Documenta 14: Arabische Kuratorinnen und Kuratoren in Athen Wafa Gabsi

Ich hatte das große Glück, bei der Eröffnung der documenta 14 vorgestellt zu werden, der größten Veranstaltung für moderne Kunst, die unter dem Titel „Learning from Athènes“ („Lernen von Athen“) dieses Jahr in Griechenland stattfand.

Das Goethe-Institut bot mir und einigen Kuratoren der arabischen Welt diese außergewöhnliche Möglichkeit. 
 
Zum ersten Mal in der Geschichte dieser hochpolitischen und höchst polemischen künstlerischen Veranstaltung spielte sie sich in diesem Jahr zwischen Athen und Kassel ab. Dies ist eine starke und kontroverse Geste, mitten in der Krise eines zwischen Nord und Süd zerrissenen Europas.
 
Der Kern dieses Textes fasst die Gesamtheit meiner Eindrücke zusammen, die den Titel tragen „Von Athen durchtränkt sein“: Athen ist, dank seiner Einwohner und der Menschen, die in der Umgebung leben, eine sehr angenehme, sonnendurchflutete und erfrischende Stadt, die nach dem einnehmenden Geruch von blühenden Orangenbäumen duftet. Ein Duft, der uns den ganzen Weg entlang der Kunstwerke begleitet, sei es auf öffentlichen Plätzen, sei es in den Ausstellungsräumen, wie beispielsweise den durch die Ausrichtung der documenta neu belebten Einrichtungen in Athen. 
 
Im Eingang des Nationalmuseums für moderne Kunst in Athen (EMST), genauer gesagt auf dem Fußboden, erblickt man die beeindruckende Installation eines „Oliventeppichs“. Es ist ein provokatives Kunstwerk der Künstlerin Marta Minujin, die Oliven als eine Handelsware symbolisiert, mit der Griechenland seine Schulden gegenüber Deutschland zurückzahlt. Der angeschlagene Ton in der Einrichtung, in der die Eröffnung stattfand, ist eindrucksvoll, kritisch und politisch. Am selben Ort möchte ich persönlich speziell das poetische Video „Tripoli Cancelled“ aus dem Jahr 2017 hervorheben, das von Naeem Mohaiemen orchestriert wurde. Es handelt von der Geschichte eines Piloten, der an einem stillgelegten Flughafen in Griechenland festsitzt. Der Pilot durchlebt alle Emotionen vor einem Abflug, doch er wird niemals starten. Mit dieser Geschichte umschreibt der Künstler auf eine sehr subtile, poetische und zarte Weise die Geschichte der Migranten, die vom Warten und der verlorenen Hoffnung aufgrund politischer Einschränkungen und Problemen bei der Grenzüberschreitung völlig erschöpft sind. Diese Problematik wird auf politischer Ebene umfassend diskutiert, ohne dass man dafür eine Lösung findet. 
 
Das Konservatorium für Musik erwartet den Besucher mit einer bunt gemischten und abwechslungsreichen Ausstellung. Ich war sehr berührt von der eindrucksvollen Klanginstallation „The Way Earthly Things Are Going“ (2017) des Künstlers Emeka Ogboh, die die rauschenden Zahlen der Börse einem beruhigenden traditionellen griechischen Lied gegenüberstellt, das träumen lässt. Meiner Meinung nach handelt es sich hierbei um die Darstellung des Paradoxons zwischen dem Einfluss des Kapitalismus und dem Einfluss der althergebrachten Traditionen auf unser Leben. Diese Träger von Glück und Ruhe verlieren sich mit der Zeit und bewirken zwangsläufig das Vergessen unserer Wurzeln sowie das Infragestellen unserer Identitäten, die in einer Umgebung von Macht und Kapital verschüttet werden.  
 
Ich möchte ebenfalls die scharfsinnige Arbeit von Pélagie Gbaguidi mit dem Titel „The Missing Link“ hervorheben. Dicolonisation Education by Mrs Smiling Stone.2017. Eine markante Installation, die den Zuschauer dazu einlädt, sich zwischen den Schreibtischen einer Schulklasse zu bewegen, sich von Kinderzeichnungen durchdringen zu lassen, ihre unschuldigen Zeugnisse zu hören, die Stimmung einer Schule zu erleben, das Gefühl der Freiheit der Kindheit in sich aufzunehmen. Diese Installation öffnet unsere Sinne und aktiviert unsere Wahrnehmung für die Erziehung und seine Bedeutung bei der Entwicklung und Selbstverwirklichung des Kindes. Die Erziehung ist das, was uns verbindet und uns zu besseren Menschen macht.
 
Ich beende diesen Bericht mit der Erwähnung einer außergewöhnlichen Arbeit des Künstlers Ibrahim Mahama, der eine Performance auf dem Syntagma-Platz in Athen kreierte. Direkt gegenüber dem Parlament gelegen, ist dieser Platz das Zentrum der Stadt und der Ort, an dem viele Proteste stattgefunden haben. Der Künstler hat diesen symbolträchtigen Platz gewählt, um Menschen aus aller Welt an einem gemeinsamen Ort zu versammeln, damit sie zusammen und in Frieden an seinem Werk/seiner interaktiven Performance teilnehmen können.
 
Der Künstler hat sich dafür entschieden, am „Akt des Nähens“ von Jutesäcken zu arbeiten. Dies sind Säcke, wie sie auf der ganzen Welt verteilt und in Ghana dafür genutzt werden, um Kakao, Kaffee, Reis, etc. zu verpacken. Diejenigen, die diese Säcke weben, verpacken, verladen und transportieren, hinterlassen dabei ihren Schweiß, ihre Namen, ihre Geburtsdaten... Die Säcke werden zu Häuten mit einer Identität, die ihr Erbe, ihre Traditionen sowie soziopolitische und ökonomische Aspekte ihrer Gesellschaft widerspiegeln. Diese Geschichte materialisiert gleichzeitig eine Geschichte des weltweiten Handels, bei dem Ungleichheit zwischen der Arbeiterklasse und den Mächtigen herrscht. Indem er Menschen aus allen Erdteilen am Nähen der Jutesäcke teilhaben lässt, dekonstruiert der Künstler dieses hierarchische Verhältnis und lässt alle Kulturen in Athen gemeinschaftlich zusammenkommen.