finanzkrise 2008 gesagt: „Ich denke, es bräuchte einen Journalismus, der sich nicht grundlos eine Ideologie zu eigen macht, nur weil sie sich gerade durchsetzt.“ Was meinen Sie damit? Ist der Journalismus heute zu bequem geworden?

Nun, der Journalismus ist in einer anderen Phase als 2010. Im Moment dominiert bei den Verlagen die Existenzangst. Es ist nicht gewiss, wie sich der Journalismus der Zukunft finanzieren soll. Durch das Internet ist eine Generation herangewachsen, die es für selbstverständlich hält, dass Informationen und Berichte kostenlos zur Verfügung stehen. Ich denke, wenn guter, kritischer, engagierter Journalismus überleben will, muss er Gründe liefern, warum Menschen Geld für uns ausgeben sollen. Es muss einen Mehrwert geben: Er kann darin bestehen, dass die Leser erkennen, wie aufwendig jemand recherchiert hat, wie viel Wissen in einer Geschichte steckt, wie genau jemand beobachtet, … was auch immer. Ich denke, dazu wird vermutlich gehören, dass der Journalismus sich von dem eiligen Ereignis-Journalismus wieder hin zu einem langsamen Beschreiben entwickelt.

Nachdem Sie einige Jahre beim Magazin „Der Spiegel“ und danach bei der Wochenzeitung „Die Zeit“ tätig waren, arbeiten Sie jetzt als freie Publizistin. Sind Sie noch als Reporterin unterwegs?

Ich arbeite zurzeit an einem neuen Buch. Dafür bin ich drei Jahre unterwegs – für andere Reisen bleibt da leider keine Zeit. Aber ich hoffe, dass es sich auszahlen wird, sich so lange auf ein Thema zu fokussieren.
 

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Am 23. Oktober 2016 erhält Carolin Emcke den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Aus der Begründung der Jury:
„Carolin Emcke setzt sich schwierigen Lebensbedingungen aus und beschreibt – vor allem in ihren Essays und ihren Berichten aus Kriegsgebieten – auf sehr persönliche und ungeschützte Weise, wie Gewalt, Hass und Sprachlosigkeit Menschen verändern können. Mit analytischer Empathie appelliert sie an das Vermögen aller Beteiligten, zu Verständigung und Austausch zurückzufinden.”