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Leben in Deutschland
Allein auf stürmischer See

Marta Codeço im Labor des GFZ Potsdam. Im Hintergrund das Sekundärionen-Massenspektrometer (SIMS)
Marta Codeço im Labor des GFZ Potsdam. Im Hintergrund das Sekundärionen-Massenspektrometer (SIMS) | Foto (Ausschnitt): Goethe-Institut / Luís Bompastor

Viele Portugiesen packen ihre Koffer und verlassen mutig ihr Land, ohne an eine mögliche Rückkehr zu denken. Andere tragen Portugal und das Blau des Meeres auch in der Fremde im Herzen und können es kaum erwarten, in die Heimat zurückzukehren. Pedro Monterroso und Marta Codeço erzählen von ihren Erfahrungen in Deutschland und erklären, warum sie eines Tages nach Portugal zurückkehren möchten – oder vielleicht auch nicht. 

Von Rita Guerreiro

Pedro Monterroso aus Amarante ist Soziologe und Sozialarbeiter. Seit 2012 lebt er in Berlin. Als Praktikant in einer zweisprachigen Schule hatte er früher bereits fünf Monate in der deutschen Hauptstadt verbracht. Dabei war ihm aufgefallen, dass es in Berlin an gut ausgebildetem Personal für die Arbeit mit Kindern fehlt. Nach dem Praktikum kehrte er nach Portugal zurück, um mit Kindern zu arbeiten, entschied sich jedoch nach Ablauf seines Arbeitsvertrags und angelockt von den guten beruflichen Perspektiven, wieder nach Deutschland zu gehen. 

ERZIEHEN IN EINER FREMDEN SPRACHE

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den Städten, in denen du in Portugal gelebt hast, und Berlin? 

Es ist schwierig, Gemeinsamkeiten zu finden, ohne dabei Gemeinplätze zu bemühen. Ich komme aus einer kleinen Gemeinde in den Bergen im Kreis Amarante. Und obwohl ich gerne reise und an verschiedenen Orten gelebt und studiert habe, mochte ich das Leben in kleinen Dörfern mit der Natur vor der Haustür und den engen nachbarschaftlichen Beziehungen immer schon. Die Anonymität liegt mir dagegen weniger. Die größte Herausforderung des Umzugs nach Berlin lag für mich also darin, aus der Kleinstadt in eine Metropole zu kommen. Die kulturelle Frage hat mich weniger beschäftigt, auch weil Berlin eine ziemlich offene Stadt ist.
 
Seit 2012 lebst du nun in Berlin. Spielst du mit dem Gedanken, eines Tages nach Portugal zurückzukehren? 

Wenn man seit sechs Jahren an einem anderen Ort lebt, hängt das nicht nur von einem selbst ab. Man baut wichtige Beziehungen auf, und meine Partnerin findet die Idee, nach Portugal zu gehen, nicht besonders verlockend. Im Vergleich zu Deutschland spielen die Klassenunterschiede in Portugal eine viel größere Rolle. Die Gewohnheit, Menschen als „Senhor“, „Doutor“, „Engenheiro“ anzureden, finde ich sehr irritierend. Außerdem gibt es große Unterschiede bei den Gehältern. Die portugiesische Gesellschaft hält stark an traditionellen Werten fest, die auf gewisse Weise jene schützen, die am meisten Macht haben. Dennoch bleibe ich optimistisch, was Portugals Zukunft betrifft. Ich glaube, dass auch nach der Krise viele sehr gute Leute dort geblieben sind, die viel für eine offenere, weiter entwickelte Gesellschaft tun. Auch ich versuche, durch meine Kontakte zu lokalen Akteuren, durch das Schreiben, die Beziehung zu Freunden oder Akteuren in Politik und Gesellschaft meinen Teil dazu beizutragen. Viele junge Leute, die in Zeiten der Krise geblieben sind, tun heute viel für ein Portugal, auf das ich stolz bin.
 
Pedro Monterroso bei einem Spaziergang durch den Volkspark Humboldthain, einer der bekanntesten und beliebtesten Parks Berlins. Pedro Monterroso bei einem Spaziergang durch den Volkspark Humboldthain, einer der bekanntesten und beliebtesten Parks Berlins. | Foto: Goethe-Institut / Luís Bompastor
Apropos Krise. Geht es Portugal deiner Meinung nach inzwischen besser als zu dem Zeitpunkt, als du ausgewandert bist? 

Portugal scheint mir derzeit einen deutlichen wirtschaftlichen Aufschwung zu erleben, der einerseits auf große Investitionen im Tourismus, auf der anderen Seite aber auch auf die Gründung kleiner Unternehmen zurückgeht. Es gibt viele Leute mit Geschäftsideen, von handwerklich gebrautem Bier über Bio-Brot bis hin zu Gegenständen aus Kork oder Weinstockspänen. Das Thema Nachhaltigkeit wird für Unternehmen immer wichtiger. Portugal scheint mir heute dynamischer und besser in die globale Wirtschaft integriert zu sein und hat sich „dort draußen“ einen Namen als Land mit Zukunft gemacht. Ich sehe, dass meine Generation beweglicher und viel dynamischer ist als vor der Krise und aktiv an ihren Netzwerken arbeitet. Not macht erfinderisch, wie man so schön sagt…
 

FRAU IN DER WISSENSCHAFT FERN DER HEIMAT

Marta Codeço aus Padreiro (Santa Cristina), Arcos de Valdevez, promoviert derzeit an der Universität und am Geoforschungszentrum (GFZ) Potsdam im Fach Geochemie und lebt seit Juli 2015 in der Nähe von Berlin. „Hier zu leben ist super praktisch, wir wohnen recht nah am GFZ und am Hauptbahnhof.“ Mit ihrem Ehemann fährt sie oft nach Berlin, um durch die Stadt zu streifen, zu shoppen, ins Kino oder ins Restaurant zu gehen. Sie hat einen Bachelor in Geologie und einen Master in Wirtschaftsgeologie und ist der Meinung, dass es in Portugal an den finanziellen Möglichkeiten bzw. Infrastrukturen (Labore, Forschungseinrichtungen und -zentren) fehlt, um Wissenschaftler im Land zu halten. 

Warum hast du Portugal den Rücken gekehrt, um in Deutschland zu leben? 

Aus beruflichen Gründen. Meinen Bachelor in Geologie habe ich 2012 gemacht. Danach habe ich ein zweijähriges Forschungsstipendium bekommen. Ich begann mit dem Masterstudium in Wirtschaftsgeologie, und als ich fast damit fertig war (ich schrieb noch an der Masterarbeit), endete das Stipendium – aber ich musste ja weiterhin die Miete und die Studiengebühren zahlen. Ich war ziemlich verzweifelt, denn ich bewarb mich schon seit Monaten und bekam nicht einmal eine Antwort. Ein Job in einem Fast-Food-Restaurant mit schrecklichen Arbeitszeiten war noch das Beste, was ich finden konnte; immerhin konnte ich so meine Rechnungen zahlen. Ich bewarb mich damals auch um ein Praktikum als Bergwerkgeologin. Der trockene Kommentar meines Betreuer an der Uni war: „Schön, dass du es versucht hast, aber du wirst das Praktikum nie bekommen, denn dort arbeiten sie nicht mit Frauen zusammen…“ Vor der Abgabe meiner Masterarbeit wies mich eine Kommilitonin auf zwei PhD-Stellen am GFZ Potsdam hin. Als obendrein noch schüchterne Portugiesin dachte ich bei mir: „Das werde ich nie schaffen, an dem Ort und mit der Konkurrenz. Aber auch, wenn ich keine Chance habe, werde ich doch den Leiter des Forschungsprojekts um weitere Informationen bitten.“ Ich erklärte, dass ich bald die Masterarbeit abgeben würde und keinerlei Erfahrung mit numerischer Modellierung hatte, jedoch großes Interesse am Thema des Forschungsprojekts. Er schien interessiert und bat mich, eine Bewerbung abzugeben. Ich wurde eingeladen, nach Potsdam zu fahren und dort eine Präsentation vor den Kollegen meiner Abteilung zu halten. Und ich blieb.
 
War das für dich eine leichte Entscheidung? 

Ich hatte nicht damit gerechnet, das Stipendium zu bekommen. Seltsamerweise war ich ziemlich unentschieden, ob ich nach Potsdam gehen sollte oder nicht, und zwar aus vielen verschiedenen Gründen: Es ist ein riesiger Schritt, alleine umzuziehen; dann die neue Sprache, das neue Land, und niemand in der Nähe, der mich unterstützen kann. Auch wenn das GFZ mich nie explizit gedrängt hat, das Angebot anzunehmen, so versuchten die Kollegen doch, mir die Vorteile dieses Schritts klarzumachen, und übten so indirekt einen gewissen Druck auf mich aus. Ich lief durch die Stadt und versuchte mir vorzustellen, dort zu leben. Ich kehrte zurück nach Lissabon, dachte lange nach, kündigte im Fast-Food-Restaurant und meine Wohnung – und änderte mir nichts, dir nichts mein Leben. Glücklicherweise zog mein Mann Ende August 2015 zu mir nach Potsdam. Obwohl er auf gut Glück gekommen war, fand er schon nach zwei Wochen einen Job in einer portugiesischen Hotelgruppe. Auf die – erfolglos gebliebene – Suche nach einem besseren Job in Portugal hatte er schon länger keine Lust mehr gehabt. Hier hat er inzwischen einen festen Arbeitsvertrag und ist auch schon auf der Karriereleiter emporgeklettert. 

Habt ihr in Anbetracht der beträchtlichen Verbesserung eurer Lebensbedingungen vor, in Zukunft nach Portugal zurückzukehren? 

Warum sollten wir nach Portugal zurückkehren wollen – jetzt, wo wie einmal hier sind? Ich bezweifle, bei einer eventuellen Rückkehr einen Postdoc oder eine geeignete Stelle an einer Universität zu finden; und bei meinem Mann ist ohnehin unklar, ob er überhaupt Arbeit finden würde… ganz zu schweigen von den Gehaltsunterschieden, den Steuern und den Vorteilen, die wir in Deutschland in Hinblick auf die Absicherung bei Arbeitslosigkeit und Krankheit, den Lebensstandard etc. haben. 

In einem anderen Land zu leben, bietet die Chance, Portugal von außen zu betrachten, aus einer Distanz, die es manchmal leichter macht, gewisse Probleme besser zu identifizieren und andere zu relativieren. Die Rückkehr nach Portugal ist für manche ein in eine unbestimmte Zukunft verschobener Traum, für andere eine Utopie. Das Meer jedoch tragen alle in ihren Herzen.

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