Animationsfilmwerkstätten Bewegung in der Bücherei

Bibliobus Gaza Trickfilmbild basteln
Bibliobus Gaza Trickfilmbild basteln | Foto: Jan Caspers

Seit dem Frühjahr 2012 werden Bibliothekarinnen und Bibliothekaren aus dem Gazastreifen, dem Westjordanland und Ostjerusalem in verschiedenen Techniken des Animationsfilms ausgebildet. Der Schwerpunkt dieser Ausbildung liegt auf der Vermittlung eines soliden handwerklichen Fundaments sowie der nachhaltige Integration der erlernten Methoden und Aktivitäten in die praktische Büchereiarbeit. 

In der Bücherei des Roten Halbmonds im Zentrum von Gaza sitzen fünfzehn Frauen und zwei Männer zwischen hohen Bücherregalen und schneiden Formen aus festem Papier. Zusammengesetzt ergeben diese Figuren - Vögel, Füchse, Ziegen und Menschen. Die Figuren sind beweglich und werden auf Hintergründen arrangiert, die ebenfalls aus Einzelteilen zusammengesetzt und somit mehrlagig und ebenfalls beweglich sind. Nach einem vorher ausgearbeiteten Drehbuch wird eine Abfolge von Bildern gemacht, die dann zu einer Erzähltonspur angeordnet werden. In der Fachsprache wird so ein Bildergeschichtenfilm als “Animatic” bezeichnet; es handelt sich um eine Vorstufe zum Animationsfilms.

Die Bücherei als Ort des Lernens und Erlebens

Es mag auf den ersten Blick verwundern, daß Animationsfilmwerkstätten ausgerechnet in der Bücherei angesiedelt sind. Seit einigen Jahren haben diese Orte der stillen Lektüre ihre Stellung als zentraler Wissenszugang weitgehend an das Internet abgegeben. Zwischen schwindenden Mitteln und wandelnden Lesegewohnheiten sind sie auf der dringlichen Suche nach neuen Daseinsberechtigungen und Aufgaben. Hier ist es wichtig, sich auf Kernkompetenzen zu besinnen: Neben einem sorgfältig zusammengestellten Sortiment an Büchern ist es vor allem die fachkundige Beratung und Begleitung, die sich besonders für junge Leserinnen und Leser nicht durch digitale Dienste ersetzen läßt. An diesem Punkt setzt das palästinensische Tamer-Institut für Kinderliteratur an: Neben einem Verlagshaus unterhält es ein dezentrales Netzwerk von sechzig Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, die in ihren Bibliotheken ein vielfältiges Programm für Kinder und Jugendliche, aber auch deren Mütter und Väter anbieten. Tamer wird in diesem Unterfangen durch den Bibliobus unterstützt, die mobile Fahrbücherei des Goetheinstituts in Ramallah, die die häufig unterversorgten Büchereien mit neuem, abwechslungsreichen Lesestoff und Anregungen versorgt. Eine dieser Anregungen sind die Animationsfilmwerkstätten; in einem ersten Pilotprojekt nehmen jeweils fünfzehn Bibliothekarinnen und Bibliothekare im Gazastreifen und im Westjordanland an der Animationsfilmwerkstattausbildung teil.

Die Figur als Ausganspunkt

Der wichtigste Bestandteil des Animationsfilms ist die Figur. Die Herstellung derselben mit eigenen Händen ist auch der Ausgangspunkt für die Entwicklung eines schöpferischen Selbstbewußtseins. Die menschliche Figur wird in ihre beweglichen Bestandteile aufgelöst: Rumpf, Hals, Kopf, Arme, Beine, Hände und Füße. Auch das Gesicht und Merkmale der Kleidung werden einzeln zugefügt: Augen, Nase, Mund, Kragen, Gürtel, Hosentaschen. Die Formen all dieser Einzelteile sind einfach: Es sind Kreise, Rechtecke, Ovale. Die werden mit weichem Bleistift vor- und dann mit schwarzem Stift nachgezeichnet, ein behutsamer Vorgang, der die weitverbreitete Furcht vor dem zeichnerischen Versagen umgeht. Wenn am Ende die Körperteile mit Klebemasse zusammengesetzt werden, ist die Figur plötzlich da. Ihre Gelenke bleiben beweglich, ihre Gesichtszüge veränderlich, was ihr eine überzeugende Lebendigkeit im Ausdruck verleiht. Die eigene Leistung kommt meist als Überraschung - oder anders gesehen als Offenbarung der eigenen Fähigkeit.

Der Computer als Hilfsmittel

Im nächsten Schritt werden die Figuren animiert. Dazu werden Kameras, Computer und eine Animationsfilmsoftware benötigt. Der Einsatz der Technik erhöht die schon vorher gegebene Attraktivität der Werkstätten, besonders bei der Jugend. In den Einzugsgebieten der Tamer-Büchereien ist der Computer zwar noch nicht immer selbstverständlicher Haushaltsgegenstand, aber die Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen haben doch Zugang zu Rechnern und dem Internet. Meist spielen sie Spiele oder tauschen sich mit ihren Freunden in sozialen Netzwerken aus. In seiner Verwendung im Animationsfilmschaffen spielt der Computer eine ganz andere Rolle: Sämtliche Arbeitsschritte - vom Drehbuch über die Herstellung von Figuren, Gegenständen, Gebäuden und Landschaften bis zu jeder Bewegung und Regung - alles wird unmittelbar auf dem Tricktisch und per Hand geschaffen. Kamera, Computer und Software sind einzig dazu da, die so gestalteten Einzelbilder aufzuzeichnen und zusammenzusetzen. Der Mensch erfährt sich als Meister der Materie und nicht, wie sonst zu oft im Umgang mit Computern, nur als Nutznießer der Leistungen und Vorstellungen anderer.

Nachhaltigkeit und Vorbildfunktion

Die Animationsfilmwerkstätten sind auf zwei Jahre ausgelegt und zielen auf Nachhaltigkeit. Dem Pilotprojekt ging eine dreijährige intensive Vorbereitungszeit voraus. Lehrmittel wurden speziell angefertigt und erprobt. Die Ausbildung besteht aus acht Modulen, die sich über das erste Jahr verteilen. Zwischen den einzelnen Modulen werden die vermittelten Techniken in die Praxis umgesetzt. Nach Ablauf des ersten Jahres wird die Arbeit gründlich ausgewertet; über das zweite Jahr werden die Bibliothekarinnen und Bibliothekare in ihren weiteren Animationsfilmaktivitäten begleitet und unterstützt. Die Ergebnisse aus den einzelnen Büchereien werden fortlaufend gesammelt und in einem Onlineforum dokumentiert, so daß ein Erfahrungsaustausch möglich wird. Die Dokumentation des Projektes hat zudem eine überregionale Bedeutung: Es ist in Form und Umfang nicht nur in der Region, sondern international einzigartig und deshalb nicht nur vor Ort, sondern auch in Deutschland und anderswo von Interesse.