Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Mit dem Sardex aus der Krise
Wohlstand auf Sardinien ohne Euro

Hier zahle ich in Sardex
© Sardex S.p.A.

Von Christine Pawlata

Wenn Riccardo Porta für seine Bäckerei im Südwesten Sardiniens Mehl kauft, gibt er dafür keinen einzigen Euro aus. Auch nicht für die Knetmaschinen, Backöfen oder für die Renovierung des neuen Verkaufsraums. Porta zahlt in Sardex, einer alternativen Währung, die seit 2010 auf der Insel im Umlauf ist und Betrieben eine Chance bietet, die sie auf dem von der Krise gerüttelten Markt niemals bekommen hätten.

Wechselseitiger Kredit ohne Banken

Dabei haben sich Unternehmen auf der Insel zu einem Kreditclub zusammengeschlossen und zahlen einander für Güter und Dienstleistungen in Sardex, dessen Wert dem Euro eins zu eins entspricht. Im Prinzip gewähren sich die mittlerweile fast 4000 Betriebe hiermit untereinander zinsfreien Kredit, unabhängig von Banken und Staat. Gleichzeitig bietet das Netzwerk exklusiven Zugang zu neuen Kunden. Die angehäufte Sardex-Schuld löst Porta wieder ein, indem er sein Brot an Mitglieder des Sardex-Kreises in der Alternativwährung verkauft. Der junge Leiter des Familienbetriebes, der dieses Jahr seinen 100. Geburtstag feiert, war eines der ersten Mitglieder des Kreditclubs. „Als die Sardex-Gründer bei mir an der Tür klopften und mich fragten, ob ich Mitglied werden wolle, fand ich das gleich eine tolle Idee. Nachdem ich beigetreten bin, fragte ich, wer denn noch Teil des Kreises sei. Die Antwort lautete: Bis jetzt nur du und wir“, lacht der Unternehmer. Mittlerweile setzt er 10 Prozent seiner Einnahmen in Sardex um. „Dank Sardex haben wir unsere Kundschaft erweitert und konnten Investitionen durchführen, die sonst unmöglich gewesen wären“, erzählt Porta. Die Mitglieder des Kreditclubs können auch einen Teil der Gehälter ihrer Angestellten in Sardex überweisen, sofern die Mitarbeiter damit einverstanden sind. Und seit kurzem testet Sardex ein Kundenkarten-System, bei denen Konsumenten Bonuspunkte in Sardex erhalten für Ankäufe in Euro. Der Erfolg des Kreditclubs ist beeindruckend: Seit seiner Gründung erfolgten mehr als 440.000 Geschäfte mit dem alternativen Zahlungsmittel. Allein 2017 zirkulierten mehr als 80 Millionen Sardex, sprich 80 Millionen Euro auf Sardinien.
Eingang der Firma Sardex S.p.A.© Sardex S.p.A.

Gemeinsam stark

Hinter Sardex stehen vier Freunde aus dem Dorf Serramanna in Italiens ärmster Provinz Sud Sardegna. Keiner der Gründer hatte einen beruflichen Hintergrund oder eine Ausbildung im Wirtschafts- oder Finanzwesen, dafür aber eine geniale Idee und den Wunsch, der von der Finanzkrise gebeutelten sardischen Wirtschaft neuen Lebenshauch einzublasen. „Unser Ziel ist es, insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen zu helfen, indem wir sie miteinander vernetzen“, erklärt Giuseppe Littera einer der Sardex-Gründer. „Die Schwierigkeiten mit denen Kleinbetriebe kämpfen sind ungemein größer als die großer Firmen. Mit dem Sardex-Netzwerk helfen wir den Unternehmen neue Kunden zu finden, sich gegenseitig Kredit zu gewähren sowie ihre Angestellten und Konsumenten zu fördern und dadurch deren Kaufkraft zu steigern.“ Zehn Jahre nach dem Ausbrechen der Finanzkrise leidet Italiens zweitgrößte Insel immer noch an den Folgen. Mehr als 43.000 Arbeitsplätze gingen seit 2007 verloren, die Arbeitslosenrate beträgt 17 Prozent, im Süden der Insel ist 21 Prozent der Bevölkerung arbeitslos. „Wir spüren die Krise sehr, da die Liquidität sehr stark abgenommen hat. Aber mit Sardex konnten wir dem entgegen wirken.“, erzählt Porta. Die Sardex AG finanziert sich über eine Eintritts- und eine jährliche Mitgliedsgebühr. Die Höhe der Beiträge und der Kreditrahmen jedes Mitglieds hängen von der Größe und der finanziellen Lage der Unternehmen ab. Münzen oder Banknoten gibt es nicht, der Saldo jedes Mitglieds wird auf einem Online-Konto verbucht.
Giuseppe Littera© Sardex S.p.A.

Schneller als der Euro

Da man mit dem Sardex keine Zinsen aufbauen kann, lohnt es sich nicht zu sparen. Die angeschlossenen Betriebe sind motiviert, die eingenommenen Sardex schnell wieder auszugeben.
Die Umlaufgeschwindigkeit der Parallelwährung ist folglich bedeutend schneller als die des Euros. Laut Berechnungen der Sardex Gesellschaft wechselt ein Sardex im Laufe des Jahres 11,5 Mal den Besitzer. Ein Euro kursiert auf der Insel vergleichsweise nur 1,5 Mal. „Unsere Kunden geben im Schnitt 4 bis 5 Euro aus, wenn sie in Euro zahlen. Wenn der Ankauf hingegen in Sardex stattfindet, liegt der Durchschnitt bei 10 Sardex, sprich 10 Euro. Das heißt, dass bei Ankäufen in Sardex mehr Geld ausgegeben wird“ rechnet Porta vor. Seit der Gründung von Sardex auf dem Dachboden von Giuseppe Litteras Großmutter 2009, ist das Unternehmen rasend schnell gewachsen. Neben dem Kreditclub auf Sardinien gibt es jetzt 11 weitere regionale Partner-Netzwerke auf dem italienischen Festland mit mehr als 4600 Mitgliedern. Seit 2016 ist Sardex eine Aktiengesellschaft, das Transaktionsvolumen hat sich in den letzten sechs Jahren mehr als verzehnfacht. Giuseppe Littera ist davon überzeugt, dass ohne Sardex vieles nicht möglich gewesen wäre: „Die 50 Arbeitsplätze bei der Sardex-AG in Serramanna, mitten in der ärmsten Provinz von Italien, hätte es sicher nicht gegeben. Und auch nicht die 400.000 Transaktionen in Sardex, sprich 400.000 Handschläge.“
Der Sitz von Sardex S.p.A.© Sardex S.p.A.

Mit Vertrauen zum Erfolg

Das Erfolgsgeheimnis des Sardex liegt für Giuseppe Littera im wechselseitigen Vertrauen, das die Mitglieder des Sardex-Kreises einander entgegenbringen müssen, tragen ja alle gemeinsam das Kreditrisiko eines jeden Teilnehmers. „Mit ein bisschen Vertrauen kommt man sehr weit. Vor allem wenn es sich um geteiltes Vertrauen handelt, und wenn die Regeln für alle akzeptabel sind.“ Er hofft, dass die Insel mit Sardex heute besser gegen eine neue Finanzkrise gewappnet ist als vor 10 Jahren. “Wenn wir alle plötzlich von einem Tsunami überspült werden, haben wir eine größere Überlebenschance, wenn wir alle geschlossen auf einem Boot sitzen, als wenn wir vereinzelt im Meer treiben.“

Top